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Theodor Mommsen

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Theodor Mommsen um 1900

Christian Matthias Theodor Mommsen (* 30. November 1817 in Garding, Schleswig-Holstein; † 1. November 1903 in Charlottenburg) war ein deutscher Historiker und gilt als der bedeutendste Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Seine Werke und Editionen zur römischen Geschichte sind noch für die heutige Forschung von grundlegender Bedeutung. Vor allem für seine Römische Geschichte wurde er 1902 mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

Leben

Der junge Mommsen
Theodor Mommsen und seine Frau Marie Auguste Reimer
Mommsen und seine Familie

Mommsen stammte aus einer Pfarrerfamilie; sein Vater Jens Mommsen war seit 1821 Pfarrer in Oldesloe, wo der älteste Sohn Theodor zusammen mit fünf Geschwistern aufwuchs. Dem strengen christlichen Glaubensvorstellungen des Vaters entzogen sich die Kinder nach und nach, doch blieb Mommsen bis ans Lebensende ein überzeugter liberaler Protestant, mit einer deutlichen Abneigung hinsichtlich des Katholizismus. Obwohl die Familie in eher ärmlichen Verhältnissen lebte, weckte Jens Mommsen bei seinen Kindern früh das Interesse an den antiken Klassikern. Nach anfänglichem Privatunterricht besuchte Theodor Mommsen ab Oktober 1834 das Christianeum in Altona und begann im Mai 1838 ein Jurastudium an der Universität Kiel. Hier trat er der Burschenschaft Albertina bei, lernte 1839 den später als Dichter berühmt gewordenen Jurastudenten Theodor Storm kennen und veröffentlichte zusammen mit ihm und seinem jüngeren Bruder Tycho Mommsen 1843 das Liederbuch dreier Freunde. Im gleichen Jahr wurde er in Kiel promoviert.

Mommsen strebte eine wissenschaftliche Karriere an, musste zunächst aber seinen Lebensunterhalt als Aushilfslehrer an zwei Mädchenpensionaten bestreiten, die Tanten von ihm in Altona leiteten. 1844 erhielt er ein dänisches Reisestipendium (das Herzogtum Schleswig war damals in Personalunion mit Dänemark verbunden) und besuchte zunächst Frankreich, dann vor allem Italien, wo er seine Beschäftigung mit römischen Inschriften begann. Er trat in Kontakt mit dem Archäologischen Institut und plante eine Sammlung aller bekannten lateinischen Inschriften, die im Gegensatz zu früheren Corpora auf dem Autopsieprinzip beruhen sollte. Als ersten Schritt sammelte Mommsen die Inschriften des damaligen Königreichs Neapel.

1847 kehrte Mommsen nach Deutschland zurück, musste vorerst aber wieder als Lehrer arbeiten. Während der Märzrevolution von 1848 wurde er Journalist in Rendsburg und vertrat energisch seine liberalen Überzeugungen. Im Herbst dieses Jahres erhielt er einen Ruf als außerordentlicher Professor für Rechtswissenschaft nach Leipzig und konnte so endlich die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Er begann eine umfangreiche Publikationstätigkeit, blieb aber auch politisch aktiv, zusammen mit seinen Freunden und Professorenkollegen Moriz Haupt und Otto Jahn. Wegen ihrer Beteiligung am sächsischen Maiaufstand 1849 wurden die drei angeklagt und 1851 aus dem Hochschuldienst entlassen.

Mommsen wurde noch im selben Jahr auf einen Lehrstuhl für römisches Recht in Zürich berufen, den er 1852 antrat. Er wollte aber gern nach Deutschland zurückkehren und folgte 1854 einer Berufung nach Breslau, wo er mit dem Privatdozenten Jacob Bernays Freundschaft schloss.

1858 wurde Mommsen auf eine Forschungsprofessur an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin berufen und erhielt 1861 einen Lehrstuhl für römische Altertumskunde an der Berliner Universität, wo er bis 1885 Vorlesungen hielt (eine Aufgabe, die für ihn deutlich hinter die Forschungsaktivitäten zurücktrat). Rufe an andere Universitäten, die er erhielt, nutzte er zu Verbesserungen seiner Stellung. Mommsen war auch Mitglied der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig sowie ab 1852 auswärtiges Mitglied der Kgl. Akademie der Wissenschaften.

Bei seinen Studenten war Mommsen eher unbeliebt. Immer wieder griff er aber zugunsten seiner Schüler ein und sicherte ihnen Lehrstühle, etwa im Falle Otto Seecks und Ulrich Wilckens. Beide Male hatte Karl Julius Beloch, der mit Mommsen zerstritten war, das Nachsehen. Andere jüngere Gelehrte und Schüler Mommsens bemühten sich hingegen, sich von ihrem akademischen Lehrer zu emanzipieren - unter diesen ist Max Weber sicher der bedeutendste, den Mommsen eigentlich für seinen einzig würdigen Nachfolger hielt, der sich aber noch vor der Promotion lieber der Soziologie zuwandte, um nicht in Mommsens Schatten zu stehen.

Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde Mommsen hoch geehrt (Orden Pour le mérite 1868, Ehrenbürgerschaft von Rom). Mommsen erhielt 1902 für sein Hauptwerk den Nobelpreis für Literatur als

„dem gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst, mit besonderer Berücksichtigung seines monumentalen Werkes ‚Römische Geschichte' “.

Mit seiner Frau Marie, einer Tochter des Leipziger Verlegers Karl Reimer, mit der er seit 1854 verheiratet war, hatte Mommsen 16 Kinder, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten. Zu seinen Enkeln zählen die Historiker Wilhelm Mommsen und Theodor E. Mommsen, der spätere Präsident des Bundesarchivs Wolfgang A. Mommsen, der Manager und hohe Beamte im Rüstungsministerium, später auch Verteidigungsministerium Ernst Wolf Mommsen. Theodor Mommsens Urenkel Hans Mommsen und Wolfgang J. Mommsen haben die Geschichtswissenschaft im Nachkriegsdeutschland entscheidend mitgeprägt. Sein Ururenkel Oliver Mommsen macht als Schauspieler Karriere.

Das Grab Mommsens befindet sich auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II in Berlin-Kreuzberg.

Wissenschaftliche Werke

Theodor Mommsen 1881

Mommsen verfasste über 1500 wissenschaftliche Studien und Abhandlungen zu verschiedenen Forschungsthemen, vor allem zu Geschichte und Rechtswesen des Römischen Reiches. Seine wichtigsten Publikationen sind:

  • Römische Geschichte: Mommsens berühmtestes Werk erschien von 1854 bis 1856 in drei Bänden und schilderte die Geschichte Roms bis zum Ende der römischen Republik und der Herrschaft Caesars, den Mommsen als genialen Staatsmann darstellte. Die politischen Auseinandersetzungen vor allem der späten Republik werden auch in der Terminologie mit den politischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts (Nationalstaat, Demokratie) verglichen. Das engagiert geschriebene Werk gilt als Klassiker der Geschichtsschreibung.
  • Eine Fortsetzung der römischen Geschichte in die Kaiserzeit hinein schrieb Mommsen nie, nur Mitschriften seiner Vorlesungen über römische Kaisergeschichte wurden (erst 1992) veröffentlicht. 1885 erschien als Band 5 der Römischen Geschichte eine Darstellung der römischen Provinzen in der Kaiserzeit.
  • Römisches Staatsrecht: für die althistorische Forschung nach wie vor von großer Bedeutung ist die dreibändige (1871–1888) systematische Darstellung des römischen Staatsrechts.
  • Römisches Strafrecht (1899)

Mommsen als Wissenschaftsorganisator

Portrait Mommsens von Franz Lenbach von 1897

An der Berliner Akademie, wo er von 1874 bis 1895 Sekretär der Historisch-Philologischen Klasse war, organisierte Mommsen zahlreiche wissenschaftliche Großunternehmen, vor allem Quelleneditionen. Darüber hinaus übte er durch enge Kontakte zu Friedrich Althoff zeitweilig großen Einfluss auf die preußische Wissenschafts- und Hochschulpolitik aus.

Corpus Inscriptionum Latinarum

Die Sammlung aller bekannten antiken lateinischen Inschriften (Corpus Inscriptionum Latinarum) hatte Mommsen bereits zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn konzipiert, als er modellhaft die Inschriften des Königreichs Neapel herausgab (1852). Das vollständige Corpus Inscriptionum Latinarum sollte 16 Bände umfassen, von denen 15 zu Mommsens Lebzeiten noch erschienen, fünf von Mommsen selbst erarbeitet. Grundprinzip für die Edition war, im Gegensatz zu früheren Sammlungen, das Autopsieprinzip, bei dem alle erhaltenen Inschriften im Original überprüft wurden.

Die Erforschung des Obergermanisch-Raetischen Limes

Unter der Leitung von Mommsen nahm 1892 die Reichs-Limes-Kommission ihre Arbeit auf, deren Ziel es war, den genauen Verlauf und die Lage der Kastelle des Obergermanisch-Raetischen Limes zu ergründen. Die Forschungsberichte über die Ausgrabungen füllten vierzehn Bände und gelten noch heute als einzigartige Pioniertat der Aufarbeitung germanisch-römischer Geschichte.

Weitere Editionen und Forschungsunternehmen

Mommsen gab auch die für das römische Recht grundlegenden Sammlungen Corpus Iuris Civilis und Codex Theodosianus heraus. Ferner war er maßgeblich beteiligt an den Monumenta Germaniae Historica, wo er die Reihe der Auctores antiquissimi begründete, der Edition der Schriften der Kirchenväter und zahlreichen weiteren Unternehmungen. So regte er an der Berliner Akademie auch die wie das Corpus Inscriptionum Latinarum bis heute andauernden Forschungsvorhaben Griechisches Münzwerk und Prosopographia Imperii Romani an.

Nach Theodor Mommsen wurde die Mommsen-Gesellschaft benannt, eine altertumswissenschaftliche Fachgesellschaft.

Mommsen als Politiker

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Mommsen auch politisch aktiv und beschäftigte sich u. a. kritisch mit den Themen Antisemitismus, Imperialismus und als Zeitgenosse der Revolution von 1848 mit dem Liberalismus. Er war 1890 einer der Mitinitiatoren des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus.

Er war von 1863 bis 1866 und wieder von 1873 bis 1879 Abgeordneter im preußischen Landtag, von 1881 bis 1884 im Reichstag, zuerst für die liberale Fortschrittspartei, später für die Nationalliberalen, schließlich für die Sezessionisten. Er beschäftigte sich naheliegenderweise mit Fragen der Wissenschafts- und Bildungspolitik und vertrat zunächst nationale Positionen. Aus Enttäuschung über die Politik des Kaiserreichs, dessen Zukunft er sehr pessimistisch sah, empfahl er schließlich eine Zusammenarbeit der Liberalen mit der Sozialdemokratie. Über die Sozialpolitik geriet Mommsen 1881 in Auseinandersetzung mit Bismarck.

Im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit 1879/1880 wandte er sich gegen seinen Historikerkollegen Heinrich von Treitschke, der die Parole „Die Juden sind unser Unglück“ geprägt und den Judenhass damit in Mommsens Augen salonfähig gemacht hatte.

Der Bildhauer Fritz Schaper schuf 1905 eine Modellskizze
für das Berliner Mommsen-Denkmal.

Öffentliche Denkmäler, Straßen und Gebäude

  • Der Berliner Bildhauer Heinrich Splieth schuf eine Mommsen-Büste, die, in Bronze gegossen, in seiner Geburtsstadt Garding auf einem Sockel als Denkmal aufgestellt wurde. Im Jahre 2001 wurde die Büste gestohlen und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht. Die Mommsen-Büste, die Besucher der Stadt heute auf dem Marktplatz in Garding besichtigen können, ist ein Abguss einer Büste des Berliner Bildhauers Karl Pracht.
  • Ein Theodor-Mommsen-Sitzbild des Bildhauers Adolf Brütt wurde 1909 vor der Berliner Universität aufgestellt.
  • In der Mommsen-Apotheke in Berlin-Charlottenburg steht eine Mommsenbüste des Bildhauers Ferdinand Hartzer.

Mommsenstraßen gibt es in Garding, Bad Oldesloe, Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elmshorn, Erkrath, Essen (Ruhr), Flensburg, Hamburg, Hannover, Heide (Holstein), Hockenheim, Husum, Kempen, Köln, Laage, Leipzig, Menden (Sauerland), München, Neuss, Neustadt am Rübenberge, Nürnberg, Osterburken, Panketal, Plauen, Solingen, Wuppertal, Zwickau und Wien (Mommsengasse), einen Mommsenweg in Dortmund.

Nach Mommsen wurden Schulen in Berlin-Charlottenburg (Mommsen-Gymnasium, seit 1904), Bad Oldesloe (Theodor-Mommsen-Schule, seit 1950) und in Leipzig (Theodor-Mommsen-Gymnasium, 1992–2006) benannt, in Berlin mit dem Mommsenstadion sogar eine Sportstätte. Die Filmreihe Die Lümmel von der ersten Bank spielt an einem fiktiven Mommsen-Gymnasium in Baden-Baden.

Adolf Brütt: Theodor Mommsen, Marmor-Denkmal, entstanden auf Grundlage der von Brütt dem Verstorbenen abgenommenen Totenmaske 1909 in der Weimarer Bildhauerschule für die Humboldt-Universität Berlin - Grundlage des Gedichtes Mommsens Block von Heiner Müller.
Berliner Briefmarke von 1957

Sehr wahrscheinlich nach der Physiognomie des achtzigjährigen Mommsens gestaltete der Bildhauer Joseph Uphues die Figur des im 12. und 13. Jahrhundert wirkenden Brandenburger Domherren und Historiographen Heinrich von Antwerpen, jedenfalls ist laut Uta Lehnert die Ähnlichkeit „wohl nicht zufällig“.[1] Die Büste war eine Nebenfigur der Denkmalgruppe 3 mit dem zentralen Standbild für Otto II. in der Berliner Siegesallee und wurde am 22. März 1899 enthüllt.

Literatur

  • Th. M. im Interview über den Antisemitismus, in: Hermann Bahr; Hermann Greive (Hg): Der Antisemitismus. Ein internationales Interview Jüdischer, Königstein 1979 (zuerst 1894, Neuaufl. 2005) ISBN 3761080433 S. 26 - 28
  • Karl Christ u. a.: Theodor Mommsen und die „Römische Geschichte“. Band 8 von: Theodor Mommsen: Römische Geschichte. dtv, München 1976; 6. Auflage 2001, ISBN 3-423-59055-6.
  • Alfred Heuß: Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert. Kiel 1956; Nachdr. Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06966-6.
  • Joachim Fest: Pathetiker der Geschichte und Baumeister aus babylonischem Geist. Theodor Mommsens zwei Wege zur Geschichte. In: Ders.: Wege zur Geschichte. Über Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann. Zürich 1992, S. 27–70, ISBN 3-7175-8197-X.
  • Wilfried Nippel und Bernd Seidensticker (Hrsgg.): Theodor Mommsens langer Schatten. Das römische Staatsrecht als bleibende Herausforderung für die Forschung (Spudasmata Band 107). Olms Verlag, Hildesheim 2005, ISBN 3-487-13086-6.
  • Stefan Rebenich: Theodor Mommsen: eine Biographie. Beck, München 2002; Taschenbuchausgabe Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-54752-2.
  • Stefan Rebenich: Theodor Mommsens „Römische Geschichte“. In: E. Stein-Hölkeskamp, K.-J. Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt. Beck, München 2006, S. 660–676.
  • Lothar Wickert: Theodor Mommsen. 4 Bände, Frankfurt/Main 1959–1980.
  • Peter Köpf: Die Mommsens. Von 1848 bis heute – die Geschichte einer Familie ist die Geschichte der Deutschen. Europa Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-203-79147-1.
  • Josef Wiesehöfer - Henning Börm (Hrsgg.): Theodor Mommsen: Gelehrter, Politiker und Literat. Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08719-2.

Fußnoten

  1. Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee. Réclame Royale, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-496-01189-0, S. 109

Weblinks

 Commons: Theodor Mommsen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Theodor Mommsen – Quellen und Volltexte
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