Chan Yunis

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Chan Yunis
خان يونس
Verwaltung: Palästina Paläst. Autonomiegebiete
Gebiet: Gazastreifen
Gouvernement: Gaza
Gegründet: 1387
Koordinaten: 31° 21′ N, 34° 18′ O31.34431944444434.303091666667Koordinaten: 31° 20′ 40″ N, 34° 18′ 11″ O
 
Zeitzone: UTC+2
 
Gemeindeart: Stadt
Webpräsenz:
Chan Yunis (Palästinensische Autonomiegebiete)
Chan Yunis
Chan Yunis
Chan Yunis auf der Karte des Gazastreifens

Chan Yunis (arabisch ‏خان يونس‎ Chān Yūnis, DMG Ḫān Yūnis, oft wie im Englischen als Khan Yunis transkribiert) ist eine Stadt und Flüchtlingslager im Gouvernement Chan Yunis, dem südlichen Teil des Gazastreifens, der seit 1994 de jure unter Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde steht. Sie hat rund 200.000 Einwohner[1], von denen etwa ein Drittel in dem 1948 gegründeten Chan-Yunis-Flüchtlingslager leben, und ist nach Gaza-Stadt die zweitgrößte Stadt im Gazastreifen. Chan Yunis ist einer der Standorte der Al-Quds Open University[2].

Geographie[Bearbeiten]

Die Stadt liegt rund vier Kilometer vom Mittelmeer und acht Kilometer nördlich von der ägyptischen Grenze entfernt. Klimatisch liegt Chan Yunis somit in einer halbtrockenen Region, deren jährliche Niederschlagsmenge durchschnittlich 260 Millimeter beträgt.

Geschichte[Bearbeiten]

Stadt[Bearbeiten]

Chan Yunis wurde im 14. Jahrhundert gegründet.

Die Stadt hat ihren Ursprung in einer alten Karawanserei (Han), erbaut von dem Emir Yunis, im Jahr 1387 n. Chr. Der Name der Stadt Chan Yunis geht auf ihren Erbauer Yunis ibn Abdallah an-Nauruzi ad-Dawadar zurück. Er war der oberste Sekretär und einer der höchsten Offiziellen von Barquq, dem ersten Sultan der Mamluken in Ägypten. Seine Aufgabe war es, die Karawanen, Pilger und Reisende der damaligen Zeit zu schützen. Später wurde der Ort zu einem wichtigen Zentrum für Handel, der Wochenmarkt fand Donnerstags statt und zog Händler der Nachbarregionen an.[3] Während des ersten Arabisch-israelischen Krieges 1948/49 wurde Chan Yunis von ägyptischen Truppen besetzt. Am 31. August 1955 führte die israelische Armee eine Militäraktion gegen Chan Yunis durch, da von hier aus eine Guerillaaktion gegen Israel stattgefunden hatte. Die Aktion, die über 70 ägyptische Soldaten das Leben kostete führte zu einem Waffenstillstand Ägyptens mit Israel[4][5][6]

Während des Krieges 1956 kam es erneut zu Kämpfen in Chan Yunis zwischen der israelischen Armee und der 86. Palästinensischen Brigade[7].

In diesem Zusammenhang kam es zur Tötung von 275 palästinensischen Zivilisten. Während Israel behauptete, auf militärischen Widerstand gestoßen zu sein, behaupteten die Palästinenser, Israel habe vorsätzlich nicht bewaffnete Zivilisten ermordet[8][9][9]..

Im Jahr 1967, während des Sechstagekrieges, war Chan Yunis ebenfalls von Kämpfen und Bombardements betroffen.

Während der israelischen Besatzung (1967-2005) kam es in Chan Yunis wiederholt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften und Angehörigen von palästinensischen Untergrundorganisationen, in deren Verlauf auch Unbeteiligte zu Schaden kamen. Die Stadt gilt als Hochburg der Hamas.[10]

2006 übernahm die Hamas die Macht im Gazastreifen. Seit der israelischen Grenzblockade 2005 wurden über 2.000 Qassam-Raketen von Chan Yunis nach Israel geschossen, zumeist auf die südisraelische Stadt Sderot.

Flüchtlingslager[Bearbeiten]

Das Chan-Yunis-Flüchtlinglager (englisch Khan Younis camp) befindet sich unweit der Stadt rund zwei Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt. Es wurde 1949 im Westen von Chan Yunis errichtet. Die ursprünglich 35.000 Bewohner, die meisten von Dörfern in der Beerscheba-Region in der Wüste Negev, hausten zunächst in Zelten.

Das Flüchtlingslager ist in 13 Blöcke unterteilt; einige Blöcke in niedriggelegenen Gebieten werden im Winter überflutet. Die meisten der Schutzunterkünfte sind aus Zementblöcken und haben Asbest-Dächer. Im Lager gibt es kein Kanalnetz. Alle Schutzhütten werden mit Wasser aus öffentlichen und privaten Brunnen beliefert.

Der westliche Block, "Block 1", war sehr nah am israelischen Siedlungsblock Gusch Katif gelegen. Vor der Grenzschließung des Gazastreifens im September 2000 arbeitet die meisten Flüchtlinge als Arbeiter in Israel oder in der lokalen Landwirtschaft und Fischfang. Um zu ihrer Arbeit ans Meer oder zu den Farmen in der Mawasi-Region nahe dem Meer zu kommen, mussten die Arbeiter eine israelische Kontrollstelle am Eingang zum Gusch-Katif-Siedlungsblock passieren. Erst mit dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen wurde das Siedlungsgebiet im August 2005 vollständig geräumt; das israelische Heer begann nach der Evakuierung der Siedlungen umgehend mit dem Abriss der Häuser.

Andere Flüchtlinge betreiben Läden und Werkstätten. Ein öffentlicher Markt wird jeden Mittwoch abgehalten.

Das Relief and Social Services Department des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) hat mehrere hundert durch Operationen der israelischen Streitkräfte (IDF) zerstörte Häuser im Chan-Yunis-Flüchtlingslager erfasst. Die UNRWA hilft beim Wiederaufbau von Häusern, stellt Bildungsmaßnahmen und medizinische Hilfe zur Verfügung.

Politik[Bearbeiten]

Städtepartnerschaft[Bearbeiten]

Chan Yunis unterhält Partnerschaften mit der französischen Stadt Évry, der norwegischen Stadt Hamar und der spanischen Stadt Almuñécar.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Die Alte Karawanserei, erbaut während der Regierungszeit von Yunis ibn Abdallah an-Nauruzi: Zunächst als Station für Reisende und Händler geplant, wurde der Khan während der Osmanenherrschaft zu einer Zitadelle ausgebaut und diente als Militärstützpunkt und Poststation.
  • Das kleine archäologische Museum zeigt viele der in der Gaza-Region gefundenen Mosaike.

Infrastruktur[Bearbeiten]

Der Friedhof liegt inmitten der Stadt in einem stark bewohnten Gebiet mit vielen Alleen und kleinen Plätzen. Auf ihm liegt das Familiengrab der al-Qidwas, Yasir Arafats Verwandtschaft väterlicherseits.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nach der Darstellung der Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschland zählt Chan Yunis zusammen mit den umliegenden Flüchtlingslagern nur rund 124.000 Einwohner.
  2. HP der QOU, zuletzt abgerufen am 28. August 2011.
  3. Elagha Geschichte vom Khan von Chan Yunis (en)
  4. Israel's reprisal policy, 1953-1956: the dynamics of military retaliation By Zeʼev Derori. Seite 142
  5. Katz, Samuel M. (1988) Israeli Elite Units since 1948. Osprey Publishing. ISBN 0-85045-837-4. Seite 10
  6. Morris, Benny (1993) Israel's Border Wars, 1949 - 1956. Arab Infiltration, Israeli Retaliation, and the Countdown to the Suez War. Oxford University Press, ISBN 0-19-827850-0. Seite 350.
  7. Varble, Derek The Suez Crisis 1956, Osprey: London, 2003 Seite 46.
  8. Joe Sacco produces comics from the hot zones. New York Times.
  9. a b UNRWA Report to the UN General Assembly November 1 – 14. Dezember 1956
  10. Auf dem Newsletter der israelischen Botschaft vom 8. Oktober 2002 wurde der Stadtteil al-Amal als Hochburg genannt.
  11. Daniela Marcus: Khan Yunis: Jede Grabesstätte birgt ein Problem. In: haGalil vom 1. November 2004

Weblinks[Bearbeiten]