Wikipedia:Arbeitsgemeinschaft Kunstwissenschaften + Wikipedia/Studientag

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Klick! Kooperation, Kompetenz, Sichtbarkeit. Kunstwissenschaften und Wikipedia. Diskussion + Werkstatt

Weit über 1.3 Millionen Seitenaufrufe gibt es pro Tag in der deutschen Wikipedia. Die dort vorhandenen Einträge sind bei der Suche nach Informationen im Netz oft die erste Anlaufstelle – und häufig sogar die einzige. Die von zehntausenden freiwilligen Autor:innen verfassten Wikipedia-Artikel bilden – aus unterschiedlichsten Perspektiven – Wissen ab, reproduzieren und vernetzen es. Zu den inzwischen 2,6 Millionen deutschsprachigen Einträgen gehören auch zahlreiche Artikel über Bau- und Kunstwerke, Künstler:innen, kunstwissenschaftliche Fachbegriffe und Kunsthistoriker:innen. Wikipedia-Informationen formen so das Bild unserer Disziplin, ihrer Wissensbereiche, Methoden und Forschungsobjekte mit. In Anbetracht dieser Realität ist es höchste Zeit, dass die Kunstwissenschaften die Online-Enzyklopädie als Arbeitsinstrument und wichtiges Medium der Wissenskommunikation anerkennen und reflektieren – und sich aktiv einbringen. Hierzu soll kuwiki. AG Kunstwissenschaften + Wikipedia, eine vom Ulmer Verein, dem VDK und dem AK Digitale Kunstgeschichte unterstützte Initiative, beitragen. In ihr arbeiten seit Frühling 2021 Kunsthistoriker:innen und Wikipedianer:innen (sowie Kolleg:innen, die beides sind) zusammen, um Expertise zu bündeln, die Zahl und Qualität der kunstwissenschaftlichen Einträge zu erhöhen und neue Formen der Kollaboration zu entwickeln.

Mit den Veranstaltungen vom 11. bis 13. November 2021 – ein offenes Gespräch am Donnerstagabend und eine Online-Werkstatt am Freitag und am Samstag – wollen wir das Thema Wikipedia in die kunstwissenschaftliche Community tragen und gemeinsam mit Wikipedianer:innen über mögliche Arbeitsfelder nachdenken.

Die Veranstaltungen finden per Zoom statt; eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Veranstaltungsinformationen

Programm

Donnerstag, 11. November 2021

18.00 – 19.30: Diskussion: Kooperation, Kompetenz, Sichtbarkeit. Kunstwissenschaften und Wikipedia
Diskutant:innen: Holger Plickert (Wikimedia Deutschland), Julius1990 (Wikipedianer + Kunsthistoriker), Heidrun Rosenberg (Kunsthistorikerin, VOEKK), Brigitte Sölch (Kunsthistorikerin, Universität Heidelberg)
Moderation: Andreas Huth und Yvonne Schweizer

Freitag, 12. November 2021

14.15: Begrüßung

14.30 – 16.00: Labor 1: Monografische Wikipedia-Artikel zu Kunstwerken (Julius1990 und Anja schuermann)
Beispielartikel: Spargelbündel, Der Zinsgroschen (Masaccio), Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Max Liebermann), Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue und The Greeting

16.00 – 16.30: Pause

16.30 – 18.00: Labor 2: Wikipedia und Lehre (Andreas Huth und Hanna Steinert)

Samstag, 13. November 2021

9.15: Begrüßung + Resümee des Vortags

9.30 – 11.00 Labor 3: Wikipedia und die Bilderfrage – visualisieren, kategorisieren, analysieren (Martin Bredenbeck und Raymond)

11.00 – 11.30: Pause

11.30 – 13.00: Labor 4: Leerstellen. Kunsthistorikerinnen und Künstlerinnen in der Wikipedia (Maria Merseburger, Heidrun Rosenberg und Henrike Haug)

13.15 – 14.00: Abschlussdiskussion (Moderation: Henrike Haug und Fuchs B)

Teilnahmeinteressenten

  1. --Alfred Löhr (Diskussion) 22:59, 22. Okt. 2021 (CEST), KunsthistorikerAntworten[Beantworten]
  2. -- Achim Raschka (Diskussion) 09:31, 23. Okt. 2021 (CEST), WPianer mit Interesse an Artikeln zu KunstwerkenAntworten[Beantworten]
  3. --Don-kun Diskussion 11:04, 24. Okt. 2021 (CEST) Wikipedianer, der über visuelle Popkultur schreibtAntworten[Beantworten]
  4. -- karatecoop (Diskussion) 06:51, 26. Okt. 2021 (CEST), Wikipedianerin und KunsthistorikerinAntworten[Beantworten]
  5. --Lutheraner (Diskussion) 14:27, 5. Nov. 2021 (CET) Wikipedianer mit Interesse an Kulturthemen / GLAMAntworten[Beantworten]
  6. --Georg Götz (Diskussion) 17:08, 6. Nov. 2021 (CET), Interesse: Wikipedia und Strategien der Remedialisierung/RemediatisierungAntworten[Beantworten]
  7. --Wuselig (Diskussion) 18:49, 6. Nov. 2021 (CET) Wikipedianer der über die Bebilderung in GLAM-Projekten zu Wikidata gefunden hat.Antworten[Beantworten]
  8. --Oursana --Oursana (Diskussion) 21:07, 11. Nov. 2021 (CET) Wikipedianerin und Studentin Kunstgeschichte, Schwerpunkte Wikicommons und WikidataAntworten[Beantworten]
  9. DerHexer (Disk.Bew.) 11:04, 12. Nov. 2021 (CET) Sa-Vormittag dabei; Klassischer Philologe, Fotograf auf Wikimedia CommonsAntworten[Beantworten]
  10. --Regio (Fragen und Antworten) 14:15, 12. Nov. 2021 (CET) Wikipedianer in der Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt in WienAntworten[Beantworten]
  11. --~~~~

Dokumentation der Ergebnisse

Bericht von Julius1990

Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion am Donnerstagabend bildete den Einstieg in den Studientag. Das Wikipedia-/Wikimedia-Universum wurde in diesem Rahmen von Holger Plickert, der für Wikimedia Deutschland die GLAM-Kooperationen betreut, und dem langjährigen Wikipedianer und Kunsthistoriker Julius1990 repräsentiert. Mit der Kunsthistorikerin Heidrun Rosenberg, die für den Verband österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker den Edit-a-thon Female Art Historians in Blue betreut hat, und der Professorin für Architektur- und Neuere Kunstgeschichte Brigitte Sölch von der Universität Heidelberg, die im Wintersemester 2021/22 die Lehrveranstaltung „Schreibwerkstatt: Architektur- und Objektgeschichte(n) für Wikipedia“ anbot, waren zudem zwei Anwenderinnen aus der Wissenschaft auf dem virtuellen Podium präsent.

Dem einführenden Charakter der Diskussion entsprechend wurde insbesondere über recht allgemeine Aspekte der Arbeit in der Wikipedia reflektiert. Zum einen ging es dabei um die Möglichkeit des kollaborativen Arbeitens, die Realität, dass die meisten Artikel dennoch eine begrenzte Zahl von Autor:innen bzw. eine Hauptautorin oder einen Hauptautoren haben, sowie die Formen der Zusammenarbeit in der Wikipedia. Zum anderen wurde diskutiert, welches Wissen sich in der Wikipedia niederschlägt und welchen Einfluss die Relevanzkriterien darauf haben. Das Wikipedia-folkloristische Thema „Inklusionist:innen vs. Exklusionist:innen“ wurde angesprochen, zugleich aber auch betont, dass die Hürde der Relevanzkriterien im kunsthistorischen Bereich ein umgehbares Problem darstelle. Ein höherer Anteil weiblicher Autorinnen könnte den Anteil an Artikeln über Künstlerinnen, Galeristinnen, Museumsdirektorinnen und Kunsthistorikerinnen steigern – wobei zu fragen bleibt, ob die Sichtbarmachung weiblicher Positionen und Protagonistinnen ein Aufgabe nur der Frauen bleiben muss. (Problematische) Leerstellen im Artikelbereich sind laut Julius1990 (zumindest in großen Teilen) zugleich auch Leerstellen in der Geschichte des Faches Kunstgeschichte selbst (gewesen), so dass die dort in den letzten Jahrzehnten geleistete und aktuelle Forschung zu weiblichen Positionen erst langsam in die Wikipedia Eingang findet, hochgradig abhängig von den Interessen der aktiven Freiwilligen. Und drittens ergeben sich Konflikte nicht allein aus den Relevanzkriterien an sich, sondern auch aus unterschiedlichen Interessenslagen von Galerist:innen und weniger bekannten zeitgenössischen Künstler:innen auf der einen und den Wikipedia-Aktiven auf der anderen Seite.

In der Diskussion wurde darüber hinaus angesprochen, dass die Wikipedia nur ein Projekt im Wikimedia-Universum ist, das insbesondere mit der Mediendatenbank Commons und mit Wikidata weiteres Potenzial für das Fach Kunstgeschichte bieten kann. So könnte Wikidata zum Beispiel eine Rolle für die Provenienzforschung spielen, um erhobene Daten langfristig verfügbar zu machen. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass der Einstieg in die Mitarbeit niederschwellig ist, da nicht unbedingt neue, umfangreiche Artikel verfasst werden müssen, sondern bereits kleine Änderungen zur Verbesserung der Qualität beitragen können.

Labor 1: Monografische Wikipedia-Artikel zu Kunstwerken

Im ersten Labor wurde anhand der vier unterschiedlichen Gemäldeartikel Spargelbündel, Der Zinsgroschen (Masaccio), Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Max Liebermann) und Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue über die Qualität von monografischen Wikipedia-Artikeln über Kunstwerke und Möglichkeiten der Mitarbeit gesprochen. Dabei wurde mit Artikeln von unterschiedlicher Qualität und zu Kunstwerken aus verschiedenen Epochen eine gewisse Bandbreite in Breakout-Sessions in den Blick genommen und anschließend im Plenum diskutiert.

Im Rahmen der Diskussion wurden verschiedene Aspekte angesprochen:

  • Am Beispiel von Manets Spargelbündel wurde das Format der Bildbeschreibung in der Wikipedia hinterfragt, die nicht nur in diesem Fall über eine reine Beschreibung hinausgeht und Elemente der Analyse und Interpretation bereits enthält. Zudem wurde bezüglich der Darstellung der Rezeption angemerkt, dass stärker zwischen wissenschaftlich und künstlerisch getrennt werden könnte.
  • In Hinblick auf die Artikellänge wurde festgehalten, dass es keine beschränkenden Regeln in der Wikipedia für diese gibt, die Länge sich aber sinnvoll aus dem Material ergeben sollte. Ebenso wurden die Regeln für das Einfügen von Literatur erläutert, sowie wie der Umstand, dass in Fußnoten verwendete Werke nicht unbedingt auch im Literaturabschnitt auftauchen müssen. Publikationen zu einem übergeordneten Thema, die dennoch für das jeweilige Lemma relevante Informationen bieten, können so dennoch im Artikel genannt werden.
  • Bezüglich der Mitarbeit an Artikeln wurde der Hinweis gegeben, dass zwar jede:r Änderungen vornehmen kann, sich aber gerade bei umfangreicheren Eingriffen in Artikel der Blick in die Versionsgeschichte lohnt, ob es eine Autorin oder einen Autoren gibt, die/der den Artikel aktiv betreut. In diesem Fall kann die Änderung erst einmal auf der Diskussionsseite des Artikels vorgeschlagen werden. Überhaupt bietet die Diskussionsseite die Möglichkeit, kritische Fragen zu stellen und Anmerkungen zu hinterlassen. Die Versionsgeschichte kann zudem Hinweise liefern, wann ein Artikel geschrieben wurde und welchen Stand er abbildet.
  • Es gab insgesamt ein Verständnis, dass Wikipedia-Artikel in ihrer Pluralität erhalten bleiben werden, weil sie von individuellen Autor:innenpersönlichkeiten getragen werden, die Schwerpunkte setzen und einen eigenen Stil pflegen. Dennoch besteht ein Interesse daran, mit einer gemeinsam zu erarbeitenden Handreichung, wie es sie auch schon in anderen Fachbereichen gibt, Anregungen und Hilfestellung zu geben. In diesem Kontext können Fachwissenschaftler:innen und Ehrenamtliche in Austausch treten.
  • Es wäre wünschenswert, wenn verstärkt Fragen nach Begriffen, Werturteilen und hidden stories in Wikipedia-Artikeln reflektiert würden. Schwerpunktsetzungen und Terminologien sind jedoch immer auch zum Teil durch den Hintergrund des/der jeweiligen Autor:in bedingt.
  • Bezüglich der Übersetzung von Artikeln wurde seitens der Fachvertreter:innen angemahnt, die unterschiedlichen Fachkulturen etwa zwischen Italien und Deutschland mitzuberücksichtigen.
  • Ungleichgewichte zwischen der Repräsentation verschiedener Epochen wurden angesprochen. Sie haben unter anderem mit Geschmack zu tun, was auch eine Forschungsfrage für das Fach sein könnte. Bei zeitgenössischer Kunst kommt erschwerend hinzu, dass Artikel nicht bebildert werden können. Es gilt, dass sich in der Wikipedia nur das niederschlägt, was Ehrenamtliche entlang ihrer Interessen bearbeiten.

Labor 2: Wikipedia und Lehre

Im zweiten Labor wurden zwei Lehrveranstaltungsformate vorgestellt, in deren Rahmen Wikipedia-Artikel im Kunstbereich erstellt wurden. Andreas Huth berichtete von seinen Erfahrungen mit dem von ihm an der TU Berlin veranstalteten Masterseminar „Lesen, Bearbeiten, Versionsgeschichte. Kunstwissenschaftliche Artikel zur Frühen Neuzeit in Italien im Onlinelexikon Wikipedia“, in dessen Rahmen 26 Wikipedia-Artikel entstanden sind. Zuerst wurden den Studierenden Informationen zur Wikipedia und dem Arbeiten in dieser vermittelt. Dann folgte die Erstellung von Artikeln zu Objekten aus den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin. Im Fokus standen dabei Epochen- und Stilbezeichnungen und Qualitätsdiskussionen. Die Arbeit erfolgte im Benutzernamensraum der Studierenden, was durch dessen halböffentlichen Status den Druck der direkten Arbeit im Artikelnamensraum herausnahm und so einen längeren Arbeitsprozess erlaubte. Artikel, die fertig gestellt waren, wurden am Schluss in den Artikelnamensraum verschoben, nachdem sie von einer Wikipedianerin durchgesehen worden waren.
Das Seminar bot den Studierenden ein anderes Format für ein abwechslungsreiches Studium und ermöglichte die praktische Anwendung der erlernten Terminologien. Die Wikipedia profitiert von den Artikeln und dem Umstand, dass die Studierenden Grundkenntnisse der Mitarbeit erhalten haben und in Zukunft als Multiplikator:innen oder auch Gelegenheitsautor:innen fungieren können. Dieser positiven Wirkung stand der hohe Arbeitsaufwand für den Dozenten und die Studierenden gegenüber. Ebenso war es schwierig, die entstandenen Artikel gut mit Artikeln im Umfeld zu verlinken.

Im Rahmen des von Hanna Steinert geleiteten Projekttutoriums „Representing Woman: Feministische Strategien in Wissenschaft, Kunst und Netzaktivismus“ am Institut für Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin haben Studierende aus allen Fachrichtungen über zwei Semester hinweg (WiSe 2020/21 & SoSe 2021) die Online-Enzyklopädie Wikipedia einer kritischen theoretischen und praktischen Betrachtung unterzogen. Im ersten Semester wurden auf Basis von feministischen Wissenschaftstheorien, feministisch-postkolonialen Science & Technology Studies (STS), feministischer Kunstgeschichte und Kunst (die sich mit dem Digitalen auseinandersetzt) sowie einem Gespräch mit der Künstlerin Cornelia Sollfrank über die Bewegung des Cyberfeminismus der 1990er Jahre die soziotechnologischen Strukturen der Plattform und deren Problematiken erarbeitet. Internationale feministische Netz-Initiativen wie u.a. Art+Feminism, Who writes his_tory?, Women in Red oder FemNetz setzen sich seit Jahren dafür ein, das Wissen in der Wikipedia diverser zu gestalten, indem sie beispielsweise Wikipedia-Artikel über Frauen und andere in der Wikipedia unterrepräsentierte Personengruppen und Themen anlegen. Im zweiten Semester wurden die Potentiale und Grenzen dieser feministischen Interventionen erprobt, indem selbst Wikipedia-Artikel (z.B. über Künstlerinnen) geschrieben wurden. Beim Erlernen der Grundlagen des Editierens in der Wikipedia unterstützte die Initiative Feministische Schreibwerkstatt (http://www.texture.works/). Außerdem wurden Veranstaltungen und Formate existierender Initiativen geteilt und eine Vernetzung untereinander angestrebt. Die Aufgaben wurden über mehrere Wochen verteilt und die Sitzungen als Edit-a-thons genutzt. Der Form der Lehrveranstaltung entsprechend wurden die Artikel nicht benotet, die ECTS-Punkte wurden mit der Anwesenheit erworben. Um einen nachhaltigeren Effekt des Seminars zu erreichen wurde über das Ende des Seminars hinaus eine monatliche Schreibgruppe gegründet -> mehr Infos und Kontakt

Im Rahmen des Labors wurde auch die im Rahmen unseres Wikicon-Panels geäußerte Kritik am Einsatz von Wikipedia in der Lehre (Zweifel an der Freiwilligkeit studentischer Mitarbeit, Qualitätsmängel, Mehrarbeit für die Freiwilligen, kaum langfristige Bindung der Autor:innen) angesprochen, die aus jahrelanger Erfahrung mit Artikeln aus solchen Kontexten herrührt. In diesem Zusammenhang ist der angesprochene erhebliche Aufwand für die gelungenen Beispiele der Integration in die Lehre zu sehen. Erschwerend für die gelungene Umsetzung wurde der Mangel an Ressourcen, auf die Lehrende bei der Umsetzung von Veranstaltungen zurückgreifen können, empfunden. Die Sammlung und Weitergabe solcher Informationen wurde als ein mögliches Arbeitsfeld der Arbeitsgemeinschaft benannt.

In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem das Für und Wider von Kollektivbenutzernamen, mit dem Rat zu individuellen Accounts, angesprochen sowie noch einmal die grundsätzliche Unterschiedlichkeit von Hausarbeiten und Wikipedia-Artikeln betont. Die Professorin Anna Schreurs-Morét hob die Steigerung des Niveaus studentischen Arbeitens durch die Aussicht auf Publikation hervor, was durch den berichteten Respekt der Studierenden vor einem Artikel in der Wikipedia bzw. der Scheu vor deren Sichtbarkeit aus den beiden Praxisbeispielen in gewisser Weise bestätigt wurde. Sie brachte zudem die Frage auf, welche Artikel sich aufgrund von Niveau und Spezialisierung für die Bearbeitung in Lehrveranstaltungen eignen. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Veranstaltung von Isabella Dolezalek und Cornelia Linde an der Universität Greifswald verwiesen, in der gemeinsam drei größere Kirchenartikel erarbeitet wurden statt Studierende einzelne Artikel verfassen zu lassen.
Es wurde darauf hingewiesen, dass die Analyse und das Verbessern von Artikeln ein guter Einstiegspunkt sein könnte statt neue Artikel anzulegen, die vielleicht gar nicht fertiggestellt würden. Zudem wurde angemerkt, dass die meisten Artikel zu künstlerischen Verfahren und Techniken qualitativ unterdurchschnittlich sind und sich vielleicht gut für den Einsatz in entsprechenden Lehrveranstaltungen eignen könnten. Als zentral wurde herausgestellt, dass die Studierenden die soziale Struktur hinter der Wikipedia verstehen müssen, um mögliche Fallstricke zu vermeiden. In diesem Zusammenhang wurde auch die teils problematische Diskussionskultur angesprochen.
Darüber hinaus wurde angemerkt, dass die Arbeit in der Wikipedia Studierenden Kompetenzen und Fähigkeiten vermittelt, die im Verlauf von Studium und weiterer Karriere relevant sind. Wikipedia muss aber auch nicht die einzige Option sein. So können andere digitale Formate wie etwa Blogs vielleicht passender sein, insbesondere wenn neues Wissen im Rahmen der Lehrveranstaltung generiert werden soll.

Labor 3: Wikipedia und die Bilderfrage

Im dritten Labor wurden Bilder als Medien innerhalb der Wikipedia in den Blick genommen. Der Wikipedianer Raymond stellte einführend die Nutzung von Bilddateien in Wikipedia-Artikeln, Wikimedia Commons als Schwesterprojekt zur Sammlung von Mediendateien sowie die lizenztechnischen Grundlagen vor. Als Ziele seiner eigenen fotografischen Mitarbeit beschrieb er die Dokumentation abbruchgefährdeter Gebäude sowie die Gegenüberstellung von historischem und aktuellem Bildmaterial. Neben der Qualität des Bildes sind dabei auch eine aussagekräftige Bildbeschreibung, das Verzeichnen der Geodaten und die Kategorisierung wichtig. Er gab zudem den Hinweis, dass WMDE über Kooperationen die Sichtbarmachung von Bildbeständen ermöglichen kann und in diesem Rahmen auch die Möglichkeit bestünde, Altdias zu scannen.

Für das Labor waren von Martin Bredenbeck, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, Landschaftsverband Rheinland - Amt für Denkmalpflege im Rheinland und VDK-Vorstand, zwei Gäste eingeladen worden, die aus ihrer institutionellen Praxis berichteten:

  • Die Leiterin des Rheinischen Bildarchivs, Johanna Gummlich, stellte ihren Bestand von 5,5 Millionen Bildern vor, die vom Profil her dem entsprechen, was von Institutionen gesammelt und auf dem Kunstmarkt vertrieben wird. Das Bildarchiv erschließt den Bestand und soll sich über den Fotovertrieb finanzieren, der über die Entgeltordnung der Stadt Köln geregelt wird. Es werden auch kostenfreie Reproduktionen etwa für Vortragsfolien zur Verfügung gestellt, deren Qualität reicht aber nicht für den Druck aus. Das Rheinische Bildarchiv beteiligte sich mit einer Bildspende an Coding Da Vinci, was laut Gummlich zu politischen Reaktionen führte, indem das Interesse seitens der Stadt an Open Access stieg. In diesem Zusammenhang verwies Raymond darauf, dass der Aufwand für Verwaltung und Bereitstellung des Bildbestandes durch die über den Rechtevertrieb generierten Einnahmen kaum ausgeglichen werden kann. Es müsse ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, Strukturen grundsätzlich zu ändern, zum Beispiel mit der Produktion von Statistiken, die den Impact Factor frei verfügbarer Bestände nachvollziehbar werden ließen.
  • Stefan Lewejohann, Kurator am Kölnischen Stadtmuseum, berichtete aus einer musealen Institution heraus, die seit 2007/08 ihre Bestände digitalisiert und über das Rheinische Bildarchiv verfügbar macht. Er bestätigte den Eindruck, dass Programme wie Coding Da Vinci dabei helfen, die Vorbehalte in Institutionen gegenüber der freien Verfügbarkeit ihrer Bestände abzubauen.

Die Diskussion in diesem Labor fiel nach den Impulsvorträgen sehr breit aus:

  • Sie bewegte sich zum einen im Bereich der Denkmalpflege. Es bestehe ein Bedarf an Bildern, die es noch nicht gibt – so etwa zu Objekten der 1970er-1990er. Dieser Bedarf wird durch Wettbewerbe im Wikimedia-Universum wie Wiki Loves Monuments durch den Zielkonflikt zwischen Dokumentation und der Suche nach dem schönsten Foto nicht befriedigend gedeckt. In diesem Zusammenhang wurde auch auf Facebook-Gruppen zu postmoderner Architektur hingewiesen und die Frage aufgeworfen, wie deren Bestände archiviert und katalogisiert werden könnten. In der Denkmalpflege gäbe es noch Vorbehalte, da eigene Bilder, gerade für Publikationen, bevorzugt werden. Die Diskussion sollte deshalb auch in die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger getragen werden.
  • Aus den Reihen der Wikipedianer:innen wurde die Zugänglichkeit gut gepflegter Denkmallisten als Voraussetzung angemahnt. Darüber hinaus wurde aber auch gerade davor gewarnt, Objekte, die noch nicht unter Denkmalschutz stehen, zu vernachlässigen. Brigitte Sölch wies in diesem Zusammenhang auf die Rolle des deutschsprachigen Kulturverständnisses und der verinnerlichten Blicke, die bestimmte Objekte sichtbar werden lassen und andere nicht, hin. Diese Faktoren sollten reflektiert und andere Objekte, die verschiedene Architekturgeschichten repräsentieren, als ebenso bildwürdig anerkannt werden. Als Beispiel für solche Objekte wurde etwa die Hinterhofmoschee genannt.
  • Es wurde über Wikimedia Commons als Mediendatenbank gesprochen, deren Qualität über die systematische Nutzung von Metadaten weiter gesteigert werden kann. Das Einfügen von Wikidata-Properties ist bereits möglich, jedoch müsste es Automatismen beim Hochladeprozess geben, an denen die Wikimedia Foundation bereits arbeitet. Daneben wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Schnittstelle zwischen Wikipedia/Wikimedia Commons und Prometheus möglich und sinnvoll wäre.
  • Die Unwucht zwischen dem, was sich gut bebildern und damit abbilden lässt, und dem, wo es aufgrund bestehender Urheberrechte nicht möglich ist, wurde angesprochen. Dies ist insbesondere im Bereich der zeitgenössischen Kunst problematisch, wo auch noch die Künstler selbst als Gatekeeper Einfluss nehmen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Rolle der VG BildKunst benannt. Das Ungleichgewicht muss auf struktureller Ebene adressiert werden, wobei Wikipedia als ein politisches Instrument verstanden werden sollte. Die hinter Wikipedia stehende Wikimedia Foundation bringt sich auch bereits in entsprechende Verfahren ein.
  • Mit Einführung von § 68 UrhG zum 28. Juli 2021 sind Reproduktionsfotografien von gemeinfreien zweidimensionalen visuellen Werken nicht mehr geschützt (Bücher, Internetseiten). Die Bestände an Originalfotografien oder von Mitarbeiternachlässen und -schenkungen könnten aber ein lohnenswertes Feld für entsprechende Kooperationen mit Wikimedia sein.

Labor 4: Leerstellen. Kunsthistorikerinnen und Künstlerinnen in der Wikipedia

Im letzten Labor widmeten sich Henrike Haug, Maria Merseburger und Heidrun Rosenberg Artikeln über Kunsthistorikerinnen und Künstlerinnen in der Wikipedia. Zuerst gab Henrike Haug einen allgemeinen Überblick über das Thema der Geschlechtergerechtigkeit in der Wikipedia und die Frage, wie das Gender Gap verkleinert werden kann.

Aus der Praxis berichtete dann Heidrun Rosenberg, die im September 2021 den Edit-a-thon Female Art Historians in Blue im Vorfeld der vom Verband österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker veranstalteten Tagung Great Female Art Historians betreut hat. Bereits vor ihrer Zulassung zum Studium waren Frauen über Bereichen wie der Schriftstellerei und der Kustodie im Kunstbereich aktiv. Sie spielen in der Fachgeschichte aber nur eine marginale Rolle. Um sie sichtbar zu machen, müssen Narrative umgeschrieben und erweitert werden. Für die Erstellung der Wikipedia-Artikel war die Quellenlage oft problematisch: Oral History und die nicht öffentlich zugänglichen Rigorosenakten entsprechen nicht dem Quellenverständnis der Wikipedia, die auf Sekundärquellen beruhen soll. In diesem Zusammenhang kam von den Wikipedianer:innen im Publikum der Hinweis, dass erst entsprechende Publikationen, wobei auch solche auf Institutswebsites etc. möglich sind, erstellt werden sollten, die dann in einem zweiten Schritt in die Wikipedia hineingetragen werden können. Darüber hinaus unterstrich Rosenberg, dass es nicht ausreicht, bloß Artikel anzulegen. Diese müssten über Verlinkungen und Ergänzungen in anderen Artikeln eingeschrieben und sichtbar gemacht werden. Zugleich sollten problematische Aspekte wie bestimmte Lehrer-Schülerinnen-Narrative reflektiert werden.

Dokumentation der Wünsche und Anmerkungen aus der Abschlussdiskussion.

Aus ihrer Praxis als Wikipedianerin konnte Maria Merseburger über ihre eigenen Erfahrungen berichten. Sie thematisierte die Sprache der Wikipedia und das Antizipieren von anti-feministischen Angriffen als Problem. Autorinnen sind vermehrt Verunglimpfungen ausgesetzt und müssen ihre Themen und Aussagen in höherem Maße belegen und rechtfertigen. Auch wenn sie selbst wenige negative Erfahrungen in ihrem Arbeitsbereich gemacht habe, nannte Maria Merseburger die Erwartung von Beleidigungen und Angriffen als einen möglichen hemmenden Faktor für die Mitarbeit von Autorinnen. In diesem Kontext wurde im Rahmen der Diskussion über das Für und Wider der Verwendung des Klarnamens als Benutzernamen in der Wikipedia gesprochen, schreiben doch viele Frauen unter männlichem Pseudonym.

In der Diskussion wurde unter anderem die Problemlage angesprochen, dass Wikipedia selbst keine Plattform zur Publikation originärer Forschung ist, sondern bloß solche auf Basis der existierenden Sekundärliteratur abbilden möchte. So werden Lücken, die sich in der langen Fachgeschichte ergeben haben und erst allmählich adressiert werden, weitergetragen. Insgesamt haben sich die Probleme reproduziert, die dem westlich geprägten Wissenssystem eingeschrieben sind. Für eine Diversifizierung in der Wikipedia sei somit die Arbeit am Kanon im Fach selbst entscheidend, die dann wiederum über das Einbringen der entsprechenden Publikationen über Wikipedia bekannt gemacht werden kann.

Es gab einige Hinweise für zukünftige Artikelarbeit, so auf die Liste Women in the art history field in der englischsprachigen Wikipedia oder auf das Lemma Kunstschriftstellerei, für das auf eine vor Kurzem veröffentlichte Publikation zurückgegriffen werden könnte. Zudem kann Wikidata zur Synchronisation zwischen den verschiedenen Sprachversionen genutzt werden.

Schlussdiskussion

In der Schlussdiskussion wurde jeweils ein knappes Fazit aus den vier Laboren gegeben und dann in Breakout-Sessions Anregungen und Anmerkungen aus dem Teilnehmerkreis gesammelt. Seitens der anwesenden Wikipedianer:innen wurde das Angebot gemacht, weiter zusammenzuarbeiten und auch Kontakte zu Ehrenamtlichen vor Ort zu vermitteln, falls dies gewünscht wird. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Arbeitsgemeinschaft auf bereits existierende Benutzerkonten von Institutionen zugehen und Verbindungen mit ihnen aufbauen sollte. Aus dem Kreis der Arbeitsgemeinschaft wurde dann auch noch ein Ausblick auf den Kunsthistorikertag 2022 gegeben, auf dem mit einem Workshop nach den Wikipedianer:innen auf der WikiCon 2021 und dem gemischten Publikum des Studientags nun gezielt das Fachpublikum angesprochen werden soll.

Seitens der Teilnehmer wurde der Austausch im Rahmen des Studientags positiv hervorgehoben. So waren einzelne Initiativen untereinander zuvor gar nicht bekannt. Erfreulich war insgesamt die gute Resonanz mit 50 Anwesenden bei der Podiumsdiskussion, sowie 37, 25, 33 und 30 Teilnehmern in den vier Laboren.