Anne Christine Nagel

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Anne Christine Nagel (* 15. Januar 1962 in Hilfarth) ist eine deutsche Historikerin. Die an der Universität Gießen forschende und lehrende Historikerin ist in der Fachwelt vor allem mit Studien zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hervorgetreten. Einen Arbeitsschwerpunkt bildet dabei die Rolle der Mittelalterforschung im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anne Christine Nagel wuchs in Mönchengladbach auf und studierte nach dem Abitur von 1981 bis 1989 Mittlere und Neuere Geschichte, Russisch und Alte Geschichte an der Philipps-Universität Marburg bis zur Magisterprüfung. Anschließend arbeitete sie bis 1992 an der Forschungsstelle für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte der Universität Marburg und war bis 1995 Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung. Nagels Promotion erfolgte im Wintersemester 1994/95 in Marburg mit der von Hellmut Seier und Peter Krüger betreuten Arbeit über den liberalen Theologen und Schwager von Friedrich Naumann, Martin Rade. Für ihre Dissertation erhielt sie 1995 den Wolf-Erich-Kellner-Preis zur Erforschung von Geschichte und Politik des Liberalismus.

Von 1995 bis 1997 war Nagel Wissenschaftliche Angestellte an der Forschungsstelle für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte der Universität Marburg und von 1997 bis 2002 am Sonderforschungsbereich (SFB) „Erinnerungskulturen“ der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig. 2003 wurde sie in Gießen habilitiert und war von 2004 bis 2009 wissenschaftliche Angestellte am dortigen Historischen Institut. 2010 wurde sie zur außerplanmäßigen Professorin ernannt. Von 2011 bis 2015 war sie wissenschaftliche Angestellte am zeitgeschichtlichen Lehrstuhl des Historischen Instituts der Universität Gießen im DFG-Projekt Johannes Popitz (1884–1945), preußischer Finanzminister und Repräsentant des konservativen Widerstands gegen Hitler. Nagel vertritt seit dem Wintersemester 2016/17 den Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Universität Gießen.[1]

Seit 2013 ist Nagel kooptiertes wissenschaftliches Mitglied der Historischen Kommission für Hessen und seit 2016 Mitglied des Kuratoriums der Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnisstiftung zur Vergabe des Wolf-Erich-Kellner-Preises.[2]

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nagels Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Liberalismus und des Protestantismus, die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Geschichte des konservativen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Sie gab unter Mitarbeit von Ulrich Sieg im Jahr 2000 einen Band mit Dokumenten zur Universität Marburg während der Zeit des Nationalsozialismus heraus. Dabei gibt sie in ihrer 70-seitigen Einleitung einen Überblick über die Marburger Verhältnisse in der NS-Hochschul- und Wissenschaftspolitik.

Mit ihrer Habilitationsschrift 2005 legte Nagel eine erste Untersuchung über die bundesdeutsche Mediävistik in den ersten Jahrzehnten nach 1945 vor.[3] Die Arbeit wurde von Peter Moraw angeregt und betreut. Nagel wertete für ihre Studie vor allem die Nachlässe von Hermann Aubin, Herbert Grundmann, Theodor Mayer und Walter Schlesinger aus. Dabei berücksichtigt sie in ihrer Analyse 27 Universitätsprofessoren und Gelehrte, die bereits vor 1945 im Amt waren. Die Ausgangsfragestellung der Arbeit ist, „in welcher Gestalt sich die westdeutsche Mittelalterforschung seit 1945 in Kontinuität zum Vorangegangenen entfaltet habe“.[4] Ihre wichtigste These lautet: „Der Neubeginn nach der Katastrophe des Dritten Reiches bestand weitgehend aus der Wiederherstellung von Kontinuität und eben nicht aus bewusster Abwendung von einer Haltung, die den Verführungen des Nationalsozialismus weitgehend erlegen war“.[5] Nagel beobachtet in der universitären Mittelalterforschung vor und nach 1945 ein hohes Maß an personellen Kontinuitäten (S. 300). Sie betont bei zahlreichen Forschungen der Mediävistik in den 1950er Jahren den Hang zur Kontinuität mit der Zeit vor 1945, wie z. B. bei der Personenforschung Gerd Tellenbachs (S. 151) oder bei der Tagungspraxis des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte (S. 176–177). Für Nagel waren die Jahre zwischen 1945 und 1955 bei den mediävistischen Veröffentlichungen „ein Jahrzehnt der Wiederauflagen“ (S. 51–52).

Nagel legte zahlreiche weitere Studien zu Institutionen und Personen der bundesdeutschen Nachkriegsmediävistik vor. So befasste sie sich mit Herbert Grundmann[6], Gerd Tellenbach[7], Theodor Mayer[8] oder dem Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte.[9]

Im Jahr 2012 veröffentlichte Nagel eine Institutionengeschichte über „Hitlers Bildungsreformer“.[10] Dabei unternahm Nagel den Versuch, das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung einer Revision zu unterziehen: „Mit dem bislang dominierenden Deutungsmuster, es habe sich um ein schwaches Ressort mit konzeptionsloser Spitze gehandelt“, ließen sich ihre Befunde nicht vereinbaren.[11] Dessen Minister Bernhard Rust sah sie als durchsetzungsstarken Politiker an.

Im Jahre 2015 legte Nagel eine Biographie über den preußischen Finanzminister Johannes Popitz vor.[12] Nach ihrer Auffassung war Popitz’ „ungebremstes Engagement“ als Finanzminister „über Jahre eine perfekte Tarnung für den umtriebigen und im Widerstand aktiven Minister“.[13]

Derzeit befasst sich Nagel mit der Biographie des hessischen Kultusministers und Bundesverfassungsrichters Erwin Stein.[14]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien

  • Martin Rade – Theologe und Politiker des Sozialen Liberalismus. Eine politische Biographie (= Religiöse Kulturen der Moderne. Bd. 4). Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996, ISBN 3-579-02603-8 (Zugleich: Marburg, Universität, Dissertation, 1995).
  • Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970 (= Formen der Erinnerung. Bd. 24). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-35583-1 (Zugleich: Gießen, Universität, Habilitations-Schrift, 2003).
  • Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934–1945 (= Fischer, 19425, Die Zeit des Nationalsozialismus). Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-596-19425-4.
  • Johannes Popitz (1884–1945). Görings Finanzminister und Verschwörer gegen Hitler. Eine Biographie. Böhlau, Köln u. a. 2015, ISBN 978-3-412-22456-1.

Herausgeberschaften

  • zusammen mit Peter Krüger: Mechterstädt – 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik (= Studien zur Geschichte der Weimarer Republik. Bd. 3). Lit, Münster 1997, ISBN 3-8258-3061-6.
  • zusammen mit Ulrich Sieg (Bearb.): Die Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus. Dokumente zu ihrer Geschichte (= Pallas Athene. Bd. 1; = Academia Marburgensis. Bd. 7). Steiner, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07653-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Homepage des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Gießen.
  2. Wolf-Erich-Kellner-Preis der WEK-Gedächtnisstiftung, WEK-Preis auf der Seite des Archivs des Liberalismus.
  3. Peter Herde: Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. In: Maria Stuiber, Michele Spadaccini (Hrsg.): Bausteine zur deutschen und italienischen Geschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Enzensberger. Bamberg 2014, S. 175–218. Besprechungen erschienen von Bernd Schneidmüller in: Archiv für Sozialgeschichte online 47 (2007) (online); Julian Führer in: H-Soz-Kult, 6. Dezember 2005. (online); Rudolf Schieffer in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 62 (2006); S. 660–661 (Digitalisat); Edgar Liebmann in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 94 (2007), S. 339–340; Hedwig Röckelein in: Westfälische Forschungen 57 (2007), S. 738–742; Thomas Vogtherr in: Das Mittelalter 10/2 (2005), S. 177–178; Thomas Kleinknecht in: Archiv für Kulturgeschichte 90 (2008), S. 244–248; Michael Borgolte in: Historische Zeitschrift 283/1 (2006), S. 261–264; Hans-Christof Kraus in: Das Historisch-Politische Buch 54 (2006), S. 341; Stephanie Irrgang in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006), S. 1009–1010; kritische Besprechung: Rudolf Schieffer: Im Schatten des Dritten Reiches. Ein erstes Buch über die bundesdeutsche Mediävistik nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 71 (2007), S. 283–291.
  4. Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 300.
  5. Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 18.
  6. Anne Christine Nagel: „Mit dem Herzen, dem Willen und dem Verstand dabei“: Herbert Grundmann und der Nationalsozialismus. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften, Bd. 1: Fächer, Milieus, Karrieren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 593–618.
  7. Anne Christine Nagel: Gerd Tellenbach. Wissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. In: Ulrich Pfeil (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz. Oldenbourg, München 2007, S. 79–99 (Digitalisat).
  8. Anne Nagel: Zwischen Führertum und Selbstverwaltung. Theodor Mayer als Rektor der Marburger Universität 1939–1942. In: Winfried Speitkamp (Hrsg.): Staat, Gesellschaft, Wissenschaft. Beiträge zur modernen hessischen Geschichte. Elwert, Marburg 1994, S. 343–364.
  9. Anne Christine Nagel: „Gipfeltreffen der Mediävisten“. Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. In: Ulrich Pfeil (Hrsg.): Die Rückkehr der deutschen Geschichtswissenschaft in die „Ökumene der Historiker.“ Ein wissenschaftsgeschichtlicher Ansatz. Oldenbourg, München 2008, S. 73–89 (Digitalisat).
  10. Besprechungen von Gerhard Kluchert in: H-Soz-Kult, 21. Mai 2013, (online); Bernward Dörner in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61 (2013), S. 775–777.
  11. Anne Christine Nagel: Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934–1945. Frankfurt am Main 2012, S. 17ff.
  12. Besprechungen von Rainer Blasius: Einziger aktiver Minister im Widerstand. Die Rätsel um den Finanzfachmann Johannes Popitz löst Anne C. Nagel nicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. März 2015, Nr. 58, S. 7; Reinhard Mehring in: H-Soz-Kult, 26. März 2015, (online). Wolfgang Benz in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 63 (2015), S. 905–907; Jan Schleusener in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 103 (2016), S. 329–330.
  13. Anne Christine Nagel: Johannes Popitz (1884–1945). Görings Finanzminister und Verschwörer gegen Hitler. Eine Biographie. Köln u. a. 2015, S. 167.
  14. Ausstellung über Erwin Stein in der Universitätsbibliothek Gießen, 2016.