Milo Rau

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Milo Rau (* 25. Januar 1977 in Bern) ist ein Schweizer Regisseur, Theaterautor, Journalist, Essayist und Wissenschaftler. Er wurde mit dem Schweizer Theaterpreis 2014 ausgezeichnet.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem Studienaufenthalt an der Sorbonne in Paris setzte Rau in Zürich und Berlin das Studium der Germanistik, Romanistik und Soziologie fort, das er 2002 in Zürich mit einer Arbeit über die Frage der Aufführbarkeit von Heinrich von Kleists Penthesilea abschloss. Es folgte eine Dissertation über die Ästhetik des Reenactments.

Journalistische Tätigkeit für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, seit 2001 hauptsächlich für die Neue Zürcher Zeitung. Er arbeitete unter anderem am Staatsschauspiel Dresden, am Maxim-Gorki-Theater Berlin und am Theaterhaus Gessnerallee Zürich. Zuletzt trat er mit den beiden als Reenactments angelegten Stücken Die letzten Tage der Ceausescus und Hate Radio (über den Genozid in Ruanda)[1] hervor sowie mit der in St. Gallen durchgeführten Aktion City of Change, bei der die Einführung des Stimmrechts für die ausländische Bevölkerung in der Schweiz vorgeschlagen wurde.[2] Das Theater- und Filmprojekt Die letzten Tage der Ceausescus wurde unter anderem für das Berliner Theatertreffen nominiert, ans Festival d’Avignon eingeladen und an den Solothurner Filmtagen für den Prix de Soleure als bester Dokumentarfilm vorgeschlagen.[3] Das Stück Hate Radio wurde ans Berliner Theatertreffen 2012 eingeladen.[4] Im Oktober 2012 wurde in Weimar das ebenfalls als Reenactement angelegte Werk Raus Breiviks Erklärung aufgeführt. In der Aufführung wurde die Ansprache, die der norwegische rechtsextreme Massenmörder Anders Behring Breivik während seines Prozesses gehalten hatte, von der Schauspielerin Sascha Soydan vorgetragen.[5] Im März 2013 kam es bei der Aufführung von Raus Inszenierung Die Moskauer Prozesse, in der unter anderem die Gerichtsverhandlung gegen die Punk-Band Pussy Riot mit realen Akteuren und mit offenem Ausgang szenisch wiederaufgenommen wird, zu einer Razzia durch die russischen Behörden.[6]

In The Civil Wars, 2014 am Theaterspektakel Zürich uraufgeführt, entwerfen vier belgische und französische Schauspieler – ausgehend von der Frage, was junge Europäer dazu treibt, nach Syrien zu reisen, um dort einen Gottesstaat zu errichten – ein tableau vivant der jüngsten Geschichte Europas und der conditio humana im beginnenden 21. Jahrhundert. Das Stück gewann u.a. den Jurypreis beim »Festival Politik im Freien Theater«[7] und wurde als erste ausländische Produktion unter die besten belgischen Inszenierungen des Jahres 2014 gewählt.[8]

The Dark Ages, uraufgeführt 2015, ist der zweite Teil der Europa-Trilogie, die 2014 mit The Civil Wars begann. Fünf Schauspieler aus Bosnien, Deutschland, Russland und Serbien, darunter Valery Tscheplanowa und Manfred Zapatka erzählen, ohne miteinander zu sprechen, ihre Lebensgeschichten in die Kamera, in denen es um Vertreibung und Heimatlosigkeit geht.[9] Der Spiegel schreibt zu diesem Theaterabend: "Rezensieren will man diesen Abend mit diesen Geschichten eigentlich nicht, man will die Geschichten eins zu eins zitieren, vom ersten bis zum letzten Satz, aber weil das natürlich nicht geht, kann man hier nur schreiben: Gehen Sie da hin!"[10]

Das Kongo Tribunal versammelte in der Tradition von Jean-Paul Sartres und Bertrand Russells „Vietnam Tribunal“ in Bukavu – der „Welthauptstadt der Vergewaltigung“ im Ostkongo – und in Berlin – der Stadt der historischen Afrika-Konferenz von 1885 – mehr als 60 Zeugen und Experten. Während sechs Tagen traten kongolesische Regierungs- und Oppositionspolitiker, Militärs und Rebellen, UNO- und Weltbankfunktionäre, große Minenbaufirmen genauso wie einfache kongolesische Bürger, Philosophen, Ökonomen und Juristen vor eine internationale Jury (u. a. mit Saran Kaba Jones, Wolfgang Kaleck, Harald Welzer). Während die Hearings im Ostkongo auf drei lokale Fälle fokussieren, stehen in Berlin die Verwicklung der EU, der Weltbank, der internationalen Gemeinschaft und der multinationalen Unternehmen im Mittelpunkt. „Das ambitionierteste politische Theaterprojekt, das je inszeniert wurde“[11], urteilte die Zeitung THE GUARDIAN. „Ein Wahnsinnsprojekt“, schrieb die ZEIT: „Wo die Politik versagt, hilft nur die Kunst.“[12]

2007 gründete Rau das International Institute of Political Murder (IIPM) zur Produktion und internationalen Verwertung seiner Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme.[13]

Milo Rau lebt in Köln und Südfrankreich.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„All die Herren Hinsichtl und Damen Rücksichtl verändern kein Mü an unserer Welt – und überlassen das Feld den Brachialpopulisten.“[14]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2001 Bolero Short-Story-Preis
  • 2010 Ostschweizer Medienpreis
  • 2012 Einladung ans Berliner Theatertreffen
  • 2014 Dr. Bigler-Preis
  • 2014 Schweizer Theaterpreis
  • 2014 Hörspielpreis der Kriegsblinden
  • 2014 Jurypreis der Theatertriennale "Politik im Freien Theater"
  • 2014 Besondere Auszeichnung des "Festivals des Deutschen Films"
  • 2015 Konstanzer Konzilspreis. Preis für europäische Begegnungen und Dialog
  • 2016 Preis des Internationalen Theaterinstituts[15]
  • 2016 Spezialpreis des "Prix de la Critique de Théâtre et de Danse"[16]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2016 Five Easy Pieces, Uraufführung 14. Mai 2016, Regie: Milo Rau, Sophiensaele Berlin / Kunstenfestivaldesarts Brüssel
  • 2016 Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Uraufführung 16. Januar 2016, Regie: Milo Rau, Schaubühne am Lehniner Platz
  • 2015 Das Kongo Tribunal, Bukavu-Hearings, Collège Alfajiri, 29.-31. Mai 2015; Berlin-Hearings, Sophiensaele, 26.-28. Juni 2015, Konzept und Regie: Milo Rau (Theater, Film, Buch)
  • 2015 Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland, Uraufführung 8. Mai 2015, Regie: Milo Rau; Ursendung Hörspiel: 9. Mai 2015, WDR (Realisation: Milo Rau)
  • 2015 The Dark Ages, Uraufführung 11. April 2015, Regie: Milo Rau, Residenztheater, München (auch Hörspiel WDR)[17]
  • 2014 The Civil Wars, Beursschouwburg Brüssel / Theaterspektakel Zürich (Theater)
  • 2013/14 Die Berliner Gespräche, Schweizerische Botschaft Berlin (Talkshow)
  • 2013 Die Enthüllung des Realen, Sophiensaele Berlin (Szenische Ausstellung, Buch)
  • 2013 Die Zürcher Prozesse mit Anklage der Weltwoche. Theater am Neumarkt Zürich.[18] (Theater, Film, Buch)
  • 2013 Die Moskauer Prozesse, UA Sacharow-Zentrum Moskau / Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar / Stadttheater Bern (Theater, Film, Ausstellung, Buch)
  • 2012 Breiviks Statement, UA Deutsches Nationaltheater Weimar / Theaterdiscounter Berlin (Theaterperformance)
  • 2011/12 Hate Radio, UA Kunsthaus Bregenz / Memorial Centre Kigali / HAU Berlin (Theaterstück, Film, Ausstellung, Buch im Verbrecher Verlag, Berlin)
    • Für die Hörspielfassung, produziert vom WDR/ORF, haben Milo Rau und die Hörspiel-Regisseurin Milena Kipfmüller 2014 den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhalten
  • 2010/11 City of Change, UA Theater St. Gallen (Theaterperformance, Buch, Film)
  • 2009/10 Die letzten Tage der Ceausescus, UA Teatrul Odeon Bukarest / HAU Berlin (Theaterstück, Film, Buch im Verbrecher Verlag, Berlin)
  • 2007 Montana, Uraufführung Theaterhaus Gessnerallee Zürich/Ballhaus Ost Berlin/auawirleben Festival für zeitgenössisches Theater Bern (Theaterstück)
  • 2006 Out of focus, UA Maxim-Gorki-Theater Berlin/Studio (Performance)
  • 2006 Pornografia, UA Staatsschauspiel Dresden/Kleines Haus (Theaterstück)
  • 2006 Das höchste Glück, UA Junges Theater Bremen (Theaterstück)
  • 2005 Bei Anruf Avantgarde!, UA Sophiensaele Berlin/Theaterhaus Gessnerallee Zürich/FFT Düsseldorf/kampnagel Hamburg (Theaterstück)
  • 2005 Amnesie, UA Theaterdiscounter Berlin (Theaterstück)
  • 2005 Dämonen, UA Hebbel am Ufer Berlin (Theaterstück)
  • 2002 Paranoia Express, UA Autorenfilmtage Thun/Spiez (Spielfilm)

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rolf Bossart (Hrsg.): Althussers Hände. Essays und Kommentare. Verbrecher Verlag. Berlin 2015. ISBN 978-3-95732-087-2
  • Die Zürcher Prozesse/Die Moskauer Prozesse. Verbrecher Verlag. Berlin 2014.
  • Hate Radio. Verbrecher Verlag. Berlin 2014. ISBN 978-3-943167-06-1
  • Rolf Bossart (Hrsg.), mit Beiträgen von Milo Rau u. a.: Die Enthüllung des Realen. Milo Rau und das International Institute of Political Murder. Verlag Theater der Zeit. Berlin 2013. ISBN 3-943881-69-5
  • Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft. Kein & Aber Verlag. Zürich 2013. ISBN 3-0369-5684-0
  • Die letzten Tage der Ceausescus. Verbrecher Verlag. Berlin 2010.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. nachtkritik.de
  2. NZZ; DRS
  3. drs.ch
  4. berlinerfestspiele.de
  5. Breivik als Dilemma der Freitag, 26. Oktober 2012
  6. Razzia bei Pussy-Riot-Theaterstück in Moskau Der Tagesspiegel, 3. März 2013
  7. http://www.politikimfreientheater.de/die-laudatio-der-preisjury/
  8. http://www.theaterfestival.be/2015/selectie
  9. Tim Neshitov: Papa und die Scharfschützen. Und das soll wirklich böse sein? Milo Raus The Dark Ages in München., in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 84, 13. April 2015, ISSN 0174-4917, S. 11.
  10. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/residenztheater-the-dark-ages-von-milo-rau-im-marstall-a-1028171.html
  11. http://www.theguardian.com/world/2015/jul/01/congo-tribunal-berlin-milo-rau-political-theatre
  12. http://www.zeit.de/2015/27/kongo-tribunal-milo-rau-theater
  13. Sieglinde Geisel: Die Erforschung des Ungeheuren. In: Neue Zürcher Zeitung vom 9. Mai 2011.
  14. Tages-Anzeiger
  15. Milo Rau erhält ITI-Preis 2016. Zentrum Bundesrepublik Deutschland des Internationalen Theaterinstituts, 16. Februar 2016, abgerufen am 10. März 2016 (deutsch).
  16. Baudouin Tamines: Les Prix de la Critique Théâtre et Danse. In: www.lesprixdelacritique.be. Abgerufen am 28. Juni 2016.
  17. Mitteilung des Residenztheaters zu The Dark Ages, abgerufen am 17. April 2015.
  18. Die Zürcher Prozesse. In: SRF 1