Lindheim

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Lindheim (Begriffsklärung) aufgeführt.

Koordinaten: 50° 17′ 22″ N, 8° 59′ 7″ O

Lindheim
Gemeinde Altenstadt
Wappen von Lindheim
Höhe: 123 m ü. NHN
Fläche: 6,62 km²[1]
Einwohner: 1844 (31. Dez. 2015)[2]
Bevölkerungsdichte: 279 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 63674
Vorwahl: 06047

Lindheim ist ein Ortsteil von Altenstadt im Wetteraukreis in Hessen, rund 30 km nordöstlich von Frankfurt am Main.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lindheim liegt am Rande der Wetterau am Zusammenfluss zwischen Nidder und Seemenbach. Die letzten Basaltausläufer des Vogelsberges, Glauberg und des Enzheimer Köpfchens reichen bis an den Ort heran. Nach Frankfurt sind es in südwestlicher Richtung ca. 25 km, nach Hanau in südlicher Richtung ca. 20 km und nach Gießen in nördlicher Richtung ca. 60 km.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urkundlich wurde der Ort Lindheim erstmals am 20. März 930 als Lintheim erwähnt.[3] Wahrscheinlich wurde er aber schon im 7. Jahrhundert durch freie fränkische Bauern gegründet. Am rechten Nidderufer gab es eine Wasserburg (Rundling), woher der Name des zentralen Dorfplatzes „Alte Burg“ herrührt. Noch um 1840 waren Reste der Anlage zu sehen (siehe Burg Lindheim).

Am linken Nidderufer wurde Anfang des 14. Jahrhunderts Neu-Lindheim gegründet. Durch zwei Gräben, einem Wall und einer Steinmauer geschützt sind heute nur noch zwei Türme von dieser Anlage erhalten: der Hexenturm und der von der Kirche getrennt stehende Kirchturm.

Von Beginn an hatte das neue Lindheim eine rechtliche Sonderstellung, da es ein reichsunmittelbares Freigericht war und damit als Stadt angesehen wurde. Regiert wurde der Ort von Angehörigen ritterlicher Familien, den sogenannten „Ganerben“. Selbstständige Pfarrei wurde Lindheim ab 1358. Der heutige Kirchenbau entstand allerdings schon viel früher. Er diente ursprünglich als eine Art Versammlungsraum der Ganerben und galt viele Jahre als Rittersaal.

1415 wird zum ersten Mal ein Lindheimer Bürgermeister genannt und ein Stadtsiegel erwähnt, dass die gestufte Linde als Symbol trug.

Kirche in Lindheim, rechts der Kirchturm mit Schlüsselscharten, das Kirchenschiff enthält Reste der Burg Lindheim.
Schloss Lindheim von Osten, Kupferstich eines unbekannten Künstlers, 1755

Raubrittertum der Ganerben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 15. Jahrhundert verarmte der ritterliche Adel und die Ganerben fingen an die reichen Messekaufleute aus Frankfurt zu überfallen. Die Stadt Frankfurt versuchte daraufhin in den Jahren 1470, 1485 und 1491 Lindheim zu zerstören, scheiterte allerdings an den Mauern des Ortes. Zweimal erreichte der deutsche Kaiser einen Friedensschluss. Die Macht des ritterlichen Adels endete allerdings erst im Jahr 1523, als Landgraf Philipp von Hessen den Führer des westdeutschen Adelsverbandes Franz von Sickingen besiegte. Durch ihn wurden die Straßen in der Wetterau schließlich sicher.

Reformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 16. Jahrhundert schloss sich auch Lindheim der Reformation an. Ab 1562 waren offiziell evangelische Pfarrer in Lindheim tätig.

Vor dem Dreißigjährigen Krieg gab es zwischen 450 und 500 Einwohner. Es waren etwa 70 bürgerliche Familien, Angehörige der jüdischen Gemeinde, die zu den ältesten Judengemeinden in der Wetterau gehörte und Angehörige des Adels. Es gab sowohl katholische als auch evangelische Familien, so dass der Ort von keiner Seite geschont wurde. Durch Brände wurde er 1623 und 1627 weitgehend zerstört. Im sogenannten „Hessenkrieg“ wurde Lindheim von hessen-darmstädtischen Truppen eingenommen und so unterdrückt, dass der Ort im April 1645 fast keine Einwohner mehr hatte.

Hexenverfolgung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Lindheim gab es 24 Hexenprozesse von 1598 bis 1664. Die meisten Opfer der Hexenverfolgung starben 1663 und 1664.[4] Anna Kraft, genannt „Pompanna“ war die erste Frau, die der Hexerei angeklagt und zum Tode verurteilt wurde. Unter Folter gab sie weitere Namen von angeblichen Hexen an, so dass auch Elsa Reunick und Anna Schmied zusammen mit ihr 1634 hingerichtet wurden. Die Leichen wurden anschließend verbrannt. Auseinandersetzungen wegen zu hoch empfundenen Steuern gab es nach dem Krieg zwischen den Ganerben und den Lindheimer Bürgern, weshalb ein Oberschultheiß, Georg Ludwig Geis, 1662 ernannt wurde. Der damalige Pfarrer Hölker machte durch seine Aufzeichnungen deutlich, was für ein Mensch Geis war: er hatte u.a. im Krieg eigenhändig einen katholischen Priester erhängt, versucht eine Lindheimerin zu vergewaltigen und Ehebruch betrieben. Nun war dieser Mann für Festnahme von der Hexerei Verdächtigen zuständig und er ging dieser Aufgabe gewissenhaft nach. Derjenige, der eine solche Person anzeigte, bekam eine Belohnung, bei falscher Anzeige musste er 20 Taler Strafe zahlen, was selten der Fall war, da in der Regel verdächtige Personen durch Folter zu Geständnissen erpresst wurden. Verdächtige wurden in das gefürchtete Hexenbuch eingetragen, wodurch auch Nicht-Lindheimer verfolgt werden konnten. Geis bereicherte sich nun an den Verurteilten, da sie enteignet wurden und er einen Großteil des Gutes unterschlug. Ein Handlanger Geis war ein Weber namens Andreas Krieger, der grausam allen Beschuldigungen nachging und die Folterungen durchführte. Selbst vor den Leichen der Gerichteten machte er nicht Halt und trieb durch den Leichnam des enthaupteten Heinrich Leschier zusätzlich einen Pfahl, wie es in einer Klage vom 26. September 1665 heißt. In den Jahren 1663 und 1664 erreichten die Hexenverfolgungen in Lindheim ihren Höhepunkt. Wie viele Menschen gefoltert und hingerichtet wurden oder geflohen sind, ist heute nicht mehr feststellbar.

Wolfgang Adolf von Carben machte dem Morden ein Ende, indem er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ritterrates der wetterauischen Reichsritterschaft und Friedberger Burggraf den Lindheimer Ganerben befahl Geis abzusetzen, was im März 1664 geschah. Der Legende nach soll Geis im Teufelsgraben vom Pferd gestürzt sein, sich dabei das Genick gebrochen haben und seitdem als Dogge mit glühender Kette dort spuken. Man geht allerdings davon aus, dass er anscheinend unversehrt in seinen Heimatort Selters (Ortenberg) zurückkehrte.

Am renovierten Hexenturm erinnert heute eine Gedenktafel an die Opfer der „Schreckensjahre von Lindheim“.

Kirche und Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die Kirche unter dem Dreißigjährigen Krieg sehr gelitten hatte, setzte eine Besinnung ein, in der das Gotteshaus restauriert und ausgeschmückt sowie 1670 eine neue Orgel angeschafft wurde. Ein Organist musste angestellt werden, der auch gleichzeitig die Lehrerstelle übernahm. Schon 1712 wurde ein neues Instrument angeschafft, das größer und besser war. Weitere Orgeln folgten 1802 und 1878. Die heutige und inzwischen sechste Orgel stammt aus dem Jahre 1973. Der Kirchturm erhielt 1764–1766 seine heutige barocke Haube, anstelle der alten gotischen Turmspitze.

Nachdem 1563 die erste Schule begründet wurde, verfügte diese im 18. Jahrhundert über zwei Schulgebäude, so dass eine weitere Lehrkraft nötig wurde. Auch die jüdische Gemeinde hatte eine Schule. 1788 kam eine besondere Mädchenschule hinzu, die als Vorläufer der 1888 gegründeten Haushaltungsschule gelten kann.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1806 erlosch durch ein Dekret Napoleons die rechtliche Sonderstellung der reichsritterschaftlichen Herrschaften. Lindheim wurde dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt zugeteilt. Damit sank die Stadt Lindheim auf den Stand eines Dorfes zurück, in dem sich ein adliges Schloss und ein Gutshof befanden.

Der technische Fortschritt hielt auch in Lindheim Einzug:

Ende des 19. Jahrhunderts dehnte sich der Ort entlang der Straße nach Altenstadt immer mehr aus und erreichte die alte Siedlungsstätte wieder, die im 14. Jahrhundert verlassen wurde.

Das Lindheimer Schloss brannte 1928 bis auf die Grundmauern nieder, da die Feuerwehr damals keine Möglichkeiten besaß, den Brand zu löschen.

Im Dritten Reich wurde auch Lindheim von den Nationalsozialisten beherrscht. Die jüdische Gemeinde löste sich auf, und nur noch ein Judenfriedhof zwischen Lindheim und Heegheim erinnert heute noch an die lange Tradition der jüdischen Gemeinde.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches übernahmen wieder die Sozialdemokraten die Mehrheit.

Am 31. Dezember 1971 wurde Lindheim in die Gemeinde Altenstadt eingegliedert.[5] Für Lindheim wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher eingerichtet.

Die Einwohnerzahl stieg von ca. 630 im Jahr 1910 auf nunmehr rund 1.800 Einwohner.[6] Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten, die in Lindheim eine neue Heimat fanden.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. November 1967 wurde der Gemeinde Lindheim im damaligen Landkreis Büdingen ein Wappen mit folgender Blasonierung verliehen: In Silber über einer beiderseits mit einem Turm abschließenden roten Zinnenmauer eine gestufte grüne Linde.[7]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 1800 machten zwei Pfarrer aus Lindheim von sich reden: Vater und Sohn Horst. Als Kenner der orientalischen Sprachen und Verfasser einer Anzahl lateinischer und hebräischer Abhandlungen, erhielt der Kaspar Horst nie die erhoffte Professur an der Gießener Landesuniversität. Erst seinem Sohn und Nachfolger Georg Konrad Horst, ab 1797 im Pfarramt, wurde im Jahre 1824 die Ehrendoktorwürde der Theologie an der Universität Gießen verliehen. 1817 verließ er die Pfarrstelle, um sich intensiver seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Unter seinen zahlreichen Schriften ist insbesondere seine zweibändige „Dämonomagie“ von 1817/18 zu erwähnen, in der er erstmals die Lindheimer Hexenprozesse eingehend behandelt.

Ein weiterer Schriftsteller war Rudolf Oeser, der von 1835 bis 1859 als Pfarrer in Lindheim tätig war. Unter dem Pseudonym O. Glaubrecht (Oeser, glaube recht!) veröffentlichte er 1842 die „Schreckensjahre von Lindheim“, in denen er eigene und die Forschungen von Horst in eine volkstümliche Erzählung umsetzte. Ein weiteres Werk erschien 1859 („Das Volk und seine Treiber“), in dem er die Geschichte eines Lindheimer Bauernhofes und den Einfluss, den eine Judenfamilie darauf gewann, darstellt. Dieses Buch gab dem Antisemitismus der ländlichen Bevölkerung erheblichen Auftrieb. Heute erinnert eine Gedenktafel am Pfarrhaus von Lindheim an ihn.

Aber auch ein Bekämpfer des Antisemitismus lebte im 19. Jahrhundert in Lindheim: Leopold von Sacher-Masoch. Durch seine zweite Frau Hulda Meister wurde Lindheim zu seiner Heimat. Er führte den Antisemitismus in erster Linie auf die Unwissenheit der Menschen zurück, weshalb er 1893 den „Oberhessischen Verein für Volksbildung“ gründete. Er starb 1895, so dass sein Werk nicht zu Ende geführt werden konnte. Wegen seiner pessimistischen Werke prägte der Psychiater Krafft-Ebing den Begriff „Masochismus“.

Karl Ernst Demandt brachte 1981 schließlich die „Schreckensjahre“ von Oeser neu heraus und stellte in seiner „Lindheimer Chronik“ die Geschichte dieses Ortes lebendig dar. Als Oberarchivrat am Hessischen Staatsarchiv Marburg gab er auch Grundlagenwerke zur Geschichte Hessens heraus. Demandt wurde 1988 Ehrenbürger der Gemeinde.

Der großherzöglich-hessische Landtagsabgeordnete Richard Westernacher (Nationalliberale Partei) starb in Lindheim und der hessische Landtagsabgeordnete Richard Westernacher (CDU) wurde dort geboren und verstarb ebenso in Lindheim.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vulkanradweg beginnt in Höchst und führt über Altenstadt, Lindheim und Enzheim weiter über die ehemalige Bahnstrecke von Stockheim nach Lauterbach (Hessen). Heute ist der Vulkanradweg Teil des BahnRadwegs Hessen, der auf ehemaligen Bahntrassen ca. 250 km durch den Vogelsberg und die Rhön führt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Ernst Demandt: Die Lindheimer Chronik, Schriften der Altenstädter Gesellschaft für Geschichte und Kultur e.V., 1975

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Lindheim, Wetteraukreis“. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 15. Dezember 2014)
  2. Gemeindeverwaltung Altenstadt – Einwohner nach Ortsteilen, abgerufen im April 2016.
  3. Ernst Friedrich Johann Dronke, Cod. dipl. Fuld., S. 313, Nr. 677.
  4. Namen der Opfer der Hexenprozesse/ Hexenverfolgung von Lindheim (PDF; 121 KB), abgerufen am 9. Mai 2016.
  5. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 352.
  6. Altenstadt: Einwohner nach Ortsteilen (Memento vom 19. Oktober 2007 im Internet Archive)
  7. Genehmigung eines Wappens durch den Hessischen Minister des Innern vom 10. November 1967 (StAnz. S. 1477) Seite 5 der tif-Datei 4,86 MB

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]