Tataren
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Tataren (Eigenbezeichnung: Tatar oder Törk-Tatar, Pl. Tatarlar oder Törk-Tatarları) oder – älter – Tartaren ist seit dem Mittelalter eine Bezeichnung für verschiedene Völker und Bevölkerungsgruppen. So wurden in Europa die brandschatzenden und plündernden Horden des Dschingis Khan als Tartaren – „die aus der Hölle kommen“ (von griech. Tartaros) – bezeichnet. Heute wird dieser Name vor allem für ein Turkvolk gebraucht, das in vielen Teilen Europas, insbesondere in der russischen Republik Tatarstan lebt.
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[Bearbeiten] Tataren – ein Name für viele Völker
Der Name Tataren wird in vielen verschiedenen Zusammenhängen gebraucht. So wurden und werden als Tataren bezeichnet:
- eine im Mittelalter südlich und östlich des Baikalsees lebende turkvölkische Bevölkerung. Hauptsiedlungsgebiet war im 13. Jahrhundert der untere Kerulen und der Amur, weshalb sie auch als Kerulen-Tataren bezeichnet werden.
- bis zur frühen Neuzeit im Osten Sibiriens und Nordosten der heutigen Volksrepublik China lebenden tungusischsprachigen Bevölkerungsgruppen.
- vor der Gründung der Sowjetunion (1922): Verschiedene eurasische, also auf dem Gebiet Russlands lebende Turkvölker, darunter die Aserbaidschaner, Nogaier, Kasachen, Chakassen und viele andere mehr.
- Die Krimtataren und die mit ihnen verwandten Dobrudscha-Tataren (siehe auch: Turkvölker), die aber zu einem anderen Zweig der Turksprachen gehören.
- die Muslime in Litauen, Polen und Weißrussland, die zum Teil Nachfahren der Krimtataren sind, aber heute weißrussisch und andere Sprachen sprechen. Auch die Muslime Finnlands werden als Tataren bezeichnet (siehe auch: Finnland-Tataren, Baltische Tataren).
[Bearbeiten] Unterteilungen der Tataren (im engeren Sinne)
- Die vielleicht 50.000 Astrachan-Tataren leben am Unterlauf der Wolga, auf dem Gebiet des ehemaligen Khanats Astrachan. Sie standen bis ins 20. Jahrhundert der nomadischen Tradition der Nogaier-Tataren nahe und werden in der Regel als ihnen zugehörig betrachtet. (Die Astrachan-Tataren entstammen ursprünglich der Weiß-Nogaier Horde.)
- Die Qasim-Tataren (wenige 10.000) sind die Nachfahren der Bevölkerung des im 16. Jahrhundert mit den Moskauer Großfürsten verbündeten Khanats von Qasim.
- Die 32.000 Keräschen (Keräşen, Krestschen, Nağaybäken) sind orthodoxe Christen. Sie leben an der Wolga und vor allem im Ural-Vorland.
- Die vielleicht 300.000 Mischär (Mescheren) sind die überwiegend westlich der Wolga (auch in Tschuwaschien und Mordwinien) lebenden Tataren. Der Name dieser Bevölkerung verweist auf mögliche Verwandtschaft mit den Ungarn oder den mittelalterlichen Meschera (siehe auch: Finno-ugrische Völker).
- Die Wolga-Tataren (Kasan-Tataren, Qazanlıq) leben im Tatarischen Kernland (Tatarstan) an der Wolga (siehe auch: Wolgabulgaren).
- Die sibirischen Tataren leben in „Inseln“ im ganzen westlichen Sibirien und unterteilen sich in zahlreiche weitere Untergruppen (Tobol-Tataren, Tumen-Tataren, Baraba-Tataren etc.). Sie sind die Nachfahren der Kernbevölkerung des Khanats Sibir.
- Die Tiptär(en) sind Tataren des nördlichen Uralvorlands (Glasover Tataren) und stellen einen Teil der Tataren Baschkortostans. Sie stehen den Baschkiren sprachlich und in der traditionellen Kultur nahe.
(Die Zahlenangaben für Astrachaner, Qasim und Mischär beruhen auf Schätzungen ausgehend von älteren Zahlen.)
[Bearbeiten] Bevölkerungszahl
Heute beträgt die Zahl der tatarischsprachigen Tataren knapp 8 Millionen weltweit und 5,8 Millionen in Russland.
In Russland lebten nach der Volkszählung von 1989 5,552 Millionen Tataren und in der damaligen Sowjetunion insgesamt 6,6487 Millionen Tataren. Obwohl die Tataren zahlreicher waren als z. B. die baltischen Völker und von Anfang an auch im Staatswappen der Sowjetunion als sechstwichtigste Nation aufgeführt worden waren, erhielt Tatarstan nie den gleichen Rang wie eine der mindestens 15 Unionsrepubliken (SSR) – im Gegensatz zu bevölkerungsärmeren Gebieten wie Estland, Lettland, Litauen oder Armenien.
1989 betrug die tatarische Bevölkerung der ASSR Tatarstan 1.765.400 Menschen; in Baschkortostan lebten neben den nicht zu den Tataren gehörenden Baschkiren 1.120.700 Tataren.
[Bearbeiten] Geschichte
Die eigentlichen Tataren, also die Turkotataren, können als Nachfahren von Wolga-Bulgaren und Kiptschaken angesehen werden. Ihre eigentliche Geschichte beginnt mit der Goldenen Horde im 13. Jahrhundert. Sie waren die Kernbevölkerung der Khanate von Kasan, Astrachan, Kasimov und Sibir (Sibirien). Nach dem Zerfall der Goldenen Horde bildete sich das Kasaner Khanat 1437 als erster tatarischer Nachfolgestaat, der jedoch 1552 von Iwan dem Schrecklichen überrannt wurde.[1] Schon im 16. Jahrhundert gehörten fast alle Siedlungsgebiete der Tataren zu Russland. Als Iwan Grosny Kasan eroberte, gerieten zum ersten Mal größere nichtrussische Territorien in das Moskauer Reich. Kazan als der ersten eroberten Stadt im Gebiet der "Ungläubigen" kam für die Missionstätigkeit im gesamtem russischen Osten eine Schlüsselrolle zu. Drei Jahre nach der Eroberung wurde es bereits 1555 zum Erzbistum erhoben. Innerhalb der russischen Hierarchie wurde ihm nach Moskau und Nowgorod in der Rangfolge der dritte Platz zuerkannt. Trotz der Unterstützung durch die gesamte russische Kirche bleiben die Christianisierungserfolge bei den Tataren bescheiden und wenig beständig. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Protesten der moslemischen Tataren gegen die von der Staatsmacht massiv geförderte Missionierung. Wirtschaftliche und soziale Privilegien sollten die getauften Tataren (Keräschen) von Rückfall zum Islam abhalten. 40 Jahre nach der Eroberung Kazans übermittelte Metropolit Germogen dem Zaren Fjodor eine eher negative Bilanz der bisherigen Missionsarbeit. Der Zar ordnete daraufhin 1593 eine härtere Gangart bei der Missionierung an: grausame Strafen fur den Rückfall in den Islam, Umsiedlungen, Zerstörung der Moscheen und andere Maßnahmen sollten die Annahme des Christentums attraktiver machen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Liste der wirtschaftlich-sozialen Benachteiligung der Moslems und der Privilegierung der Getauften ständig erweitert. Eine der weitreichendsten Folgen dieser Politik war die Christianisierung und Russifizierung der tatarischen Oberschicht. Ein erheblicher Teil des russischen Adels hatte tatarische Vorfahren.
[Bearbeiten] Bekannte Tataren
- Dinijar Biljaletdinow, russischer Fußballnationalspieler
- Renat Sabitow, russischer Fußballspieler
- Rudolf Nurejew, sowjetischer Balletttänzer.[2]
- Alsou, russische Sängerin
- Zemfira, russische Sängerin
- Marat Safin, russischer Tennisspieler
- Dinara Safina, russische Tennisspielerin
- Rinnat Safin, sowjetischer Biathlet
- Raschid Nurgalijew, russischer Innenminister
- Rinat Dassajew, sowjetischer Fußball-Nationalspieler
- Nikolai Chabibulin, russischer Eishockeyspieler
- Tschulpan Chamatowa, russische Schauspielerin
- Rinat Achmetow, ukrainischer Unternehmer.[3]
- Musa Cälil, Dichter
- Ruslan Chagayev, usbekischer Boxer
- Charles Bronson, US-amerikanischer Schauspieler
- Elvira Nabiullina, russische Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung
- Rashid Sunyaev, russischer Astrophysiker
- Roald Sagdeev, sowjetischer Physiker. Er war von 1973 bis 1988 Direktor des Instituts für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR.
- Gulnara Iskanderowna Samitowa-Galkina, russische Leichtathletin
- Rustem Dautov, deutscher Schachspieler tatarischer Herkunft.
- Yosıf Aqçura, bekannter Ideologe des Panturkismus oder des Turanismus.
- Renat Aktschurin, russischer Chirurg.[4]
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Weitsicht regiert den nördlichsten Vorposten des Islam
- ↑ Erinnerungen an Rudolf Nurejew
- ↑ Zwischen allen Stühlen
- ↑ Kein Mißtrauen mehr
[Bearbeiten] Weblinks
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