Hans Christoph Buch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hans Christoph Buch, 2011

Hans Christoph Buch (* 13. April 1944 in Wetzlar) ist ein deutscher Schriftsteller, Essayist und Reporter.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Christoph Buch ist der Sohn des Diplomaten Friedrich Buch. Er wuchs auf in Wetzlar, Wiesbaden, Bonn und Marseille. 1963 machte er in Bonn sein Abitur. Anschließend begann er an der Universität Bonn ein Studium der Germanistik und Slawistik, das er ab 1964 in Berlin fortsetzte. 1967/68 nahm er als Stipendiat am Writers' Workshop der University of Iowa teil, wo er Proteste gegen den Vietnamkrieg organisierte. 1972 promovierte er an der Technischen Universität Berlin bei Walter Höllerer zum Doktor der Philosophie.

Bereits 1963 hatte Buch bei einem Treffen der Gruppe 47 aus eigenen Werken gelesen. Seine frühen Prosaarbeiten zeigen einen Hang zur Groteske. In den Sechzigerjahren stand Buch mit seinen literaturwissenschaftlichen und kritischen Werken unter dem Einfluss der Studentenbewegung und eines undogmatischen Marxismus. In den Siebzigerjahren war er Lektor im Rowohlt Verlag, für den er die Zeitschrift Literaturmagazin herausgab.

Später lehrte er als Dozent an verschiedenen Universitäten in San Diego (Kalifornien) Austin (Texas), New York, Hongkong, Buenos Aires, Santiago de Chile, Havanna, Hangzhou und Qingdao. Buch ist als Schriftsteller, Erzähler, Essayist und Reporter aktiv. Als solcher hat er für Die Zeit und andere Medien aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet, unter anderem aus Liberia, Sierra Leone, Burundi, Ruanda, Südsudan und Westsudan (Darfur), Bosnien, Tschetschenien, Kosovo, Algerien, Kambodscha, Korea und Osttimor, sowie immer wieder aus Haiti. Neben seinen Reisen nach Mexiko, Kanada, und Brasilien bereiste Buch fast ganz Afrika, Mittelamerika, Südamerika, die Volksrepublik China und die Antarktis. Eine besondere Beziehung entwickelte er seit den Achtzigerjahren zum karibischen Raum (Buchs Großvater hatte als Apotheker in Haiti gelebt, seine Großmutter war Haitianerin, eine Kreolin), der häufig Schauplatz von Buchs Werken ist. In den 1990er Jahren ist er vor allem mit Reportagen aus afrikanischen Krisenregionen hervorgetreten.

Hans Christoph Buch war von 1972 bis 1986 Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller und von 1972 bis 1998 des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Der Autor lebt in Berlin.

Literarisches Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das umfangreiche literarische Werk Hans Christoph Buchs entzieht sich einer eindeutigen Genre-Einordnung. Seine Prosa-Werke verbindet stilistisch unter anderem eine Nähe zum phantastischen Realismus der lateinamerikanischen Literatur. Buch verfolgt eine zwischen Phantasie und Wirklichkeit mystisch aufgeladene Weltbetrachtung. Dass Buch in Erinnerungen, literarischer Fiktion und Erlebnisberichten die subjektive Wahrheit hinter den faktischen Geschehnissen aufzuspüren versucht, hat zum Teil kritische und äußerst widersprüchliche Reaktionen hervorgerufen.

Die Frage nach der Welthaltigkeit von Literatur steht seit Buchs literarischen Anfängen im Mittelpunkt seines Schreibens – und zwar unbeantwortet. Als er 1963 mit gerade einmal 19 Jahren auf einer Tagung der Gruppe 47 einen Text vortrug, bemängelten Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki, dass Buchs Schilderung einer archäologischen Ausgrabung „nichts zu Tage befördere“, während der Philosoph Ernst Bloch ihn als ein „Relikt spätbürgerlicher Dekadenz“ bezeichnete. Die Theoretiker der Studentenrevolte dagegen vermissten in Buchs Erzählband „Unerhörte Begebenheiten“ (1966) das politische Engagement. [1]

Als er in den Siebzigerjahren für die „neue Sensibilität“, also die historisch-politische Analyse aufgrund subjektiver Wahrnehmung plädierte, warf man ihm reaktionäre Geschichtsklitterung vor. Mitte der Achtzigerjahre begann Buch, als Journalist über das Elend der Kriege in aller Welt zu schreiben und veröffentlichte seine erste Reportage über den Sturz der blutigen Diktatur in Haiti unter Baby Doc in der Süddeutschen Zeitung. Seitdem versucht er, in Romanen wie „Haiti Chérie“ (1990), „Der Burgwart der Wartburg“ (1994) über Denunziantentum in der DDR, oder „Reise um die Welt in acht Nächten“ (2009) in einem „literarischen Experiment etwas über den Zustand der Welt herauszufinden“. [2] In seiner Erzählung „Nolde und Ich. Ein Südseetraum“ (2013) reiste Buch auf den Spuren des Malers nach Papua-Neuguinea und versuchte in einer halb-dokumentarischen Fiktion Emil Noldes widersprüchliche Seelenwelt zu erkunden. Als zeitgleich neue Dokumente über die Anbiederung Noldes an die Nationalsozialisten auftauchten, wurde ihm – ungeachtet der literarischen Form seiner Erzählung – auf einer öffentlichen Diskussion im Literaturhaus Berlin „Geschichtsfälschung“ vorgeworfen. [3]

Reale Querverweise, die in literarische Fiktion und gar Fantastik eingebettet werden, führen Buchs Leser oft auf verborgene Um- und Abwege der dokumentarischen Geschichtsschreibung. In seinem 2016 erschienen Roman "Elf Arten das Eis zu brechen" zwischen Autobiographie, Fantasie und Geschichtschronologie erklärt Buch die Realität gar zu einem „müden Abklatsch der Literatur.“[4] Die Überzeugung, dass der „Aberglaube zum Alltag gehört und das Wunderbare zur Wirklichkeit“, zieht sich als roter Faden durch Buchs Werk, das über 40 Romane, Essay- und Reportagebände umfasst. Hans Christoph Buch, dessen Romane in Haiti als selbstverlegte Vervielfältigungen der bei Grasset erschienen Übersetzungen ins Französische kursieren, hat sich als „frankophonen Schriftsteller“ bezeichnet, auch weil die Genregrenzen in der frankophonen Literatur im Allgemeinen nicht so scharf gezogen werden wie etwa im deutschsprachigen Raum.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Als ich mich Jahre später dabei ertappte, dass ich enttäuscht war, wenn kein Blut floss, kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück, weil die Gewalt einen Sog erzeugt, der zur Sucht werden kann“, sagte Buch 2014 auf Tagung im Berliner Haus der Kulturen der Welt "Krieg erzählen" über seine Anfänge als Reporter.[5]

„Wie viel müssen wir Ihnen zahlen, damit Sie endlich aufhören, über Tahiti zu schreiben?“ sagte Siegfried Unseld, der 1984 Hans Christoph Buchs Roman „Die Hochzeit von Port-au-Prince“ veröffentlichte.[6] Buchs Großvater hatte sich im Karibikstaat Haiti – und nicht, wie Unseld meinte, auf der Insel im Südpazifik – als Apotheker niedergelassen und mit einer Kreolin eine Familie gegründet.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Signierung Buchs
  • James Bond - Kleinbürger in Waffen, Essay im Magazin "Der Monat", Jahrgang 1965
  • Unerhörte Begebenheiten, Frankfurt am Main 1966
  • Bla-bla-bla!, Berlin 1967 (zusammen mit Arno Waldschmidt)
  • Das große Abenteuer, München [u.a.] 1970
  • Kritische Wälder, Reinbek bei Hamburg 1972
  • Ut pictura poesis, München 1972 (Dissertation)
  • Aus der Neuen Welt, Berlin 1975
  • Die Scheidung von San Domingo, Berlin 1976
  • Das Hervortreten des Ichs aus den Wörtern, München [u.a.] 1978
  • Bericht aus dem Innern der Unruhe, Frankfurt am Main 1979
  • Zumwalds Beschwerden, München [u.a.] 1980
  • Jammerschoner, Frankfurt am Main 1982
  • Die Hochzeit von Port-au-Prince, Frankfurt am Main 1984
  • Karibische Kaltluft, Frankfurt am Main 1985
  • Auf den Antillen, Frankfurt/Main 1986 (zusammen mit Maren Heyne)
  • Der Herbst des großen Kommunikators, Frankfurt am Main 1986
  • Waldspaziergang, Frankfurt am Main 1987
  • Neue Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen, Pfaffenweiler 1988
  • Haïti Chérie, Frankfurt am Main 1990
  • Die Nähe und die Ferne, Frankfurt am Main 1991
  • Rede des toten Kolumbus am Tag des Jüngsten Gerichts, Frankfurt am Main 1992
  • Tropische Früchte, Frankfurt am Main 1993
  • An alle!, Frankfurt am Main 1994
  • Der Burgwart der Wartburg, Frankfurt am Main 1994
  • Black and blue, Frankfurt am Main 1995
  • Die neue Weltunordnung, Frankfurt am Main 1996
  • James Bond oder Der Kleinbürger in Waffen
  • Traum am frühen Morgen, Berlin 1996
  • Übung mit Meistern, Berlin 1996
  • In Kafkas Schloß, Berlin 1998
  • Blut im Schuh, Frankfurt am Main 2001
  • Kain und Abel in Afrika, Berlin 2001
  • Monrovia, mon amour, Berlin 2002
  • Wie Karl May Adolf Hitler traf und andere wahre Geschichten, Frankfurt am Main 2003
  • Standort Bananenrepublik, zu Klampen Verlag, Springe 2004, ISBN 978-3-934920-42-2.
  • Tanzende Schatten oder Der Zombie bin ich, Frankfurt am Main 2004
  • Black Box Afrika. zu Klampen Verlag, Springe 2006, ISBN 3-934920-94-2.
  • Tod in Habana. Frankfurt am Main: Frankfurter Verl.-Anst., 2007. ISBN 978-3-627-00144-5.
  • Sansibar Blues oder wie ich Livingstone fand, Frankfurt 2008, Eichborn Verlag, ISBN 978-3-8218-6218-7.
  • Das rollende R der Revolution. Lateinamerikanische Litanei, zu Klampen Verlag, Springe 2008, ISBN 978-3-86674-025-9.
  • Reise um die Welt in acht Nächten . Ein Abenteuerroman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009 ISBN 978-3-627-00164-3.
  • Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern, Eichborn, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8218-6236-1[7]
  • Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod. Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-627-00189-6.
  • Nolde und ich – Ein Südseetraum, Die Andere Bibliothek 2013
  • Boat People. Literatur als Geisterschiff, Essays der gleichnamigen Poetik-Vorlesung, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014
  • Elf Arten, das Eis zu brechen. Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-627-00230-5. („Buch des Monats“ der Darmstädter Jury für September 2016)

Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Parteilichkeit der Literatur oder Parteiliteratur?, Reinbek bei Hamburg 1972
  • Für eine neue Literatur – gegen den spätbürgerlichen Literaturbetrieb, Reinbek bei Hamburg 1973
  • Von Goethe lernen?, Reinbek bei Hamburg 1974
  • Die Literatur nach dem Tod der Literatur, Reinbek bei Hamburg 1975
  • Thema Natur oder Warum ein Gespräch über Bäume heute kein Verbrechen mehr ist, Berlin 1977
  • Thema Deutschland, Berlin 1978
  • Tatanka Yotanka oder Was geschah wirklich in Wounded Knee?, Berlin 1979
  • Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, Berlin 1982
  • Ein Traum von Europa, Reinbek bei Hamburg 1988
  • John Reed, Mexico 1914 - eine Revolutionsballade, Frankfurt 2005, Die Andere Bibliothek ISBN 978-3-8218-4560-9
  • Magnus Hirschfeld: Weltreise eines Sexualforschers im Jahre 1931/32, vorgestellt und mit einem Vorwort versehen von Hans Christoph Buch, Frankfurt 2006

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lu Hsün: Der Einsturz der Lei-feng-Pagode, Reinbek bei Hamburg 1973

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carl Paschek (Hrsg.): Hans Christoph Buch. Begleitheft zur Ausstellung der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-88131-067-3
  • Stefanie Rübbert: Ist die Fremde noch zu retten? Bedeutet ihre Monotonisierung ein Banalisieren der Heimkehr?, in: Helge Baumann, Maria Rossdal, Michael Weise, Stephanie Zehnle (Hrsg.): Habt euch müde schon geflogen? Reise und Heimkehr als kulturanthropologische Phänomene. Tectum, Marburg 2010, ISBN 978-3-8288-2184-2, S. 175–187

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Christoph Buch: „Als würde eine neues Buch erwartet“, Frankfurter Rundschau, 12. Juni 2011
  2. ebd.
  3. "Hans Christoph Buch: Nolde und ich. Ein Südseetraum" Lesung und Diskussion im Literaturhaus Berlin, 04.12.2013
  4. Hans Christoph Buch: „Elf Arten das Eis zu brechen“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2013, S. 102
  5. Krieg erzählen. Thementage. 20. — 22. Februar 2014, HKW Berlin. http://www.deutschlandfunk.de/tagung-krieg-erzaehlen-den-schrecken-erklaeren-und.1148.de.html?dram:article_id=278733
  6. Hans Christoph Buch: "Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich? Bausteine zu einer Poetik der Nicht-Identität." Vorlesung Cornell University, September 2011, in: German Culture News, Vol. XXI, No. 1, Fall 2011, p. 4–7
  7. Deutschlandradio Kultur vom 20. April 2011: Rezension Apokalypse Afrika