Falsche Gleichgewichtung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Falsche Gleichgewichtung oder Falsche Ausgewogenheit (englisch False Balance) ist ein Phänomen der medialen Verzerrung, bei dem vornehmlich im Wissenschaftsjournalismus einer klaren Minderheitenmeinung ungebührlich viel Raum gegeben wird, sodass fälschlich der Eindruck entsteht, Minderheitenmeinung und Konsensmeinung seien gleichwertig.[1] Hierbei werden beispielsweise Argumente und Belege angeführt, die in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Nachweisen der jeweiligen Seiten stehen oder Informationen unberücksichtigt lassen, die die Behauptung einer Partei als haltlos erscheinen lassen würden.[2]

Falsche Gleichgewichtung kann mitunter aus ähnlichen Motiven wie Sensationsjournalismus entstehen, sodass Fragestellungen mit wissenschaftlichem Konsens auf einmal als strittige Debatte dargestellt werden. Gründe lassen sich beispielsweise in der Hoffnung der Entscheidungstragenden suchen, die einen größeren kommerziellen Erfolg als bei einer zutreffenderen Darstellung des Problems erwarten. Insbesondere gilt dies aber bei wissenschaftlichen Themenbereichen, deren Forschungsergebnisse Auswirkungen auf Wirtschaftszweige oder politische Entscheidungen erwarten lassen. Falsche Gleichgewichtung findet damit als Teil zeitgenössischer Polarisierung in westlichen Gesellschaften und in der Wissenschaftskommunikation Beachtung.

Im Gegensatz zu anderen Verzerrungen durch Medien ist Falsche Gleichgewichtung auf den Versuch zurückzuführen, Verzerrungen zu vermeiden. Für Produktionsleitung und Redaktion kann unbemerkt bleiben, dass sie konkurrierende Ansichten nicht im Verhältnis zu ihren Stärken und ihrer Signifikanz behandeln, indem sie sie komplett gleichwertig behandeln. Dies kann sich zum Beispiel in gleichen Anteilen an der Sendezeit äußern, auch wenn im Voraus bekannt sein kann, dass einzelne Positionen auf falschen oder umstrittenen Informationen beruhen.[3]

Ein bekanntes Beispiel für falsche Ausgewogenheit ist die vermeintlich ausgewogene Berichterstattung bezüglich der menschengemachten globalen Erwärmung. So ergab eine einflussreiche Studie aus dem Jahr 2004, dass von 636 untersuchten Medienartikeln, die zwischen 1988 und 2002 in vier großen US-amerikanischen Zeitungen erschienen waren, rund 53 % „ausgewogen“ berichteten, also die Thesen annähernd gleich gewichteten, dass der Mensch erheblichen Anteil an der globalen Erwärmung habe bzw. dass die Klimaerwärmung ausschließlich natürlich sei. 35 % der Artikel betonten die Existenz der menschengemachten Erderwärmung, erwähnten aber genauso die Gegenthese, dass die Erwärmung natürliche Ursachen habe. Nur 6 % der Artikel gaben hingegen den wissenschaftlichen Konsens korrekt wieder, indem sie die Erwärmung dem Mensch zuschrieben, ohne eine Gegenthese zu präsentieren. Dabei veränderte sich die Berichterstattung auch über die Zeit. Während 1988 noch der Großteil der Berichte die Sicht der Wissenschaft korrekt wiedergab, gingen Journalisten ab ca. 1990 mit dem Einsetzen von Desinformationskampagnen der organisierten Klimaleugnerszene u. a. durch die Global Climate Coalition und das Heartland Institute dazu über, „ausgewogen“ zu berichten. Gleichzeitig ging die Presse dazu über, Wissenschaftler als zunächst am häufigsten zitierte Quellen durch Politiker als Informationsquellen zu ersetzen.[4][5] Durch die vermeintlich ausgewogene Berichterstattung, die ihren Ursprung in der Fairness-Doktrin hat, wurden damit Klimaleugner und ihre Thesen in den Medien systematisch bevorzugt, da sie viel mehr Aufmerksamkeit erhielten, als ihnen aufgrund des breiten wissenschaftlichen Konsenses eigentlich zustand.[6]

Weitere Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Martin Paul: Wissenschaft und Journalismus: Interview – Wann man Fakten und Meinung trennen sollte. In: Mitteldeutscher Rundfunk. 18. Juli 2018, abgerufen am 10. Mai 2020.
  2. Ultralativ: Fakten und wie man nicht mit ihnen umgeht | Falsche Gleichgewichtung auf YouTube, 10. Mai 2020, abgerufen am 10. Mai 2020.
  3. Paul Krugman: Opinion – A False Balance. In: The New York Times. 30. Januar 2006, abgerufen am 10. Mai 2020 (englisch).
  4. Maxwell T. Boykoff, Jules M. Boykoff: Balance as bias: global warming and the US prestige press. In: Global Environmental Change. Band 14, 2004, S. 125–136, doi:10.1016/j.gloenvcha.2003.10.001.
  5. James Lawrence Powell: The Inquisition of Climate Science. New York 2012, S. 121f.
  6. Naomi Oreskes, Erik M. Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft. Das Netzwerk des Leugnens. Wiley-VCH, Weinheim 2014, S. 267f.