Im Lauf der Zeit

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Filmdaten
Originaltitel Im Lauf der Zeit
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1976
Länge 168 Minuten
Altersfreigabe FSK 6[1]
Stab
Regie Wim Wenders
Drehbuch Wim Wenders
Produktion Wim Wenders
Filmverlag der Autoren
Musik Axel Linstädt
Kamera Robby Müller
Martin Schäfer
Schnitt Peter Przygodda
Besetzung

Im Lauf der Zeit ist ein Roadmovie von Wim Wenders aus dem Jahre 1976. Der Film ist nach Alice in den Städten (1974) und Falsche Bewegung (1975) der dritte Teil der Spielfilm-Trilogie „Road Movie“.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Im Lauf der Zeit“ beginnt mit einem improvisierten Prolog, in dem auf halb dokumentarische Weise ein älterer Herr über die realen Veränderungen aus seinem Leben als ehemaligem Kinomusiker und Noch-Kinobetreiber berichtet. Der Stummfilm sicherte ihm und seiner Frau einst ein Einkommen mit der musikalischen Begleitung zu so berühmten Filmen wie Fritz Lang’sDie Nibelungen“. Der dann flächendeckend eingeführte Lichtton brachte seiner Zunft das unwiderrufliche Ende. Die derzeitige Lage schließlich ermögliche dem kleinen Landkino weder eine gesicherte Gegenwart geschweige denn eine Zukunft. Dass praktisch alle kleinen Lichtspielhäuser – auch die in weniger abgelegenen Regionen – in der Tat schließen mussten, wenn sie nicht irgendwelchen Verleih-Schrott zeigten, war ein Thema jener Zeit, das den Filmemacher Wenders in gewisser Weise selbst betraf.

Im Mittelpunkt der Spielhandlung steht die Beziehung zwischen zwei Männern. Der eine, Bruno, zieht mit seinem Werkstattwagen, einem umgebauten altem MAN-Möbelwagen, dessen Laderaumverkleidung noch immer in Riesenlettern den Schriftzug UMZÜGE trägt, übers Land und repariert Kinoprojektoren. Der andere, Robert, hat sich kürzlich von seiner Frau getrennt und stürzt sich in einer Art Kurzschlussreaktion in rasender selbstmörderischer Fahrt mit seinem VW Käfer in die Elbe. Sie lernen sich kennen und Robert begleitet Bruno auf seiner Reise von einem Landkino zum nächsten. Ihre Reise führt sie an der Elbe entlang der damaligen deutsch-deutschen Grenze nach Süden, meist über einsame Nebenstraßen.[2]

Beide Protagonisten, einsam, introvertiert und in ihren Beziehungen zu Frauen gescheitert, sehnen sich nichtsdestoweniger nach weiblicher Gesellschaft. Über das Thema Frauen können sie sich nicht verständigen und es herrscht zumeist Sprachlosigkeit. Und so geht es in diesem Film auch um das Miteinander-Kommunizieren, nicht nur zwischen den wortkargen Hauptdarstellern und deren latent und anhaltend spürbarem Kommunikations-Problem. Die kurze Bekanntschaft zwischen Bruno und einer Kinokassiererin, die es ihm angetan hat, erweist sich – beiderseits von unausgesprochenen Sehnsüchten bestimmt, aber wie zum Trotz der Einsamkeit verpflichtet – als hoffnungslos schwierig. Robert hingegen versucht immer wieder jemand anzurufen, wenn ein Telefon greifbar ist, legt aber nach dem Wählen der Nummer gleich wieder auf. Erst am Ende der Reise ist er bereit, zuzugeben, dass es dabei um seine Frau geht. Auf einer kurzen Fahrt in seine familiäre Vergangenheit sucht Robert seinen alten, allein lebenden Vater auf, verbittet sich aber jedes Wort. Schließlich habe der Vater weder ihn noch die Mutter je zu Wort kommen lassen, und jetzt solle er gefälligst einmal zuhören. Aber dann findet der Sohn selbst keine Worte. Schweigend begibt er sich an die Setzmaschine und erstellt über Nacht ein Extrablatt nur für seinen Vater. Die Schlagzeile in großen Lettern lautet: „Wie eine Frau achten können“ - ohne Fragezeichen.

Wiederkehrende Szenen sind Roberts Blick in zufällig herumliegende Regionalzeitungen, was den Zusammenhang mit seinem Vater als Verleger einer ebensolchen und vom Niedergang betroffenen Zeitung erklärt. Ein anderes wiederkehrendes Thema: der Eisenbahnverkehr. Fahrende Züge im Personennah- und -fernverkehr und beschrankte Bahnübergänge werden in Szene gesetzt. In einer Parallelfahrt von Möbelwagen und Schienenbus sehen sich die Protagonisten zum letzten Mal.

Ein anderes Thema ist die Amerikanisierung des deutschen Lebens. Nicht zufällig antwortet Robert auf Brunos Anekdote, dass er einmal während eines Streits mit einer Frau die Melodie des Elvis-Presley-Songs Mean Woman Blues im Ohr hatte und ihm anschließend die Bedeutung der Textzeile „I got a woman, mean as she can be“ bewusst wurde: „Die Amerikaner haben unser Unterbewusstsein kolonialisiert“.

Auch die deutsche Teilung kommt zum Zug. In einer Nacht endet eine Irrfahrt an dem Schild Halt Hier Grenze und in einem verwaisten amerikanischen Beobachtungsstand. Aus der Ferne sind Hundegebell und sogar einzelne Feuerstöße aus Richtung des hell erleuchteten Todesstreifens zu hören. Die Hütte erweist sich aber nicht nur als symbolischer Ort geteilter Länder und fremder Mächte, sondern auch als Nachtquartier, Schlüsselszene des Films und Schauplatz einer alkoholgeschwängerten, längst überfälligen „Aussprache“ der beiden Protagonisten in Form einer handfesten Schlägerei. Und zum Ort der Teilung, des Abschieds auf persönlicher Ebene, mit dem vagen Versprechen auf das Ende aller ziellosen Reisebewegungen, auf einen Neuanfang. Am folgenden Morgen entdeckt Bruno einen Zettel mit der Notiz: „Es muss alles anders werden. So long. R.“

Im Epilog schließt sich der Kreis zum einleitenden Thema des Films – Wenders lässt eine Kinobesitzerin alten Schlags über den Film als „Kunst des Sehens“ philosophieren, was in ein abschließendes Resümee über den Zustand des Kinos im Westen Deutschlands Mitte der 1970er Jahre mündet: „So wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr, als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist.“

In der Schlussszene gleitet die Kamera über Bruno, der in seinem betagten Möbelwagen papierne Gegenwartspläne langsam in kleine Stücke zerteilt. Schwebt weiter über den weiß gestrichenen leeren Schaukasten eines Lichtspieltheaters mit dem metaphorischen Namen „Weiße Wand“, von dessen Neonschrift über dem Eingangsportal nur noch einzelne Buchstaben funktionieren: „WW – e, n, d“ wie „Weiße Wand“ (oder „Wim Wenders“) – „end“.

Produktion und Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herstellungskosten beliefen sich auf 730.800 DM. Finanziert wurde der Film mit einer Drehbuchprämie des Bundesinnenministeriums in Höhe von 250.000 DM, dem Lizenzvorverkauf an die ARD (200.000 DM), einer Verleihgarantie (50.000 DM), Versicherungsleistungen (53.000 DM) und Eigenleistungen und Rückstellungen im Wert von 177.800 DM.[3]

Der in Schwarzweiß und mit Originalton gedrehte Film nutzt das Breitwand-Format im Verhältnis 1:1,66, was passend zum Thema des Films auch im Eingangstitel erwähnt wird. In 11 Wochen Drehzeit (1. Juli bis 31. Oktober 1975) wurden 49.000 Meter Negativmaterial von Kodak (Plus-X und Four-X) verdreht, geschnitten und kopiert auf Orwo Positiv mit einer Länge von 4.760 Metern. Die Kamera war eine ARRI 35 BL mit integriertem Ton;[3] von wenigen Nahaufnahmen abgesehen, war sie durchgehend mit einem von Zeiss neu herausgebrachten lichtstarken 28 mm-Weitwinkelobjektiv bestückt, dessen hohe Schärfe sich in Testaufnahmen jedoch als unpassend erwies und mit Diffusionsfiltern abgemildert wurde. Die ansonsten spartanisch ausgestattete Aufnahmetechnik bestand aus einer Schiene für eine lediglich 10 m kurze Kamerafahrt nebst „Dolly“, Stativ und Schwenkarm sowie ein „Praktikabel“ getauftes Gestell vor dem Möbelwagen für Kamera und Beleuchtung für Frontal-Aufnahmen der Kabine während der Fahrt. Der überwiegende Teil der Nachtszenen entstand im Day-for-Night-Verfahren bei schrägstehendem Sonnenlicht, starken Rotfiltern und Unterbelichtung des Negativmaterials. Ein häufig eingesetztes Stilmittel ist die Wischblende zur zeitlich gestreckten Verbindung unterschiedlicher Szenen, wie beispielsweise die sich drehende Filmrolle im Vorführraum im Übergang zu den rollenden Rädern des Möbelwagens auf der Landstraße.[4]

Die Songs, die in Brunos tragbarem Single-Plattenspieler gespielt werden, sind The more I see you von Chris Montez, Just like Eddy von Heinz und King of the Road von Roger Miller. Auf der Kirmes läuft So long von Crispian St. Peters.

Der bei der ersten FSK-Prüfung am 17. Februar 1976[5] ab 18 Jahren eingestufte Film ist seit einer erneuten FSK-Prüfung am 1. August 2005 ab 6 Jahren freigegeben.[1]

In seinem Dokumentarfilm Weiße Wände (1995) begab sich der Regisseur Mike Schlömer 20 Jahre später entlang der verschwundenen innerdeutschen Grenze auf die Suche nach den Kinos zwischen Lüneburg und Hof, in denen Wim Wenders seinen Film drehte.[6]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Wim Wenders’ Film vereint die bestechende Klarheit und epische Gelassenheit eines klassischen Bildungsromans mit den mythischen Qualitäten amerikanischer Genrefilme. Weit hinausgehend über die behutsam entwickelte Geschichte einer Männerfreundschaft, zieht der Film eine Bilanz der Welterfahrungsmöglichkeiten Mitte der 70er Jahre und entwirft neue und eigenständige Visionen von Traditionsverlust und Entfremdung. Unaufdringlich formuliert er die Notwendigkeit von Veränderung und erprobt Möglichkeiten des Neubeginns - in einem handwerklich perfekten Inszenierungsstil, der Raum läßt für die Entfaltung der Figuren, Gedanken und Landschaften.“

Lexikons des Internationalen Films[7]

„Bewegungen, verwirrend schöne und suggestive Bildabläufe, Kompositionen von großer Poesie und technischer Perfektion machen den besonderen Reiz dieses dreistündigen Schwarzweißfilms aus. […] Szenen im nächtlichen Nebel, in der Dämmerung morgens und abends, Tiefenschärfen, Blenden, irisierende Effekte in der Zusammenwirkung von Filtern, Tages- und Kunstlicht, Totalen schließlich, als seien da ganze Landschaften ausgeleuchtet worden: formale Qualitäten, die immer zugleich die doppelte Bedeutung dieses Unterwegsseins bezeichnen, das Nirgendwo dieser Reise, den Zwischenbereich jenseits üblicher Realitätsbezüge. Die handwerkliche Virtuosität von „Im Lauf der Zeit“ wird die Cineasten süchtig machen.“

zeit.de[8]

„Nach Wochen Laufzeit in einem Münchner und einem Berliner Kino ist "Im Lauf der Zeit" noch immer gut besucht, vornehmlich von jüngeren Semestern, die wohl sehen wollen, wie man's macht. […] Schlechte Filme gibt es genug: ich höre nur, daß dieser hier Mode macht, und denke: Um Gottes willen, bloß nicht so! […] Wie anstrengend, Männern zuzusehen, die dauernd so tun, als ob sie "natürlich" sind. Das tut richtig weh. Aus diesem Grund empfehle ich, den Film für Jugendliche unter Dreißig nicht zuzulassen, oder besser, ihn nur Cineasten vorzuführen, die "Im Lauf der Zeit" angeblich "süchtig machen" soll, wie die "Zeit" prophezeit, und bei denen dann auch nicht viel mehr zu verderben ist.“

spiegel.de[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Freigabebescheinigung für Im Lauf der Zeit. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, August 2005 (PDF; Prüf­nummer: 48 024 V/DVD).
  2. Im Film erwähnte Orte auf der Strecke sind Wolfsburg, Helmstedt, Schöningen, Machtlos, Friedlos, Ostheim vor der Rhön, Haßfurt und Hof
  3. a b Fritz Müller-Scherz(Hrsg.): Im Lauf der Zeit, Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1976 (Der komplette Film in 1256 Standbildern)
  4. In: Im Lauf der Zeit – Audiokommentar von Wim Wenders, Arthaus / Zweitausendeins Edition, 1/1976
  5. filmportal.de
  6. Mario Schrader Kleine Kinos ganz groß. Ein Streifzug durch 100 Jahre Kinogeschichte im Landkreis Helmstedt. BoD, 2009, S. 136 ff. ISBN 978-3839113950
  7. Im Lauf der Zeit. In: Lexikon des internationalen Films. Zweitausendeins, abgerufen am 2. März 2017.
  8. Wolf Donner in Die Zeit vom 5. März 1976
  9. Renate Rasp in Der Spiegel vom 19. April 1976