Steppenraute

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Steppenraute
Steppenraute (Peganum harmala), Blüte

Steppenraute (Peganum harmala), Blüte

Systematik
Rosiden
Eurosiden II
Ordnung: Seifenbaumartige (Sapindales)
Familie: Nitrariaceae
Gattung: Peganum
Art: Steppenraute
Wissenschaftlicher Name
Peganum harmala
L.
Peganum harmala, Früchte und Samen

Die Steppenraute oder Harmelraute (Peganum harmala, im deutschen Sprachraum auch Harmalkraut, Syrische Steppenraute und Afrikanische Raute) ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Nitrariaceae.[1] Sie kommt vor allem in Wüsten, Halbwüsten und Steppen von Westasien bis Nordindien, gelegentlich aber auch im Mittelmeerraum vor. Wegen der in der gesamten Pflanze enthaltenen Harman-Alkaloide sind die sedierend bis narkotisch wirkenden Extrakte daraus mit die ältesten als Halluzinogen und als Heilmittel eingesetzten Pflanzeninhaltsstoffe.[2][3] Der lateinische Gattungsname leitet sich von griechisch peganon ab (Die Farbe des „Peganusischen Marmors“ wurde im 8. und 10./11. Jahrhundert mit der Farbe der Raute verglichen[4]). Dioskurides bezeichnete mit Peganon die Raute (Weinraute) und mit peganon agrion („wildes Peganon“ bzw. „Wilde Raute“) die mit der Raute nicht eng verwandte Harmelraute.[5]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Steppenraute ist eine buschige Staude, die bis 80–100 cm hoch wächst, mit unregelmäßigen, fiederspaltigen Blättern; die Wurzeln sind kurz. Von April bis Mai trägt sie kleine weiße Blüten, woraus kegelförmige Früchte entstehen, die braune, eckige Samen enthalten. Die Samen haben einen intensiven Geruch und schmecken sehr bitter.[3]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Steppenraute kommt ursprünglich in Mauretanien, in Spanien, Italien, in Nordafrika von Marokko bis Ägypten, auf der Arabischen Halbinsel, in Ost- und Südosteuropa und von Westasien und Pakistan bis China und bis zur Mongolei vor.[6]

Inhaltsstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peganum harmala enthält die β-Carboline Harmalin, Harmin, Tetrahydroharmin, verwandte Basen wie Harmalol und Harmidin, sowie die Chinazolinalkaloide Vasicin, Vasicinon und Desoxyvasicin.[7][8] Harmin und Harmalin sind reversible Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer).[9]

Die äußere Schicht der Samen enthält große Mengen Harmin.[10] Die höchsten Harman-Alkaloid-Konzentrationen finden sich in den Samen der Pflanze und wurden in einer Studie mit mindestens 5,9 % (des Trockengewichts) beziffert.[11][3] Die Stängel und Stiele von Peganum harmala enthalten etwa 0,36 % Alkaloide, die Blätter etwa 0,52 %[12] und die Wurzeln bis zu 2,5 %.[13]

Stoffgehalte der Samen:

Traditionelle Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Traditionell im Mittleren Osten und Westasien zur rituellen Verräucherung, Duftzwecken und als Färbemittel für Teppiche und Wolle eingesetzt, finden die Samen auch heute noch vielfach in türkischen und iranischen Kulturkreisen unter dem Namen Üzerlik (Türkisch) bzw. Espand (Persisch) oder auch Spilani (Paschto) als vielfältig einsetzbares Haushaltsmittel Verwendung.[16][17]

Verwendung als Entheogen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Samen der Steppenraute werden über einer Gasflamme verräuchert.
Samen der Steppenraute

Die Samen werden, aufgrund der durch die enthaltenen Harman-Alkaloide eintretende MAO-Hemmung, in der Regel als Teil eines Ayahuasca-Analogs oral konsumiert. Reversible MAO-Hemmer werden benutzt, um die Wirkung psychoaktiver Drogen zu steigern, abzuwandeln oder eine perorale Wirkung erst zu ermöglichen. Seltener sind alternative Konsumarten wie Rauchen, Räuchern oder Vaporisieren vorzufinden. Die Kombination mit Dimethyltryptamin (DMT) aus der südamerikanischen Yagé-Liane oder einheimischer Pflanzen, etwa Schilfrohr und Pfahlrohr, dient religiös-schamanischen und nichtmedizinischen Heilzwecken.[18] Peroral ist DMT ohne zusätzliche Einnahme von reversiblen MAO-Hemmern nicht wirksam. Die Wirkung der Samen mit anderen Drogen ist kaum vorhersehbar und kann unter Umständen gefährlich sein. Die Harman-Alkaloide sind in höherer Dosierung von gewissen unangenehmen Nebenwirkungen begleitet (z. B. Erbrechen).

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben sedativer, antidepressiver, aphrodisierender, harntreibender, verdauungsfördernder und halluzinoger, hat Steppenraute auch eine abtreibende Wirkung.[19][7] Es wird angenommen, dass die abtreibende Wirkung der Pflanze auf Chinazolin-Alkaloide wie Vasicin und Vasicinon zurückzuführen ist, denn es wurde festgestellt, dass diese eine uterusstimulierende Wirkung haben, anscheinend durch die Freisetzung von Prostaglandinen.[20]

Aufgrund der MAO-Hemmung kann durch Mischkonsum mit einer Vielzahl von Drogen und Medikamenten (Alkohol, Ecstasy, Opiate, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, DXM etc.) ein mitunter tödlich verlaufendes Serotonin-Syndrom auftreten.[9] Zahlreiche Medikamente, die mit MAO-Hemmern fatal wechselwirken können, sind unbedingt im Einvernehmen mit dem behandelnden Arzt, mehrere Wochen vor der geplanten Einnahme von Steppenraute abzusetzen. Diätrichtlinien für den gleichzeitigen Konsum von tyrosin- und histaminhaltigen Lebensmitteln mit reversiblen MAO-Hemmern sind eventuell angezeigt.

Rechtsstatus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Steppenraute ist mit wenigen Ausnahmen in nahezu allen Ländern der Welt legal erhältlich. Auch für traditionelle Verwendungszwecke sind die Samen in türkischen und iranischen Lebensmittelgeschäften Europas anzutreffen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Steppenraute (Peganum harmala) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Früher wurde die Steppenraute den Jochblattgewächsen (Zygophyllaceae) zugeordnet.
  2. Wissenschaft-Online-Lexika: Peganum harmala im Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. Abgerufen am 21. Oktober 2013.
  3. a b c Joseph M. DiTomaso, Evelyn A. Healy: Weeds of California and Other Western States. UCANR Publications, 2007, ISBN 1-879906-69-4, S. 1589–1591 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Cyril Mango: The art of the byzantine empire 312–1453. Toronto 1986.
  5. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 20, 51–54 und 212, Anm. 576.
  6. Peganum im Germplasm Resources Information Network (GRIN), USDA, ARS, National Genetic Resources Program. National Germplasm Resources Laboratory, Beltsville, Maryland. Abgerufen am 5. Juni 2017.
  7. a b Jonathan Ott: Pharmahuasca: On Phenethylamines and Potentiation. In: MAPS. Band 6, Nr. 3, (Sommer) 1996, S. 32–34.
  8. N. Tuliaganov, F. S. Sadritdinov, G. A. Suleǐmanova: Pharmacological characteristics of desoxypeganine hydrochloride. In: Farmakologiia i toksikologiia. Band 49, Nr. 3, (Mai/Juni) 1986, S. 37–40, ISSN 0014-8318. PMID 3720932.
  9. a b Edward J. Massaro: Handbook of Neurotoxicology. Humana Press, 2002, ISBN 0-89603-796-7, S. 237 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Peganum genus. www.cdfa.ca.gov. Abgerufen am 2. Februar 2008.
  11. a b c d e Hemmateenejad B, Abbaspour A, Maghami H, Miri R, Panjehshahin MR: Partial least squares-based multivariate spectral calibration method for simultaneous determination of beta-carboline derivatives in Peganum harmala seed extracts. In: Analytica Chimica Acta. 575, Nr. 2, August 2006, S. 290–9. doi:10.1016/j.aca.2006.05.093. PMID 17723604.
  12. Poisons Information Monograph (PIM) für Peganum harmala L., abgerufen am 19. Januar 2008.
  13. Steppenraute (Peganum harmala) im GIFTPFLANZEN.COMpendium – www.giftpflanzen.com. www.giftpflanzen.com. Abgerufen am 9. Oktober 2017.
  14. a b c d Pulpati H, Biradar YS, Rajani M: High-performance thin-layer chromatography densitometric method for the quantification of harmine, harmaline, vasicine, and vasicinone in Peganum harmala. In: Journal of AOAC International. 91, Nr. 5, 2008, S. 1179–85. PMID 18980138.
  15. a b c d Herraiz T, González D, Ancín-Azpilicueta C, Arán VJ, Guillén H: beta-Carboline alkaloids in Peganum harmala and inhibition of human monoamine oxidase (MAO). In: Food and Chemical Toxicology. 48, Nr. 3, März 2010, S. 839–45. doi:10.1016/j.fct.2009.12.019. PMID 20036304.
  16. RECOGNITION AND CONTROL OF AFRICAN RUE IN NEVADA (PDF; 145 kB) Abgerufen am 19. April 2008.
  17. Eintrag Peganum harmala in der Datenbank von Plants for a Future, abgerufen am 1. Juni 2018.
  18. Giorgio Samorini: Peganum Harmala, the “Ayahuasca” of North Africa and Eurasia. In: Kahpi. 1. März 2019, abgerufen am 27. April 2019 (amerikanisches Englisch).
  19. Hamid Reza Monsef, Ali Ghobadi, Mehrdad Iranshahi, Mohammad Abdollahi: Antinociceptive effects of Peganum harmala L. alkaloid extract on mouse formalin test. In: Journal of Pharmacy & Pharmaceutical Sciences. Band 7, Nr. 1, 2004, S. 65–69, PMID 15144736.
  20. Vasicine - an overview | ScienceDirect Topics. Abgerufen am 31. Juli 2019.
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