Peter Brandt (Historiker)

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Peter Brandt

Peter Willy Brandt (* 4. Oktober 1948 in Berlin) ist ein deutscher Historiker und Professor im Ruhestand[1] für Neuere und Neueste Geschichte an der Fernuniversität in Hagen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Brandt wurde als ältester Sohn von Rut und Willy Brandt in Berlin geboren. Seine Brüder sind Lars Brandt und Matthias Brandt, seine ältere Halbschwester Ninja (* 1940) entstammt der ersten Ehe (1941–1948) Willy Brandts mit Carlota Thorkildsen.

Schule, Studium und Promotion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brandt besuchte in Berlin die Schadow-Oberschule.[2] Als seine Familie nach der Ernennung seines Vaters zum Bundesaußenminister und Vizekanzler am 1. Dezember 1966 nach Bonn zog, blieb er als einziges Familienmitglied in Berlin, da er kurz vor dem Abschluss seiner Schullaufbahn stand, die er 1968 mit dem Abitur beendete.

Dem schloss sich ein Studium der Geschichte und der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin an. In seiner Studienzeit war er in der Studentenbewegung politisch aktiv. Hierbei geriet er als Mitglied politisch links ausgerichteter Gruppierungen mehrfach mit den politischen Positionen seines Vaters aneinander. Im Rahmen mehrerer Prozesse 1967 gegen Brandt, unter anderem wegen seiner Beteiligung an ungenehmigten Demonstrationen gegen die Inhaftierung Fritz Teufels, wurden diese Differenzen auch öffentlich.[3][4] In einem dieser Prozesse wurde er, gemeinsam mit Teufel und Rainer Langhans, von Horst Mahler verteidigt.[5] Brandt hegte eine „außergewöhnlich herzliche Sympathie“ für den studentischen Aktivisten Rudi Dutschke, obwohl er zahlreiche seiner Positionen nicht teilte.[6]

Brandt promovierte 1973 an der Freien Universität mit einer Dissertation über den Wiederaufbau der deutschen Arbeiterbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel Bremens.

Berufliche Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1973 bis 1975 und von 1986 bis 1989 war Peter Brandt neben seiner Forschungstätigkeit Lehrbeauftragter und freier Publizist.

In der Zwischenzeit war Peter Brandt von 1975 bis 1986 Wissenschaftlicher Assistent bzw. Hochschulassistent bei Reinhard Rürup am Institut für Geschichtswissenschaft der Technischen Universität Berlin, der auch seine Habilitationsschrift betreute. 1988 hat Brandt sich an der TU Berlin mit einer Untersuchung zum Thema „Studentische Bewegungen und Frühnationalismus um 1800“ habilitiert.

Seit 1989 war Brandt Lehrstuhlvertreter, seit 1990 Professor für Neuere Geschichte an der Fernuniversität in Hagen. Am Historischen Institut der FernUniversität war er zuständig für die deutsche und europäische Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts. Er ist bis heute Direktor des Dimitris-Tsatsos-Instituts für europäische Verfassungswissenschaften der FernUniversität und war Sprecher des Historischen Promotionskollegs über „Gesellschaftliche Interessen und politische Willensbildung“ der Hans-Böckler-Stiftung. Seit März 2011 ist er ferner Mitglied im Hochschulrat der FernUniversität.

Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind die Gebiete Nationalismus und bürgerlicher Wandel seit dem 18. Jahrhundert, vergleichende europäische Verfassungsgeschichte seit dem 18. Jahrhundert, Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus sowie die Deutsche Frage, besonders nach 1945.

Neben der üblichen Vertretung des Fachs in Forschung und Lehre und der Beteiligung an der akademischen Selbstverwaltung hielt und hält Brandt Vorträge im In- und Ausland, etwa in Berlin, Bielefeld, Bochum, Göttingen, Zürich, Breslau, Oslo, Oxford, Birmingham, Paris, Rom und St. Petersburg.

Ferner ist Peter Brandt zusammen mit Martin Kirsch und Arthur Schlegelmilch Herausgeber eines vierbändigen Handbuchs mit CD-ROM-Quellenedition zur vergleichenden europäischen Verfassungsgeschichte 1780–1920, das seit 2004 erscheint.

Am 12. Februar 2014 verabschiedete Brandt sich mit der Vorlesung „Das Volk“ – Zur Geschichte eines umstrittenen Begriffs in den Ruhestand.[7] Ein Teil der während seiner Dienstzeit an der Fernuniversität Hagen entstandenen Unterlagen befindet sich heute im Archiv der Fernuniversität Hagen.

Gesellschaftliches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der wissenschaftlichen Arbeit bemüht sich Brandt um eine seriöse Popularisierung (zum Beispiel durch die Herausgabe historischer Lesebücher, Jubiläumsschriften, Mitarbeit an Ausstellungen oder Vorträge an Volkshochschulen, Bildungseinrichtungen von Gewerkschaften und politischen Parteien) sowie politisches Engagement und politische Publizistik, in den 1980er und 1990er Jahren vor allem die Problematik der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands betreffend. Er ist Mitglied der SPD und der Gewerkschaft ver.di. Aufgrund seiner Positionen zu Nation und Patriotismus sowie nach einem Interview in der Wochenzeitung Junge Freiheit erntete Brandt Kritik.[8][9][10] Dabei wurde auch intern über seinen Status als Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung diskutiert.[11]

In der Ausgabe der Jungen Freiheit vom 4. Februar 2005[12] war er einer der Nachrufer auf den ehemaligen Waffen-SS Mann der Leibstandarte SS Adolf Hitler und späteren rechten Publizisten Wolfgang Venohr. Er zählt auch zu den Autoren des im Juli 2005 von der Jungen Freiheit herausgegebenen Sammelbands Ein Leben für Deutschland. Gedenkschrift für Wolfgang Venohr 1925–2005.

Peter Brandt war außerdem Referent bei der Berliner Burschenschaft Gothia[13] und Autor des nationalrevolutionären Monatsmagazins Wir selbst.

Brandt ist beteiligt an den internationalen wissenschaftlichen Beiräten der Zeitschriften Debatte. Review of contemporary German affairs und Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. Er ist Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung, Mitglied des Vorstands der Friedrich-Ebert-Stiftung,[14] Mitglied des Kuratoriums der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, sowie im Beirat des Willy-Brandt-Archivs im Archiv der sozialen Demokratie,[15] Mitglied der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Sprecher des Kuratoriums der Deutschen Gesellschaft, Gründungsmitglied des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung. Er ist Herausgeber des Onlinemagazins Globkult.[16]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Brandt übernahm in den 1960er Jahren einige kleinere Rollen in TV-Filmen.

In der Verfilmung der Günter-Grass-Novelle Katz und Maus spielte er die Rolle des älteren Joachim Mahlke, sein jüngerer Bruder Lars Brandt übernahm die Rolle des jüngeren Mahlke. Der Film wurde 1967 von Hansjürgen Pohland produziert, der auch das Drehbuch schrieb und die Regie führte.

Audio[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Linke und die Nation Peter Brandt und Michael Vogt Audio-CD, Verlag: Polarfilm (31. Oktober 2007).

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antifaschismus und Arbeiterbewegung. Aufbau, Ausprägung, Politik in Bremen 1945/46 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Band 11). Christians, Hamburg 1976, ISBN 3-7672-0400-2 (Dissertation, 1973).
  • Arbeiterinitiative 1945. 1976 (Mitherausgeber und -verfasser).
  • Arbeiter-, Soldaten- und Volksräte 1918/19. 1980 (Quellenedition, Mitbearbeiter).
  • Preußen: Zur Sozialgeschichte eines Staates. 1981 (Band 3 des Ausstellungskatalogs Preußen – Eine Bilanz).
  • Mit Herbert Ammon: Die Linke und die nationale Frage. Rowohlt Verlag, 1981.
  • Peter Brandt/Ulrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Antifaschismus – Ein Lesebuch. Deutsche Stimmen gegen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus von 1922 bis zur Gegenwart. LitPol-Verlagsgesellschaft, Berlin 1985, ISBN 3-88279-030-X.
  • Sozialismus in Europa: Bilanz und Perspektiven. 1989 (Mitherausgeber und -verfasser).
  • Volksbewegung und demokratische Neuordnung in Baden 1918/19. 1991 (Mitverfasser).
  • Mit Dieter Groh: Vaterlandslose Gesellen“. Sozialdemokratie und Nation 1860–1990. München 1992.
  • War das Deutsche Kaiserreich reformierbar? Parteien, politisches System und Gesellschaftsordnung vor 1914. In: Karsten Rudolph, Christl Wickert (Hrsg.): Geschichte als Möglichkeit. Festschrift für Helga Grebing. Klartext Verlag, Essen 1995, S. 190–210.
  • 1746/1996. Beiträge zur Geschichte der Stadt Hagen. 1996 (Mitherausgeber und -verfasser).
  • An der Schwelle zur Moderne: Deutschland um 1800. 1999 (Herausgeber und Mitverfasser), ISBN 9783860778630.
  • Youth Movements as National Protest Cultures in Germany. In: Hartmut Lehmann, Hermann Wellenreuther (Hrsg.): German and American Nationalism. A Comparative Perspective, Oxford/ New York 1999, S. 371–428.
  • Schwieriges Vaterland. Deutsche Einheit – Nationales Selbstverständnis – Soziale Emanzipation. Aufsatzsammlung. 2001.
  • Volk. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 11, Basel 2001, Sp. 1079–1090.
  • Die Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. Entwicklung – Wirkung – Perspektive. In: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Heft I/2002.
  • Hrsg. mit Arthur Schlegelmilch, Reinhardt Wendt: Symbolische Macht und inszenierte Staatlichkeit. „Verfassungskultur“ als Element der Verfassungsgeschichte. Dietz Verlag, Bonn 2005, ISBN 3-8012-4151-3.
  • Hrsg. mit Martin Kirsch, Arthur Schlegelmilch: Handbuch und Quellen zur europäischen Verfassungsgeschichte. Dietz Verlag, Bonn 2006 ff., ISBN 978-3-8012-4144-5.
  • Gesellschaftliche Entwicklung, Arbeiterbewegung und Sozialismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Heft I/2012.
  • Mit anderen Augen: Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt. Dietz Verlag, Bonn 2013, ISBN 978-3-8012-0441-9.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.fernuni-hagen.de/geschichte/lg2/team/
  2. Schulen/Brandt-Sohn – Ruhe nötig. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1967, S. 58 (online 17. April 1967).
  3. Ähnliche Wege. In: Der Spiegel. Nr. 24, 1968, S. 62–64 (online 10. Juni 1968).
  4. Peter sitzt. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1968, S. 198 (online 22. April 1968).
  5. Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte Zeittafel zur Dokumentation
  6. Peter Brandt über Rudi Dutschke: „Mein langer Marsch“. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1980, S. 240–245 (online 6. Oktober 1980).
  7. Aufzeichnung der Abschiedsvorlesung
  8. Peter Brandt (SPD) wirbt in „Junge Freiheit“ für ein „positives Verhältnis zur Nation“. In: ENDSTATION RECHTS Mittwoch, den 29. September 2010.
  9. http://www.jungefreiheit.de/Peter-Brandt-raet-SPD-zu-posit.154.98.html?&cHash=44c61e237d&tx_ttnews%5BbackPid%5D=620&tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=4&tx_ttnews%5Btt_news%5D=87504 Artikel in Junge Freiheit
  10. das Junge Freiheit Interview „Ein positives Verhältnis zur Nation“ 1. Oktober 2010 Seite 3 in voller Länge
  11. Niklas Meyer: Über den rechten Sozialdemokraten Peter Brandt. In: Jungle World. Nr. 36, 6. September 2012.
  12. http://www.jungefreiheit.de/Archiv.611.0.html?jf-archiv.de/archiv10/201040100111.htm
  13. http://www.gothia.de/wissen.html
  14. http://www.fes.de/inhalt/in_stif_5.htm
  15. http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/archive/brandt.htm
  16. Globkult, Biografie des Herausgebers