Pierin Vincenz

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Pierin Vincenz (* 11. Mai 1956 in Chur)[1] ist ein Schweizer Bankmanager. Von 1999 bis 2015 war er Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen Schweiz.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vincenz wuchs als jüngstes von vier Kindern in Andiast im Kanton Graubünden auf[1] und absolvierte Mitte der 1970er-Jahre die Matura. Er studierte von 1982 bis 1986 Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule St. Gallen (HSG) und promovierte dort 1989 bei Leo Schuster zum Thema Einsatz und Entwicklung von Expertensystemen im Bankbetrieb.[2] Er ist Mitglied der Akademischen Verbindung Welfen (Schweizerischer Studentenverein) mit dem rätoromanischen Studentennamen Grafetg.[3]

Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1979 begann er seine Karriere bei der Schweizerischen Treuhandgesellschaft, wo er bis 1982 tätig war. Von 1986 bis 1990 war er im Bereich Treasury des Schweizerischen Bankvereins tätig und ab 1990 Treasurer bei Hunter Douglas.

Ab 1996 war er bei der Raiffeisen-Gruppe beschäftigt, wo er zunächst Leiter des Departements Finanz der Geschäftsleitung war. 1999 wurde er zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung (CEO) ernannt. Unter seiner Führung wurde die Genossenschaftsbank hinter UBS und Credit Suisse zur drittgrössten Bank der Schweiz und zur grössten Hypothekarbank. Bilanz (auf 168 Milliarden Franken) und Personal (auf über 10'000 Angestellte) wurden dabei mehr als verdoppelt.[4] Die von ihm mit der Beteiligung am Finanzdienstleister Leonteq AG eingeleitete Diversifikationsstrategie, welche die Abhängigkeit der Bankengruppe vom Hypothekargeschäft reduzieren sollte, gilt hingegen als bisher gescheitert.[5] Bekannt wurde Vincenz auch, weil er als einer der ganz wenigen Schweizer Banker schon 2012 empfahl, die Schweiz solle mit der EU über den automatischen Informationsaustausch verhandeln.[6] Am 30. Januar 2015 kündigte er seinen Rücktritt auf März 2016 an,[7] trat aber bereits Ende September 2015 zurück. Auf ihn folgte Patrik Gisel, der die unter Vincenz getätigten Akquisitionen reduziert.[8]

Vincenz hat verschiedene Mandate in der Wirtschaft inne, unter anderem ist er Verwaltungsratspräsident des Energieunternehmens Repower AG (seit 2016)[9] und von fünf zur Plozza Wine Group gehörenden Unternehmen. Er ist seit 2016 Stiftungsratsmitglied bei Avenir Suisse.[10]

Er war Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten, unter anderem Präsident bei der Notenstein La Roche Privatbank (bis Juni 2015), bei der Pfandbriefbank schweizerischer Hypothekarinstitute (bis Juni 2015), bei der Viseca Card Services (bis Juli 2017), bei der Aduno Gruppe (bis August 2017) und bei den Helvetia Versicherungen (bis Dezember 2017) sowie Mitglied bei der Bank Vontobel (bis April 2012) und bei der SIX Group (bis Mai 2014).[11] Er war zudem von 2011 bis 2016 Vorstandsmitglied der Schweizerischen Bankiervereinigung. Vincenz war auch in verschiedenen Stiftungen aktiv, unter anderem als Stiftungsratsmitglied beim Swiss Finance Institute und bei der 2015 aufgelösten Stiftung Otto Ineichens, Speranza.

Von Oktober 2016 bis (formell) November 2017 war er Präsident der Derivatespezialistin Leonteq AG, an der die Raiffeisen Schweiz 29 % hält (mit der Absicht, die Beteiligung auf 19 % zu reduzieren[8]). Bei der Generalversammlung im März 2017 war er wegen des ungenügenden Geschäftsgangs noch mit dem schlechtesten Resultat aller Verwaltungsräte wiedergewählt worden.[12] Vincenz hatte darauf im Juli 2017 seinen Rücktritt auf den nächstmöglichen Zeitpunkt hin angekündigt,[5] an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 22. November 2017 wurde Christopher M. Chambers gewählt.[13]

FINMA-Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2017 leitete die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) ein Enforcement-Verfahren[14] gegen die Raiffeisen Schweiz bezüglich Fragen der Corporate Governance und gegen Vincenz bezüglich Handhabung von Interessenkonflikten während seiner Zeit bei der Gruppe ein.[15] Von besonderem Interesse für die Aufseher seien Transaktionen des Vehikels Investnet Holding, bei der Vincenz seit 2015 Verwaltungsratspräsident ist[16] und an der Raiffeisen eine Mehrheitsbeteiligung von 60 % hält. Vincenz hat sich an ihr mit 15 %, die er von der Raiffeisen erwarb, auch als Privatperson beteiligt.[17] Zu Diskussionen Anlass gab ferner, dass Vincenz’ Ehefrau Nadja Ceregato gleichzeitig Compliance-Managerin der Raiffeisen Schweiz war und bei seinem Austritt zur Rechtschefin mit Einsitz in der erweiterten Geschäftsleitung befördert wurde. Nachdem die Finma auf ihre Ablösung gepocht habe, verliess Ceregato im Juni 2017 das Unternehmen, offiziell für ein Sabbatical-Jahr mit einer Option zur Rückkehr in anderer Funktion.[18]

Nachdem sich abgezeichnet hatte, dass das FINMA-Verfahren länger als erwartet dauert, trat Vincenz als Präsident der Helvetia Versicherungen im Dezember 2017 zurück.[19] Aufgrund dieses Rücktritts und der Versicherung Vincenz’, keine verantwortungsvolle Funktion bei einer von der FINMA beaufsichtigten Bank oder Versicherung mehr anzustreben, stellte die FINMA das Verfahren gegen ihn am 21. Dezember 2017 als nunmehr gegenstandslos ein.[20] Vincenz betonte, dass der Verzicht auf eine Tätigkeit in der regulierten Finanzbranche wie schon zuvor der Rücktritt bei Helvetia keinesfalls ein Schuldeingeständnis bedeuteten.[21] Durch die Einstellung des Verfahrens erfährt die Öffentlichkeit nicht, ob und in welchem Ausmass Vincenz gegen aufsichtsrechtliche Regeln verstossen hat. Das Verfahren gegen die Raiffeisen wird hingegen weitergeführt (Stand Ende 2017).[22]

Weiter untersucht die Aduno Gruppe, ob es bei der Übernahme von Commtrain Card Solutions 2007[23] und EuroKaution 2014[4] (heute: AdunoKaution[24]) zu Unregelmässigkeiten gekommen ist.[25]

Strafverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 28. Februar 2018 eröffnete die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen mehrere Personen eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, und Vincenz wurde in Untersuchungshaft genommen. Nachdem die Raiffeisen-Bank durch die Zürcher Justiz über das Strafverfahren informiert worden ist, hat sie ebenfalls eine Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Chef eingereicht. Die Bank will zudem in dem Verfahren als Privatklägerin auftreten.[26][27]

Am 16. Mai 2018 wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Zürich «auf mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen im Zusammenhang mit Akquisitionen der Aduno Holding AG beziehungsweise einer ihrer Tochtergesellschaften gestossen» sei. Die Untersuchungshaft wurde verlängert und das Verfahren auf zwei weitere nicht genannte Personen ausgedehnt.[28]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vincenz ist seit 2010 Stiftungsratspräsident der Stiftung MEDAS Ostschweiz (medizinische Abklärungsstelle), seit 2016 Vorstandsmitglied im Förderverein für Kinder mit seltenen Krankheiten[29] und, ebenfalls seit 2016, im Verein Pflege- und Adoptivkinder Schweiz, seit 2006 Stiftungsratsmitglied bei Pro Kloster Disentis und Patronatsmitglied des von den Schweizer Jesuiten und vom Katharina-Werk, Basel, getragenen Lassalle-Instituts.[30] Er ist zudem Verwaltungsratsmitglied bei drei Tourismusgesellschaften seiner Heimatregion Brigels. Sein Vater ist der frühere Bündner Ständerat Gion Clau Vincenz, selbst Präsident der Raiffeisen-Gruppe von 1984 bis 1992. Pierin Vincenz ist verheiratet und Vater von Zwillingstöchtern aus erster Ehe. Er lebt in Niederteufen AR.[31]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Expertensysteme im Bankbetrieb (= Beiträge zur Bankbetriebslehre. Bd. 11). Institut für Bankwirtschaft, St. Gallen 1986 (überarbeitete Diplomarbeit, Hochschule St. Gallen).
  • Einsatz und Entwicklung von Expertensystemen im Bankbetrieb (= Bank- und finanzwirtschaftliche Forschungen. Bd. 125). Haupt, Bern 1990 (Dissertation, Hochschule St. Gallen, 1989).
  • mit Theresia Theurl: Raiffeisen-Gruppe Schweiz: Governancestrukturen, Erfolgsfaktoren, Perspektiven. Pierin Vincenz im Gespräch mit Theresia Theurl (= Arbeitspapiere des Instituts für Genossenschaftswesen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nr. 66). Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Genossenschaftswesen, Münster 2007.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Kaspar Enz: Die Entzauberung des Pierin Vincenz. In: Ostschweiz am Sonntag. 26. November 2017.
  2. Vincenz, Pierin, Dr. In: Leo Schuster, Alex W. Widmer (Hrsg.): Wege aus der Banken- und Börsenkrise. Springer, Berlin 2011 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Zentraldiskussion 2012/13. Rubrik «3 Fragen an… Pierin Vincenz». Schweizerischer Studentenverein.
  4. a b Arthur Rutishauser: Die Finma führt ein Verfahren gegen Raiffeisen. In: SonntagsZeitung. 29. Oktober 2017.
  5. a b Vincenz und Gisel verlassen Leonteq. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. Juli 2017.
  6. Arthur Rutishauser: «Es darf beim Bankgeheimnis kein Denkverbot geben». In: Tages-Anzeiger. 28. Februar 2012.
  7. Rücktrittsankündigung bei Raiffeisen. In: finews.ch. 30. Januar 2015.
  8. a b Holger Alich: Gisel entrümpelt die Bank. In: Der Bund. 18. November 2017.
  9. Über uns. Organisation. Der Verwaltungsrat der Repower-Gruppe. In: Website der Repower AG.
  10. Über uns. In: Website von Avenir Suisse.
  11. SIX: Mehrere Wechsel im Verwaltungsrat. In: finews.ch. 19. Mai 2014.
  12. Samuel Gerber: Leonteq-Aktionäre verpassen Pierin Vincenz Denkzettel. In: finews.ch. 23. März 2017.
  13. Ausserordentliche Generalversammlung stimmt allen Anträgen des Verwaltungsrats zu. Website der Leonteq AG, 22. November 2017 (Medienmitteilung; PDF; 245 kB).
  14. Enforcement-Policy der FINMA. Website der FINMA (PDF; 316 kB).
  15. Thomas Fuster: Finma ermittelt gegen Pierin Vincenz. In: Neue Zürcher Zeitung. 5. November 2017.
  16. Verwaltungsrat. In: Website der Investnet.
  17. Pierin Vincenz hält 15 % an Investnet. In: Finanz und Wirtschaft. 9. November 2017.
  18. Lukas Hässig: Die gefährlichen Deals des Pierin Vincenz. In: Basler Zeitung. 27. November 2017.
  19. Dieter Bachmann: Pierin Vincenz tritt als Helvetia-Präsident zurück. In: Neue Zürcher Zeitung. 18. Dezember 2017.
  20. FINMA beendet Verfahren gegen Pierin Vincenz. In: Website der FINMA. 21. Dezember 2017.
  21. Dirk Schütz: Finma stellt Enforcement-Verfahren gegen Vincenz ein.. In: Handelszeitung. 21. Dezember 2017.
  22. Ermes Gallarotti: Ein Weihnachtsgeschenk für Pierin Vincenz. In: Neue Zürcher Zeitung. 21. Dezember 2017.
  23. Markus Diem Meier, Christoph Lenz, Arthur Rutishauser: Der heilige Pierin. In: Tages-Anzeiger. 19. Dezember 2017.
  24. Von der Viseca Card Services zur Aduno Gruppe. Website der Aduno Gruppe.
  25. Daniel Imwinkelried: Die oberste Führung verschanzt sich hinter Gutachtern. In: Neue Zürcher Zeitung. 15. November 2017.
  26. Zürcher Staatsanwaltschaft beantragt Untersuchungshaft für Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. In: Neue Zürcher Zeitung. 1. März 2018.
  27. Marcel Gyr: Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz kommt in Untersuchungshaft. In: Neue Zürcher Zeitung. 2. März 2018.
  28. Peter Burkhardt: Zwei weitere Verdächtige im Fall Raiffeisen. In: Tages-Anzeiger. 16. Mai 2018.
  29. Vorstand. Geschäftsleitung. Website des Fördervereins für Kinder mit seltenen Krankheiten
  30. Folgende Persönlichkeiten stehen hinter der Vision und dem Auftrag des Lassalle-Institutes. In: Website des Lassalle-Instituts.
  31. Bündner Banker. In: Der Sonntag. 25. September 2011.
  32. SwissAward. 7. Januar 2009.
  33. Ex-Raiffeisenbankchef Pierin Vincenz erhält Arosa-Humorschaufel. In: Blick.ch. 5. Dezember 2015, abgerufen am 21. Dezember 2017.