Zeev Sternhell

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Zeev Sternhell, 2008

Zeev Sternhell (* 10. April 1935 in Przemyśl, Polen) ist ein israelischer Politologe. Er ist Léon-Blum-Professor für Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sternhell emigrierte 1951 nach Israel und lebt heute in Tel Aviv. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine Forschungen zum Faschismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sternhells Arbeiten über Maurice Barrès und die französische extreme Rechte und den Nationalismus in Frankreich: Maurice Barrès et le nationalisme français (1972); La droite révolutionnaire, les origines françaises du fascisme (1978, 1984); Ni droite, ni gauche. L’idéologie fasciste en France (1983, 1987) machten ihn als Historiker bekannt. In diesen Arbeiten entwickelt Sternhell einen streng ideengeschichtlichen Faschismusbegriff. Die faschistische Ideologie entsteht seiner Ansicht nach aus einer Fusion antimarxistischer bzw. antimaterialistischer Strömungen des Sozialismus mit dem radikalen Nationalismus. Sternhell kennzeichnet den Faschismus als „revolutionär“ und grenzt ihn strikt von der „traditionellen“ Rechten ab. Er vertritt die These, dass in Frankreich – vom Boulangismus bis zum Cercle Proudhon am Vorabend des Ersten Weltkrieges – schon seit den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts eine mehr oder weniger entwickelte faschistische Rechte existiert habe, zu deren intellektuellen Vertretern er Charles Péguy, Maurice Barrès, Édouard Drumont, Charles Maurras und Georges Valois zählt.

Sternhells Veröffentlichungen wurden in Frankreich und in der englischsprachigen Forschung kontrovers diskutiert (in Deutschland aber lange Zeit kaum beachtet). So hat William D. Irvine den Boulangismus zwar ebenfalls als protofaschistisch charakterisiert, aber Sternhells Verweis auf dessen „linke“ Wurzeln zurückgewiesen und ihn als Bündnis „alter“ Konservativer und radikaler Nationalisten bzw. als „tiefgreifende Transformation der traditionellen, konservativen Rechten“[1] beschrieben. Selbst wenn man, wie Sternhell, die ideologischen Dokumente „zum Nennwert“[2] akzeptiere, sei der französische Faschismus eindeutig auf der politischen Rechten und damit unmöglich in einer „revolutionären“ Traditionslinie zu verorten. Konservative französische Historiker wie René Rémond wiesen Sternhells Thesen dagegen vor allem deshalb zurück, weil sie ihrer traditionellen Sichtweise widersprachen, dass der Faschismus in Frankreich immer randständig gewesen und erst in der Zwischenkriegszeit „von außen“ importiert worden sei. Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war 1983 eine Klage des Ökonomen Bertrand de Jouvenel, der zu den einflussreichsten französischen Intellektuellen der Nachkriegsjahrzehnte gehört hatte und sich (wegen seiner politischen Positionen in den 30er und 40er Jahren) von Sternhell als Faschist und Kollaborateur verunglimpft sah. Bei diesem Prozess erlitt Raymond Aron, der zugunsten Jouvenels ausgesagt hatte, einen Herzinfarkt, an dem er verstarb.

1996 folgte eine viel beachtete Untersuchung über die Entstehung Israels und den Zionismus: Aux origines d’Israel (1996). 1999 erschien eine deutsche Übersetzung seiner zuerst 1989 veröffentlichten Arbeit Naissance de l'idéologie fasciste, wodurch Sternhell auch in Deutschland einem breiteren Fachpublikum bekannt wurde. In dieser Schrift bezeichnete er Frankreich erneut als „eigentliche Wiege des Faschismus“,[3] dehnte die Untersuchung der ideologischen Genese des Faschismus aber auf Italien aus. In einem etwas später veröffentlichten Aufsatz stellte Sternhell die faschistische Ideologie in einen Zusammenhang mit Geisteshaltungen, die sich – wie der Historismus oder die politische Philosophie Edmund Burkes – gegen die Aufklärung und die Moderne richteten: „Die Attraktivität der Lösungen, die die radikale Rechte anzubieten hatte, war umso größer, da die faschistische Ideologie einfach den harten Kern und die radikalste Variante eines sehr viel weiter verbreiteten und sehr viel älteren Phänomens darstellte: eine umfassende Revision der essentiellen Werte des humanistischen, rationalistischen und optimistischen Erbes der Aufklärung. Am Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Abwendung von der Aufklärung wahrlich katastrophische Ausmaße an und fegte über weite Teile des kulturellen Europa hinweg.“[4]

Sternhell ist dabei einer der entschiedensten Gegner der Zwillingstheorie von Ernst Nolte aus den 1960er-Jahren und seiner Auffrischung durch François Furet, wonach Kommunismus und Faschismus „zugleich Komplizen und Feinde seien“ und der Faschismus sich gegen die Gefahr des ‚Bolschewismus‘ aus dem Ersten Weltkrieg entwickelte. Diese These ist nach Sternhell – der die Entstehung des Faschismus zeitlich weit früher erfasst und andere Ursprünge aufzeigt – nicht nur eine „Banalisierung des Faschismus und Nazismus, sondern darüber hinaus auch eine Verzerrung der wahren Natur der europäischen Katastrophe unseres Jahrhunderts.“[5]

Sternhells Arbeiten werden als eine wesentliche Grundlage für die Erforschung des Präfaschismus und der so genannten Konservativen Revolution gesehen und stehen für Ansätze, die nicht davon ausgehen, dass die „extreme, faschistische oder faschistisch angehauchte Rechte 1945 ein für allemal begraben wurde. Diese Rechte, ob in der Spielart der Pétainisten, der Anhänger Mussolinis oder Hitlers, welche die größten Intellektuellen wie auch das einfache Volk der größten europäischen Städte umfasste, wurde nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs geboren und starb auch nicht in den Ruinen von Berlin. Was für eine Zukunft wir uns auch immer vorstellen mögen, diese Rechte wird immer Teil unserer Welt sein.“[6]

Politisches Engagement, Attentat am 25. September 2008[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sternhell schreibt regelmäßig politische Kolumnen in Haaretz, und hat sich als Mitglied von Schalom Achschaw und scharfer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik zu einer Zielscheibe des Hasses der extremen politischen Rechten in Israel gemacht. Am 25. September 2008 wurde auf Sternhell vor seinem Wohnhaus in Jerusalem ein Bombenanschlag verübt, den er leicht verletzt überlebte.[7][8][9][10] Der Polizeisprecher Micky Rosenfeld ging von einem politischen Motiv aus.[11] 2009 verhaftete die israelische Polizei den Siedler Jakob Teitel wegen des Verdachts, für den Bombenanschlag verantwortlich gewesen zu sein.[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sternhell ist Träger des Israel-Preises für politische Wissenschaften.[13] 2016 wurde er zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt.[14]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze
  • Fascist Ideology. In: Walter Laqueur (Hrsg.): Fascism. A Reader's Guide; Analyses, Interpretations, Bibliography. Scolar Press, London 1991, ISBN 0-7045-0190-2, S. 315–376 (unveränderter Nachdr. d. Ausg. Berkeley, Calif. 1976).
    • deutsche Ausgabe: Faschistische Ideologie. Eine Einführung. Verbrecher Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-935843-02-X.
  • Von der Aufklärung zum Faschismus und Nazismus. Reflexionen über das Schicksal der Ideen im 20. Jahrhundert.
    • In: Siegfried Jäger, Jobst Paul (Hrsg.): „Diese Rechte ist immer noch Bestandteil unserer Welt“. Aspekte einer neuen Konservativen Revolution. DISS, Duisburg 2001, ISBN 3-927388-78-5, S, S. 49–68.
    • In: jour fixe initiative berlin (Hrsg.): Geschichte nach Auschwitz. Unrast Verlag, Münster 2002, ISBN 3-89771-409-4, S. 61–94.
Monographien
  • Neither Right nor Left. Fascist Ideology in France. Princeton University Press, Princeton Calif. 1996, ISBN 0-691-00629-6 (EA Berkeley, Calif. 1986).
    • französische Ausgabe: Ni droite, ni gauche. L'idéologie fasciste en France (Folio; Bd. 203). Gallimard, Paris 2012, ISBN 978-2-07-044382-6 (EA Paris 1983).
  • The Birth of Fascist Ideology. From cultural rebellion to political revolution. Princeton University Press, Princeton, Calif. 1994, ISBN 0-691-04486-4 (EA Berkeley, Calif. 1989, zusammen mit Mario Sznajder und Maia Asheri).
  • The Founding Myths of Israel. Nationalism, Socialism, and the Making of the Jewish State. Princeton University Press, Berkeley, Calif. 1999, ISBN 0-691-00967-8 (als E-Book, ISBN 978-1-4008-2236-2).
    • französische Ausgabe: Aux origines d'Israël. Entre nationalisme et socialisme (Folio Histoire; Bd. 132). Gallimard, Paris 2004, ISBN 2-07-030161-3 (EA Paris 1996)
  • Maurice Barrès et le nationalisme français. (Historiques; Bd. 26). Editions Complexe, Brüssel 1985, ISBN 2-87027-164-6. (überarbeitete Fassung der Dissertation, Universität Paris 1969)
  • The anti-enlightenment tradition. University Press, New Haven 2010, ISBN 978-0-300-13554-1.
    • französische Ausgabe: Anti-Lumières. Du XVIIIe siècle à la guerre fride. Fayard, Paris 2006, ISBN 2-213-62395-3.
  • Histoire et Lumières. Changer le monde par la raison, Entretiens avec Nicolas Weill. Éditions Albin Michel, Paris 2014, ISBN 978-2-226-24631-8 (Lebensgeschichtliche Erinnerungen und Anmerkungen zur heutigen Politik im Gespräch).
Vor- bzw. Nachworte
  • Gilbert Michlin: „Aucun intérêt au point de vue national“. La grande illusion d'une famille juive en France. Albin Michel, Paris 2001, ISBN 2-226-12140-4.
    • deutsche Ausgabe: „Nicht im Interesse der Nation“. Eine jüdische Familie in Frankreich (Jüdische Memoiren; Bd. 18). Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, ISBN 978-3-942271-75-2 (übersetzt von Erica Fischer)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Irvine, William D., The Boulanger Affair Reconsidered. Royalism, Boulangism, and the Origins of the Radical Right in France, New York-Oxford 1989, S. 16.
  2. Siehe Irvine, Boulanger Affair, S. 15.
  3. Sternhell, Zeev, Sznajder, Mario, Asheri, Maia, Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburg 1999, S. 14.
  4. Von der Aufklärung zum Faschismus und Nazismus. Reflexionen über das Schicksal der Ideen im 20. Jahrhundert. In: jour fixe initiative berlin (Hrsg.): Geschichte nach Auschwitz. Unrast, Münster 2002, S. 64, ISBN 978-3-89771-409-0
  5. ebenda, S. 86.
  6. Zeev Sternhell: Von der Aufklärung zum Faschismus und Nazismus. Reflexionen über das Schicksal der Ideen im 20. Jahrhundert. In: Siegfried Jäger & Jobst Paul (Hrsg.): „Diese Rechte ist immer noch Bestandteil unserer Welt“. Aspekte einer neuen Konservativen Revolution. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, Duisburg 2001, S. 48.
  7. Haaretz, Sept. 25. September 2008: (Israeli Foreign Minister) Livni: Bombing of leftist Professor's home is intolerable http://www.haaretz.com/hasen/spages/1024412.html
  8. Tagesspiegel 28. September 2008 "Olmert: Neue Untergrundgruppierung aktiv" http://www.tagesspiegel.de/politik/international/Zeel-Sternhell-Anschlag-Siedlungen;art123,2624598
  9. Joseph Croitoru Deutschlandfunk 27. September 2008 "Israelische Linksintellektuelle unter Druck" http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/852950/
  10. Jörg Lau in "Die Zeit" 27. September 2008 "Attentat auf Faschismusforscher in Israel" http://blog.zeit.de/joerglau/2008/09/27/attentat-auf-faschismusforscher-in-israel_1315
  11. haaretz.com
  12. irishtimes.com
  13. haaretz.com
  14. American Academy of Arts and Sciences: Newly Elected Fellows. In: amacad.org. Abgerufen am 22. April 2016.