Dietrich von Choltitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dietrich von Choltitz (1940)

Dietrich von Choltitz (* 9. November 1894 in Wiese Gräflich, Oberschlesien; † 5. November 1966 in Baden-Baden) war ein deutscher Offizier, zuletzt General der Infanterie im Zweiten Weltkrieg sowie 1944 Stadtkommandant von Groß-Paris.

Jugend und militärische Karriere[Bearbeiten]

Dietrich von Choltitz besuchte ab 1907 in Dresden das Kadettenkorps und trat am 6. März 1914 als Fähnrich in das sächsische Infanterie-Regiment 107 in Leipzig ein. Mit diesem kam er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs an der Westfront zum Einsatz, wurde dort am 16. Oktober 1914 zum Leutnant befördert und kurz darauf verwundet[1]. Vom 30. Januar bis 31. März 1915 fungierte er als Kompanieführer und war anschließend Adjutant des III. Bataillons. Von Choltitz war dann vom 31. Juli 1916 bis 24. Juli 1917 Führer des MG-Ergänzungszuges 649. Im Anschluss daran setzte man ihn als Adjutant des Ersatz-Bataillons seines Stammregiments ein. Diese Stellung hatte er über das Kriegsende hinaus bis zum 17. Januar 1919 inne.

Nach der Demobilisierung des Regiments war von Choltitz dann Abschnittsadjutant beim Grenzschutz Ost und wurde am 5. Mai 1919 in das Grenzjäger-Bataillon 12 versetzt. Bereits einen Tag später erfolgte seine Kommandierung zur Reitschule Soltau. Am 1. Oktober 1919 wurde von Choltitz in die Vorläufige Reichswehr aufgenommen und in das Reichswehr-Infanterie-Regiment 38 versetzt. Nach einem Jahr kam er dann in das 11. (Sächsisches) Infanterie-Regiment und zwei Monate später erfolgte seine abermalige Versetzung, dieses Mal als Eskadron-Offizier in das 12. (Sächsisches) Reiter-Regiment. Vom 10. Januar bis 20. Mai 1922 kommandierte man ihn zum Ausbildungskursus für Kavallerie-Nachrichtenoffiziere. Von Choltitz versah dann wieder Truppendienst und wurde mit Wirkung zum 1. Februar 1924 Ordonnanzoffizier und Führer des Nachrichtenzuges beim Regimentsstab in Dresden. In dieser Funktion erfolgte am 1. November 1924 seine Beförderung zum Oberleutnant. Vom 3. Oktober 1927 bis 15. Februar 1928 absolvierte er einen Offiziers-Waffenschul-Lehrgang, wurde am 15. Oktober 1928 zur 4. Eskadron versetzt und sechs Monate später deren Chef. Diese Funktion bekleidete von Choltitz bis zum 30. September 1934 und wurde zwischenzeitlich am 1. April 1929 zum Rittmeister befördert. Am 1. August 1935 wurde er zunächst Major und ab 1. Februar 1937 Kommandeur des III. Bataillons des Infanterieregiments 16. Am 1. April 1938 erfolgte seine Beförderung zum Oberstleutnant.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs war von Choltitz' Bataillon hauptsächlich 1940 an der Besetzung der Brücken von Rotterdam durch Luftlandetruppen beteiligt. Hierfür erhielt er am 18. Mai 1940 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Im September 1940 wurde von Choltitz Kommandeur des gesamten Regiments, seit 1941 als Oberst. Im Krieg gegen die Sowjetunion war von Choltitz' Einheit maßgeblich an der Eroberung Sewastopols im Juni 1942 beteiligt. 1942 wurde er zum Generalmajor ernannt, 1943 zum Generalleutnant befördert. Er kommandierte z. B. die 11. Panzer-Division und – in Vertretung von Generalleutnant Walter Hahm – vom 27. August bis 6. Oktober 1942 die 260. Infanterie-Division, war stellvertretender Kommandeur und später Kommandeur verschiedener Armeekorps und Panzerkorps; von März 1944 an in Italien und seit Juni 1944 an der Westfront.

Kurz vor dem Ausbruch der Amerikaner aus dem Landekopf der Invasion in der Normandie war v. Choltitz Kommandeur eines in dem dortigen, westlichen Abschnitt eingesetzten Korps der 7. Armee. Da die deutsche Verteidigung sich auf den ihr gefährlicher erscheinenden östlichen Bereich der Invasionsfront um Caen konzentrierte, hatten im Westteil „die Amerikaner, wie Montgomery sich ausdrückte, ‚die deutsche Verteidigung ausgeweidet‘ [..]. Tatsächlich meldete General v. Choltitz, der Kommandeur des LXXXIV. Korps, am 15. Juli der 7. Armee: ‚Der ganze Kampf ist eine ungeheure Blutmühle, wie noch nie in elf Kriegsjahren erlebt.‘“[2] Am 25. Juli 1944 begann in diesem Bereich der Angriff, der zum Ausbruch der Amerikaner aus dem Landekopf führte. „In der Nacht [vom 28. auf den 29. Juli] gab es hier keine zusammenhängende Front mehr; das LXXXIV. Korps hatte sich aufgelöst, und es waren keine Reserven zur Hand, die Linie wieder herzustellen.“[3] Danach wird der Verband nicht mehr erwähnt.

Aus den vorliegenden Daten kann geschlossen werden, dass v. Choltitz das LXXXIV. Armee-Korps nach dem Tod des vorherigen Kommandeurs Erich Marcks am 12. Juni 1944 übernommen hatte und nach der Auflösung der Einheit Ende Juli 1944 zum Stadtkommandanten von Paris berufen wurde.

Kommandant von Paris[Bearbeiten]

Am 1. August 1944 wurde von Choltitz von Hitler zum General der Infanterie befördert und zum Kommandierenden General und Wehrmachtbefehlshaber von Groß-Paris ernannt. Die Kommandantur befand sich an der Place de l'Opéra, der Amtssitz des Generals im Hôtel Le Meurice [4]auf der 228 Rue de Rivoli.[5] Choltitz traf – als Nachfolger des abgelösten Kommandanten von Groß-Paris Hans von Boineburg-Lengsfeld – am 9. August 1944 in Paris ein. In den darauf folgenden 16 Tagen widersetzte er sich mehreren Befehlen Adolf Hitlers, Paris bis zum letzten Mann zu verteidigen bzw. als zerstörte Stadt zurückzulassen.[6][7][8] Der letzte Satz des Führerbefehls vom 23. August 1944 lautete: „Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen.“[9][10]

Durch eine Mischung aus aktiver Kontaktaufnahme mit dem Feind, intensiven Verhandlungen mit der Résistance, Demonstration von Stärke in Form von Militärparaden und Drohungen konnte von Choltitz Aufruhr und Aufstand der Bevölkerung von Paris und somit gravierende Kämpfe und Zerstörungen in der Metropole verhindern. Er übergab die Stadt nach hinhaltendem Widerstand in einigen Vororten nahezu unversehrt am Nachmittag des 25. August 1944 an General Leclerc als Repräsentanten der regulären französischen Streitkräfte. Auf dessen eigenes Drängen hin, wurde die Kapitulation von Oberst Henri Rol-Tanguy, Führer der Pariser Résistance/FFI, mitunterzeichnet.

Choltitz wurde später deshalb von vielen Seiten als ein „Retter von Paris“ betrachtet. Der spätere französische Präsident Charles de Gaulle, der 14 Jahre lang einen Horch 830 aus dem Fuhrpark des General von Choltitz als seinen Dienstwagen benutzte, sah in dessen Befehlsverweigerung einen Grundstein für die spätere deutsch-französische Aussöhnung.[11]

Nach einer anderen Darstellung[12] verfügte von Choltitz zum einen nicht über die entsprechenden militärischen Ressourcen für so umfangreiche Zerstörungen, zum anderen wurde er mehrfach ausdrücklich von alliierter Seite gewarnt, dass er als Kriegsverbrecher und nicht nur als Kriegsgefangener behandelt werden würde, sollte er den Zerstörungsbefehl ausführen. Auch ließ er sein Hauptquartier bis zuletzt verteidigen und unterzeichnete die Kapitulation erst nach seiner Gefangennahme. Wobei Choltitz nach Collins/Lapierre diesen Weg wählte, um nicht der Resistance und dem Mob in die Hände zu fallen.

von Choltitz (links) in Trent Park, November 1944

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Von Choltitz wurde in das englische Kriegsgefangenenlager Trent Park gebracht, wo die Gespräche der gefangenen Offiziere heimlich abgehört und aufgezeichnet wurden. Darin wurden erstmals nähere Verbindungen von Choltitz' zum Widerstand deutlich. Laut dem (in Abschriften erhaltenen) Abhörprotokoll vom 29. August 1944 sagte v. Choltitz: „Den schwersten Auftrag, den ich je durchgeführt habe – allerdings dann mit größter Konsequenz durchgeführt habe – , ist die Liquidation der Juden.“ Choltitz war 1941/42 Kommandeur eines Regiments auf der Krim.[13][14] [15] Wehrmacht-Truppenteile und -Soldaten begingen 1941-1945 auf dem Gebiet der Sowjetunion zahlreiche Kriegsverbrechen.

Laut Sönke Neitzel - er veröffentlichte 2005 das Buch Abgehört (basierend auf Abhörprotokollen aus Trent Park[16]) war v. Choltitz einer der wenigen Generäle, die sich zu ihrer persönlichen Verantwortung bekannten.

„Ich habe meine Soldaten verführt, an diesen Mist zu glauben, habe die Bevölkerung, die das Offizierskorps noch als etwas Würdiges sah, veranlasst, auch ohne Überlegung mitzumachen. Ich fühle mich auf das Äußerste beschämt! Vielleicht sind wir viel mehr schuld als dieses ungebildete Viehzeugs, was ja sowieso sein ganzes Leben lang nichts anderes hört.“

Neitzel, a.a.O., S. 54

Im April 1947 wurde v. Choltitz aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er blieb bis zu seinem Tod in Baden-Baden-Lichtental und starb am 5. November 1966 an einem langjährigen Kriegsleiden (Lungenemphysem) im Stadtkrankenhaus in Baden-Baden. Am 9. November 1966 wurde er in Anwesenheit hoher deutscher Offiziere (Generalmajor Paul Köhler sowie Generalmajor Otto Lechler u. a. als Abordnung des Bundesverteidigungsministeriums) sowie hoher französischer Offiziere (Colonel Wagner, Stadtkommandant von Baden-Baden, Colonel de Ravinel u. a.) auf dem Hauptfriedhof Baden-Baden beigesetzt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dietrich von Choltitz: ...brennt Paris? Adolf Hitler ... Tatsachenbericht des letzten deutschen Befehlshabers in Paris. Una-Weltbücherei, Mannheim 1950.
  • Dietrich von Choltitz: Soldat unter Soldaten. Europa-Verlag, Konstanz 1951.
  • Klaus-Jürgen Müller: Die Befreiung von Paris. In: Michael Salewski, Guntram Schulze-Wegener (Hrsg.): Kriegsjahr 1944: Im Großen und im Kleinen. Franz Steiner, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06674-8.
  • Sönke Neitzel: Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 3-549-07261-9.
  • Larry Collins, Dominique Lapierre: Brennt Paris? Roman. Ullstein, München 2002, ISBN 3-548-25506-X.
  • Wolf Keienburg (Redaktionsleitung): Goldmann Lexikon. Band 4. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1998, ISBN 3-442-26164-3.
  • Dermot Bradley: Die Generale des Heeres 1921-1945 Band 2: v. Blanckensee-v. Czettritz und Neuhauß, Biblio Verlag, Osnabrück 1993, ISBN 3-7648-2424-7, S.432-433

Filme[Bearbeiten]

  • Brennt Paris?, dramatischer Film, Frankreich/USA 1966, Regie: René Clément. (Gert Fröbe als General Dietrich von Choltitz)
  • Paris – Sommer 44, Dokumentation, Deutschland, WDR, Regie: Michael Busse, Maria-Rosa Bobbi.
  • Wird Paris vernichtet?, Dokumentation, Deutschland 2004, WDR, 50 Min. Erstausstrahlung 2007 (10. Januar 2007, Arte). Regie: Michael Busse, Maria-Rosa Bobbi. (Der Film zeichnet die letzten 16 Tage der deutschen Besatzung nach. Er folgt Choltitz aus dem Führerhauptquartier, wo er am 7. August 1944 die Hitler-Befehle erhält, nach Paris)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Dietrich von Choltitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Auszug aus den Deutschen Verlustlisten (sächs. 55) vom 15. November 1914, S. 2656
  2. Telefontagebuch der 7. Armee, 15. Juli. 23.50 Uhr. Zitiert in: Chester Wilmot: Der Kampf um Europa. Büchergilde Gutenberg, Zürich 1955, S. 409.
  3. Wilmot, S. 415
  4. Geschichte des Hotel Meurice, von Choltitz bewohnte das Zimmer 213
  5. Angaben auf der offiziellen Seite der Stadt Paris, abgerufen am 18. Mai 2012
  6. Goldmann Lexikon, Stichwort Choltitz, Dietrich von, Band 4, S.1806: „[…] lehnte als letzter dt. Wehrmachtbefehlshaber von Paris 1944 die Zerstörung der Stadt ab und übergab sie kampflos den Alliierten.“.
  7. Encyclopædia Britannica's Guide to Normandy 1944, Online-Ressource, abgerufen 12. Dezember 2006 (englisch).
  8. „But garrison commander Dietrich von Choltitz refused to carry out the order and negotiated a surrender that opened the city to Allied forces on the 25th.“. „international relations.“ Britannica 2002 Expanded Edition. Copyright © 1994–2002 Britannica.com Inc. 12. Januar 2007.
  9. Foto des Befehls
  10. Dokument, Deutsches Historisches Museum
  11. Informationsschild an dem von de Gaulle genutzten Horch 830 im Militärhistorischen Museum in Dresden.
  12. Arte-TV-Dokumentation vom 10. Januar 2007
  13. Sönke Neitzel, a.a.O. Seite 252 (Dokument 106). Fußnote 265 lautet: "Es ist nicht bekannt, wo Choltitz diese Judenerschießungen durchgeführt hat. Wahrscheinlich fielen diese in seine Zeit als Regimentskommandeur auf der Krim 1941/42." Siehe auch Fußnote 285.
  14. laut Timo v. Choltitz (Kommentar) stehen diese Sätze nicht im Abhörprotokoll vom 29. August (dem Tag seiner Einlieferung in Trent Park), sondern vom 8. und 9. September 1944
  15. Kerstin Heil: O-Töne des Krieges - Ruhr Nachrichten, 13. August 2007
  16. 2007 erstmals als Taschenbuch erschienen; 5. Aufl. 2011 (Inhaltsverzeichnis)
  17. a b c d e Rangliste des Deutschen Reichsheeres, Mittler & Sohn Verlag, Berlin, S.151
  18. a b Veit Scherzer: Die Ritterkreuzträger 1939-1945 Die Inhaber des Eisernen Kreuzes von Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine, Waffen-SS, Volkssturm sowie mit Deutschland verbündete Streitkräfte nach den Unterlagen des Bundesarchivs, Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S.259
  19. Dermot Bradley: Die Generale des Heeres 1921-1945 Band 2: v. Blanckensee-v. Czettritz und Neuhauß, Biblio Verlag, Osnabrück 1993, ISBN 3-7648-2424-7, S.432