Neuferchau

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Neuferchau
Stadt Klötze
Wappen von Neuferchau
Koordinaten: 52° 34′ 27″ N, 11° 3′ 50″ O
Höhe: 62 m ü. NHN
Fläche: 9,6 km²[1]
Einwohner: 372 (31. Dez. 2018)[2]
Bevölkerungsdichte: 39 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 2010
Postleitzahl: 38486
Vorwahl: 039008
Neuferchau (Sachsen-Anhalt)
Neuferchau
Neuferchau
Lage von Neuferchau in Sachsen-Anhalt

Neuferchau ist Ortschaft und Ortsteil der Stadt Klötze im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das altmärkische Dorf Neuferchau, ursprünglich ein Kolonistendorf mit Kirche,[1] liegt neun Kilometer südwestlich von Klötze am Nordrand des Naturparkes Drömling. Durch die Ortschaft fließt der Kuseyer Abzugsgraben.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neuferchau ist eine wendische Gründung.[4]

Das Dorf Neuferchau wird im Jahre 1472 erstmals urkundlich erwähnt als dat wüste dorp nyen Ferchou, als Kurfürst Albrecht Achilles Werner und Gebhard von Alvensleben mit verschiedenen Besitzungen belehnte.[5] Es war wüst, also nicht besiedelt. Im Jahre 1506 wird das Dorf Nigenferchou genannt,[6] als Kurfürst Joachim I. und sein Bruder, der Markgraf Albrecbt, die Verpfandung des halben Schlosssees Gardelegen seitens des Dietrich von Alvensleben an seine Vettern Vieke, Albrecht und Gewert genehmigen.[7]

Noch im 17. Jahrhundert war das Dorf wüst. Wilhelm Zahn zitiert aus einem alten Kirchenbuch über die Neugründung von Neuferchau: Neu Ferchau ist 1697 zuerst angebauet von Kersten Hannover aus Jahrstedt, der sich ein Haus errichet, welchem andere successive dergestalt gefolgt sind, dass zur Zeit der Einsegnung der Kirche 1767 27 Grundsitzer alhier gewesen. Das eingegangene Dorf Neuferchau soll einen Kilometer südwestlich von dem jetzigen Dorfe auf den sogenannten Hofwiesen gelegen haben.[7]

Weitere Nennungen sind 1745 Verchau neu und auf einer Karte um 1780 Noberskrug oder Neuen Ferchau[1] und 1804 Neu=Ferchau.[8] Im Urmesstischblatt Röwitz von 1823 steht Neu Ferchau oder Nobers Krug.[1]

Landwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 1697 errichteten 19 Pächter ihre Höfe auf den Ländereien, die dem Gut Köbbelitz zugehörten.

Der Ankauf der Feldmark für 8000 Taler erfolgte am 11. November 1812. Nach Hermes und Weigelt soll der Verkauf des Alvenslebenschen Gutes in Neuferchau an die Grundsitzer 1825 erfolgt sein, die den Acker unter sich verteilt haben.[9]

Der erste wirtschaftliche Aufschwung gelang mit der Kultivierung des Drömlings durch den Rittergutsbesitzer Theodor Hermann Rimpau aus Kunrau, der die Entwässerung und Urbarmachung des Feuchtgebietes seit 1850 betrieb. Auch die Separation 1850 führte durch die Zusammenlegung der kleinen Ackerflächen und eine Neuordnung zu höheren Erträgen. 1883 wurde Neuferchau durch feste Straßen erschlossen. Im Jahr 1889 wurde auf der Bahnstrecke Salzwedel–Oebisfelde der Betrieb aufgenommen.

Bei der Bodenreform wurden 1945 ermittelt: 92 Besitzungen unter 100 ha hatten zusammen 1122 Hektar, die Kirche hatte 3 Hektar, die Gemeinde 2 Hektar. Im Jahre 1948 wurde berichtet, dass 6 Erwerber Land aus der Bodenreform erhalten hatten. Im Jahre 1953 entstand die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft vom Typ III, die LPG „Altmark“. 1960 gab es eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 1134 Hektar, davon hatte die LPG Typ III „Altmark“ mit 216 Mitgliedern 1018 Hektar, die LPG Typ I „Ferchau“ 118 Hektar. Nach 1966 ist die LPG Typ I an die LPG Typ III angeschlossen worden, die 1979 als LPG „Altmark“ zur Tierproduktion übergegangen war.[1] Aus der Tierproduktion LPG „Altmark“ Neuferchau entstand am 30. August 1990 die Produktivgenossenschaft „Altmark“ eG Neuferchau.[10]

Nåberskrôch oder Nobiskrug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Anbauer von Neuferchau namens Hannover wurde Nower genannt. Er betrieb die Gastwirtschaft, sein Gehöft wurde darum Nowerskrog genannt.[7]

Adalbert Kuhn und Wilhelm Schwartz berichten 1848 aus der mündlichen Überlieferung darüber: Der Nåberskrôch, das Dorf Neu-Ferchau, soll davon seinen Namen haben, daß sich hier ursprünglich ein Krüger an der Landstraße nach Magdeburg angebaut und sich zuerst eine Erdhütte eingerichtet hatte, nach und nach soll er aber durch Würfelspiel mit den Fuhrleuten so reich geworden sein, daß er sich ein schönes Gehöft gebaut, worauf sich denn auch andere dort niedergelaßen und das Dorf Neu-Ferchau entstanden sei. Wenn aber nun die Fuhrleute von Lupitz gekommen sind, so haben sie gesagt: »nu willen wî nå'n Nåberskrôch«.[11]

Wilhelm Zahn ist der Meinung, dass dieser Krug nichts mit dem Nobiskrug zu tun hat,[7] über den Kuhn und Schwarz auch berichten: Im Nobiskrug, heißts in der Altmark, kommen wir alle einmal nach dem Tode zusammen, da wird Karte gespielt…

Herkunft des Ortsnamens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name kommt vom altslawischen vrŭhŭ und bedeutet so viel wie „hochgelegener Ort“.[12]

Eingemeindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde Neuferchau wurde am 1. Juli 1950 aus dem Landkreis Salzwedel in den Landkreis Gardelegen umgegliedert. Am 25. Juli 1952 kam sie zum Kreis Klötze. Nach dessen Auflösung am 1. Juli 1994 kam Neuferchau zum Altmarkkreis Salzwedel.[13]

Durch einen Gebietsänderungsvertrag hat der Gemeinderat der Gemeinde Neuferchau am 8. Januar 2009 beschlossen, dass Neuferchau in die Stadt Klötze eingemeindet wird. Dieser Vertrag wurde vom Landkreis als unterer Kommunalaufsichtsbehörde genehmigt und trat am 1. Januar 2010 in Kraft.[14][15]

Nach der Eingemeindung ist Neuferchau Ortsteil und Ortschaft der Stadt Klötze. In Neuferchau wurde ein Ortschaftsrat mit vier Mitgliedern einschließlich Ortsbürgermeister gebildet.

Denkmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Neuferchau (Januar 2012)
Kirche in Neuferchau (Januar 2012)

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr Einwohner
1774 36
1789 158
1798 164
Jahr Einwohner
1801 162
1818 103
1840 272
Jahr Einwohner
1864 406
1871 407
1885 466
Jahr Einwohner
1892 474
1895 542
1900 543
Jahr Einwohner
1905 582
1910 636
1925 673
Jahr Einwohner
1939 583
1946 785
1964 590
Jahr Einwohner
1971 559
1981 451
1993 443
Jahr Einwohner
2006 422
2017 345
2018 372

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die evangelischen Christen der Kirchengemeinde Neuferchau gehörten früher zur Pfarrei Immekath.[16] Heute werden sie betreut vom Pfarrbereich Steimke-Kusey[17] im Kirchenkreis Salzwedel im Propstsprengel Stendal-Magdeburg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bürgermeister[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Letzter Bürgermeister war Gerhard Brüggemann.[18]

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wappen wurde am 18. August 1995 durch das Regierungspräsidium Magdeburg genehmigt.

Blasonierung: „In Silber ein grüner Maulbeerzweig mit zwei roten Früchten; im grünen Schildfuß ein silberner Pflug.“

Die Farben der Gemeinde sind Grün - Silber (Weiß).

Die Hauptfigur des Wappens – der Maulbeerzweig mit Früchten – ist gemeindespezifisch. Im 18. Jahrhundert wurden in Neuferchau über 60 Maulbeerbäume gepflanzt, um durch Seidenraupenzucht einen Broterwerb zu schaffen. Zwei dieser markanten Bäume sind davon erhalten geblieben, sie stehen vor der Kirche und prägen somit das Bild des Ortsmittelpunktes. Die roten Früchte symbolisieren die Fruchtbarkeit der Gemarkung, das sich entfaltende Blatt bedeutet Wachsen und Gedeihen Neuferchaus. Der silberne Pflug im grünen Schildfuß weist auf den Landwirtschaftscharakter des Ortes hin.

Das Wappen wurde von der Magdeburger Heraldikerin Erika Fiedler gestaltet.

Flagge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Flagge ist Grün-Weiß (1:1) gestreift mit dem aufgelegten Gemeindewappen. Die Gemeindeflagge kann die Form der Hissflagge, der Querflagge, der Hängefahne, des Banners und des Wimpels haben.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Durch den Herrn von Alvensleben auf Isenschnibbe wurde im 18. Jahrhundert eine Kollekte für den Bau einer Kirche und einer Schule durchgeführt.
  • Die evangelische Dorfkirche Neuferchau, ein rechteckiger Fachwerksaal aus dem Jahre 1755, wurde am 13. März 1757 eingeweiht.
  • 1744 trat der erste Lehrer seinen Dienst an.
  • 1759 wurde der Friedhof um die Kirche herum angelegt. Dabei wurden 61 Maulbeerbäume gepflanzt. Die Blätter wurden zur Zucht von Seidenraupen verwendet.

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dorf wird ein reges Vereinsleben gepflegt. Der älteste Verein, der Männergesangverein 1863 Neuferchau e. V., existiert seit 1863.

Weitere Vereine:

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dorf wurden nach 1990 die Infrastruktur sowie die meisten Häuser und Höfe saniert. Von den einstmals gepflanzten Maulbeerbäumen, die auch im Wappen der Gemeinde zu finden sind, sind noch zwei erhalten. Im Jahre 1992 wurde eine „Einheitseiche“ anlässlich des ersten Dorffestes gepflanzt.

Die Produktivgenossenschaft „Altmark“ eG Neuferchau hält Jungrinder, betreibt eine Schweinemastanlage und ist auch im Ackerbau tätig, wo wird vorrangig Roggen und Silomais für die eigene Biogasanlage angebaut wird.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Peter P. Rohrlach: Historisches Ortslexikon für die Altmark (Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil XII). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-8305-2235-5, S. 675–677.
  2. Stadt Klötze, Einwohnermeldeamt: Einwohnerbestand am 31.12.2018. 9. Januar 2019.
  3. Sachsen-Anhalt-Viewer des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation (Hinweise)
  4. Wilhelm Zahn: Heimatkunde der Altmark. Nach Hinterlassenschaften des Verfassers bearbeitet von Martin Ehlies. 2. Auflage. Verlag Salzwedeler Wochenblatt, Graphische Anstalt, G.m.b.H., Salzwedel 1928, S. 146.
  5. Adolph Friedrich Riedel: Codex diplomaticus Brandenburgensis: Sammlung der Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellschriften. Hauptteil 1. Hrsg.: Berlin. Band 6, 1846, S. 142 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A10001022_00152~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  6. Adolph Friedrich Riedel: Codex diplomaticus Brandenburgensis: Sammlung der Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellschriften. Hauptteil 1. Hrsg.: Berlin. Band 6, 1846, S. 159 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A10001022_00169~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  7. a b c d Wilhelm Zahn: Die Wüstungen der Altmark. In: Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete. Band 43. Hendel, Halle a.S. 1909, S. 66–168, Nr. 66 und 67..
  8. Friedrich Wilhelm August Bratring: Statistisch-topographische Beschreibung der gesammten Mark Brandenburg. Für Statistiker, Geschäftsmänner, besonders für Kameralisten. Hrsg.: Berlin. Band 1, 1804, S. 373 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A10000735~SZ%3D00395~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  9. J. A. F. Hermes, M. J. Weigelt: Historisch-geographisch-statistisch-topographisches Handbuch vom Regierungsbezirke Magdeburg. Topographischer Teil. Hrsg.: Verlag Heinrichshofen. Band 2, 1842, S. 332 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D~GB%3DHB4_AAAAcAAJ%26pg%3DPA332~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  10. a b Produktivgenossenschaft "Altmark" eG Neuferchau - Chronik. Abgerufen am 25. März 2019.
  11. Adalbert Kuhn, Wilhelm Schwartz: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Leipzig 1848, S. 131–132, Nr. 152 Nåberskrôch (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A10020094_0179~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  12. Johann Dietrich Bödeker: Das Land Brome und der obere Vorsfelder Werder, Geschichte des Raumes an Ohre, Drömling und Kleiner Aller. Braunschweig 1985, ISBN 3-87884-028-4, S. 328
  13. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 01.01.1948 in den neuen Ländern. Metzler-Poeschel, Stuttgart 1995, ISBN 3-8246-0321-7, S. 359, 363.
  14. Amtsblatt des Landkreises Nr. 2/2009 Seite 36–38 (Memento vom 14. November 2012 im Internet Archive) (PDF; 397 kB)
  15. StBA: Gebietsänderungen vom 01. Januar bis 31. Dezember 2010
  16. Pfarr-Almanach oder die evangelischen Geistlichen und Kirchen der Provinz Sachsen der Grafschaften Wernigerode, Rossla und Stolberg. 19. Jahrgang, 1903, ZDB-ID 551010-7, S. 51 (wiki-de.genealogy.net [abgerufen am 25. März 2019]).
  17. Pfarrbereich Steimke-Kusey. Abgerufen am 25. März 2019.
  18. Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, Bürgermeisterwahl am 13. Mai 2007