Mücken-Händelwurz

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Mücken-Händelwurz
Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea)

Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea)

Systematik
Familie: Orchideen (Orchidaceae)
Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Untertribus: Orchidinae
Gattung: Händelwurzen (Gymnadenia)
Art: Mücken-Händelwurz
Wissenschaftlicher Name
Gymnadenia conopsea
(L.) R.Br.

Die Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), auch Langsporn-Händelwurz, Fliegen-Händelwurz oder Große Händelwurz genannt, ist eine Pflanzenart, die zur Gattung Händelwurzen (Gymnadenia) innerhalb der Familie der Orchideen (Orchidaceae) gehört.

Beschreibung und Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration aus Nordens Flora
Blüten mit nektargefülltem Sporn

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mücken-Händelwurz ist eine ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 30 bis 80 Zentimetern. Die Knollen dieses Knollen-Geophyten sind dick, abgeplattet, zweispaltig, mit handförmig geteilten, kurzen Lappen. Es liegt eine endotrophe Mykorrhiza vom Orchideen-Typ vor.

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blütezeit ist Mai bis Juli. In einem Blütenstand stehen viele Blüten zusammen. Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und dreizählig. Die mehr oder weniger stark duftenden Blüten sind rosafarben bis dunkelpurpurrot. Typisch für die Blüte ist die dreilappige Lippe (Labellum) und der fadenförmige, abwärts gebogene Sporn, der 10 bis 20 Millimeter lang und länger als der Fruchtknoten ist. Durch den langen Sporn ist die Art leicht von den ähnlich aussehenden Knabenkraut-Arten zu unterscheiden. Der von den Blüten reichlich abgesonderte Nektar ist im Gegenlicht sichtbar. Da der Eingang des Sporns weniger als 1 Millimeter offen steht, ist der Nektar nur Schmetterlingen zugänglich, und zwar sowohl Tagfaltern wie auch Nachtfaltern. Die häufigsten Bestäuber sind der Kleine Weinschwärmer (Deilephila porcellus), das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum) (Sphingidae), die Gammaeule (Autographa gamma), die Messingeule (Diachrysia chrysitis) und die Hausmutter (Noctua pronuba) (Noctuidae). Die Pollinien sind von kleinen Beutelchen bedeckt. Der schmale, nackte Klebkörper ist abwärts gerichtet. Der Geruch ist mehr oder weniger angenehm, manchmal fehlt er. An den Tragblättern der Blüten wird reichlich extrafloraler Nektar angeboten und z. B. von Ameisen angenommen.

Die Kapselfrüchte öffnen sich mit Spalten und sind Windstreuer. Der Fruchtansatz ist hoch, im Durchschnitt um 73 %. Die winzigen Samen breiten sich als Körnchenflieger aus; ihr Gewicht beträgt nur 0,008 mg. Es sind mehrere Tausend Samen pro Kapselfrucht vorhanden. Die Fruchtreife erfolgt ab August.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 40 oder 80.[1]

Lockstoffe und Bestäuber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

gaschromatographisch wurden 45 flüchtige Aromastoffe erkannt, die Schmetterlinge anlockten, von denen 37 Arten bestimmt werden konnten.[2] Als aktive Lockstoffe wurden Essigsäurebenzylester, Eugenol und Benzoesäurebenzylester identifiziert.[2] Duft der Mücken-Händelwurz, im Verbreitungsgebiet von Wohlriechende Händelwurz ausgebracht, konnte keine Bestäuber für die Mücken-Händelwurz anlocken.[2] Im Tag-Nacht-Rhythmus gaben die Blüten unterschiedliche Lockaromen ab.[2]

Vorkommen und Gefährdung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet von Gymnadenia conopsea reicht von Europa bis Japan.[3] In Europa ist sie vor allem im nördlichen Europa verbreitet. Sie kommt in Mitteleuropa im Tiefland nur vereinzelt vor, und sie fehlt auf Sand und über Silikatgestein gebietsweise. Sonst tritt sie in Mitteleuropa zerstreut auf, und sie kommt an ihren Standorten zuweilen in größeren Beständen vor. In Österreich kommt die Mücken-Händelwurz mäßig häufig in allen Bundesländern vor.

In Teilen des Verbreitungsgebietes gilt die Mücken-Händelwurz als gefährdet und wurde daher in die Rote Liste aufgenommen, z. B. in Hessen (siehe unter Weblinks).

Die Mücken-Händelwurz gedeiht am besten auf kalkhaltigen oder basenreichen, stickstoffarmen Lehmböden, die wenigstens zeitweise feucht sein sollten. Als Standort werden Magerrasen, Föhrenwälder, Feucht- und Nasswiesen, Flach- und Quellmoore bevorzugt. Sie besiedelt in Mitteleuropa lichte Laubwälder, Trockenrasen (an Stellen, wo Hangdruckwasser austritt oder dicht unter der Oberfläche sickert), Sumpfwiesen, Quellsümpfe und Flachmoore. Sie steigt in den Alpen bis in Höhenlagen von 2500 Metern auf. In den Allgäuer Alpen steigt sie am Kleinen Rappenkopf in Bayern bis in eine Höhenlage von 2200 Meter auf.[4] Sie gedeiht in Pflanzengesellschaften der Verbände Molinion, Calthion, Mesobromion, Geranion sanguinei, Erico-Pinion, im Hochgebirge auch der Ordnung Seslerietalia.[1]

Taxonomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erstveröffentlichung erfolgte 1753 unter dem Namen (Basionym) Orchis conopsea durch Carl von Linné in Species Plantarum. S. 942. Die Neukombination zu Gymnadenia conopsea (L.) R.Br. wurde 1813 durch Robert Brown in W. T. Aiton: Hortus Kew., Band 5, S. 191 veröffentlicht.[3] Weitere Synonyme für Gymnadenia conopsea (L.) R.Br. s.str. sind: Satyrium conopseum (L.) Wahlenb., Habenaria conopsea (L.) Benth. nom. illeg., Habenaria gymnadenia Druce, Orchis cornopica Mill. orth. var., Orchis ornithis Jacq., Orchis setacea Gilib., Orchis suaveolens Salisb., Orchis peloria Foucault ex Poir., Orchis pseudoconopsea P.E.Parm., Orchis pseudoconopea Gren., Orchis conopea Gras, ×Dactylodenia comigera (Rchb.) Aver., ×Dactylogymnadenia comigera (Rchb.) Rauschert, ×Orchigymnadenia comigera (Rchb.) Asch. & Graebn., Gymnadenia ornithis (Jacq.) Rich., Gymnadenia comigera Rchb., Gymnadenia sibirica Turcz. ex Lindl., Gymnadenia anisoloba Peterm., Gymnadenia wahlenbergii Afzel. ex Rchb. f., Gymnadenia angustifolia Ilse nom. illeg., Gymnadenia ibukiensis Makino, Gymnadenia pseudoconopsea (P.E.Parm.) Rouy, Gymnadenia splendida Dworschak, Gymnadenia vernalis Dworschak, Gymnadenia transsilvanica Schur, Gymnadenia graminea Dworschak, Gymnadenia alpina (Turcz. ex Rchb. f.) Czerep., Gymnadenia densiflora var. candida G.Foelsche & W.Foelsche, Gymnadenia conopsea subsp. comigera (Rchb.) K.Richt., Gymnadenia conopsea subsp. peloria (Foucault ex Poir.) K.Richt., Gymnadenia conopsea subsp. angustifolia (Asch. & Graebn.) Zimm., Gymnadenia conopsea subsp. serotina (Schönh.) Dworschak, Gymnadenia conopsea var. alba Gray, Gymnadenia conopsea var. praecox Schönh., Gymnadenia conopsea var. serotina Schönh., Gymnadenia conopsea var. alpina Turcz. ex Rchb. f., Gymnadenia conopsea var. clavata Rchb. f., Gymnadenia conopsea var. ecalcarata Rchb. f., Gymnadenia conopsea var. inodora Fr. ex Rchb. f., Gymnadenia conopsea var. platyphylla Rchb. f., Gymnadenia conopsea var. sibirica (Turcz. ex Lindl.) Rchb. f., Gymnadenia conopsea var. ussuriensis Regel, Gymnadenia conopsea var. ornithis (Jacq.) Nyman nom. superfl., Gymnadenia conopsea var. crenulata Beck, Gymnadenia conopsea var. leucantha Schur, Gymnadenia conopsea var. albiflora Zapal., Gymnadenia conopsea var. angustifolia Asch. & Graebn., Gymnadenia conopsea var. bieczensis Zapal., Gymnadenia conopsea var. trifida Zapal., Gymnadenia conopsea var. lapponica J.E.Zetterst., Gymnadenia conopsea var. caucasica Schltr., Gymnadenia conopsea var. latifolia Schltr., Gymnadenia conopsea var. flavida Kurt.Wagner, Gymnadenia conopsea var. neglecta Vöth.[3] Es sind keine Subtaxa akzeptiert.

Naturhybriden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gymnadenia conopsea bildet oft Hybriden mit: Gymnadenia odoratissima, Nigritella rhellicani und sehr selten mit Pseudorchis albida[5].

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred A. Fischer, Wolfgang Adler, Karl Oswald: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2005, ISBN 3-85474-140-5.
  • Oskar Angerer, Thomas Muer: Alpenpflanzen (= Ulmer Naturführer). Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2004, ISBN 3-8001-3374-1.
  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korrigierte und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.
  • Hans Joachim Conert (Hrsg.): Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Begründet von Gustav Hegi. 3., völlig neubearbeitete Auflage. Band I. Teil 3: Spermatophyta: Angiospermae: Monocotyledones 1(2). Poaceae (Echte Gräser oder Süßgräser). Parey Buchverlag, Berlin 1998, ISBN 3-8263-2868-X (erschienen in Lieferungen 1979–1998).
  • J. Claessens, J. Kleynen: The flower of the European Orchid – Form and function, Eigenverlag, 2011, ISBN 978-90-9025556-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Stuttgart, Verlag Eugen Ulmer, 2001. Seite 276. ISBN 3-8001-3131-5
  2. a b c d Franz K. Huber, Roman Kaiser, Willi Sauter, Florian P. Schiestl: Floral scent emission and pollinator attraction in two species of Gymnadenia (Orchidaceae). In: Oecologia, Band 142, 2005, S. 564–575, doi:10.1007/s00442-004-1750-9 (PDF).
  3. a b c Rafaël Govaerts (Hrsg.): Gymnadenia conopsea. - World Checklist of Selected Plant Families des Royal Botanic Gardens, Kew. Zuletzt eingesehen am 1. Dezember 2016.
  4. Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 1, Seite 380. IHW-Verlag, Eching bei München, 2001. ISBN 3-930167-50-6
  5. Gymnadenia conopsea x Pseudorchis albida. In: FloraWeb.de.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien