Medizingeschichte (Wissenschaft)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Medizinhistoriker)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt die spezielle Geschichtswissenschaft, die sich mit der Geschichte der Medizin befasst. Zur Geschichte der Medizin selbst siehe Medizingeschichte

Medizingeschichte ist die Bezeichnung für die spezielle Geschichtswissenschaft, die als „Brücke zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft[1] die Geschichte der Medizin erforscht.

Entwicklung der Medizingeschichte in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medizingeschichte verfügt in Deutschland über eine lange Tradition innerhalb der Medizin. Da bis ins 19. Jahrhundert hinein die antiken Texte des Corpus Hippocraticum (dem berühmten Arzt Hippokrates von Kos zugeschrieben) und des Galenos von Pergamon in der medizinischen Lehre gelesen wurden, stellte die Beschäftigung mit der Vergangenheit der Medizin eine Selbstverständlichkeit dar. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Geschichtsschreibung im heutigen Sinne, sondern die Zuordnung von Diagnosen und Therapien zu historischen Autoritäten der Medizin. Im Zuge der Aufklärung etablierte sich auch in der medizingeschichtlichen Auffassung ein Bewusstsein des allgemeinen Fortschritts in der Medizin.[2] Erste umfangreichere medizinhistorische Publikationen entstanden Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts.[3][4] Gegen Ende des 19. Jahrhunderts spezialisierten sich einige Wissenschaftler an medizinischen Fakultäten und praktizierende Ärzte auf die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte. Vereinzelt gab es, wie vertreten in Berlin durch Justus Hecker (1795–1850), auch schon Lehrstühle für das Fach.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte die Medizingeschichte durch die Verdienste von Karl Sudhoff größere Bedeutung und etablierte sich als eigenständiges Fach an den Medizinischen Fakultäten. Die von demselben geleitete Fachzeitschrift (Archiv für Geschichte der Medizin seit 1907, später Sudhoffs Archiv genannt) unterstützte die Fassung als eigene Disziplin zwischen Geschichtswissenschaft und Medizin. Gerade der Hippokratismus der 1920er Jahre, in dem man sich sehr stark auf eine überhöhte Gestalt des Hippokrates berief, um aktuelle Probleme der Medizin zu lösen, führte zu einer stabilen Institutionalisierung der Medizingeschichte.

Einen großen Verlust an Qualität und Führungspersönlichkeiten erlitt die deutsche Medizingeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945, als die führenden deutschen Medizinhistoriker in die USA auswanderten (u. a. Henry E. Sigerist, Owsei Temkin, Ludwig Edelstein, Erwin Heinz Ackerknecht). Die Forschung verlor in Deutschland bis in die 1970er Jahre hinein an Substanz und Kreativität, bis sie durch Impulse aus den geschichtswissenschaftlichen Methodendiskussionen neu angeregt wurde.

Bekannte medizinhistorische Institute in Deutschland sind unter anderem:

  • Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften (Leipzig; das älteste der Welt)[5]
  • Uni Bonn: Medizinhistorisches Institut[6]
  • Uni Mainz: Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin („GTE“)
  • Uni Tübingen: Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
  • Uni Heidelberg: Institut für Geschichte der Medizin

In den letzten Jahren wurden einzelne medizinhistorische Institute in Deutschland geschlossen, mit der Medizinethik institutionell zusammengefasst oder von dieser weitgehend verdrängt. Nur vereinzelt kam es zu Neugründungen, gegen den Trend wurde beispielsweise 2008 (als erstes Institut seit 1987) an der Universität Ulm das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin eingerichtet.[7] In der deutschen Hochschulpolitik ist die Geschichte der Medizin als Kleines Fach eingestuft. Die Arbeitsstelle Kleine Fächer (jetzt an der Universität Mainz) gibt einen Überblick über alle Fachstandorte.[8]

Methodik der Medizingeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Medizingeschichte arbeitet mit historischen und teilweise mit ethnologischen Methoden. Als Quellen stützt sie sich hauptsächlich auf Textquellen wie etwa medizinische Texte aus vergangener Zeit, Krankenakten, Geschichtsschreibung, aber auch Tagebücher, Briefe, literarische Texte, bildliche Darstellungen[9] oder ethnographische Aufzeichnungen und Interviews. Die Untersuchung von menschlichen Überresten und alten Krankheitserregern fällt nicht in das Gebiet der Medizingeschichte, sondern der Paläopathologie.

Als veralteter Ansatz gilt die Fortschrittsgeschichte, die selektiv nach einzelnen Theorien und Praktiken in der Medizin früherer Zeiten sucht, die sich zumindest in ähnlicher Form bis heute behauptet haben.

Ein grundlegendes Prinzip ist die Anerkennung verschiedener Krankheitskonzepte als Teil und Spiegel des jeweiligen kulturellen Kontextes. Damit werden vergangene medizinische Erklärungsmöglichkeiten und Konzepte nicht als falsch gebrandmarkt und am System unserer Zeit gemessen, sondern die Denkweisen anderer Epochen in ihrer jeweils eigenen Logik betrachtet.

Ein grundsätzliches Problem sind retrospektive Diagnosen: So lehnt Karl-Heinz Leven (Universität Freiburg) es grundsätzlich ab, Krankheiten in historischer Zeit mit den in der Gegenwart definierten Krankheiten zu identifizieren, wenn das Krankheitsbild damals nicht bekannt oder nicht anerkannt war. Eine andere Strömung hält ein solches Vorgehen dagegen, analog der Übertragung von soziologischen und kulturwissenschaftlichen Begriffen der Gegenwart auf historische Sachverhalte, in engen Grenzen für sinnvoll und fruchtbar.

Seit 1967[10] gestellte Forderungen an die theorielastige Medizingeschichte, auch das praktisch-therapeutische Handeln zu berücksichtigen, wurden ab 1985, Roy Porters Ansätzen[11] folgend, durch vermehrte Erforschung von Patientengeschichten[12] berücksichtigt, womit der Kranke selbst näher ins Zentrum der Medizingeschichte rückte.[13]

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Medizingeschichte ist heute institutionell zum größten Teil an den medizinischen Fakultäten lokalisiert und hat einen Anteil an der medizinischen Ausbildung. Es finden sich aber auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Institutionen anderer akademischer Fächer, in denen Medizingeschichte oder bestimmte Aspekte der Medizingeschichte bearbeitet werden. So rekrutieren sich auch Medizinhistoriker aus verschiedenen Fachbereichen. Es finden sich zahlreiche Ärzte, aber auch Philosophen, Klassische Philologen, Arabisten, Historiker und Wissenschaftshistoriker unter ihnen, nicht selten auch wissenschaftliche Außenseiter. Häufig verfügen Medizinhistoriker auch über Doppelqualifikationen. Wenn sie aus nicht-medizinischen Fächern stammen, können sie am Medizinstudium teilnehmen, ohne die für die Approbation erforderlichen ärztlichen Prüfungen zu absolvieren, und dann mit einer medizinhistorischen Dissertation den Titel eines Doctor rerum medicarum (im Gegensatz zu dem des Doctor medicinae) erwerben.

Institutionen und Gesellschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tätig sind wissenschaftlich arbeitende Medizinhistoriker meist in universitären Instituten für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, die in den medizinischen Fakultäten untergebracht sind, aber auch in den entsprechenden universitären Instituten der genannten Fächer. Allerdings gibt es auch eine Reihe von außeruniversitären Forschungsinstituten. Darüber hinaus wurden eine Reihe von gelehrten Gesellschaften gegründet, die die Erforschung allgemein der Geschichte der Naturwissenschaften und im Besonderen der Medizin zum Ziel haben und häufig die Publikation wissenschaftlicher Zeitschriften und Publikationsreihen tragen.

Auszeichnungen für Medizinhistoriker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1955 vergibt die von George Sarton und Lawrence Joseph Henderson gegründete History of Science Society (HSS) die George-Sarton-Medaille für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte. Zu den ersten Trägern gehörte der Deutsch-amerikanische Medizinhistoriker Owsei Temkin, der die Auszeichnung im Jahr 1960 erhielt. Mit der renommierten Medaille wurden beispielsweise auch John Farquhar Fulton, Richard Harrison Shryock, Walter Pagel und Gundolf Keil ausgezeichnet.

Museen für Medizingeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein effizientes Mittel, medizinhistorische Zusammenhänge und Forschungsergebnisse einem größeren Publikum zu vermitteln, sind insbesondere naturwissenschaftlich ausgerichtete Museen, von denen manche ausschließlich auf die Medizingeschichte allgemein spezialisiert sind, andere auf einzelne Krankheiten, auf bestimmte Fachgebiete und auf einzelne Personen sowie auf das Krankenhauswesen. [14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Heinz Eulner, Gunter Mann, Gert Preiser, Rolf Winau, Otto Winkelmann (Hrsg.): Medizingeschichte in unserer Zeit. Festschrift Edith Heischkel-Artelt und Walter Artelt. Enke, Stuttgart 1971, ISBN 3-432-01698-0.
  • Norbert Paul, Thomas Schlich: Medizingeschichte. Aufgaben, Probleme, Perspektiven. 1998
  • Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. 7. völlig neu bearbeitete Auflage [als Druck- und E-Book-Version]. Springer, 2013. ISBN 978-3-642-34971-3
  • Heinrich Haeser: Lehrbuch der Geschichte der Medicin. 3. Auflage. Jena 1875–1882
  • August Hirsch: Handbuch der historisch-geographischen Pathologie. [Der Klassiker der globalen geografischen Medizin]. Band 1: Die allgemeinen acuten Infectionskrankheiten. Ferdinand Enke Verlag, 2. vollständig neue Bearbeitung, Stuttgart 1881.
    • Online lesen: [1]
    • pdf-Download: [2]
  • August Hirsch: Handbuch der historisch-geographischen Pathologie. [Der Klassiker der globalen geografischen Medizin]. Band 3: Die Organkrankheiten. Ferdinand Enke Verlag, 2. vollständig neue Bearbeitung, Stuttgart 1886.
    • Online lesen: [3]
    • pdf-Download: [4]
  • Max Neuburger & Julius Pagel (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der Medizin. Band 1: Altertum und Mittelalter (780 Seiten). Gustav Fischer Verlag, Jena 1902.
    • Online lesen: [5]
    • pdf-Download: [6]
  • Max Neuburger & Julius Pagel (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der Medizin. Band 2: Die neuzeitliche Medizin (980 Seiten). Gustav Fischer Verlag, Jena 1903.
    • Online lesen: [7]
    • pdf-Download: [8]
  • Max Neuburger & Julius Pagel (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der Medizin. Band 3: Geschichte der einzelnen Fachdisziplinen (1168 Seiten). Gustav Fischer Verlag, Jena 1905.
    • Online lesen: [9]
    • pdf-Download: [10]
  • Volker Roelcke: Medizingeschichte: Institutionalisierung - Themenbereiche, Methoden - Theorien - Problemfelder, Aufgaben. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 951–956.
  • Karl Sudhoff: Kurzes Handbuch der Geschichte der Medizin. [3. und 4. Aufl. von J. L. Pagels "Einführung in die Geschichte der Medizin" (1898)]. S. Karger, Berlin 1922.
Lexika der Medizingeschichte
  • Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-015714-4
Geschichte und Bibliographien der Medizingeschichte
  • Marcel H. Bickel: Die Lehrbücher und Gesamtdarstellungen der Geschichte der Medizin 1696–2000. Ein Beitrag zur medizinischen Historiographie. Schwabe, Basel 2007, ISBN 978-3-7965-2246-8
  • Andreas Frewer, Volker Roelcke (Hrsg): Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie. Entwicklungslinien vom 19. ins 20. Jahrhundert. Stuttgart 2001
  • Garrison/Morton: Morton’s medical bibliography: an annotated check-list of texts illustrating the history of medicine, 5. Auflage, Aldershot: Scolar Pr. [u. a.], 1991
Medizingeschichte in der Geschichtsdidaktik

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Medizingeschichte – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Heilkunde – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert Herrlinger: Die Entwicklung des medizinhistorischen Unterrichts an der Julius-Maximilians-Universität. Mitteilungen aus dem Georg Sticker-Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg, Heft 1 (März 1957), S. 1–8; S. 5
  2. Wolfgang U. Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung, Stuttgart 2007, S. 21ff
  3. Daniel Leclerc: Histoire de la médicine. Genf 1696.
  4. John Freind: The history of physics from the time of Galen to the beginning of the 16th century. I–II, London 1725–1726.
  5. Webpräsenz des Karl-Sudhoff-Instituts für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften.
  6. Webpräsenz des Medizinhistorischen Instituts in Bonn.
  7. Bernhard vom Brocke: Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie im Kontext der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, in: Andreas Frewer und Volker Rölke (Hrsg.): Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie: Entwicklungslinien vom 19. ins 20. Jahrhundert, Stuttgart, Steiner 2001, S. 187–212, hier: S. 191.
  8. Seite der Arbeitsstelle Kleine Fächer über die Fachstandorte an deutschen Universitäten
  9. Joseph R. Petrucelli, Albert S. Lyons (Hrsg.): Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Thomas Gosciniak und Herbert Graf, Köln 1980.
  10. Erwin H. Ackerknecht: A plea for a „Behaviorist“ approach in writing the history of medicine. In: Journal of the History of Medicine an Allied Sciences. Band 22, 1967, S. 211–214.
  11. Roy Porter: The patient's view. Doing medical history from below. In: Theory and Society. Band 14, 1985, S. 175–198.
  12. Eberhard Wolff: Perspektiven der Patientengeschichtsschreibung. In: Norbert Paul, Thomas Schlich (Hrsg.): Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven. Frankfurt 1998, S. 311–334.
  13. Marion Maria Ruisinger: Heilen mit dem Messer. Chirurgische Patienten aus der Konsiliarkorrespondenz Lorenz Heisters. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 25, 2006, S. 63–73, hier: S. 63.
  14. Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt: Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie. Band 1, Norddeutschland, ISBN 978-3-7776-2510-2, und Band 2, Süddeutschland, ISBN 978-3-7776-2511-9, Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2015.