Aslı Erdoğan

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Aslı Erdoğan (* 8. März 1967 in Istanbul)[1] ist eine türkische Physikerin, Journalistin und eine in der Türkei bekannte Schriftstellerin. Sie gehört zu den Fürsprechern der kurdischen Minderheit in der Türkei. Als Kolumnistin schrieb sie zunächst für die Zeitung Radikal, dann ab 2011 für die kurdisch-türkische Zeitung Özgür Gündem.[2] Am 16. August 2016 wurde Aslı Erdoğan im Rahmen der so genannten „Säuberungen“ nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei vom 15. Juli 2016 mit 22 anderen Journalisten der Zeitung verhaftet.[3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in ihrer Kindheit schrieb Aslı Erdoğan Gedichte und Kurzgeschichten, von denen eine in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde, als sie gerade zehn Jahre alt war.[4] Danach begann sie erst während ihrer Universitätszeit, im Alter von 22 Jahren, wieder mit dem Schreiben.[5][4]

Bis 1983 besuchte sie das englischsprachige Robert College in Istanbul-Arnavutköy und studierte nach dem Schulabschluss Informatik und Physik an der Bosporus-Universität. 1988 machte sie einen Bachelor-Abschluss in Informatik.[6][4][7]

Physikerin und Schriftstellerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anschließend arbeitete sie an der Fakultät für Physik ihrer Universität. 1990 verfasste sie ihre erste Novelle, mit der sie beim Literaturwettbewerb Yunus-Nadi-Preis in der Türkei den dritten Platz belegte. Anschließend konzentrierte sich zunächst wieder auf ihre Laufbahn als Wissenschaftlerin.[5]

1991 bekam sie die Gelegenheit, am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf über das Higgs-Boson zu forschen.[8][7] Die Arbeitssituation am CERN war für Aslı Erdoğan allerdings alles andere als ideal und wurde von ihr wie folgt beschrieben:

„Ich war erst vierundzwanzig, ich war die einzige Frau, die einzige Türkin in einem Team von französischsprachigen Männern. Frauen waren am Cern generell in der Minderzahl und entsprechend exponiert, und das Konkurrenzdenken, die Aggressivität waren unerträglich. Man kommt dorthin, erwartet lauter Einsteins und Heisenbergs – und was man findet, sind Geschäftsleute und Politiker, jegliche Art von fiesen Tricks, Leute, die sich gegenseitig die Karriere absägen, Daten stehlen; es war hart.“[9]

Trotzdem erstellte sie in dieser Zeit (bis 1993) ihre Masterarbeit in Physik und verfasste parallel dazu ihren ersten Roman Mucizevi Mandarin (dt.: Der wundersame Mandarin), der 1996 publiziert wurde.[10][11][5]

Sie kehrte 1993 nach Istanbul zurück, arbeitete als Assistentin an der Universität und verfasste innerhalb von zwei Monaten den Roman Kabuk Adam (dt. „Der Muschelmann“). Sie fühlte sich in der Türkei bedroht und begab sich 1994 nach Brasilien, um an der Päpstlichen Universität von Rio de Janeiro (PUC-Rio) ihre Doktorarbeit zu schreiben.[11] In dieser Zeit wuchs ihr Interesse für Anthropologie und sie unternahm ausgedehnte Forschungsreisen ins Amazonasgebiet.[10] 1994, noch während ihres Brasilienaufenthaltes, wurde Kabuk Adam in der Türkei veröffentlicht.[5][7]

1996 reiste sie wegen finanzieller Schwierigkeiten in die Türkei zurück. Sie kehrte der wissenschaftlichen Arbeit den Rücken, um sich ganz dem literarischen und journalistischen Schreiben zuzuwenden. Noch im selben Jahr vollendete und publizierte sie ihr in Genf verfasstes Buch Mucizevi Mandarin (dt.: „Der wundersame Mandarin“). 1997 erschien ein Buch mit Kurzgeschichten von ihr mit dem Titel Tahta Kuşlar (dt.: „Holzvögel“), das in neun Sprachen übersetzt wurde.[12] Der Durchbruch als anerkannte Schriftstellerin gelang ihr dann 1998 mit ihrem dritten Buch Kırmızı Pelerinli Kent (dt.: „Die Stadt mit der roten Pelerine“).[10]

In Folge schrieb sie von 1998 bis 2001 Kolumnen mit dem Titel Der Andere für die linksliberale türkische Tageszeitung Radikal, berichtete über die Bedingungen in den türkischen Gefängnissen, über Folter, Gewalt gegen Frauen, prangerte die staatlichen Repressionen gegen Kurden an und unterstützte hungerstreikende Gefangene.[13][12] Seit Anbeginn engagierte sie sich für Menschenrechtsfragen und war beim P.E.N. im Komitee „Schriftsteller in Haft“. Ihre Kolumnen fasste sie in dem Buch Bir Yolculuk Ne Zaman Biter zusammen. Ihre Bücher wurden auch ins Französische und Englische übersetzt.

Bei der Deutschen Welle gewann sie den 1997 für türkischsprachige Beiträge ausgelobten Autorenwettbewerb mit der Kurzgeschichte Holzvögel, die auch den Titel für die veröffentlichte Sammlung abgab. 2010 erhielt sie für ihren Roman Taş Bina ve Diğerleri („Steingebäude“) den Sait-Faik-Literaturpreis, den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei.

Von Dezember 2011 bis Mai 2012 weilte Aslı Erdoğan als „writer in residence“ des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG in Zürich.[14] Von August 2012 bis zum Sommer 2013 war sie „Asylschreiberin“ der Stadt Graz.[15] Nach der Rückkehr in die Heimat setzte sie ihre Arbeit für Özgür Gündem fort. Sie fühlte sich jedoch erneut bedroht und war 2015 deshalb auf Einladung des ICORN, eines Städtenetzwerks zum Schutz von Schriftstellern, als Gastschreiberin in Krakau.[16]

Im September 2016 verlieh der schwedische P.E.N. der in der Türkei inhaftierten Schriftstellerin den Tucholsky-Preis für Autoren, die im eigenen Land verfolgt oder bedroht werden.

Verhaftung und Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erdoğan wurde am 16. August 2016 in Istanbul im Rahmen einer Verhaftungswelle von Journalisten und Mitarbeitern der pro-kurdischen Tageszeitung Özgür Gündem festgenommen.[2][17][18] Die Verhaftung fand statt, nachdem die Staatsanwaltschaft die Schließung der Zeitung angeordnet hatte. Aslı Erdoğan wurde „Propaganda für eine illegale Organisation“, „Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“ vorgeworfen. Als Beweismittel gab das Gericht ihre Artikel und Kolumnen an. Nach der Vorführung vor einen Haftrichter wurde Aslı Erdoğan ins Bakirköy-Gefängnis überführt.[19]

Am 18. August 2016 wurden die meisten Journalisten von Özgür Gündem wieder auf freien Fuß gesetzt, während Aslı Erdoğan weiterhin in Untersuchungshaft festgehalten wurde.[20] Im September 2016 wurde dem Schweizer Fernsehen (SRF) ein Brief von Aslı Erdoğan zugespielt, in dem sie über die Verhaftung in Istanbul berichtet.[18][21] Ihr Appell, die vom Regime von Präsident Recep Tayyip Erdoğan ins Gefängnis geworfenen Schriftsteller nicht zu vergessen, stand im Mittelpunkt der Rede von Heinrich Riethmüller zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2016.[22] Im November 2016 forderte die Staatsanwaltschaft in Istanbul wegen u.a. Mitgliedschaft und Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK lebenslange Haft für Aslı Erdoğan.[23]

Am 29. Dezember 2016 wurde der Prozess gegen die Schriftstellerin und acht weitere Angeklagte vor einem Instanbuler Gericht eröffnet. Zur Überraschung aller ordnete der Richter am ersten Prozesstag an, die schwerkranke Aslı Erdoğan, die 70-jährige Linguistin und Übersetzerin Nicmiye Alpay[24], sowie den stellvertretenden Chefredakteur von Özgür Gündem, Zana Kaya, aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Allerdings wurde gegen sie gleichzeitig eine Ausreisesperre verhängt.[25][26]

Aslı Erdoğan nahm zu den Vorwürfen des Staatsanwalts selbst Stellung. In ihrer Verteidigungsrede erläuterte sie sämtliche Artikel, die von der Staatsanwaltschaft als Beweisstücke vorgelegt worden waren und widerlegte die Vorwürfe. Özgür Gündem sei gegründet worden, um dem unterdrückten kurdischen Volk eine Informationsplattform zu geben. In nicht einer ihrer Kolumnen habe sie der Gewalt das Wort geredet. „Ich bin nur eine Schriftstellerin“, erklärte sie. Und: „Man sollte sich schämen, dass eine Schriftstellerin ihre Literatur in einem Gerichtssaal und flankiert von Gendarmen verteidigen muss“. Der Prozess sollte am 2. Januar 2017 fortgesetzt werden.[27][28][29][30]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke in deutscher Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Stadt mit der roten Pelerine. Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch; Nachwort von Karin Schweißgut; Unionsverlag, Zürich 2008 ISBN 978-3-293-10010-7 (Kirmizi Pelerinli Kent, Istanbul, 2001)
  • Der wundersame Mandarin. Aus dem Türkischen von Recai Hallaç, Ed. Galata, Berlin 2008 ISBN 978-3-935597-73-9 (Mucizevi mandarin)
  • Holzvögel. Literaturwettbewerb für die türkische Sprache 1997; Die preisgekrönten Beiträge. Deutsche Welle-Literaturpreis 1997, Önel Verlag, 1998 ISBN 3-933348-01-3

Weblinks und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Aslı Erdoğan. Biyografya, abgerufen am 31. Dezember 2016 (türkisch).
  2. a b Karen Krüger: Schriftstellerin Asli Erdogan festgenommen. FAZ.net, 17. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  3. Kurdish daily shut down an journalists houses raided in Turkey. European Federation of Journalists 17. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch; Namensliste).
    Gericht verbietet kurdische Zeitung. Reporter ohne Grenzen, 16. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
    Aslı Erdoğan verhaftet. Unionsverlag, 17. August 2016, archiviert vom Original am 20. September 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  4. a b c Aslı Erdoğan. Munzinger-Archiv, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  5. a b c d Mehmet Basutçu: Aslı Erdoğan: Portrait insaisissable d’une jeune écrivaine tourmentée. Babel Med, abgerufen am 31. Dezember 2016 (französisch).
  6. A Short Biography. Website von Aslı Erdoğan, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  7. a b c Asli Erdoğan. Internationales Literaturfestival Berlin 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  8. Angela Schader: Schriftstellerin Asli Erdogan verhaftet: Zu nah am Feuer. Neue Zürcher Zeitung, 17. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  9. Angela Schader: Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan ist ein halbes Jahr lang „writer in residence“ in Zürich: Ein Heim in der Fremde. Neue Zürcher Zeitung, 8. Februar 2012, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  10. a b c Aslı Erdoğan – Homepage – A Short Biography
  11. a b Novelist Aslı Erdoğan Detained. Bianet, 17. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
  12. a b Aslı Erdoğan. TCF – Turkish Cultural Foundation, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
  13. Rainer Hermann: Autorin Asli Erdogan: Eine türkische Winterreise. FAZ.net, 27. Dezember 2012, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  14. Aslı Erdoğan: Eine aktive Menschenrechtlerin. Writers in Residence in Zürich, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  15. Asli Erdogan zog am Schlossberg ein. APA-Artikel in Der Standard, 10. August 2012, abgerufen 22. Mai 2015.
  16. Aslı Erdoğan new ICORN writer in Krakow. ICORN, 7. Juli 2015, abgerufen am 21. September 2016 (englisch).
    Krakow ICORN Guest Writer arrested in Turkey. Edinburgh City of Literature, 19. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
  17. Karen Krüger: Verhaftete Schriftstellerin: Asli Erdogan spricht aus, worüber andere schweigen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  18. a b Daniel Blickenstorfer: „Vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder“. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), 3. September 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  19. Asli Erdogan: Dem Haftrichter vorgeführt und ins Gefängnis überführt. Unionsverlag, 19. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  20. 22 released in Istanbul after Özgür Gündem raid. Hürriyet Daily News, 19. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
    Arrested Turkish novelist Aslı Erdoğan mistreated in prison during arrest. Hürriyet Daily News, 25. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
    Justice Ministry denies mistreatment claims by arrested Turkish novelist Aslı Erdoğan. Hürriyet Daily News, 26. August 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
  21. Jürg Altwegg: Vergesst mich nicht! Lebenszeichen von Aslı Erdoğan. FAZ.net, 22. September 2016, abgerufen am 29. Dezember 2016.
  22. Tilman Spreckelsen: Kritik an Türkei bei Eröffnung der Buchmesse. Appell inhaftierter Autorin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Oktober 2016, S. 1.
  23. Schriftstellerin Asli Erdogan droht lebenslange Haft. Neue Zürcher Zeitung, 10. November 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  24. Necmiye Alpay. Pen-America, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch).
  25. Rengin Arslan: Özgür Gündem davası – Aslı Erdoğan, Necmiye Alpay ve Zana Kaya tahliye edildi. BBC, 29. Dezember 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (türkisch).
  26. Necmiye Alpay, Aslı Erdoğan, Zana Kaya Released. Bianet, 29. Dezember 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 (englisch; mit Bildern).
  27. Verhaftungen in der Türkei Asli Erdogan kommt frei, Ahmet Sik wird verhaftet. faz.net, 29. Dezember 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  28. Prozess gegen Aslı Erdoğan beginnt. taz, 30. Dezember 2016, S. 2 der gedruckten Ausgabe.
  29. Türkische Autorin: Gericht ordnet Freilassung von Asli Erdogan an. Die Welt, 29. Dezember 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  30. Nach dem Putschversuch: Asli Erdogan aus dem Gefängnis entlassen. dpa-Artikel auf handelsblatt.com, 29. Dezember 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  31. Tucholsky-Preis für Asli Erdogan. Der Standard, 22. September 2016, abgerufen am 12. Februar 2017.
  32. Türkische Autorin Asli Erdogan ausgezeichnet. Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar 2017, abgerufen am 10. Januar 2017.
  33. Press release: 2017 ECF Princess Margriet Award for Culture. European Cultural Foundation, 2. Februar 2017, abgerufen am 11. Februar 2017 (englisch).