Waorani

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Waorani posieren in traditioneller Aufmachung im Einbaum für Touristen. Bis auf die wenigen isolierten Gruppen im Regenwald tragen die Waorani heute westliche Kleidung, wohnen in Holzhäusern, nutzen Außenbordmotoren und Taschenlampen, gehen zumeist mit dem Gewehr auf die Jagd und fischen mit Dynamit.[1]
Lagekarte des Waorani-Territoriums und des von ihnen genutzten Yasuní-Nationalparks in Ecuador

Die Waorani oder Huaorani (Eigenname, gesprochen Wao-Rani, auch Wao / Huao, bedeutet Volk oder Mensch) sind eine indigene Ethnie, die in den Regenwäldern des westlichen Amazonasbeckens zwischen den Flüssen Napo und Curaray im Osten Ecuadors lebt. Man nimmt an, dass sie die ursprünglichen Bewohner des dortigen Yasuní-Regenwaldes sind. Sie sprechen eine weitgehend isolierte Sprache. Mindestens zwei Gruppen haben sich freiwillig jeglichem Kontakt mit der Zivilisation entzogen: Sie werden Tagaeri und Taromenane genannt.

Die Waorani vermieden sehr lange jeglichen Kontakt nach außen und begegneten Eindringlingen feindselig, weshalb sie weder von den Inkas, den spanischen Konquistadoren noch bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Ecuadorianern unterworfen wurden. Deswegen wurden sie – und alle anderen freien Indianerstämme östlich der Anden – von den quechua- bzw. kichwasprachigen Ethnien mit der abwertenden Gruppenbezeichnung Awqa, auf Kichwa Awka (hispanisiert Auca) belegt, das u.a. Feind, Fremder, Wilder, Barbar, Verräter, Krieger, Heide bedeutet. In jüngerer Zeit wurde die Bezeichnung nur noch für die Waorani – die Lluchu Awka („nackten Wilden“) – verwendet. Die Waorani werten die Bezeichnung Auca als Beleidigung.[2]

Noch heute leben die meisten von ihnen vorwiegend von Jagd und Sammelwirtschaft sowie ergänzendem Feld- und Gartenbau. Bis in die 1960er Jahre durchstreiften sie halbnomadisch die Regenwälder. Heute ist der größte Teil der über 3.000 Waorani (2012)[3], die auf 18 lokale Dörfer verteilt leben (2010), sesshaft. 80 % aller Waorani siedeln freiwillig im ehemaligen Missionsprotektorat, das nicht einmal 10 % ihres gesamten verfügbaren Lebensraumes ausmacht.[4]

Der Übergang zur Sesshaftigkeit und die Annahme etlicher Kulturelemente der Tiefland-Kichwa – die seit etwa 1960 die Grenzregionen des Waoranilandes besiedelt haben[5] – begann mit den massiven Missionierungsversuchen des evangelikalen Summer Institute of Linguistics (SIL) seit 1955. Weltweite Aufmerksamkeit erregten die Waorani durch ihre extrem kriegerische Kultur, insbesondere durch die Ermordung der ersten fünf SIL-Missionare im Jahr 1956. Etliche tödliche Angriffe auf Siedler und vor allem auf Mitarbeiter der Erdölgesellschaften fanden bis ins beginnende 21. Jahrhundert hinein statt. Neben den Missionaren hatte die seit den 1960er Jahren einsetzende Erdölförderung im gesamten Waoraniland die größten Auswirkungen auf die Lebensweise und den Lebensraum des Volkes.[6]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte, Konquista und Kolonialzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die Vorgeschichte der Waorani, ihre Ethnogenese und die Besiedlungsgeschichte ihres Lebensraumes ist nichts Konkretes bekannt. Ihren Mythen zufolge kamen sie „vor sehr langer Zeit“ (Besiedlung des Amazonasbeckens um 8.–10.000 v. Chr.) aus dem Osten.

Während des weitgehend erfolglosen Vorstoßes der Inka im 15. Jahrhundert in den Oriente Ecuadors übernahmen einige Ethnien ihre Sprache (Quechua) und einige Kulturelemente, während die Waorani Kontakte mieden.[7] Das gleiche gilt für die 1541 mit der Amazonasexpedition von Francisco de Orellana beginnenden sporadischen Versuche der Spanier, in den Oriente vorzudringen. In der darauffolgenden Zeit – bis zur Gründung der Republik Ecuador im Jahr 1830 – gründeten jesuitische Missionare einige Orte am Fuß der Anden. Daraus folgte zwar keine nachhaltige Besiedlung des Umlandes,[8] dennoch entstand ein erhöhter Migrationsdruck, der nach Ansicht des US-amerikanischen Archäologen Donald Lathrap die zurückgezogene Lebensweise der Waorani erklärt (Siedlungen auf Anhöhen fernab der großen Flüsse: schlechtere Böden, jedoch bessere Feinderkennung und Fluchtmöglichkeiten; häufige Verlagerung der Siedlungen).[9] Auch die sehr hohe Gewaltbereitschaft ihrer Kriegerkultur wird auf den seit der Konquista kontinuierlich gestiegenen Migrationsdruck zurückgeführt.[10]

1830 bis 1955: Zunehmende Konfrontationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch nach der Unabhängigkeit Ecuadors gab es bis 1940 keine staatlich gelenkte Besiedlung des Waoranigebietes. Das Interesse am Oriente war gering und man begnügte sich mit der Zivilisierung und Christianisierung der Indianer im Rahmen der Mission durch die katholische Kirche,[11] die jedoch die Waorani praktisch nicht erreichte.

Die ersten massiven Kontakte mit Fremden fanden in Form zahlreicher blutiger Konflikte während des Kautschukbooms im Zeitraum von 1880 bis 1915 statt: Die Waorani griffen immer wieder in den Sammelgebieten entlang der Flüsse Napo und Curaray an und töteten gnadenlos. Dies führte zu organisierten Hetzjagden auf die Indigenen mit dem Ziel ihrer Vernichtung und Ausrottung. Nach dem Ende des Kautschukbooms gründeten einige ehemalige Kautschuksammler einige Haziendas und Estanzias an den beiden großen Flüssen (heute rund 40 Standorte). Nun wurden die „Aucas“ entführt, versklavt und als Zwangsarbeiter festgehalten.[12] Dennoch gab und gibt es immer wieder Waorani, die sich freiwillig in die Schuldknechtschaft eines Grundherren (Patrón) begeben, um einer Blutfehde zu entgehen oder einfach um ihre Neugier zu befriedigen und Erfahrungen mit den Fremden zu sammeln. Wenn sie der Arbeit überdrüssig werden, flüchten sie – zumeist erfolgreich – zurück in die Wälder.[13]

Zwischen 1920 und 1956 kam es zudem immer wieder zu Zusammenstößen der Waorani mit Goldsuchern und privaten Abenteurern.[14] Ab 1941 sah sich die Regierung durch den Krieg mit Peru – bei dem ca. 40 % des ecuadorianischen Staatsgebietes annektiert wurden – erstmals veranlasst, lenkend in die Besiedlung des Oriente einzugreifen, indem sie ehemalige Militärs im Grenzgebiet ansiedelte und einige Militärposten gründete, die bis heute Bestand haben. Seitdem ist das Militär rund um das Waoranigebiet präsent.[15]

1937 vergibt der Diktator Federico Páez erstmals Erdölförderkonzessionen für den Oriente. Shell del Ecuador Ltda. erhält dabei eine Konzession für 100.000 km². Der kriegerische Widerstand der Waorani war jedoch so heftig, dass die Prospektionsarbeiten in ihrem Gebiet 1950 wieder eingestellt wurden.[16]

Rückzug in die freiwillige Isolation (Taromenane)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird vermutet, dass sich die heute als „Taromenane“ (auch Tarameni oder Taromenga) bezeichneten Lokalgruppen wahrscheinlich zur Zeit des Kautschukbooms von den Waorani abspalteten, um den zunehmenden Konflikten zu entkommen. Sie leben seither irgendwo im Bereich des südlichen Yasuní-Nationalparks. 1992 wurden sie von Ölarbeitern der Firma Petroecuador bei Prospektionsarbeiten und seismischen Untersuchungen entdeckt. Ethnologen gehen davon aus, dass sie sich mittlerweile sprachlich und kulturell von den Waorani unterscheiden.[17]

1955–1982 Evangelikale Missionierung und Migrationsbewegungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „Zivilisierung“ der Waorani begann in den 1950er Jahren auf Betreiben evangelikaler Missionare des US-amerikanischen Summer Institute of Linguistics (SIL), der weltgrößten Missionsgesellschaft und Schwesterorganisation der Wycliff-Bibelübersetzer. Der damalige ecuadorianische Präsident José María Velasco Ibarra setzte auf die von ihm eingeladenen SIL-Missionare, um alle Tieflandvölker in das „ökonomische, zivile und geistliche Leben ihres Vaterlandes auf fruchtbare Weise einzugliedern“. Den Katholiken war dies nicht gelungen.[18]

Die SIL-Missionarin Rachel Saint führte Anfang 1955 linguistische und ethnologische Studien an der Waoranifrau Dayuma durch, die mit drei anderen Mädchen vor stammesinternen Fehden geflohen war und seit geraumer Zeit auf der Hazienda Ila arbeitete. Saint hielt sich für die von Gott einzig Auserwählte, um die Waorani zu evangelisieren. Ihr Bruder Nate und vier weitere junge SIL-Missionare (Jim Elliot, Ed McCully, Peter Fleming und Roger Youderian) wollten ihr jedoch den Ruhm streitig machen und versuchten nahezu unvorbereitet (niemand sprach Wao oder kannte die kulturellen Eigenarten der Waorani) eine Gruppe zu kontaktieren. Am 3. Januar 1956 errichteten sie am Fluss Curaray ein Lager. Soweit sich rekonstruieren lässt, kam es bald zum Kontakt, bei dem es jedoch von Anfang an zu verschiedenen Missverständnissen kam, die die Waorani irritierten. Als diese am 8. September bemerkten, dass die Fremden Gewehre im Sand versteckt hatten, wurden die Amerikaner von den Waorani mit Lanzen getötet.[19] Das Ereignis wurde später als „Massaker von Palm Beach“ weltberühmt und mehrfach verfilmt.

Trotz dieses Ereignisses setzten Jim Elliots Witwe Elisabeth Elliot und Nate Saints Schwester Rachel ihre missionarischen Bemühungen fort. Saint sah es als göttliches Zeichen an, dass Dayuma zufällig der Waoranigruppe angehörte, die das Massaker verübt hatte. Sie nutzte Dayuma nun als Sprachlehrerin und Vermittlerin für den ersten erfolgreichen Kontakt, der 1958 stattfand.[20]

Zur gleichen Zeit begann aufgrund einer Dürreperiode in anderen Landesteilen eine zunehmende Migration verarmter Städter und landloser Bauern (zumeist Kichwa oder Shuar) in den Oriente.[21] Diese Entwicklung sowie die Erfolge des SIL veranlassten die Regierung Anfang der 1960er zu einem ersten Landnahmeprogramm „zur sofortigen Eroberung des ecuadorianischen Amazonasgebietes“, das jedoch nur sehr verhalten anlief.[22]

1969 erlaubte der Staat dem SIL die Gründung eines 1.600 km² großen sogenannten „Missionsprotektorates“ (Tehueno) im Südwesten des Waoranigebietes. Zeitlich fiel diese Erlaubnis mit diversen Angriffen der Waorani auf Ölprospektoren zusammen.[23] Die anschließenden Bestrebungen von Rachel Saint und Dayuma (die in zunehmendem Maße Eigeninitiative ergriff) zur Umsiedlung der Guikitairi-Waorani waren ungewöhnlich erfolgreich.[24]

Bis zur Mitte der 1970er Jahre schottete sich das Protektorat zunehmend von der Außenwelt ab, um die Indianer vor „den Krankheiten der gottlosen Welt“ zu beschützen. Saint und Dayuma „regierten“ darin wie Herrscher, die jegliche Kontakte missionsfremder Personen mit den Waorani unterbanden.[25] Viele Indianer wollten dies jedoch selbst bestimmen und verließen daraufhin das „Missionsgefängnis“. Sie gründeten einige neue Siedlungen im ursprünglichen Waoranigebiet.[26]

1971–1978 kam es zu Zwangsumsiedlungen aus einigen Dörfern (im Wirkungsbereich der Ölkonzerne) ins Protektorat, wo nunmehr 80–90 % der westlichen Waorani lebten[27]. Die hohe Besiedlungsdichte im kleinen Protektorat führte zu einem drastischen Rückgang der Beutetiere und Nahrungspflanzen, so dass eine Hungersnot entstand.[28] Unter anderem prangerte der deutsche Biologe und Ethnologe Erwin Patzelt diese Umstände vor dem ecuadorianischen Kabinett an, so dass es 1978 zu einem Verbot der Zwangsumsiedlung, der Gründung des nationalen Institutes zur Kolonisierung des Amazonas-Tieflandes (INCRAE) und der erstmaligen formalen Anerkennung der dort lebenden Ethnien kam.[29]

Schließlich wurde das SIL auf Antrag verschiedener indigener Organisationen und einer zunehmend antiamerikanischen Haltung Ecuadors 1982 des Landes verwiesen.[30] Nichtsdestotrotz blieben viele Missionare vor Ort und führten ihre Arbeit im Namen anderer protestantischer Organisationen fort. Das aufgelöste Missionsprotektorat (bzw. aufgrund eines Rechenfehlers nur 667 km² davon) wurde 1983 zum ersten offiziell anerkannten Waorani-Reservat.[31]

Seit 1963: Erdölförderung und Kulturwandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oriente-Indianer vor einer der typischen Erdgasfackeln an einem Erdölbohrloch

1963 vergab die damalige Militär-Chunta erneut Ölförderkonzessionen für ein Gebiet von insgesamt 14.000 km² im Oriente. Davon betroffen waren auch große Teile des Waoranigebietes. 1967 begann die Förderung durch die beiden US-Firmen Texaco und Gulf nördlich des Río Napo.[32] 1967 bis 1973 suchte die Fa. Anglo Ecuadorian Oilfields auch im Wao-Gebiet nach Öllagerstätten. Die lärmintensiven seismischen Untersuchungen brachten die Waorani in Bedrängnis und es kam wie 30 Jahre zuvor zu etlichen Angriffen mit Toten auf Seiten der Ölarbeiter. Die anschließenden Erkundungsbohrungen waren bei drei von zehn potentiellen Lagerstätten positiv und die Firmen waren entschlossen, trotz der drohenden Gewalt mit der Förderung zu beginnen.

Seit Ende der 1960er Jahre vollzog sich zwischen der von Texaco gebauten Pipelinestraße Vía Tiguino (damals „Vía Auca“ genannte Straße von Puerto Francisco de Orellana am Napo nach Süden) und den bestehenden Missionsstationen eine rasante und großräumige Besiedlung durch rund 5.000 Kolonisten aus allen Teilen des Landes mit massiven Konsequenzen in den okkupierten Indianergebieten: Bis 1990 kam es zur unkontrollierten Ansiedlung von Holz-, Agrar- und Tourismusunternehmen mit erheblichen Zerstörungen in den Regenwaldgebieten auf 350 km² des nordwestlichen Waoranilandes. Viele Gebiete sind hier bereits bis auf den Fels erodiert. Zudem entstanden erhebliche soziale Probleme wie steigende Kriminalität, Alkoholismus und zunehmende Krankheiten unter den Indigenen durch die Umweltverschmutzung in Folge der Ölförderung und bislang unbekannte Ansteckungskrankheiten.[33]

Während dieser Zeit nahmen einerseits etliche weitere Erdölkonzerne ihre Arbeit auf und andererseits stieß die Erdölförderung im Oriente aus verschiedenen Gründen international auf zunehmende Kritik. Auslöser war insbesondere die Ölkatastrophe im nördlichen Amazonastiefland Ecuadors, bei der zwischen 1964 und 1992 über 60.000 t Ölrückstände und über 55.000 t Rohöl in die Umwelt gelangten.[34] Vor diesem Hintergrund wurde 1990 die ONHAE („Organización de la Nacionalidad Waorani de la Amazonia Ecuatoriana“) als zentrales politisches Organ der Waorani anerkannt und das bestehende Waorani-Territorium wurde sehr großzügig auf ein Drittel ihres einstigen Lebensraumes vergrößert[35][36] 2001 wurde das Territoriums im Nordwesten nochmals um 290 km² auf insgesamt fast 8.100 km² vergrößert. 2007 wurde die ONHAE in „Nacionalidad Waorani del Ecuador“ (NAWE) umbenannt.

Rückzug in die freiwillige Isolation (Tagaeri)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1965 kam es erneut zu einer Abspaltung einer Waoranigruppe, die sich in die Isolation zurückzog. Aufgrund einer Bluttat innerhalb einer Familie, die aus Streitigkeiten über den Umgang mit vordringenden Missionaren, Siedlern und Soldaten entstand, trennte sich Taga, der Sohn eines von Soldaten erschossenen Anführers, mit 12 bis 15 Leuten vom Rest seiner Sippe. Diese Lokalgruppe wird heute „Tagaeri“ genannt.[37] Beim Rückzug in den Urwald schlossen sich noch etliche verstreute Waorani der Gruppe an.[38]

Konflikte mit den isolierten Gruppen (Tagaeri-Taromenane)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1999 wurden ca. 7.000 km² im Südteil des Yasuní-Nationalparks sowie einigen Teilen des nördlich angrenzenden Waorani-Territoriums zur „Verbotszone“ deklariert, die nur mit einer besonderen Genehmigung betreten werden darf („Zona intangible Tagaeri Taromenane“ – ZITT). Nach einem Dekret des damaligen Präsidenten soll dort zudem jegliche Förderung von Bodenschätzen ausgeschlossen sein. Bestehende Ölförderkonzessionen wurden gesperrt.[39] Zu Anfang blieb es jedoch bei Absichtserklärungen.

2003 kam es zu einem Massaker an 15–30 Stammesmitgliedern der Taromenane durch andere Waorani, die in die ZITT eindrangen. Der Vorfall wurde nie richtig aufgeklärt und die bekannten Täter wurden nicht strafrechtlich verfolgt. Möglicherweise haben Holzfäller, die dort illegal Holz schlagen wollten, die Waorani angestachelt, um in Ruhe arbeiten zu können.[40] Dieser und weitere Vorfälle schürten das Interesse der Weltöffentlichkeit, so dass sich auch die Vereinten Nationen damit befassten.

Auf Druck der UN kam es ab 2007 zu diversen Maßnahmen im Zusammenhang mit der ZITT: Das Gebiet wurde nunmehr auf einer Größe von 7.580 km² offiziell eingegrenzt. Am Ende der Vía Tiguiono wurde eine Kontrollstation an der ZITT-Grenze eingerichtet. Die innerhalb der Grenzen ansässigen (zivilisierten) Waorani-Gemeinschaften wurden vertraglich eingebunden. Ein neues Gremium überwachte die Umsetzung der Schutzmaßnahmen. 2008 wurde die Anerkennung der territorialen Rückzugsgebiete der isolierten Völker und ihre selbstbestimmte Lebensweise und Isolation unter Verpflichtung von Schutzmaßnahmen als Artikel 57 in die neue ecuadorianische Verfassung aufgenommen. Die Verletzung ihrer Rechte gilt seitdem als Straftat und Ethnozid.[41]

Trotz der ZITT konnte die Gewalttaten nicht vollkommen eingedämmt werden: 2009 tötete eine isolierte Gruppe eine Siedlerfamilie am Rande der Verbotszone und für 2013 wurden zwei weitere blutige Auseinandersetzungen zwischen kontaktierten und isolierten Gruppen der Waorani dokumentiert. Dabei wurden 18 bis 30 Taromenane in der ZITT getötet und zwei junge Mädchen entführt.

Aufgrund der Isolation der Tagaeri-Taromenane ist eine strafrechtliche Verfolgung solcher Taten extrem schwierig oder wird von den zuständigen polizeilichen oder militärischen Kräften gar nicht erst eingeleitet.

Yasuní-ITT-Initiative[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Yasuní-ITT-Initiative
Ecuadorianische Politiker in der Yasuní-ITT-Initiative am 15.09.2010

2007 schlug Präsident Rafael Correa der UN-Vollversammlung einen ungewöhnlichen Deal vor: Gegen Zahlung eines internationalen solidarischen Ausgleichsbetrages von 3,6 Mrd. Dollar durch die internationale Staatengemeinschaft würde Ecuador auf die Ausbeutung des Ölfeldes Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT) im nördlichen Yasuní-Nationalpark (außerhalb der Tagaeri-Taromenane Verbotszone) verzichten, um die Umwelt und die indigenen Ethnien zu schützen. Dort wurden 20–40 % der ecuadorianischen Ölreserven im Wert von 7,2 Mrd. Dollar. vermutet. Dieser Vorschlag geht auf eine Idee der NRO Yasuni-ITT-Initiative zurück. Mehrere Länder (darunter auch Deutschland) hatten ihre Zustimmung signalisiert. Der neue Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel nahm die Zusage wieder zurück und ignorierte jegliche Aufrufe zu dem Thema.[42]

Trotz weltweitem Zuspruch von Umweltschützern und Menschenrechtlern musste Correa die Initiative 2013 für gescheitert erklären, denn es kam nicht einmal ein Bruchteil des Ausgleichsbetrages zusammen. Noch im gleichen Jahr darauf beschloss das Parlament die Freigabe der Erdölförderung.[42]

Im September 2016 wurde die erste Ölplattform im ITT eröffnet. Die gewonnene tägliche Menge an Rohöl liege bei 23.000 Barrel, bis 2022 sollen es 300.000 Barrel sein.

Isolierte Gruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

NAWE-Funktionärin Alicia Cahuiya setzt sich öffentlich für den Schutz der Tagaeri-Taromenane ein (18.05.2015)

In den meisten Veröffentlichungen werden alle isolierten Völker Ecuadors zusammenfassend als „Tagaeri-Taromenane“ bezeichnet. Streng genommen sind dies allerdings lediglich die beiden Familiengruppen, deren Existenz bekannt ist. Es ist nicht auszuschließen, das im Grenzgebiet zu Peru noch weitere isolierte Gruppen vorkommen,[43] etwa die Huiñatare und Oñamenane.

Für dei Tagaeri-Taromenane werden folgende Bevölkerungszahlen angenommen:

  • 50 Tagaeri (1990)[44]
  • 300 Taromenane[45]

Es ist allerdings möglich, dass die Tagaeri um die Jahrtausendwende aufgrund vielfacher gewalttätiger Konflikte mittlerweile nicht mehr existieren. Es wird spekuliert, dass sich die Überlebenden den Taromenane angeschlossen haben.

Über die Taromenane ist relativ wenig bekannt, da es aufgrund ihrer Selbstisolation und Ablehnung friedlicher Beziehungen mit Außenstehenden und ihren lediglich vereinzelten Kontakten und in der Regel von Gewalt geprägten Zusammenstößen mit kontaktierten Waorani, Ölarbeitern, Holzfällern und anderen außenstehenden Akteuren bislang kaum Informationen über sie gibt. Neben der Tatsache ihrer Existenz basieren Mutmaßungen zu ihrer Personenanzahl, Geschichte und Lebenswelt vielmehr auf spekulativen Annahmen als auf fundierten Fakten. Ethnologen mutmaßen, dass es sich bei den Taromenane um ein den Waorani kulturell nahestehendes und ethnisch verwandtes, aber eigenständiges Volk mit spezifischen Charakteristika und eigenem Territorium handelt, das aus mindestens drei Lokalgruppen mit jeweils vermutlich um die 50 bis maximal 100 Personen besteht (= insg. 150–300 Personen), die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in ihrer materiellen Kultur, Sprache und Lebensweise mit den Waorani aufweisen.[46]

Obgleich einige blutige Auseinandersetzungen zwischen isolierten und sesshaften Gruppen bekannt sind, setzen sich die Funktionäre der politischen Waorani-Vertretung NAWE („Nacionalidad Waorani del Ecuador“) für die nachhaltige Sicherung der Schutzzone ein. Sie wissen, dass sie ihr riesiges Territorium und etliche Vorrechte gegenüber anderen Oriente-Ethnien vor allem der Existenz der sehr kleinen lokalen Gemeinschaften ihrer kriegerischen Verwandten verdanken, die weltweit im medienwirksamen Focus von Menschenrechtlern und anderen Nichtregierungsorganisationen stehen.[47]

Entwicklungen und Tendenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kulturwandel bei den Waorani wird vor allem von drei Faktoren bestimmt: Von den Aktivitäten der Missionare, der Erdölförderung und der politischen Eigeninitiative.

Mission[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts betätigt sich die katholische Mission (zuerst Jesuiten, 1922 Josefiner, 1953 Kapuziner) sporadisch im Waogebiet. Ihre Ausrichtung wird durch das Zitat des Bischofs von Coca ersichtlich:

„Sie brauchen keine Gottesdienste. Sie brauchen Zuneigung, Gerechtigkeit und Land. Jesus wird schon zur rechten Zeit kommen. […] Wir brauchen eine schrittweise und sorgfältig vorbereitete Annäherung. […] Es gilt weder Eroberungen zu machen noch zu bekehren.“

Alejandro Labaca Ugarte: Die Huaorani auf den Wegen ins neue Jahrtausend.[48]

Weitaus aggressiver und folgenschwerer war die Tätigkeit des US-amerikanischen Summer Institute of Linguistics (span.: Instituto Lingüístico de Verano), dessen Missionare 1992 von Präsident Ibarra mit weitreichenden Privilegien ausgestattet wurden (Finanzhilfen, Visa für SIL-Angehörige, Steuerbefreiungen, Konzessionen für den Luftverkehr im Oriente, Genehmigung zur Aussendung von Funk- und Radiowellen u.ä.). Diese evangelikale Organisation hat eine fundamentalistisch-konservative Ideologie mit provinzieller, puritanischer Tradition. Die Kultur der Waorani gilt ihnen (u.a. wegen ihrer Nacktheit und sexueller Freizügigkeit) als „Personifizierung des Teufels“, aus der die Indigenen nur mit Hilfe von Gott, der Bibel und wirtschaftlichem Erfolg durch Arbeit entrinnen können.[49]

Bis auf das Massaker von Palm Beach und die Ermordung des ersten Waorani-Missionars Toña zeigten die Bestrebungen der SIL-Missionare messbare Erfolge: In den ersten 15 Jahren des SIL [bis etwa 1975] sank die Zahl der Gewalt-Todesfälle um 60 % u. der jährliche Bevölkerungszuwachs stieg um mehr als 100 % [50]. Ursache war die Unterbrechung der Jahrzehnte andauernden, blutigen intertribalen Fehden. Die Mission organisierte eine vorbildliche Gesundheitsfürsorge (Vozandes-Krankenhaus in Shell-Mera), etablierte die Schulbildung für die Indigenen und sorgte für Mobilität (SIL-Fluggesellschaft „Alas de Socorro“). Darüber hinaus ist die evangelikale Ideologie, die kapitalistischen Werten zuspricht, grundsätzlich hilfreich bei der Eingliederung in die moderne Welt.[51]

Was die Christen jedoch als beispiellosen Bekehrungserfolg werten,[52] wird indes von vielen Ethnologen als einzig mögliche Flucht aus der kritischen Gewaltspirale intertribaler Konflikte interpretiert, die zu einem Genozid zu führen drohten.[53] Dabei wird der Waoranifrau Dayuma eine besonders wichtige Rolle zugeschrieben: Sie hatte aufgrund ihrer besonderen Entwicklung unter den Fremden bei den Waorani ein hohes Prestige erlangt. Bis dahin wurden alle Außenstehenden als Cowore (Kannibalen) bezeichnet, die man töten müsse, um nicht selbst getötet und verspeist zu werden. Daher waren sie überrascht, dass es Dayuma (und zwei weiteren Waorani-Mädchen) gelungen war, so lange Zeit unter ihnen zu überleben und überdies Freiheit und Zugriff auf begehrte Zivilisationsgüter erlangt zu haben. Dies eröffnete ihrem Volk eine völlig neue Perspektive.

Obwohl die Missionare bis heute erhebliche Anstrengungen unternehmen, den christlichen Glauben geschickt zu vermitteln (etwa durch das Neuvertexten der traditionellen – unmoralischen und vulgären – Lieder mit christlichen Inhalten; mehrtägige „Kirchentage“ in den Siedlungen mit biblischen Filmen, Taufen usw.; monatelange Internierung Jugendlicher in Internaten in anderen Regionen Ecuadors; Auswendiglernen von Bibelversen; amerikanische Lehrer; nur noch spanisch sprechen; attraktive Belohnungen für Lernerfolge) kam es nicht zu einer tatsächlichen Christianisierung. Die biblischen Inhalte werden nicht ernst genommen, christliche Moralvorstellungen nicht anerkannt, Gottesdienste nur spärlich besucht und Kirchen verwahrlosen.[54]

Wie verschiedene Beobachtungen zeigen, nennen sich die meisten Waorani heute aus pragmatischen Gründen Christen, da dies Vorteile gegenüber der „Außenwelt“ mit sich bringt. Tatsächlich wurden Gott und Jesus nur als zusätzliche Geister ihren spirituellen Vorstellungen hinzugefügt. Gott steht dabei als zweiter – häufig weniger mächtiger – Gott neben Waengongi, dem traditionellen Schöpfergott. Die Missionare hatten von Anfang an versucht, Waengongi mit dem Christengott gleichzusetzen.[55][56] Daher lautete die Übersetzung der Bibel („Das Wort Gottes“) auf Wao tededo auch „Waengonguï nänö Apaenegaïnö“ („Das Wort Waengongis“)

In der Außenwirkung der evangelikalen Mission wird dem SIL der Vorwurf gemacht, sich mit dieser Form der Befriedung der Indianer zum Handlanger US-amerikanischer Interessen und Wegbereiter für die Erdölkonzerne gemacht zu haben.[57]

Folgen der Ölförderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit öligen Rückständen aus Formationswasser gefüllte, ungesicherte Produktionsgrube im Regenwald

Die erheblichsten Folgen der Erdölförderung entstanden zwischen 1967 und 1992 im Bereich der Vía Tiguino im Rahmen der Exploration durch die Firma Texaco, die in dieser Zeit maßgeblich an der Ölkatastrophe im nördlichen Amazonastiefland Ecuadors beteiligt war. Noch heute ist die 120 km lange, von Pipelines gesäumte Piste von klebrigen Ölrückständen überzogen, die absichtlich gegen den Staub und im Sinne einer kostengünstigen Entsorgung aufgebracht wurden. Immer noch kommt es zu Leckagen an den Pipelines (im Schnitt mehr als ein Leck pro Woche) und zu explodierenden ehemaligen Bohrlöchern (durch den Gasdruck aus den darunterliegenden Kammern), die von Texaco unzureichend versiegelt worden waren. 1993 ereignete sich der größte derartige Unfall: Bohrloch „Cononaco 19“ explodierte und führte zu einem Großfeuer. 1996 explodierte ein Bohrloch in der Nähe der Waorani-Siedlungen Wamuno u. Quihuaro.[58] Entlang der Straße findet man heute verstärkte Gesundheitsprobleme bei der Bevölkerung sowie Alkoholismus und Prostitution.

Obwohl auch andernorts Unfälle und Folgeerscheinungen der Ölförderung – wie folgt – zu beklagen sind, blieb das Territorium der Waorani auf die Gesamtfläche bezogen bis heute weitestgehend verschont.[59]

  • 2 Ölunfälle im Mai 2012: Geplatztes Ventil im Ölfeld Cononaco: 10 Barrel Rohöl laufen in den Fluss und vergiften das Wasser dreier Flüsse. Im Yasuní erkranken einige Tagaeri-Taromenane an vergifteten Fischen. Zudem ein Leitungsbruch mit 2.000 Gallonen Diesel, die in den Rio Tihuino fließen
  • Einleitung der toxischen Gemische aus Öl, Wasser, Formationswasser, Säuren, Laugen und Salzen, die beim Bohren, Reinigen und Trennen entsteht, ins nächste Gewässer oder in der Nähe in 500 qm große, unpräparierte Produktionsgruben – sogenannte Piscinas („Schwimmbecken“).[60]
  • Boden und Gewässervergiftung mit krebserregendem Benzol im Umfeld der Pipelineleckagen, Piscinas und Förderstellen. Dort ist eine Zunahme beziehungsweise erstmaliges Auftreten chronischer Leiden wie Hautausschlägen, Magen- u. Darmerkrankungen, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Allergien, Konzentrationsstörungen, Abgeschlagenheit, Krebs, Kindersterblichkeit, Missbildungen, und Kinderkrankheiten zu verzeichnen[61]
  • Erdgas-Abfackelung an den Bohrlöchern: Jahrzehntelang brennen bis zu 30 Meter hohe Gasfackeln, die über sauren Regen Wellblechdächer zerfressen, Wasser und Böden mit Ruß und den Kohlenwasserstoffen verseuchten, was zu Fischsterben und geringeren Fruchterträgen führt. Außerdem staut sich unter der Rußglocke die Sonnenwärme, die wiederum die Regenhäufigkeit verringert
  • Nicht mehr benötigte Anlagen, Maschinen, Tanks etc. werden im Wald zurückgelassen [62]
  • Um neue Bohrstellen zu erschließen, wurden ganze Dörfer verkauft.

Diese ökologischen und gesundheitlichen Folgen sowie mangelnde politische Kontrolle (Die Ölförderung ist rein profitorientiert und demnach ohne minimale Schutzstandards),[63] Korruption, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen führten zu diversen sozialen Spannungen. Das Territorium der Waorani und ihre indigenen Rechte wurden immer wieder missachtet.[64]

Erdöl im Oriente: Hintergründe und Aussichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Rohöl die Hälfte der ecuadorianischen Exporte ausmacht, ist das Thema hochpolitisch und das Interesse an den Waorani für Politik und Wirtschaft nur zweitrangig. Nur so ist es zu erklären, dass die Regierung die Gefahren herunterspielt und zweifelhafte „Alibi-Maßnahmen“ zur Sanierung durch die beteiligten Firmen toleriert. So haben etwa Trupps von angeheuerten Kolonisten ohne jegliche Schutzmaßnahmen einen halben Meter Erde in die Piscinas geschüttet, die Schadstoffe in den nächsten Fluss geleitet oder in Plastiktüten anderswo im Wald vergraben.[60]

Aufgrund der internationalen Aufmerksamkeit und erheblichen Imageschäden bei den Ölmultis, zeichnen sich seit den 1990er Jahren dennoch Verbesserungen ab: Zufahrtsstraßen sind viel schmaler und frei von Ölrückständen, neue Pipelines verlaufen unterirdisch, Ölschlamm soll von Bakterien zersetzt werden, Verträge, Umwelt- u. Entwicklungspläne zwischen den Firmen und der Bevölkerung werden geschlossen[65] und einige Ölfirmen unterstützen die Waorani in ihrem Konzessionsgebiet finanziell in verschiedener Hinsicht (wenngleich die eingesetzten Summen als viel zu gering kritisiert werden).[66]

Da eine soziale und ökologisch neutrale Ölförderung in Regenwaldregionen nicht möglich ist und da die schwindende Ressource Erdöl vermutlich in Zukunft deutlich an Wert gewinnen wird, ist zu befürchten, dass der positive Trend sich nicht nachhaltig fortsetzen wird.[67]

Bislang führte die Erdölförderung im Amazonastiefland nicht zum erhofften Aufschwung.[64] Beachtenswert im Hinblick auf die Verhältnismäßigkeit der Ölförderung und der davon beeinflussten Indigenen ist auch die Tatsache, dass die 1995 geschätzten 1,4 Mrd. $ Ölreserven im Waorani-Gebiet gerade einmal für 13 Tage US-amerikanischen Autoverkehr ausreichen.[68]

Politische Eigeninitiative[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Waorani besitzen unter allen indigenen Völkern Ecuadors das mit Abstand größte legal anerkannte Territorium. Darüber hinaus genießen sie und die Kichwa am unteren Napo spezielle Wohn- und Nutzungsrechte im 9.823 km² großen Yasuní Nationalpark.[69] Wie in den nordamerikanischen Indianerreservaten verfügen die Indigenen zwar über offizielle Landrechte als Grundeigentümer („Propiedad Comunitaria de la Tierra“), besitzen allerdings letztlich keine umfassenden territorialen Rechte nach ecuadorianischem Recht. Sie haben nur Ansprüche auf die Nutzung der Landoberfläche. Rechte über den Luftraum, die unterirdischen Ressourcen und Ölvorkommen der Region hat nur der ecuadorianische Staat. Daher fordern die Waorani unter dem Motto „Monito Ome Ecuador Quihuemeca“ (Unser Land in Ecuador) seit Jahren vom Staat weitergehende Landrechte, größere Einflussmöglichkeiten und mehr Entscheidungsmacht über ihr Territorium.[70]

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Waorani-Organisationen, die sich für verschiedene Dinge einsetzen. Offiziell als zentrales politisches Organ anerkannt wird jedoch nur die „Nacionalidad Waorani del Ecuador“ (NAWE), die 1990 unter dem damaligen Namen „Organización de la Nacionalidad Waorani de la Amazonia Ecuatoriana“ (ONHAE) gegründet wurde. Eine weitere einflussreiche Vereinigung ist die Frauenorganisation der Waorani „Asociación de Mujeres Waorani de la Amazonia Ecuatoriana“ (AMWAE), die sich durch eigene politische Ziele, Aktivitäten und Projekte von der ONHAE/NAWE abgrenzt.[71]

Allen gemeinsam ist die Forderung einer größeren Autonomie. Dies wird jedoch erheblich erschwert durch die nach wie vor prägende segmentäre Gesellschaftsstruktur. Die Funktionäre der NAWE verfolgen daher schwerpunktmäßig die Interessen ihrer eigenen Sippe und die einzelnen lokalen Gemeinschaften haben alle ihre eigene ethnische Identität und damit verbundene abweichende Vorstellungen.[72]

Religion und Mythologie der „Jaguarleute“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ethnische Religion der Waorani (die zum Kulturareal "Anden-Ostrand" gezählt wird) ist – wie ihre gesamte Kultur – schwer zu fassen, variabel und pragmatisch. Sie erklärt einige Rätsel des Lebens, bleibt dabei jedoch widersprüchlich und uneinheitlich. Traditionell spielt die Religion im Alltag nur eine geringe Rolle. Es gibt weder Moralvorstellungen, die religiös konstituiert sind, noch verbindliche Zeremonien, die jeder Waorani durchführen muss. Zwei (nicht streng gehandhabte) Rituale sollen die Menschen zu Wachstum, Reife und Vermehrung anregen: die Hochzeitszeremonie und das Ohr-Piercing aus dem Holz des Balsabaums, das Verheiratete kennzeichnet.[4]

Waengongi wird der Schöpfergott genannt.[73] Bis zur Missionierung wurde er jedoch weder verehrt noch gefürchtet. Danach wurde er von den Christen mit dem Gott der Bibel gleichgesetzt; von den Waorani jedoch zumeist als traditioneller Hauptgott beibehalten. Die Geisterwelt besteht zum einen aus bösen Geistern (Wene), die von übelwollenden Geisterbeschwörern (Ido) ausgesandt werden, um Tod und Verderben zu bringen; und zum anderen aus den tiergestaltigen Geistern Verstorbener.

Der Jaguar gilt als Bewahrer der spirituellen Welt, während der Hund als sein schärfster Konkurrent und Störer des menschlichen Seelenheiles gilt. Er verkörpert die folgenschweren Veränderungen im Glauben und der gesamten Vorstellungswelt im Zuge des Kulturwandels.[74]

Es gibt verschiedene spirituelle Spezialisten, die unter dem Einfluss der psychedelischen Droge Ayahuasca glauben, Kontakt zur Geisterwelt aufnehmen zu können: Der vorgenannte Ido schickt auf diese Weise angeblich Krankheit und Tod; während die guten Spezialisten behaupten, sie könnten den Standort der Beute auf spirituellem Wege bestimmen, das Wohl und Wehe von entfernt lebenden Verwandten oder drohende Raubüberfälle voraussagen. Sie nennen sich „Väter“ oder „Mütter“ einer bestimmten Tierart – die in ihnen wohnt – und senden ihre „Kinder“ aus. Das sind die Tiere selbst, zu denen dann eine spirituelle Verbindung aufgenommen wird, um die gewünschten Informationen zu erhalten. Da der Jaguar in der Mythologie der Waorani eine besonders wichtige Rolle spielt, gelten auch „Jaguarvater“ (Menye Waempo) und „Jaguarmutter“ (Menye Baada) als besonders mächtige Vermittler. Wird hingegen jemand beschuldigt, ein Ido zu sein, schwebt er fortan in Gefahr, getötet zu werden.[75]

An erster Stelle drehen sich die religiösen Vorstellungen der Waorani aufgrund ihrer kriegerischen Kultur um den Tod und das Töten. Jeder Todesfall ist für sie Folge einer Gewalttat, die irgendwie durch einen Ido oder einen „Kannibalen“ (Cowore, Fremde) begangen wurde. Sie fühlen sich daher ständig als Opfer und sehen die latente Gefahr als das größte Hindernis für die Freiheit des Handelns und das Recht auf Leben an.[4]

Verstorbene werden – bei korrekt durchgeführtem Ritual – von einem Jaguar geholt, der dann aus dem Leichnam einen Jaguarwelpen entstehen lässt. Ein Mann wird dabei zur Katze, eine Frau zum Kater.[76] Darüber hinaus gibt es auch die Vorstellung eines Paradieses als Ort unbegrenzter Jagdmöglichkeiten[77] (Diese Idee könnte auf christliche Einflüsse zurückgehen).

Das Leben gilt als kontinuierlicher Prozess, dessen Erfolg auf dem harmonischen Zusammenspiel der verschiedenen Lebewesen und Naturelemente beruht. Dieser innige Bezug zur Natur spiegelt sich auch in der Vorstellung von den in Menschen lebenden Tieren (siehe auch Alter Ego > Ethnologie) und im Ursprungsmythos wieder, bei dem der heilige Kapokbaum eine zentrale Stellung einnimmt.[4] Dieser Mythos wird im Gegensatz zu vielen anderen Mythen recht einheitlich erzählt. Im Folgenden eine Zusammenfassung:

Sonne (Naenqui) und Sterne (Nemoidi), die im Himmel (Onae) wohnen, zeugten zwanzig „Stämme“, die anschließend weit voneinander entfernt auf der Erde (Injipoga) lebten und unterschiedliche Sprachen sprachen. Diese „Stämme“ gelten als Menschen in der Gestalt von Tieren. Auf Injipoga wuchs der heilige Kapokbaum, in dem damals ein dämonischer Adler hauste, der alle Tiere fraß, die dem Baum zu nahe kamen. Die Tierstämme wollten diese Gefahr bannen. Dies gelang jedoch erst – nach einigen Fehlversuchen verschiedener Tiere – der Spinne und dem Biber. Die Spinne wob um den schlafenden Adler herum ein Netz und der Biber fällte schließlich den Baum. Der Adler kam dabei ums Leben, doch er verwandelte sich in die Flüsse und den Wald mit allen heutigen Tieren. Gleichzeitig verwandelten sich der Jaguar-Stamm in die Waorani. Aus allen anderen Tierstämmen, die der Adler nicht gefressen hatte, wurden die Feinde der Waorani. Diese zogen ihre Lehre daraus und beschlossen, nie wieder den heiligen Baum zu fällen.[78]

Heute sind 80-90 % der nicht isolierten Waorani offiziell Protestanten und 10-20 % Katholiken.[79] Die alten Vorstellungen existieren jedoch weiterhin – zum Teil vermischt mit christlichen Vorstellungen – und die Geisterbeschwörer agieren im Verborgenen und werden nach wie vor konsultiert.[80] Den Lehren christlichen Religion wird keine große Bedeutung im Leben beigemessen.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anführer der Huaorani

Bei den Huaorani ist es üblich, dass sich Frauen die gesamte Körperbehaarung entfernen.[81] Dazu reiben sie sich die Stellen, an denen sie keine Haare wünschen, mit Asche ein, um die Haare anschließend leichter entfernen zu können. Eine weitere charakteristische Eigenschaft sind die von den Huaorani getragenen Ohr-Piercings aus dem Holz des Balsabaums.

Blutrache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stamm der Huaorani wies eine der höchsten internen Tötungsraten auf, die jemals in einer menschlichen Gesellschaft beobachtet wurde. Gründe dafür waren meist in intratribalen Konflikten zwischen Clans des Stammes zu suchen, die auf einer Tradition der Blutrache basierten. Schätzungen zufolge gingen etwa die Hälfte der Todesfälle unter Huaorani-Männern und ein Drittel der Todesfälle unter Frauen auf intratribale Tötungen zurück. Ebenso aggressiv treten einige Huaorani-Gruppen gegenüber Fremden auf, wobei dieses Verhalten von Beobachtern eher auf historisch bedingte Ängste vor externem Kannibalismus oder Missionierung, aber auch auf aktuellen Ereignissen wie Konflikte mit Holz- oder Ölförderarbeitern zurückgeführt wird. Der Blutrache-Zyklus scheint jedoch durch das Sesshaftwerden gebrochen worden zu sein.

Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sprache der Waorani, das Wao Terero oder Wao Tiriro, ist eine isolierte Sprache.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die letzten Jäger in Ecuador, Deutschland, 2012, 43 Minuten, MDR
  • Durch den Tod versöhnt ("The end of the spear"), USA, 2005, 102 Minuten

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heiko Feser: Die Huaorani auf den Wegen ins neue Jahrtausend. Ethnologische Studien Bd. 35, Institut für Völkerkunde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, veröffentlicht bei LIT Verlag, Münster, 2000
  • Philip Franz Fridolin Gondecki: Wir verteidigen unseren Wald. Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, Online-Version, Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, Veröffentlicht am 22. Januar 2015
  • Erwin Patzelt: Letzte Hoffnung Regenwald. Steiger, Innsbruck 1992, ISBN 3-85423-109-1
  • Stephen Beckerman u.a.: Life histories, blood revenge, and reproductive success among the Waorani of Ecuador. In: PNAS. Band 106, Nr. 20, 2009..
  • Matt Finer u.a.: Ecuador's Yasuni Biosphere Reserve: A Brief History and Conservation Challenges. In: Environmental Resources Letters. Band 4, 2009 (iop.org).
  • Flora Lu: The Common Property Regime of the Huaorani Indians of Ecuador: Implications and Challenges to Conservation. In: Human Ecology. Band 29, Nr. 4, 2001..
  • Laura Rival: Trekking through History. The Huaorani of Amazonian Ecuador. Columbia University Press, New York City 2002, ISBN 0-231-11844-9.
  • Laura Rival: The Growth of Family Trees: Understanding Huaorani Perceptions of the Forest. In: Man. Band 28, Nr. 4, 1993, S. 635–652..

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Waorani – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Feser 2000, S. 81
  2. Feser 2000, S. 34, 395, 444
  3. Gondecki 2015, S. 152
  4. a b c d Richard Barry Lee, Richard Heywood Daly (Hrsg.): The Cambridge encyclopedia of hunters and gatherers. 4. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2010, ISBN 978-0-521-60919-7. S. 101–104.
  5. Feser 2000, S. 44, 48
  6. Feser 2000, S. 260–265
  7. Feser 2000, S. 45
  8. Feser 2000, S. 45
  9. Feser 2000, S. 31
  10. Gondecki 2015, S. 158
  11. Feser 2000, S. 45
  12. Feser 2000, S. 46
  13. Feser 2000, S. 56, 89, 92
  14. Feser 2000, S. 46–47, 56
  15. Feser 2000, S. 47
  16. Gondecki 2015, S. 678
  17. Gondecki 2015, S. 363ff
  18. Feser 2000, S. 151
  19. Feser 2000, S. 154–156
  20. Feser 2000, S. 40, 156
  21. Feser 2000, S. 48
  22. Feser 2000, S. 48
  23. Feser 2000, S. 167
  24. Feser 2000, S. 40
  25. Feser 2000, S. 167
  26. Gondecki 2015, S. 181
  27. Patzelt 1992, S. 15, 157
  28. Feser 2000, S. 166, 175
  29. Patzelt 1992, S. 157
  30. Feser 2000, S. 168
  31. Gondecki 2015, S. 210
  32. Feser 2000, S. 263
  33. Feser 2000, S. 31, 48–49, 135, 144 213, 295–296
  34. Gondecki 2015, S. 267
  35. Feser 2000, S. 68
  36. Gondecki 2015, S. 210
  37. Patzelt 1992, S. 83
  38. Feser 2000, S. 178
  39. Feser 2000, S. 181
  40. Gondecki 2015, S. 178
  41. Gondecki 2015, S. 377
  42. a b Gondecki 2015, S. 489, 704–719.
  43. Gondecki 2015, S. 211–212, 363
  44. Patzelt 1992, S. 9
  45. Gondecki 2015, S. 363 ff.
  46. Gondecki 2015, S. 363ff
  47. Feser 2000, S. 181
  48. Feser 2000, S. 197-198
  49. Feser 2000, S. 151-153
  50. Feser 2000, S. 225
  51. Feser 2000, S. 191-192
  52. Gondecki 2015, S. 179
  53. Feser 2000, S. 64, 225
  54. Feser 2000, S. 196-197, 217-221
  55. Feser 2000, S. 196-197
  56. Gondecki 2015, S. 163
  57. Feser 2000, S. 269
  58. Feser 2000, S. 275
  59. Gondecki 2015, S. 288
  60. a b Feser 2000, S. 266-267
  61. Feser 2000, S. 213
  62. Patzelt 1992, S. 176
  63. Feser 2000, S. 266
  64. a b Gondecki 2015, S. 527
  65. Feser 2000, S. 277
  66. Feser 2000, S. 299
  67. Gondecki 2015, S. 281
  68. Feser 2000, S. 314
  69. Gondecki 2015, S. 210
  70. Gondecki 2015, S. 211
  71. Gondecki 2015, S. 384
  72. Gondecki 2015, S. 161, 312, 548
  73. Gondecki 2015, S. 163
  74. Feser 2000, S. 71
  75. Waorani - Religion and Expressive Culture auf everyculture.com, abgerufen am 18. August 2017.
  76. Feser 2000, S. 70-71
  77. Gondecki 2015, S. 169
  78. „Am Anfang war die Sonne“ in Acción Amazonía/Ron Körber, www.huaorani.de, Die Huaorani. Mythologie, Lebensweise und Probleme eines Amazonas-Volks, abgerufen am 21. August 2017.
  79. Feser 2000, S. 183
  80. Feser 2000, S. 212
  81. http://www.informaworld.com/smpp/content~content=a723915615~db=all