Ibn Taimiya

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Taqi ad-Din Ahmad ibn Taimiyya (auch: Taimiya; arabisch ‏تقي الدين أحمد بن تيمية‎, DMG Taqīyu d-Dīn Aḥmad b. Taimīya; * 22. Januar 1263 in Harran (Südostanatolien); † 26. September 1328 in Damaskus) war ein muslimischer Gelehrter, dessen Auffassungen in Theologie und Fiqh gemeinhin als hanbalitisch betrachtet werden. Er wird gelegentlich als geistiger Inspirator des modernen Islamismus bezeichnet.[1]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Lehren

[Bearbeiten] Recht

[Bearbeiten] Rechtstheorie

Ibn Taimiyya betonte, dass alle juristischen Entscheidungen direkt auf einem Beleg aus dem Koran oder der Prophetenüberlieferung (Sunna) zu beruhen haben. Der Konsens der Gelehrten (Idschma) sei nur gültig, wenn er durch solche Belege abgedeckt sei. Damit weicht er auch von der Auffassung der meisten damaligen Hanbaliten (z. B. Ibn Qudama) ab.

[Bearbeiten] Rechtspraxis

Ibn Taimiyya hielt den talaq al-bid'a, die Verstoßung der Ehefrau durch das dreimalige Aussprechen der Verstoßungsformel, für ungültig.

Auf wirtschaftlichen Gebiet forderte er, dass sich der Staat weitgehend aus der Preisbildung herauszuhalten habe.

[Bearbeiten] Staatsverständnis

Ibn Taimiyya betrachtete es als oberste Aufgabe des Staates, den Bestand des islamischen Rechts zu garantieren, da dessen Einhaltung als Voraussetzung des Muslimseins zu betrachten sei. In seiner in der islamischen Welt bekannten Fatwa für die Muslime von Mardin, die unter der Herrschaft der formal zum Islam konvertierten mongolischen Ilchane lebten, urteilte er, dass, wer ein anderes Recht als das islamisch-schariatische praktiziere, nicht als Muslim betrachtet werden könne. Daher seien diese Herrscher, die immer noch die mongolische Jassa anwandten, als Abtrünnige zu betrachten.

[Bearbeiten] Gegner

[Bearbeiten] Sufis

Er verwarf die Gräber- und Heiligenverehrung der Sufis (islamische Mystiker) sowie die übermäßige Verehrung der Propheten, da allein Gott anbetungswürdig sei. Ihre Lehre von der Einheit des Seins (wahdat al-wudschūd) lehnte er ab, da sie die Gültigkeit der Schari'a in Frage stelle.

[Bearbeiten] Schiiten

Ibn Taimiyya betrachtete die Alawiten im syrischen Küstengebirge als Abtrünnige, die getötet werden dürfen.

[Bearbeiten] Philosophen

Ibn Taimiyya lehnte die islamische Philosophie ab, hatte sich mit ihr jedoch gründlich auseinandergesetzt. Er legte dar, dass allein mit Logik die Erkenntnis nicht erweitert werden kann.

[Bearbeiten] Theologie und Koranexegese

Ibn Taimiyya lehnte die metaphorische Auslegung der göttliche Attribute ab. Seine Gegner denunzierten ihn deswegen als Anthropomorphisten, da er – ihrer Ansicht nach – behauptete, dass Gott Menschengestalt habe. Ibn Taimiyya war allerdings der Auffassung, dass Metaphorik nicht in der Erläuterung der Attribute Allahs angewandt werden darf. Er bestätigte, was Allah über sich selbst im Koran oder der Prophet Mohammed über Allah sagte, ohne es zu verändern, zu verleugnen, zu hinterfragen oder mit der Schöpfung zu vergleichen. Ibn Taimiyya betonte die Bedeutung der Sunna für die Koranexegese und verteidigte daher die wörtliche Auslegung des Thrones Gottes, der sieben Himmel, des Donnerengels und ähnlicher Dinge, die der „Sunna-Kosmologie“ zuzurechnen sind. Anders als muslimische Gelehrte vor ihm wie Al-Ash'ari oder Ibn al-Baqillani vertrat Ibn Taimiyya die Sicht, dass einzelne Koranverse andere an Bedeutung übertreffen können.[2]

[Bearbeiten] Schüler

[Bearbeiten] Wirkungsgeschichte

Nach Caterina Bori war die Stellung Ibn Taymiyyas zu seinen Lebzeiten keineswegs mit seiner heutigen Bedeutung zu vergleichen. Einerseits wurde er von seinen Zeitgenossen aufgrund seiner Gelehrsamkeit bewundert, andererseits begegnete man ihm wegen seiner streitbaren Persönlichkeit und seinen häufig vom Konsens der hanbalitischen Rechtsschule abweichenden Positionen auch mit großer Skepsis.[3] Über seine Wirkung nach seinem Tod bis zu seiner „Wiederentdeckung“ im Zuge des Erfolge der Wahabiyya ist wenig bekannt. Khaled El-Rouayheb analysiert den Einfluss unterschiedlicher Positionen Ibn Taymiyyas und kommt zu dem Schluss, dass er nicht nur keinen Einfluss auf den Verlauf der islamischen Geschichte hatte, sondern darüber hinaus Positionen vertrat, die weithin als kaum akzeptabel betrachtet wurden.[4]

Die steigende Popularität Ibn Taymiyyas ab dem 18. Jahrhundert wird in der Forschung gemeinhin Muḥammad bin ʿAbd al-Wahhāb zugeschrieben, dessen Lehrer Bewunderer des Gelehrten waren und seine Werke auch in ihre Curricula mit einbezogen. Zudem weisen ʿAbd al-Wahhābs Lehren in einigen wesentlichen Aspekte eine große Nähe zu denen Ibn Taymiyyas auf. Eine gegenteiligen Auffassung vertritt Natana J. Delong-Bas, der zu Folge Ibn Taymiyya eine zu vernachlässigende Quelle darstellte.[5]

Weiteren Auftrieb erhielt Ibn Taymiyya durch eine einflussreiche Stellungnahme Nuʿmān al-Alūsīs, die dieser 1881 unter dem Titel „Jalāʾ al-ʿaynayn fī muḥākamat al-Aḥmadayn“ veröffentlichte.[6] Hierin verteidigt er Ibn Taymiyya vor dem bekanntesten seiner Kritiker, Ḥajar al-Haytamī. Nuʿmān al-Alūsī versucht dessen Vorwürfe zu entkräften und zitiert andere hoch angesehene ʿulamāʾ, die Ibn Taimīyas Einschätzungen teilen. Auf diese Weise gelang es ihm den Gelehrten innerhalb des Mainstream der sunnitischen Tradition zu verorten und gleichzeitig seine Einzigartigkeit hervorzuheben.[7]

Über die beiden genannten Einflussfaktoren gelang das Gedankengut Ibn Taymiyyas auch in den Kreis der einflussreichen Reformer um Muḥammad ʿAbduh und Rašīd Riḍā, die seine Werke in umfangreichen Auszügen in der Zeitschrift al-Manār abdruckten und auch ihre programmatischen Forderungen zum Teil mit Verweis auf Ibn Taymiyya zu rechtfertigen versuchten.[8]

Islamisten wie Sayyid Qutb betonten im Anschluss an Ibn Taimiyya, dass es die primäre Aufgabe des islamischen Staates sei, für die Durchsetzung der Scharia zu sorgen. Die Mörder des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat legitimierten ihre Tat mit Verweis auf die Fatwa für die Muslime von Mardin: Da in Ägypten nicht das islamische Recht praktiziert werde, sei die Regierung ungläubig. Die syrischen Muslimbrüder griffen bei ihrer Auseinandersetzung mit dem von den Alawiten getragenen Baath-Regime auf Ibn Taimiyyas Verurteilung dieser Religionsgemeinschaft zurück.

[Bearbeiten] Forschungsgeschichte

Die Erforschung von Leben und Werk des bedeutenden Gelehrten ist in der westlichen Forschung ein relativ junges Phänomen. Der Islamwissenschaftler George A. Makdisi erklärt sich diesen Umstand mit dem großen Einfluss Ignaz Goldzihers, der seine Position bezüglich Ibn Taymiyya aus der Lektüre anti-hanbalitischer Werke abgeleitet hätte und der Bedeutung Ibn Taymiyyas so nicht gerecht werden konnte.[9] Auch wenn Makdisi in den 70er Jahren – und vor ihm Laoust – wichtige Anstöße gaben das westliche Bild von Ibn Taimīya zu überdenken, verstärkte sich das Interesse an ihm erst durch dessen Instrumentalisierung durch extremistische Gruppen, etwa der Attentäter des ägyptischen Ministerpräsidenten Anwar as-Sādāts, die sich in der Begründung ihrer Taten auf die sogeannten Mardin-Fatwa Ibn Taimiyyas beriefen.[10] Die Berliner Islamwissenschaftlerin Birgit Krawietz macht zudem darauf aufmerksam, dass die Rezeption Taymiyyas in der Islamwissenschaft thematisch stark verengt wurde. Auffällig wäre, dass sich die Beschäftigung mit dem Gelehrten häufig um die kontroversen Aspekte seines Lebens drehten, eine Vorgehensweise, die dem Bild eines "Streithansel[s] jedweder Art" Vorschub leistete. Ibn Taymiyyas Positionen auf dem Gebiet der islamischen Jurisprudenz sei hingegen völlig unzureichend erforscht.[11]

[Bearbeiten] Zitate

ما يصنع أعدائي بي فجنتي في صدري اينما رحت فهي معي لا تفارقني , فحبسي خلوة ,وقتلي شهادة ,و اخراجي من بلادي سياحة

Was können mir meine Feinde schon antun? Mein Paradies ist in meiner Brust, wohin ich gehe, es ist immer bei mir... (Ibn Taymiyya, Fatawa 35/36)

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Übersetzungen

  • Against the Greek logicians: Translated with an introduction and notes by Wael B. Hallaq Clarendon Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-824043-0

[Bearbeiten] Sekundärliteratur

  • Caterina Bori: Ibn Taymiyya: una vita esemplare. Analisi delle fonti classiche della sua biografia, Pisa 2003 (Rivista degli studi orientali ; 76.2002, Suppl. 1)
  • Henri Laoust: Essai sur les doctrines sociales et politiques de Taki-d-din Ahmad b. Taimiya. Kairo 1939
  • Niels Henrik Olesen: Etude comparée des idées d’Ibn Taimiya (1283-1328) et de Martin Luther (1483-1546) sur la culte des saints. In: REI. 50/1982, S. 175–206
  • T. Raff: Remarks on an anti-Mongol fatwa by Ibn Taimiyya, Leiden 1973

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Wie etwa von Irshad Manji in ihrem Buch "Der Aufbruch", dtv, 2005, S. 153.
  2. M.S. Seale: Qur'an and Bible. Studies in Interpretation and Dialogue. Croom Helm, London 1978, ISBN 0856648183, S. 106-107.
  3. Bori, Caterina: Ibn Taymiyya wa-Jam'atu-hu: Authority, Conflict and Consensus in Ibn Taymiyya's Circle, in: Rapoport Yossef; u.a.[Hrsg.]: Ibn Taymiyya and his Times, Oxford [u.a.]: Oxford University Press, 2010, S. 33.
  4. El-Rouayheb, Khaled: From Ibn Hajar al-Haytami (d. 1566) to Khayr al-Din al-Alusi (d.1899), in: Rapoport Yossef; u.a.[Hrsg.]: Ibn Taymiyya and his Times, Oxford [u.a.]: Oxford University Press, 2010, S. 272.
  5. Delong-Bas, Natana J.: Wahhabi Islam From Revival and Reform to Global Jihad, Oxford University Press: Oxford, 2004, S. 53.
  6. Nafi, Basheer M.: Salafism Revived: Nuʿmān al-Alūsī and the Trial of Two Aḥmads, erschienen in: Die Welt des Islams 49 (2009), S. 71f.
  7. Ebenda, S. 86.
  8. Adams, Charles C.: Islam and Modernism in Egypt A Study of the Modern Reform Movement Inaugurated by Muhammad ʿAbduh, London [u.a.]: Oxford University Press, 1933, S. 204.
  9. El-Rouayheb, Khaled: From Ibn Hajar al-Haytami (d. 1566) to Khayr al-Din al-Alusi (d.1899) in: Rapoport Yossef; u.a. [Hrsg.]: Ibn Taymiyya and his Times, Oxford [u.a.]: Oxford University Press, 2010, S. 295.
  10. Hassan, Mona: Modern Intepretations and Misinterpretations of a Medieval Scholar: Apprehending the Political Thought of Ibn Taymiyya, in: Rapoport Yossef; u.a. [Hrsg.]: Ibn Taymiyya and his Times, Oxford [u.a.]: Oxford University Press, 2010, S.356.
  11. Krawietz, Birgit: Ibn Taymiyya, Vater des islamischen Fundamentalismus?: Zur westlichen Rezeption eines mittelalterlichen Schariatsgelehrten, in: Atienza, Manuel; u.a. [Hrsg]: Theorie des Rechts in der Gesellschaft, Berlin: Duncker & Humblot, 2003, 52.
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