Walter van Rossum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Walter van Rossum (* 1954) ist ein deutscher Journalist und Publizist. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine medienkritischen Beiträge zur Tagesschau und zur Talkshow-Kultur.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walter van Rossum studierte Romanistik, Philosophie und Geschichte in Köln und Paris. Mit seiner Dissertation über Jean-Paul Sartre, Sich verschreiben. Jean-Paul Sartre 1939–1953 wurde er 1989 an der Kölner Universität promoviert.

Seit 1981 arbeitet er als freier Autor für WDR, Deutschlandfunk, Die Zeit, Merkur, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau und Freitag. Für den WDR moderierte er unter anderem die „Funkhausgespräche“.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Meine Sonntage mit ‚Sabine Christiansen‘.“ Kritik der Talkshow-Kultur (2004)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhalt

In seiner Publikation Meine Sonntage mit „Sabine Christiansen“. Wie das Palaver uns regiert setzt sich Rossum mit der damaligen ARD-TalkshowSabine Christiansen“ auseinander. Er wirft Christiansen „journalistische Unbedarftheit“ vor. Die Talkshow spiegele eine streitbare Demokratie vor. Stattdessen würde sie die „Wünsche der Chefetage ans Volk“ durchreichen und eine Wachstum-um-jeden-Preis-Ideologie verfolgen.

Rezensionen

Bettina Gaus von der TAZ sprach van Rossum das „Verdienst“ zu, zu den „ganz wenigen“ zu gehören, die dem „Kaiser“ in den neuen Kleidern sagen, dass er „nackt“ sei.[2]

„Die Tagesshow.“ Kritik der Realitätsferne von Nachrichtensendungen am Beispiel der Tagesschau (2007)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhalt

Walter van Rossum stellt nach Recherchen und einem ARD-Praktikum[3] in seinem Buch Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht (2007)[4] den primär informativen Anspruch der „Tagesschau“ in Frage und bezeichnet ihn als Mythos. Die Sendung verwandele die Idealität „in eine Art endlose Lindenstraße“.[5]

Es gehe weniger um Nachrichten als um die Verbreitung von Sprachregelungen, um inszenierte Politikerauftritte oder „erblindete Bilder“. Bei seiner Untersuchung der Nachrichten habe es ihn „dann noch überrascht, mit welcher Zuverlässigkeit ich davon ausgehen konnte, dass die Tagesschau nicht stimmt. Welches Thema auch immer ich mir vorgenommen habe – vieles davon ist ja gar nicht ins Buch eingeflossen – die schlimmsten Befürchtungen wurden erfüllt.“[6] Über die Mechanismen der Homogenisierung der Meinungen schreibt van Rossum:

„Dazu gibt es bei ARD-aktuell sicherlich keine Vorgaben, keine Magna Charta, aber es gelingt in täglicher Feinabstimmung, in den vielen Konferenzen und Besprechungen, bis sich die Sprachregelung zu den aktuellen Themen herausgebildet hat. Es geht um Objektivitätsschein, der durch größtmögliche Annäherung an die politische Mitte erreicht werden soll.“

Rezensionen

Der Leiter der Deutschlandfunk-Nachrichten, Marco Bertolaso, kritisierte Rossums Darstellung als polemisch und bemängelte eine zu schmale Datenbasis (ein Sendetag, der 1. November 2006). Das Ergebnis sei suggestiv und pauschalisiere. Außerdem stelle Rossum die Kompetenz der Zuschauer infrage. Seine Kritik gehe fehl, da Nachrichten immer systemstabilisierend wirkten, unabhängig davon, wie das System gerade aussieht: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei ausdrücklich geschaffen worden, um ein System zu stabilisieren, den demokratischen Rechtsstaat des Grundgesetzes. Außerdem fehle eine Analyse der Agenturen als „Themensetzer und Taktgeber der Nachrichtenwelt“.[7]

In der Rezension der Zeit attestierte Insa Wilke, Van Rossums Analysen überzeugten stets, wenn sie sachorientiert seien. Prägnant beschreibe er den Einsatz von „erblindeten Bildern“ ohne jeden Erkenntnisgewinn, die Stereotypen reproduzieren. Seine Kritik sei insgesamt aber in der Form polemisch überzogen.[8]

Arno Orzessek von DeutschlandRadio Kultur bestätigte Rossum bei aller Kritik, der Gewinn seiner Untersuchung „jenseits des Lustgewinns für alle Freunde inzestuöser Medien-Hetze“ liege darin, „die eingeschliffenen Rituale der Nachrichtensendungen sichtbar zu machen, ihre – angesichts von Minutenbeiträgen – naturgesetzliche Oberflächlichkeit zu zeigen, die (weniger naturgesetzliche) Fehlerhaftigkeit zu dokumentieren, subtile und weniger subtile Vorentscheidungen weltanschaulicher Art offen zu legen und den Nachrichtenbetrieb etwas durchschaubarer zu machen.“ Van Rossum sei aber selbst ein Gefangener der Medienfalle: „Journalisten beobachten nicht die Welt, sondern fast ausschließlich andere Medien.“[9]

Radio-Feature

Die Ergebnisse der Recherche wurden ebenfalls in einem Radio-Feature verarbeitet: „Die Tagesshow – oder die Welt in 15 Minuten“.[10][11]

„Schwarzbuch Deutschland“ (mit Gabriele Gillen, 2009)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhalt

Ausgewählte Fachautoren legen zu 39 alphabetisch sortierten Themen auf 650 Seiten dar, welche Sachverhalte und Zusammenhänge ihrer Ansicht nach in Deutschland medial und politisch unkritisch dargestellt, verdreht oder verschwiegen werden. Beispiele sind die Untersuchungen Gerd Bosbachs zur Demografie, die Analyse Christoph Butterwegges zum Sozialstaat, Gabriele Gillens Darstellung zu Niedriglöhnen, Albrecht Kiesers Ausführungen zum Stichwort Ausländer- und Asylpolitik und Werner Rügemers Aufklärungen über „Korruption“. Die schwarzen Flecken im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind für Rossum Ausdruck des Einflusses des Neoliberalismus und des komplementären „Totalitarismus der Mitte“. Dieser könne – wenigstens einstweilen – auf den klassischen Repressionsapparat einer Diktatur verzichten, da er über Zustimmung oder wenigstens fehlenden Einspruch funktioniere. Hinter der Ignoranz stehe ein „Mix aus Charakterlosigkeit, Korruption, Desorientierung und Berechnung“. Die Grundlage von allem sei der Konformismus.

Rezensionen

Bettina Gaus von der TAZ hielt die Publikation Gillens und Rossums für eine „Pflichtlektüre für alle, die ihre Wachsamkeit beim täglichen Medienkonsum schärfen möchten und nicht alles glauben wollen, was ihnen als unumstößliche Wahrheit präsentiert wird“. Der Reiz liege nicht darin, „dass man jeder These begeistert zustimmen möchte, sondern darin, dass es so erfrischend anregend ist, einmal mit einem ganz anderen Blick als dem herkömmlichen konfrontiert zu werden. Und man fragt sich, warum manche unbestreitbaren Fakten so wenig bekannt sind.“[12]

Matthias Becker bemängelte im Freitag den mangelnden Realismus des Buches, das in seiner Ausrichtung exakt dem „politischen Horizont der parlamentarischen Restlinken“ entspreche. In Auswahl und Argumentationsstruktur folge es leider oft der neoliberalen Agenda – „nur eben seitenverkehrt: Empören die einen sich über Sozialbetrug, tun die anderen es über Managergehälter, sagen die einen Globalisierung, sagen die anderen Binnennachfrage, die einen wollen mehr Markt und die anderen mehr Staat.“[13]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Van Rossum wurde im Medienmagazin ZAPP des NDR als Verschwörungstheoretiker apostrophiert. Thomas Berbner kommentierte im Mai 2015 zu einem Vortrag Rossums, er habe dabei Menschen, das „notwendige Rüstzeug für ihre vereinfachende Weltsicht geliefert“. Rossum sei ein „stolzer Verschwörungstheoretiker mit geschlossenem Weltbild“, der ausweiche, wenn es um Fakten für seine Behauptungen gehe. Rossum habe als sein Credo geäußert: „Es gibt Verschwörungen, also gibt es auch Verschwörungstheorien. Und wer was anderes sagt, hat ne Scheibe.“[14]

Berbner warf Rossum vor, ein Zerrbild des Journalismus zu verbreiten. Die These von der Lenkung oder Selbst-Gleichschaltung halte er für „ausgemachten Blödsinn“. Seine Ausführungen über die „Mechanismen in Journalistenköpfen“ seien „küchenpsychologisch“. Er kritisierte auch den „Nazijargon“ in Ausdrücken wie Gleichschaltung und Führerbefehl.

Rossum bezeichnete die Darstellung Berbners als verkürzt, berief sich unter anderem auf Peter Scholl-Latours Darstellung des Medienbetriebs und bot eine Wette darauf an, dass die Tagesschau den Überfall der USA auf den Irak nicht wiederholt als völkerrechtswidrig bezeichnet habe. Berbner nahm die Wette nicht an. Rossum zitierte Egon Erwin Kischs Beobachtung „Wenn Kollegen sich brüsten, sie seien nie in ihrem Schreiben beschränkt worden, nie würde ihnen ein Gedanke gestrichen, so ist das nur ein Beweis dafür, dass sie sich von selbst innerhalb der Zensurgrenzen bewegen, ihre Denkweise nirgends über die Hürden der vorgeschriebenen Ideologie hinausstrebt.“ Er begründete seine Medienkritik außerdem mit einem Umfrageergebnis zur Ukraineberichterstattung 2014, wonach zwei Drittel des Publikums der Ukraine-Berichterstattung in den Medien nicht mehr vertrauen.[15][16]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Van Rossum lebt in Köln und Marokko.

Hörfunkbeiträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • WDR 3 Gutenbergs Welt: Politische Profile mit Walter van Rossum [1]
  • Studiozeit Hörspiel: Die Liebe ist eine Baustelle – Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Deutschlandfunk 2005.
  • Studiozeit Hörspiel: Das Mögliche hat seine Spur im Sein. Die Utopie der Utopie. Deutschlandfunk, 13. Februar 2007
  • Ein Käfig voller Enten? Recherchen zur Sauerlandzelle. Deutschlandfunk Feature, 12. Mai 2009, Sendemanuskript online
  • Liebesverhältnisse. Eine unordentliche Liebe um 1913 Deutschlandfunk, 15. Juli 2014

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. NDR: Verschwörungstheorien eines Journalisten. Abgerufen am 12. Januar 2021.
  2. BETTINA GAUS: Unschlagbar unbedarft. In: Die Tageszeitung: taz. 31. Juli 2004, ISSN 0931-9085, S. 1007 (taz.de [abgerufen am 13. Januar 2021]).
  3. Nils Klawitter: Kritik an der „Tagesschau“: Wo der Zuschauer nur Zaungast ist. In: Spiegel Online. 30. September 2007 (spiegel.de [abgerufen am 21. Mai 2019]).
  4. Rossum, Walter van, 1954-: Die Tagesshow : wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. 1. Aufl., Originalausg. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, ISBN 978-3-462-03951-1.
  5. Breitseite auf das Nachrichten-Flaggschiff. Abgerufen am 21. Mai 2019 (deutsch).
  6. Interview mit Walter van Rossum zur Tagesshow auf allen Kanälen (auf SpiegelKritik. Medienblog für Medienreflexion, 25. Januar 2008).
  7. - Breitseite auf das Nachrichten-Flaggschiff. Abgerufen am 21. Mai 2019 (deutsch).
  8. Insa Wilke: Dauerberieselung. Walter van Rossum übt heftige Kritik an den Nachrichtensendungen. In: Die Zeit. 15. Mai 2008, abgerufen am 31. Januar 2016.
  9. - Polemik gegen die Nachrichtenwelt. Abgerufen am 21. Mai 2019 (deutsch).
  10. DLF: Die Tagesshow – oder die Welt in 15 Minuten Auf der Website des Deutschlandfunks.
  11. http://www.deutschlandfunk.de/die-tagesshow-oder-die-welt-in-15-minuten-pdf-dokument.media.4ea67da5aefd73a355b91bf1599fb57d.pdf
    Bei YouTube ist die Audio-Version abrufbar.
  12. BETTINA GAUS: Glaub nicht alles. In: Die Tageszeitung: taz. 4. April 2009, ISSN 0931-9085, S. 1011 (taz.de [abgerufen am 13. Januar 2021]).
  13. Buch – Ganz schön neoliberal. Abgerufen am 13. Januar 2021.
  14. NDR: Verschwörungstheorien eines Journalisten. Abgerufen am 12. Januar 2021.
  15. Jürgen Amendt: Achtung! Verschwörung! (neues deutschland). Abgerufen am 12. Januar 2021.
  16. NDR: Walter van Rossum antwortet Panorama. Abgerufen am 12. Januar 2021.
  17. Walter van Rossum – 3 Bücher – Perlentaucher. Abgerufen am 13. Januar 2021.
  18. Walter van Rossum – 3 Bücher – Perlentaucher. Abgerufen am 13. Januar 2021.