Schweizer Studentenverbindungen

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Gemischte Studentenverbindung (GV Zähringia) in Freiburg im Üechtland
Schweizer Chargierte bei einem Festumzug

Zurzeit bestehen 530 Schweizer Studentenverbindungen.[1] Dazu zählen nicht nur akademische Korporationen an Hochschulen und Universitäten, sondern auch Schülerverbindungen, Berufsvereinigungen, Turn- und Sportvereine, sprachliche, regionale und religiöse Zusammenschlüsse, Abstinenzler und nicht wenige Mädchenverbindungen. Die älteste Studentenverbindung in der Schweiz ist die 1806 in Lausanne gegründete Société d’Étudiants de Belles-Lettres. Der gegenwärtige Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Studentengeschichte ist Stephan Aebersold, Mitglied der Berna in Bern.

Geschichte[Bearbeiten]

Studentische „Gesellschaften“ sind in der Schweiz seit dem 18. Jahrhundert belegt. Die einzige traditionelle Volluniversität war die 1460 gegründete Universität Basel; sonst gab es in der deutschsprachigen Schweiz nur kleinere Bildungseinrichtungen im Range von Akademien und Kollegien ohne Promotionsrecht. Daher prägte sich die studentische Kultur dort weniger stark aus. Viele Schweizer gingen zum Studium nach Deutschland, wo sie im frühen 19. Jahrhundert viele landsmannschaftlich ausgerichtete Corps namens Helvetia gründeten, so in Freiburg im Breisgau (1815–1822, 1830–1834), Göttingen (1824–1829), Heidelberg (1811–1817, 1859–1862), München (1830–1831), Tübingen (1811–1816) und Würzburg (um 1805, 1820–1824).[2]

Als in den frühen 1830er Jahren die protestantischen, kantonalen Volluniversitäten Zürich und Bern gegründet wurden, kamen die Schweizer wieder in ihr Land zurück und brachten die studentischen Bräuche aus Deutschland mit. In diesen Jahren begannen die ersten Schweizer Verbindungen Couleur zu tragen und Mensuren zu fechten. Mit Ausnahme von Heidelberg 1859–1862 gab es danach auch kein Corps Helvetia mehr an einer deutschen Universität.

Unterschiede[Bearbeiten]

Artusia Aarau (1910–1912)

Das Schweizer Korporationswesen ähnelt dem in Deutschland und Österreich, allerdings mit einem Unterschied: Die drei großen Dachverbände Schweizerischer Zofingerverein (Zofingia), Studentenverbindung Helvetia und der Schweizerischer Studentenverein (StV), dem deutschen CV nahestehend, wurden von Anfang an als Dachverband gegründet und entstanden nicht aus Zusammenschlüssen einzelner Verbindungen. Daneben gehörten ihnen von Anfang an Verbindungen an Universitäten und Schülerverbindungen an. Letztere sind in der Schweiz weitaus häufiger anzutreffen als in Deutschland. Teilweise war es den Mittelschulverbindungen bis ca. 1957 verboten, in einem Verband mit Hochschulverbindungen zu sein.

Zudem waren alle drei Verbände ebenfalls von Anfang an politische Vereine. Der StV stand anfangs der Katholisch-Konservativen Partei nahe, die Zofingia vor ihrer Aufspaltung und Trennung von der Helvetia den radikalen bzw. liberalen Bewegungen (heute FDP) und protestantischen Gedankengut des Reformators Zwingli. Bei der Gründung des heutigen Bundesstaates 1848 spielte sie eine wesentliche Rolle.

Eine Besonderheit des Schweizerischen Korporationswesens liegt darin, dass auch an den Universitäten und Fachhochschulen im französischsprachigen Landesteil Verbindungen nach deutschsprachigem Vorbild existieren, deren Umgangssprache Französisch ist. Es existieren neben den mehrsprachigen Dachverbänden Zofingia (D, F), Schweizerische Studentenverbindung Helvetia (D, F), Schweizerischer Studentenverein (D, F, I, Rumantsch) und Falkensteinerbund (D, F) auch rein französischsprachige Dachverbände, die Stella Helvetica und die Société d’Étudiants de Belles-Lettres.[3]

Viele Zirkel sind ausgesprochen „schwierig“.

Dachverbände[Bearbeiten]

Es leben die Füchse und die Jungfrauen!

Gesamtschweizerische Verbindungen[Bearbeiten]

Postkarte der schweizerischen Studentenverbindung Belles-Lettres, Sektion Lausanne aus dem Jahre 1906 anlässlich des hundertjährigen Bestehens.

In der Schweiz besteht die Besonderheit, dass viele Verbindungen nicht nur an einem bestimmten Studienort bestehen, sondern als gesamtschweizerische landesübergreifende Verbindungen existieren, die in einzelne sogenannte „Sektionen“ an den jeweiligen Studienorten aufgeteilt sind. Es bestehen und bestanden folgende Gesamtschweizerische Verbindungen:

Örtliche Verbindungen[Bearbeiten]

Schlagende Verbindungen[Bearbeiten]

Kösener Corps
Tigurinia Zürich
Erloschene Kösener Corps
Alamannia Basel
Rhenania Bern
Helvetia (Grün-Helvetia) Zürich
Erloschenes Weinheimer Corps
Helvetia Zürich
Weinheimer Corps mit ehemaligem Sitz in der Schweiz
Baltica Zürich
Rhenania Zürich
Teutonia Zürich

Burschenschaften[Bearbeiten]

  • AB Glanzenburger Zürich

Schweizerische Verbindungen im Ausland[Bearbeiten]

  • Belgien: Löwen
  • Böhmen: Prag
  • Deutschland: Berlin, Dillingen, Eichstätt, Freiburg i. Br., Göttingen, Heidelberg, Karlsruhe, Leipzig, Mainz, Mittweida, München, Münster, Reutlingen, Strelitz, Stuttgart, Tübingen, Würzburg
  • Frankreich: Delle, Évians-les-Baines, Paris, Straßburg, Thonon
  • Italien: Como, Mailand, Monza, Rom, Turin
  • Österreich: Innsbruck, Wien

Literatur[Bearbeiten]

  • Urs Altermatt (Hg): «Den Riesenkampf mit dieser Zeit zu wagen…» Schweizerischer Studentenverein 1841–1991. Maihof-Verlag, Luzern, 1993, ISBN 3-9520027-2-0.
  • Lynn Blattmann, Rudolf Braun: Formen sind kein leerer Wahn – Verhaltenskultur der schweizerischen Studentenverbindungen 1880–1920. Zürich 1990/91 (Konstanz 1997).
  • Robert Develey: Geschichte der schweizerischen corporierten Studentenschaft im 19. Jahrhundert. 2 Bände, Bern 1995.
  • Peter Hauser: Das Ostschweizer Kartell. Studentica Helvetica 7 (1991), S. 7–26.
  • Peter Hauser: Zum Pauk-Comment der Züricher Corporationen von 1861–63. Einst und Jetzt, Bd. 59 (2014), S. 383–395.
  • Herbert Lüthy: Waffenstudententum und Corpswesen in der Schweiz. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 4. Ausgabe (1953), S. 125-131.
  • Peter Platzer: Der Aarburger Cartellverband. Studentica Helvetica. Documenta et Commentarii Nr. 15, Bern 1994.
  • Peter Platzer, Gottfried Wirth: Helveticus – Verzeichnis Schweizerischer Verbindungen. Bern 2000
  • Peter Platzer: Jüdische Studentenverbindungen in der Schweiz, 3. Auflage. Hilden 2009.
  • Max Richter: Auf die Mensur! Geschichte der schlagenden Korporationen der Schweiz. Beitrag zum Schweizer akademischen Leben und zum Waffenstudententum des Auslandes. Zürich 1978.
  • Horst Zimmermann: Student sein in Bern. Das Korporationsleben in der schweizerischen Hauptstadt. Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung, Nr. 260, 9./10. November 1963.
  • Ernst-Günter Glienke: Civis Academicus 2005–2006, Handbuch der deutschen, österreichischen und schweizerischen Korporationen und studentischen Vereinigungen an Universitäten und Hochschulen sowie Schülerverbindungen. Redaktion: Ernst Thomas. SH, 2004, ISBN 3-89498-149-0, Hrsg. Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helveticus (2000)
  2. Herbert Kater, Jörg Onnasch: Die einzelnen Corps im KSCV. Verzeichnis der erloschenen Corps im KSCV einschließlich deren wichtigen Vorläufer. In: Vorstand des Verbandes Alter Corpsstudenten e.V. (Hg.): Handbuch des Kösener Corpsstudenten. Band II, Ziffer 1.C., 6. Auflage, Würzburg 1985
  3. Der Falkensteinerbund steht in einem Freundschaftsverhältnis zum Wingolf. Jeder Wingolfit kann in eine der vier FB-Verbindungen eintreten und umgekehrt.
  4. Der ACV ging 1925 ein.
  5. Der Wahlspruch aller Schweizer Turnerschaften ist: (Orandum est ut sit) mens sana in corpore sano (Martial)
  6. Der Schweizerische Studentenverein ist ein Verband christlicher Mittel- und Hochschulverbindungen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien und als solcher der grösste Verband couleurtragender Verbindungen in der Schweiz.
  7. Zofingia hat viele Sektionen an Mittel- und Hochschulen.