Engelbert Kaempfer

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Engelbert-Kämpfer-Porträt von Emil Schulz-Sorau (1955) im Engelbert-Kaempfer-Gymnasium Lemgo.

Engelbert Kaempfer (* 16. September 1651 in Lemgo; † 2. November 1716 in Lemgo-Lieme) war ein deutscher Arzt und Forschungsreisender. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Kaempf.

Im Zuge einer fast zehnjährigen Forschungsreise, die ihn über Russland und Persien nach Indien, Java, Siam und schließlich Japan führte, sammelte er zahlreiche Kenntnisse zur Naturwissenschaft, Landeskunde, Politik und Verwaltung der bereisten Länder. Seine Schriften gelten als wichtige Beiträge zur Erforschung der Länder Asiens und prägten zugleich das europäische Japanbild des 18. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Engelbert Kaempfer war der zweite Sohn von Johannes Kemper, einem Pastor an der St.-Nicolai-Kirche zu Lemgo, und dessen Ehefrau Christina Drepper, der Tochter seines Amtsvorgängers. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau um 1654 heiratete der Vater Adelheid Pöppelmann. Ab 1665 besuchte Engelbert zunächst das Lemgoer Gymnasium und ab 1667 die Lateinschule in Hameln (1667). Bei begabten Schülern war es damals üblich, die Schule mehrmals zu wechseln, um den Gesichtskreis zu erweitern und die beruflichen Möglichkeiten zu verbessern. Ein weiterer Grund war möglicherweise, dass in den Jahren 1666 und 1667 seine beiden Onkel Bernard Grabbe und Andreas Koch im Verlauf der Lemgoer Hexenprozesse hingerichtet wurden. Von 1668 bis 1673 besuchte er die Gymnasien in Lüneburg und Lübeck, sowie das „Athenaeum“ in Danzig, wo er Philosophie, Geschichte sowie alte und neue Sprachen studierte. Dort veröffentlichte er auch sein erstes Werk unter dem Titel „De Maiestatis divisione“ (Über die Teilung der obersten Gewalt). Es folgte ein langwieriges Studium der Philosophie und Medizin an den „Hohen Schulen“ in Thorn, Krakau und Königsberg. 1681 wechselte er zur Akademie in Uppsala.[1]

Im Safawidenreich[Bearbeiten]

Das Reich der Safawiden zwischen 1501 und 1722 (Ausdehnung zu unterschiedlichen Zeiten)

Am schwedischen Hof machte Kaempfer die Bekanntschaft von Samuel von Pufendorf, der ihn dem schwedischen König Karl XI. als Arzt und Legationssekretär für eine Gesandtschaft unter Leitung des Holländers Ludwig Fabritius zum russischen und persischen Hof empfahl. Während dieser Reise schulte er seine Beobachtungsfähigkeit und fertigte umfangreiche Aufzeichnungen zu Land und Leuten in den besuchten Regionen an. Die Delegation brach am 20. März 1683 aus Stockholm auf und reiste über Finnland, Livland, Moskau und Astrachan, wo sie am 7. November 1683 eintraf und sodann per Schiff die Reise über das Kaspische Meer fortsetzte. Am 17. Dezember erreichte sie Schemacha, Hauptstadt der damals noch unter iranischer Herrschaft stehenden Region Schirwan. Den dortigen einmonatigen Aufenthalt nutzte Kaempfer zur Besichtigung der Erdölquellen Fontes Naphta von Badkubeh (heute Baku), die er als erster Europäer erkundete und genauer beschrieb. Noch heute erinnern Ausstellungstafeln im Museum von Baku an den Besuch Kaempfers. Am 14. Januar 1684 schließlich traf die Gesandtschaft in Rasht im Nordiran ein, und reiste von dort über Qazvin, Qom und Kaschan zur safawidischen Hauptstadt Isfahan weiter, wo sie am 29. März 1684, ein Jahr nach ihrer Abreise von Stockholm eintraf. Kaempfer hielt sich insgesamt 20 Monate in Isfahan auf und wurde so zu einem der wichtigsten europäischen Zeitzeugen, dem wir wertvolle Berichte über die damalige iranische Hauptstadt, die Verwaltung des Safawidenstaats und das Leben am Hofe verdanken. Nicht zuletzt durch das Erlernen des Persischen und Türkischen war er in der Lage, tiefe Einblicke in das Leben im Iran des 17. Jahrhunderts zu gewinnen.[2]

Nach Ostasien[Bearbeiten]

Haus und Praxis der Chirurgen auf Dejima (Nr. 28), Stich nach einer Skizze von Gerrit Voogt, 1736
Dejima um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Stichvon Arnoldus Montanus, 1669
Reisezug des Faktoreileiters nach Edo. The History of Japan (1727)
Stadt und Bucht von Nagasaki. Stich auf der Grundlage eines japanischen Holzblock-Drucks, The History of Japan (1727)

Während seines Aufenthalts erfuhr Kaempfer von der Anwesenheit einer holländischen Flotte in Bandar Abbas und er beschloss, diese Gelegenheit zu nutzen, sich von der schwedischen Gesandtschaft zu trennen und eine Reise als Schiffsarzt nach Indien zu unternehmen. Er musste allerdings eineinhalb Jahre warten, bis er endlich nach Bandar Abbas abreisen konnte. Auf dem Weg nach Süden besuchte er die Ruinen von Persepolis und studierte die Täfelchen mit Schriftzeichen, für die er den Namen Keilschrift erfand. Im klimatisch außerordentlich strapaziösen Bandar Abbas lebte er zweieinhalb Jahre. Hier entstand unter anderem seine Arbeit über die Dattelpalme.[2] Nach langwierigen Versuchen erhielt er schließlich bei der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) eine Stelle.

Am 30. Juni 1688 ging er als Schiffsarzt an Bord der Jacht Copelle, die persische Waren für Ceylon und Batavia geladen hatte. Kaempfer beschäftigte sich mit der Erforschung von Tropenkrankheiten, wie der Elephantiasis. Er erreichte am 16. Juli 1688 Maskat, die Hauptstadt des Oman. Obwohl er nur einige wenige Tage blieb, fertigte er umfangreiche Aufzeichnungen über den Oman an. Seine Notizen zählen heute zu den wichtigsten Quellen aus jener Zeit, da er damals einer der wenigen europäischen Besucher des Landes war.[2] Rund ein Jahr lang arbeitete er als Schiffsarzt im indischen Raum.

Nach seiner Ankunft in Batavia, der Verwaltungszentrale der Kompanie in Ostasien, bewarb er sich erfolglos um eine Stelle im lokalen Krankenhaus. Er lernte seinen Freund Parvé kennen, den Schatzkanzler der Niederländischen Ostindischen-Kompanie. Im Umgang mit ehemaligen Japanreisenden und Gebildeten in Batavia reifte dann der Plan zur umfassenden Erforschung des Landes, das seit 1639 nur noch einen sehr eingeschränkten Umgang mit der Außenwelt pflegte. Am 7. Mai 1690 verließ er Batavia an Bord der Waelstrohm. Die erste Station war die holländische Niederlassung in Ajuthia, wo er den König von Siam besuchte. Nach dreiwöchigem Aufenthalt stach die Waelstrohm am 7. Juni 1690 erneut in See und erreichte Nagasaki am 24. September 1690. Die Niederlassung der Holländer lag auf der künstlich aufgeschütteten Insel Dejima (Deshima) in unmittelbarer Nähe der Stadt. Dies war wegen der sogenannten Abschließungspolitik der einzige erlaubte Aufenthaltsort für die Angehörigen der VOC, die offiziell alle als Niederländer galten.[2]

Hier arbeitete Kaempfer als Arzt von 1690 bis 1692. Obwohl die Europäer die Handelsniederlassung nur zu ein bis zwei Tagesausflügen pro Jahr verlassen durften, gelang es ihm, dank der Kooperation japanischer Partner wie seinem Zimmerdiener Imamura Eisei, den Dolmetschern Namura Gonpachi, Narabayashi Chinzan (1648–1711) und anderen zahlreiche Objekte, Bücher und Informationen zu sammeln und auszuwerten.

Als Arzt durfte Kaempfer zudem an der jährlichen Hofreise des niederländischen Repräsentanten teilnehmen, der in einer Zeremonie im Schloss zu Edo (heute Tokio) dem Shōgun für die Genehmigung zum Handel mit Japan Dank abzustatten hatte. Nach der Durchquerung der Insel Kyushu segelte man auf einem kleinen Schiff von Shimonoseki bis Ōsaka und zog dann auf dem Landweg über die berühmte Ostmeerstraße (Tōkaidō) nach Edo. Diese beiden Reisen ermöglichten es ihm, die bisher gesammelten Informationen zu überprüfen, auszuweiten und wichtige Regionen des Landes aus eigener Anschauung kennenzulernen. Zu seinem Glück war das Botanisieren gestattet, so dass er eine stattliche Kollektion an Pflanzenproben zusammentrug. Unterwegs wurde er auch auf die Japanische Riesenkrabbe aufmerksam, die in der modernen Nomenklatur seinen Namen erhielt: Macrocheira kaempferi. Sowohl ein männliches, als auch ein weibliches Exemplar sind heute in seiner Heimatstadt, der lippischen Alten Hansestadt Lemgo, im Museum Hexenbürgermeisterhaus zu sehen.[2]

Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

Am 6. Oktober 1693 erreichte Kaempfer nach einem Zwischenstopp in Südafrika mit der Pampus Amsterdam. Nach der Promotion an der Reichsuniversität in Leiden, bei der er zehn medizinische Observationen zum Besten gab, kehrte er im August 1694 nach Lemgo zurück und bezog den Steinhof in Lieme, den sein Vater 1675 erworben hatte. Hier begann er mit der Auswertung seiner Schätze, doch die ärztliche Praxis und besonders seine Pflichten als Leibarzt des anspruchsvollen Grafen Friedrich Adolf zur Lippe in Detmold erwiesen sich als zeit- und kräfteraubend. Die 1700 geschlossene, wenig glückliche Ehe mit der mehr als 30 Jahre jüngeren Sophie Wilstach trug zur wachsenden Erschöpfung bei. In einem Brief an seinen holländischen Freund Parvé schrieb er 1705: Ich führe ein ruheloses und überaus beschwerliches Leben zwischen Feldern und Höflingen.[1]

1712 gelang es ihm schließlich, die „Amoenitates Exoticae“ im heimatlichen Lemgo zu publizieren. Zum Druck eines zweiten Manuskripts „Heutiges Japan“ kam es jedoch nicht mehr. Im Alter von 65 Jahren starb Engelbert Kaempfer am 2. November 1716 im Steinhof. Er wurde am 15. November 1716 in der Nicolaikirche zu Lemgo beigesetzt. In seinem Testament hatte er verfügt, dass seine Frau leer ausgehen sollte, und als Haupterben seinen Neffen Dr. Johann Hermann Kemper, Sohn seines älteren Bruders Joachim eingesetzt, der als Syndikus in Goslar tätig war.[2]

Das Erbe[Bearbeiten]

Nach Kaempfers eigenen Worten hat er in sein Werk nichts aus meiner eigenen Phantasie Geschöpftes hereingebracht, nichts was nach der Schreibstube schmeckt und nach der Studierlampe riecht. Ich beschränke mich darauf, allein das zu schreiben, was entweder neu oder von anderen nicht gründlich und vollständig überliefert ist. Als Forschungsreisender hatte ich kein anderes Ziel, als Beobachtungen von Dingen zu sammeln, die uns nirgends oder nicht genug bekannt geworden sind. (Vorwort der Amoenitates Exoticae) Das 900 Seiten umfassende Werk richtet sich an die europäische Gelehrtenwelt und besteht aus fünf Büchern: Der größere Teil ist Persien gewidmet, der Rest bezieht sich auf Japan.[2]

Große Teile des Nachlasses wurden 1723 und 1725 vom Leibarzt des englischen Königs und leidenschaftlichen Sammlers Sir Hans Sloane (1660–1753) angekauft. Dieser ließ das ungedruckte Japanmanuskript von dem jungen Schweizer Arzt und Gelehrten Johann Caspar Scheuchzer übersetzen und 1727 unter dem Titel The History of Japan publizieren. Das systematische Werk füllte eine Lücke, da eine umfassende, neuere Beschreibung seit vielen Jahrzehnten ausstand. Zudem gelang es Kaempfer, sich weitgehend von der Form der Reisebeschreibung freizumachen und seine Beobachtungen in Form von Topoi (Geographie, Geschichte, Religion usw.) auszubreiten. Schon 1729 erschienen die erste Auflagen einer französischen und einer niederländischen Übersetzung. Nach der Entdeckung eines zweiten Manuskriptes im Nachlass von Kaempfers Nichte, gab der Aufklärer, spätere Staatsrat und Archivar Christian Wilhelm Dohm eine deutsche Version heraus, die von 1777 bis 1779 unter dem Titel Kaempfers Geschichte und Beschreibung von Japan bei Meyer in Lemgo erschien. Nach eigenen Worten hatte er nur behutsame textliche Veränderungen vorgenommen,[2] tatsächlich aber ganze Kapitel, die in seinem Manuskript fehlten, aus der The History of Japan übersetzt. Auch übernahm er, mit einer Ausnahme, die von Scheuchzer ausgewählten und bearbeiteten Abbildungen der englischen Version.[3]

In der ersten Hälfte des 20. Jhs. war der Eindruck entstanden, dass die Nachwelt Kaempfer vergessen habe, doch wie Peter Kapitza in umfangreichen Studien zeigt, übte sein Werk, besonders die französische Ausgabe, auf die europäische Intelligenz deer Aufklärung einen starken Einfluss aus. Dank der systematischen Konzeption und des Reichtums an Informationen wurde es von den späteren Japanreisenden ebenso genutzt wie von europäischen Schriftstellern, Enzyklopädisten und Naturforschern. Großen Einfluss erlangte Kaempfers Abhandlung über die japanische „Abschlusspolitik“, die in den Amoemitates Exoticae erstmals publiziert und im Anhang der History of Japan und der folgenden Editionen weit verbreitet wurde. Sein Bild einer genügsamen, fleißigen und unter der strengen Herrschaft des Kaisers (Shōgun) harmonisch zusammenlebenden Gesellschaft, die sich zu ihrem Schutz von der Welt zurückgezogen habe, prägte das europäische Japanbild weit über das 18. Jahrhundert hinaus[4]. Bei der Übersetzung dieser Abhandlung prägte der japanische Dolmetscher Shizuki Tadao 1801 wegen der Komplexität des Kaempferschen Titels den neuen Terminus sakoku (Landesabschluss), der zum Schlüsselbegriff in der japanischen Geschichtsschreibung des 20. Jhs. werden sollte.[5]

Kaempfers Schriften waren ein Meilenstein in der Erforschung Japans. An ihnen orientierten sich spätere Japanreisende bis hin zu Philipp Franz von Siebold.[6]

Kaempfers botanische Beobachtungen gingen erheblich über die seiner Vorgänger Andreas Cleyer und George Meister hinaus. Unter anderem gab er die erste detaillierte westliche Beschreibung des Ginkgo, eines als ausgestorben geltenden Baumes. Dieser war vor rund 1200 Jahren in Japan eingeführt und als Tempelbaum für medizinische Zwecke kultiviert worden. Kaempfers Flora Japonica regte Carl Peter Thunberg zur erneuten Bearbeitung der japanischen Pflanzenwelt auf der Grundlage der botanischen Taxonomie seines akademischen Lehrers Linné an. Dessen Werk wurde dann durch Philipp Franz von Siebold Anfang des 19. Jahrhunderts weiter entwickelt.

Infolge der Kürze seines Aufenthaltes blieben Kaempfers Forschungen zur japanischen Sprache weit unter dem Niveau der von den Jesuiten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts publizierten Grammatiken und Wörterbücher, doch leistete er Pionierarbeit hinsichtlich der japanischen Pflanzennamen. Zudem spiegeln die von ihm als Höreindruck in lateinischen Lettern notierten japanischen Wörter und Wendungen eine Reihe von Eigenheiten der Aussprache besser wider als die morphologisch fundierte Transkriptionssysteme der Missionare. [7] Unter der in mehrere Kapitel geteilten Darstellung der Religionen Japans verdient die Beschreibung der Bergasketen (jap. Yamabushi) als erste längere westliche Arbeit zur Religion des Shugendō besondere Beachtung. Leider nahm Kaempfer einige seiner Beobachtungen sowie die Zeichnung einer Mudra (jap. in), die ihm von dem Dolmetscher Narabayashi Shinzan gezeigt worden war, nicht in sein Buch auf. Hinsichtlich der japanischen Akupunktur und Moxibustion hingegen lieferte er erste konkrete Therapie- und Textbeispiele, die bis ins 19. Jh. rezipiert wurden.[8] Viele Angaben aus seinen landeskundlichen Beschreibungen Japans gingen in die berühmte Enzyklopädie von Diderot und d'Alembert ein. Die Schilderung seiner „Audienz“ am Hofe des japanischen Shoguns Tokugawa Tsunayoshi stimulierte besonders die Dichter.[9]

Da der Nachlass Sloanes nach dessen Tod als Gründungssammlung in die Kollektion des Britischen Museums einging, konnte dieser Teil der Kaempferschen Bestände für die Nachwelt gerettet werden. Kaempfers umfangreiche Familienbibliothek von rund 3500 Titeln jedoch wurde infolge einer 1773 durchgeführten Versteigerung zerstreut.[10] Sein „Stammbuch“ sowie Akten seines Scheidungsprozesses befinden sich in Detmold.[11] Zu den ins Deutsche übersetzten Teilen des Werks zählen: Engelbert Kaempfer: 1651–1716. Seltsames Asien (Amoenitates Exoticae). In Auswahl übersetzt von Karl Meier-Lemgo, Detmold 1933. Das gesamte erste Buch der Amonitates erschien 1940 unter dem Titel „Engelbert Kaempfer: Am Hofe des persischen Großkönigs (1684–1685)“ in der Übersetzung des Iranisten Walther Hinz, es gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Quellen über das Persien des 17. Jahrhunderts.[6]

Neuere Forschungen zeigten erhebliche Unterschiede zwischen der englischen Druckausgabe des Japanwerks und dem in der British Library gehüteten deutschen Manuskript auf. Im Zuge der kritischen Edition von Kaempfers Werken wurde 2001 die ursprüngliche Version erstmals zugänglich gemacht. Weitere Publikationen des Nachlasses zeigen eine eindrucksvolle Breite und Tiefe der Forschungsarbeit des Lemgoer Arztes, der mit Recht zu den herausragendsten Forschungsreisenden des 17. Jahrhunderts zählt.[6]

Akupunktur und Moxibustion[Bearbeiten]

Kaempfer bemühte sich, über die Darstellungen von Hermann Buschoff, der den Begriff Moxa einführte, und Willem ten Rhijne, der den Begriff Akupunktur prägte, hinauszugehen, was ihm mit der Beschreibung konkreter Therapiefälle einigermaßen gelang. Hinsichtlich der Erklärung der Wirkmechanismen blieb es hingegen weitgehend bei der Terminologie und Interpretation seiner Vorgänger. Den Wirkungsmechanismus von Akupunktur und Moxibustion interpretierte Kaempfer als „revulsiv“ (umwälzend):[12]

„Zum Ablocken der Dämpfe (und das ist der Sinn des Brennens) würde sich nach europäischem Urteil derjenige Ort am besten eignen, der dem erkrankten Teil am nächsten liegt. Sie (die japanischen Ärzte) wählen jedoch oft weit entfernte Punkte, die mit der erkrankten Region nach anatomischen Grundsätzen nur durch die allgemeine Körperhülle verbunden sind ... Die Scapula (das Schulterblatt) wird mit Erfolg gebrannt, um den Magen zu heilen und um den Appetit anzuregen, die Wirbelsäule bei Pleurabeschwerden, die Adduktoren des Daumens bei Zahnschmerzen auf derselben Seite. Welcher Anatom kann hier eine Gefäßverbindung aufzeigen?“ [13]

Seine allgemeine Interpretation der Punktwahl für die Moxibustion (und Akupunktur[14]) hatte keinen Einfluss auf die frühe Akupunkturpraxis in Frankreich (1810–1826), die sich auf das Nadeln von Schmerzpunkten beschränkte, statt – wie es in China und in Japan üblich war – mit einer Kombination von Nah- und Fernpunkten zu behandeln.

Anders verhält es sich mit Kaempfer’s Beschreibung der Behandlung der „Kolik“ mit Akupunktur bei den Japanern.[15] Sie wird illustriert (S. 583) durch die Abbildung einer Frau, in deren Oberbauch 9 Punkte aufgemalt sind. Hinter dieser Beschreibung steht das japanische Leiden Senki, eine Störung des Flusses des Qi im Abdominalbereich. Die von ihm beobachtete Therapie folgt einem japanischen Konzept, das die chinesischen Meridiane ignoriert und den Bauch als Ort der Diagnose und Therapie betrachtet. [8]

Seit dem 15. Jahrhundert wurden in Nordeuropa die Begriffe „Kolik“ und „Aufsteigen der Gebärmutter“ synonym verwendet, spätestens seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gesellte sich der Begriff „Hysterie“ dazu.

Der französische Arzt Louis Berlioz (1776–1848), Vater des Komponisten Hector Berlioz praktizierte als erster in Europa die Akupunktur. Die erste Patientin, eine 24-Jährige, die er im Jahre 1810 mit Akupunktur behandelte, litt an einem „nervösen Fieber“ (= Umschreibung von „Hysterie). Er stach die von Kaempfer beschriebenen Punkte im Oberbauch ohne sie mit Fernpunkten zu kombinieren.[16]

Ehrungen[Bearbeiten]

Eine Inschrift des ältesten Engelbert-Kämpfer-Denkmals (1867) in Lemgo.

Carl von Linné benannte ihm zu Ehren die Gattung Kaempferia der Pflanzenfamilie der Ingwergewächse (Zingiberaceae).[17][18] Auch die Japanische Riesenkrabbe erhielt in der modernen Nomenklatur seinen Namen: Macrocheira kaempferi.

Nach Engelbert Kaempfer ist in seiner Geburtsstadt Lemgo auch das Engelbert-Kaempfer-Gymnasium benannt.

In Lemgo gibt es das Engelbert-Kaempfer-Denkmal am Wall. Es wurde von den Deutschen Naturforschern und Ärzten initiiert, finanziert und 1867 eingeweiht. Am Geburtshaus Engelbert-Kaempfers - das jetzige Gemeindehaus von St. Nicolai - wurde 1937 vom Gauleiter Alfred Meyer unter Schirmherrschaft des Reichsleiters Alfred Rosenberg eine Gedenktafel angebracht. [19] [20] 1991 hat die Engelbert-Kaempfer-Gesellschaft in Lemgo-Lieme am Eingang des ehemaligen Kaempferschen Wohnhauses eine Tafel angebracht.[21] Carolin Engels schuf 2009 einen Engelbert-Kaempfer-Gedenkstein. Er befindet sich in der Kirche St. Nicolai nahe seiner Grabstelle.

Werke[Bearbeiten]

  • Exercitatio politica de Majestatis divisione in realem et personalem, quam […] in celeberr. Gedanensium Athenaei Auditorio Maximo Valedictionis loco publice ventilendam proponit Engelbertus Kämpffer Lemgovia-Westphalus Anno MDCLXXIII d. 8. Junii h. mat. Dantisci [=Danzig], Impr. David Fridericus Rhetius.
  • Disputatio Medica Inauguralis Exhibens Decadem Observationum Exoticarum, quam […] pro gradu doctoratus […] publico examini subjicit Engelbert Kempfer, L. L. Westph. ad diem 22. Aprilis […] Lugduni Batavorum [Leiden], apud Abrahanum Elzevier, Academiae Typographum. MDCXCIV.
  • Amoenitatum exoticarum politico-physico-medicarum fasciculi v, quibus continentur variae relationes, observationes & descriptiones rerum Persicarum & ulterioris Asiae, multâ attentione, in peregrinationibus per universum Orientum, collecta, ab auctore Engelberto Kaempfero. Lemgoviae, Typis & impensis H.W. Meyeri, 1712. (Uni Bonn).
  • The History of Japan, giving an Account of the ancient and present State and Government of that Empire; of Its Temples, Palaces, Castles and other Buildings; of its Metals, Minerals, Trees, Plants, Animals, Birds and Fishes; of The Chronology and Succession of the Emperors, Ecclesiastical and Secular; of The Original Descent, Religions, Customs, and Manufactures of the Natives, and of thier Trade and Commerce with the Dutch and Chinese. Together with a Description of the Kingdom of Siam. Written in High-Dutch by Engelbertus Kaempfer, M. D. Physician to the Dutch Embassy to the Emperor's Court; and translated from his Original Manuscript, never before printed, by J. G. Scheuchzer, F. R. S. and a member of the College of Physicians, London. With the Life of the Author, and an Introduction. Illustrated with many copperplates. Vol. I/II. London: Printed for the Translator, MDCCXXVII.
  • Kaempfer, Engelberts Weyl. D. M. und Hochgräfl. Lippischen Leibmedikus Geschichte und Beschreibung von Japan. Aus den Originalhandschriften des Verfassers herausgegeben von Christian Wilhelm Dohm. Erster Band. Mit Kupfern und Charten. Lemgo, im Verlage der Meyerschen Buchhandlung, 1777 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv); Zweyter und lezter Band. Mit Kupfern und Charten. Lemgo, im Verlage der Meyerschen Buchhandlung, 1779 (Digitalisat in der Staatsbibliothek Bayern).
  • Engelbert Kaempfer: 1651–1716. Seltsames Asien (Amoenitates Exoticae). In Auswahl übersetzt von Karl Meier-Lemgo, Detmold 1933
  • „Engelbert Kaempfer: Am Hofe des persischen Großkönigs (1684–1685)“ Hrsg. Walther Hinz, Stuttgart 1984

Engelbert Kaempfer, Werke. Kritische Ausgabe in Einzelbänden. Herausgegeben von Detlef Haberland, Wolfgang Michel, Elisabeth Gössmann.

  • (Vol. 1/1, 1/2) Heutiges Japan. – München: Iudicium Verl., 2001 (Textband und Kommentarband). ISBN 3-89129-931-1
  • (Vol. 2) Briefe 1683–1715. – München: Iudicium Verl., 2001. ISBN 3-89129-932-X
  • (Vol. 3) Zeichnungen japanischer Pflanzen. – München: Iudicum Verl., 2003. ISBN 3-89129-933-8
  • (Vol. 4) Engelbert Kaempfer in Siam. – München: Iudicum Verl., 2003. ISBN 3-89129-934-6
  • (Vol. 5) Notitiae Malabaricae. – München: Iudicum Verl., 2003. ISBN 3-89129-935-4
  • (Vol. 6) Russlandtagebuch 1683. – München: Iudicum Verl., 2003. ISBN 3-89129-936-2

Literatur[Bearbeiten]

  • Engelbert Kaempfer zum 330. Geburtstag. Gesammelte Beiträge zur Engelbert-Kaempfer-Forschung und zur Frühzeit der Asienforschung in Europa, hrsg. in Verbindung mit der Engelbert-Kaempfer-Gesellschaft Lemgo e. V. Deutsch-Japanischer Freundeskreis, zusammengestellt und bearb. von Hans Hüls und Hans Hoppe (= Lippische Studien, Bd. 9), Lemgo 1982.
  • Beatrice M. Bodart-Bailey, Engelbert Kaempfer. Weltreisender des 17. Jahrhunderts, Detmold 2010.
  • Gerhard Bonn: Engelbert Kaempfer (1651–1716): der Reisende und sein Einfluß auf die europäische Bewußtseinsbildung über Asien. Mit einem Geleitw. von Josef Kreiner. (Zugl. Diss. Universität Münster 2002). Lang, Frankfurt am Main unter anderem 2003
  • J. Z. Bowers, R. W. Carrubba. The doctoral thesis of Engelbert Kaempfer on tropical diseases, oriental medecine and exotic natural phenomen. In: Journal of the history of medecine and allied sciences. Bd XXV 1970, No 3, S. 270–311.
  • Heinrich Clemen: Engelbert Kämpfer. Zur Erinnerung seinen Mitbürgern und Landsleuten. Lemgo 1862 (Digitalisat)
  • Michael Eyl: Chinesisch-japanische Akupunktur in Frankreich (1810-1826) und ihre theoretischen Grundlagen (1683-1825). Diss. med. Zürich 1978.
  • Rudolf Falkmann: Kämpfer, Engelbert. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 15, Duncker & Humblot, Leipzig 1882, S. 62–64.
  • Detlef Haberland (Hrsg.): Engelbert Kaempfer – Werk und Wirkung. Vorträge der Symposien in Lemgo (19.-22. September 1990) und in Tokyo (15.-18. Dezember 1990). Franz Steiner, Stuttgart 1993.
  • Detlef Haberland (Hrsg.): Engelbert Kaempfer (1651–1716): ein Gelehrtenleben zwischen Tradition und Innovation. Harrassowitz, Wiesbaden 2005. ISBN 3-447-05128-0
  • Johann Barthold Haccius: Die beste Reise eines christlichen Kämpffers nach dem himmlischen Orient... (Leichenpredigt) Lemgo 1716 (LLB Detmold)
  • Theodor Heuss: Engelbert Kämpfer. In: Ders.: Schattenbeschwörung. Randfiguren der Geschichte. Wunderlich, Stuttgart/Tübingen 1947; Klöpfer und Meyer, Tübingen 1999, ISBN 3-931402-52-5
  • Peter Kapitza: Engelbert Kaempfer und die europäische Aufklärung. Dem Andenken des Lemgoer Reisenden aus Anlaß seines 350. Geburtstags am 16. September 2001. Iudicum Verl., München, ISBN 3-89129-991-5
  • Sabine Klocke-Daffe, Jürgen Scheffler, Gisela Wilbertz (Hrsg.), Engelbert Kaempfer (1651 - 1716) und die kulturelle Begegnung zwischen Europa und Asien (= Lippische Studien, Bd. 18), Lemgo 2003.
  • Karl Meier-Lemgo: Kaempfer, Engelbert. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 729 f. (Digitalisat).
  • Wolfgang Michel, Torii Yumiko, Kawashima Mabito: Kyūshū no rangaku – ekkyō to kōryū (ヴォルフガング・ミヒェル・鳥井裕美子・川嶌眞人共編『九州の蘭学 ー 越境と交流』, dt. Holland-Kunde in Kyushu – Grenzüberschreitung und Austausch). Shibunkaku Shuppan, Kyōto, 2009. ISBN 978-4-7842-1410-5
  • Lothar Weiss: Die exotischen Köstlichkeiten des Engelbert Kaempfer. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2012
  • Wolfmar Zacken: Die Kämpferdrucke. Edition Galerie Zacke 1982

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Gisela Wilbertz: Engelbert Kaempfer und seine Familie. In: Heimatland Lippe. Heft 12/2004.
  2. a b c d e f g h  Herbert Stöver: Engelbert Kaempfers Reise um die halbe Welt. In: Heimatland Lippe. Heft 12/1990.
  3. Wolfgang Michel: Engelbert Kaempfer, Werke, Vol. 1/2 (Heutiges Japan)
  4. Eine zusammenfassende Neuausgabe der während der 80er und 90er Jahre vorangetriebenen Studien erschien 2001. Kapitza: Engelbert Kaempfer und die europäische Aufklärung.
  5. Reinard Zöllner: Verschlossen wider Wissen – Was Japan von Kaempfer über sich lernte. In: Sabine Klocke-Daffa; Jürgen Scheffler; Gisela Wilbertz (Hg.) Engelbert Kaempfer (1651–1716) und die kulturelle Begegnung zwischen Europa und Asien. Lippische Studien, Band 18, Lemgo, 2003. Akihide OSHIMA: Sakoku to iu gensetsu (Sakoku als Discours). Minerva, Kyoto, 2009
  6. a b c  Stefanie Lux-Althoff: Die Forschungsreisen des Engelbert Kaempfer. In: Heimatland Lippe. Heft 6/7 2001.
  7. Wolfgang Michel: Engelbert Kaempfers Beschäftigung mit der japanischen Sprache. In: Haberland (1993), S. 194-221.
  8. a b Wolfgang Michel: Engelbert Kaempfer und die Medizin in Japan. In: Haberland (1993), S. 248-293.
  9. Kapitza (2001)
  10. Der Versteigerungskatalog befindet sich im Stadtarchiv Lemgo Signatur A 989
  11. Das Stammbuch in der Lippischen Landesbibliothek Detmold, der Scheidungsprozess im Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe Standort Detmold
  12. Im Gegensatz zu „derivativ“ (ableitend). Siehe unter Willem ten Rhijne.
  13. Übersetzt nach der Ausgabe Lemgo 1712 Amoenitatum exoticarum politico physico medicarum fasciculi V., S. 598.
  14. Kaempfer 1712, S. 587.
  15. Kaempfer 1712, S. 582–589.
  16. Eyl 1978, S. 28–31
  17. Carl von Linné: Critica Botanica. Leiden 1737, S. 93
  18. Carl von Linné: Genera Plantarum. Leiden 1742, S. 4
  19. Von den Pyleren vor den Burgen - Engelbert-Kämpfer-Ehrung, F. L. Wagener Lemgo, Lemgo, 1938, S. 4.
  20. Scheffler, Jürgen: Karl Meier, Engelbert Kaempfer und die Erinnerungskultur in Lemgo 1933 bis 1945. In: Klocke-Daffa, Sabine, Scheffler, Jürgen, Wilbertz, Gisela (Hrsg.) Engelbert Kaempfer (1651-1716) und die kulturelle Begegnung zwischen Europa und Asien, Lippische Studien Bd. 18, Landesverband Lippe, Lemgo 2003, S. 320.
  21. Engelbert-Kaempfer-Gesellschaft

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Engelbert Kaempfer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien