Barbara Rütting

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Barbara Rütting (2014)

Barbara Rütting (* 21. November 1927 als Waltraut Irmgard Goltz[1] in Wietstock; † 28. März 2020 in Marktheidenfeld) war eine deutsche Schauspielerin, Autorin und Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen, V-Partei³). Nach dem Ende ihrer Filmkarriere engagierte sie sich für den Tierschutz und vegetarische Ernährung. Zweimal wurde sie für Bündnis 90/Die Grünen in den Bayerischen Landtag gewählt. Am 2. April 2009 gab Rütting ihr Landtagsmandat vorzeitig zurück und trat im selben Jahr aus der Partei aus. Bei der Bundestagswahl 2017 kandidierte sie für die V-Partei³.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barbara Rütting war das älteste von fünf Kindern des Lehrerehepaars Richard und Johanna Goltz aus Wietstock. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der elterlichen Jugendstilvilla in Ludwigsfelde in Brandenburg[2] und besuchte ein Lyzeum in Berlin und Luckenwalde.[1]

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs floh sie am 17. Mai 1945 kurz vor ihrem Abitur mit Hans Rütting, einem früheren Freund ihres Vaters, in die „Westzone“ nach Flensburg, von dort nach Dänemark und heiratete ihn 1946.[3]

Rütting beschrieb ihren Vater 2013 in einer Talkshow von Günther Jauch als „charismatisch“. Über ihn sei sie zur Verehrung für Adolf Hitler gekommen. In der Tageszeitung Die Welt hieß es: „Jeden Abend habe sie als junge Frau gebetet, dass der liebe Gott für Hitler "das schönste Engelein" schicke, zitierte die 85-Jährige ein altes Gebet. Erst als sie nach dem Kriegsende in einer Flüchtlingsunterkunft eine Jüdin tröstend im Arm gehalten habe, die den ihr von den Nazis genommenen Kindern nachgeschrien habe, sei alle Hitler-Verehrung bei ihr zusammengebrochen.“[4] Die Erinnerung daran hatte sie zuvor schon in dem 2010 herausgegebenem Sammelband Mein Kriegsende. Erinnerungen an die Stunde Null geschildert.[2]

In Dänemark verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Dienstmädchen, in einer Bibliothek und als Fremdsprachenkorrespondentin in Kopenhagen. Ihren Vornamen Waltraut legte sie als „zu germanisch“ ab.[5] Nach der Scheidung von Hans Rütting 1951 kehrte sie nach Deutschland zurück. Da sie ohne Abitur nicht studieren konnte, begann sie in Berlin als Schauspielerin zu arbeiten.[1]

Von 1955 bis 1964 führte sie eine Ehe mit Heinrich Graf von Einsiedel, von 1969 bis 1988 eine Beziehung mit dem Schauspieler, Regisseur und Theaterintendanten Lutz Hochstraate (* 1942). Bis 1980 wohnten sie auf einem Bauernhof in Sommerholz (Land Salzburg, Österreich). Seit 2010[1] lebte sie in Michelrieth an der Ostseite des Spessarts.

Barbara Rütting starb am 28. März 2020 im Alter von 92 Jahren.[6][7]

Karriere als Schauspielerin und Autorin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1952 debütierte sie am Theater und im Film und erhielt 1953 für ihre ersten beiden größeren Rollen den Bundesfilmpreis als Beste Nachwuchsschauspielerin. Neben Ruth Leuwerik und Maria Schell stand sie im Spielfilm der Fünfzigerjahre „für ein Rollenbild der Frau, die sich behutsam in Richtung weiblicher Selbstbehauptung zu wandeln begann“, schrieb der Spiegel.[8] Bis 1983 spielte sie Hauptrollen in insgesamt 45 Filmen, darunter als serbische Partisanin im Antikriegsdrama Die letzte Brücke (1953), als Doppelagentin in der Nazizeit in Canaris (1954), als Bergbauerntochter im Remake von Die Geierwally (1956) und an der Seite von Kirk Douglas eine Reporterin in Stadt ohne Mitleid (1961). Für den britischen Spielfilm Operation Crossbow (1965) übernahm sie die Rolle der Pilotin Hanna Reitsch.[9] In der Fernsehserie Die Kramer (1969) verkörperte Rütting die Titelfigur einer Gymnasiallehrerin. Im Jahr 1975 spielte sie an der Seite Gert Fröbes in Mein Onkel Theodor oder Wie man im Schlaf viel Geld verdient ihre letzte Kinorolle. 1984 hörte sie mit der Schauspielerei auf und bildete sich zur Gesundheitsberaterin aus. Sie stand im Jahr 2000 noch einmal in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung für das Fernsehen vor der Kamera.[10][11]

1970 veröffentlichte sie ihren Roman Diese maßlose Zärtlichkeit mit dem Untertitel Versuche mit Männern, der bis 1987 mehrfach aufgelegt wurde. Ab Mitte der 1970er Jahre schrieb sie Kochbücher für Vollwerternährung. Sie entwickelte ein Rezept für ein Vollkornbrot aus Roggen und Gewürzen, das unter ihrem Namen bis heute vermarktet wird.[12] Rütting gilt als Wegbereiterin der vegetarischen Ernährung in Deutschland. Es folgten Gesundheitsratgeber, Kinderbücher und autobiografische Bücher.[13]

Politisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1980er Jahren engagierte sie sich politisch für Umweltschutz, Menschenrechte und Tierrechte. Im November 1982 kettete sie sich mit 30 Tierschützern aus Protest gegen Tierversuche vor den Berliner Werkstoren des Pharmakonzerns Schering an. 1984 verfasste sie das Vorwort für eine Sonderausgabe des Buches Nackte Herrscherin, in dem sich der Schweizer Schriftsteller Hans Ruesch mit Tierversuchen auseinandersetzte. Im selben Jahr wurde sie bei den Mutlanger Friedenstagen bei Demonstrationen gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen in polizeilichen Gewahrsam genommen. Am Schwarzen Meer in Bulgarien und in einer russischen Klinik für strahlengeschädigte Kinder der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl führte sie Vollwertkochkurse durch und organisierte Hilfsprojekte.

1982 erfolgte ihr Eintritt bei den Grünen; sie war befreundet mit Petra Kelly, Gert Bastian und Robert Jungk. 1996 schrieb sie einen Offenen Brief an Jutta Ditfurth, in dem sie deren Kritik an Max Otto Bruker als verleumderisch ablehnte.[14] Wegen der Zustimmung der Grünen unter Joschka Fischer zum Einsatz im Kosovokrieg trat sie aus der Partei aus, doch Renate Künasts Einsatz für Tierschutz veranlasste sie, wieder einzutreten.

2003 wurde sie von den Grünen im Chiemgau, wo sie seit 1999 lebte,[1] gebeten, für den Bayerischen Landtag zu kandidieren. Über die oberbayerische Bezirksliste zog sie im Alter von 75 Jahren als Abgeordnete in den Landtag ein und wurde Alterspräsidentin.[15] Obwohl 2008 für eine weitere Legislaturperiode wiedergewählt, erschien ihr die parlamentarische Arbeit zunehmend sinnlos. Hinzu kam die Zustimmung der Grünen zum deutschen Afghanistaneinsatz, der für sie als Pazifistin untragbar war. 2009 kam es bei ihr zu einem Burn-out, und sie gab ihr Landtagsmandat am 2. April zurück. Renate Künasts Bemerkung „Wenn’s nachher gut schmeckt“ in einem Film, in dem die Politikerin gemeinsam mit einem Kind einen Fisch tötete, bewog Rütting im September 2009 dazu, erneut ihren Parteiaustritt zu erklären.[16] Über ihre Zeit als Landtagsabgeordnete der Grünen sagte sie später: „Die wollten mich zwar als Zugpferd haben, aber dann sollte die alte Schachtel die Klappe halten.“[17]

Rütting unterstützte von 2006 bis 2014, an der Seite des Tierschutzaktivisten Stefan Bernhard Eck, die Kleinpartei Tierschutzpartei.[18] 2010 bekam sie von der Tierschutzpartei die MUT-Medaille verliehen.

Ende 2016 trat sie in die neu gegründete V-Partei³ (Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer) ein.[19] Sie kandidierte auf Listenplatz 2 der bayerischen Landesliste für die Bundestagswahl 2017 und holte in ihrem Heimatort das beste Zweitstimmenergebnis der Partei.[20]

Rütting war jahrzehntelang bis Januar 2018 Ehrenmitglied des Vegetarierbundes Deutschlands.[21]

Esoterische Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursula Caberta kritisierte im Schwarzbuch Esoterik (2011), dass Barbara Rütting „fest verankert in der Esoterik“ gewesen sei und bezeichnete sie als „Hauptgewinn“ und „politisches Sprachrohr“ der Szene. Während ihres Landtagsmandates bei den Grünen hatte Rütting Kontakte zu der umstrittenen neuen religiösen Bewegung Universelles Leben.[22] Nach eigener Aussage gehörte Rütting aber weder dieser noch irgendeiner anderen Religionsgemeinschaft an. Sie forderte in den öffentlichen Diskussionen das verfassungsrechtliche Grundrecht ein, niemanden wegen seiner religiösen Anschauung zu diskriminieren.[23][24][25][26]

Bibliografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diese maßlose Zärtlichkeit. Versuche mit Männern. Roman. Von Schröder, Hamburg 1970.
  • Mein Kochbuch. Naturgesunde Köstlichkeiten aus aller Welt. Mosaik, München 1976.
  • Ach du grüner Kater. Lentz, München 1979; emu, Lahnstein 2005, ISBN 978-3-89189-125-4.
  • Barbara Rüttings Koch- und Spielbuch für Kinder. Lentz, München 1979.
  • Mein neues Kochbuch. Schlemmereien aus der Vollwertküche. Mosaik, München 1984.
  • Auf der Flucht mit Mirto. Eine wahre Geschichte. Lentz, München 1987; emu, Lahnstein 2005, ISBN 978-3-89189-126-1.
  • Mein Gesundheitsbuch. Mosaik, München 1988.
  • Lieblingsmenüs aus meiner Vollwertküche. Mosaik, München 1991.
  • Träumen allein genügt nicht. Ein Stück Leben. Goldmann, München 1993.
  • Grüne Rezepte für den blauen Planeten. Goldmann, München 1997.
  • Bleiben wir schön gesund. Herbig, München 2001.
  • Lachen wir uns gesund. Anleitungen zum Glücklichsein (mit 1 Lach-CD). Herbig, München 2001.
  • Essen wir uns gesund. 30 Jahre Erfahrung mit der Vollwerternährung. Herbig, München 2002.
  • … und dennoch. Erfahrungen eines Lebens. Herbig, München 2005, ISBN 978-3-7766-2364-2.
  • Ich bin alt und das ist gut so. Meine Muntermacher aus acht gelebten Jahrzehnten. Nymphenburger, München 2007, ISBN 978-3-485-01114-3.
  • Gesunde Ernährung kurz & bündig. Meine besten Tipps. Nymphenburger, München 2008, ISBN 978-3-485-01157-0.
  • Wo bitte geht’s ins Paradies? Burnout einer Abgeordneten und Neuanfang. Herbig, München 2010, ISBN 978-3-7766-2651-3.
  • Beten für den Führer. In: Dieter Hildebrandt, Felix Kuballa (Hrsg.): Mein Kriegsende. Erinnerungen an die Stunde Null, Propyläen Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-549-07382-7, S. 163–170.
  • Was mir immer wieder auf die Beine hilft. Nymphenburger, München 2012, ISBN 978-3-485-01373-4.
  • Vegan & vollwertig. Meine Lieblingsmenüs für Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Nymphenburger, München 2013, ISBN 978-3-485-01430-4.
  • Durchs Leben getobt. Autobiografie. Herbig, München 2015, ISBN 978-3-7766-2764-0.

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmpreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Barbara Rütting – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Die engagierte Vielseitige. BR, 15. Dezember 2011, abgerufen am 3. April 2020.
  2. a b Jutta Abromeit: Barbara Rütting flüchtete am 17. Mai 1945 aus Ludwigsfelde. Das Ende einer unbeschwerten Kindheit, Märkische Allgemeine, 15. Mai 2015
  3. Barbara Rütting: „Ich habe mich durchs Leben treiben lassen“. Mainpost, 20. November 2017, ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 3. April 2020.@1@2Vorlage:Toter Link/www.mainpost.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)
  4. Plaudern über "Jungs" vom Erschießungskommando von Ralf Dargent, Die Welt 25. März 2013, abgerufen am 29. April 2023
  5. Barbara Rütting: „Wer mich beleidigt, bestimme ich“. V-Partei³, 2018, abgerufen am 3. April 2020.
  6. Schauspielerin und Autorin Barbara Rütting ist gestorben. 2. April 2020, abgerufen am 9. Juni 2021.
  7. Abendzeitung Germany: Barbara Rütting ist tot: Die Schauspielerin stirbt mit 92! Abgerufen am 2. April 2020.
  8. Schauspielerin, Autorin, Politikerin. Barbara Rütting ist tot, Spiegel Kultur, 2. April 2020
  9. V 10 nach New York, aus Der Spiegel 46/1964
  10. Zum Tode von Barbara Rütting (21.11.1927-28.3.2020). Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 13. Mai 2023.
  11. Rosamunde Pilcher (TV Series 1993– ) - IMDb. Abgerufen am 13. Mai 2023.
  12. Sebastian Beck: Barbara Rütting ist gestorben. Abgerufen am 13. Mai 2023.
  13. Mit 92 Jahren: Schauspielerin und Autorin Barbara Rütting gestorben. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 13. Mai 2023]).
  14. Zeitschrift Gesundheitsberater, Ausgabe 2/1996, S. 3.
  15. Schauspielerin Barbara Rütting mit 92 Jahren gestorben. Berliner Morgenpost, 2. April 2020, abgerufen am 2. April 2020. Sie war auch in der folgenden Wahlperiode ab 2008 Alterspräsidentin des Bayerischen Landtags.
  16. Parteiaustritt Barbara Rütting verlässt Grüne wegen Künast-Video, Der Spiegel 22. September 2009
  17. Großmutter Courage: Barbara Rütting macht den Mund auf. 28. Februar 2021, archiviert vom Original am 28. Februar 2021; abgerufen am 15. Mai 2023.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.mainpost.de
  18. Tierschutzpartei: Die Neuen ergreifen Partei für den Ruf der Ratte - WELT. Abgerufen am 13. Mai 2023.
  19. Barbara Rütting: Home. Abgerufen am 13. Mai 2023.
  20. Bayerische Landeshauptversammlung nominiert 33 Bundestagskandidaten. In: V-Partei³. 15. Januar 2017, abgerufen am 13. Mai 2023 (deutsch).
  21. Ehrenmitglieder (Memento vom 30. November 2010 im Internet Archive)
  22. Skandal-Sekte oder Bio-Kommune? Was hinter dem 'Universellen Leben' steckt. 3. März 2022, abgerufen am 10. Juni 2023.
  23. Ursula Caberta: Schwarzbuch Esoterik. Gütersloher Verlagshaus, 2011, S. 38f
  24. Barbara Rütting und die Sekte 19. Mai 2010 Süddeutsche Zeitung
  25. "Ich fühlte mich von der Partei versklavt" 10. November 2010 Frankfurter Rundschau
  26. Ich leide mit allen Geschöpfen 15. Dezember 2012 Neues Deutschland