Barbara Prammer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Barbara Prammer (2014)
Barbara Prammer im Parlament (2007)

Barbara Prammer (geborene Thaller;[1] * 11. Jänner 1954 in Ottnang am Hausruck; † 2. August 2014 in Wien)[2] war eine österreichische Politikerin (SPÖ). Sie war von 2006 bis zu ihrem Tod Präsidentin des Nationalrats.

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Besuch der Handelsakademie im oberösterreichischen Vöcklabruck (1968–1973) war Prammer am Gemeindeamt Ottnang tätig. Sie studierte von 1978 bis 1986 Soziologie an der Johannes-Kepler-Universität Linz und schloss mit dem akademischen Grad Mag. rer. soc. oec. (Magistra rerum socialium oeconomicarumque, Magistra der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften) ab. Es folgten berufliche Tätigkeiten als Sozial- und Berufspädagogin im Linzer Zentrum für Rehabilitation (bis 1989) und beim Arbeitsmarktservice Oberösterreich, wo sie Frauenreferentin war.

Barbara Prammer war Mutter zweier Kinder. Ihre Tochter Julia war zweite Vorsitzende der ÖH-Salzburg, Liste Grüne & Alternative StudentInnen (GRAS), und ist heute Bezirkssprecherin für Die Grünen Salzburg.[3][4][5] Von 1980 bis 2001 war sie mit Wolfgang Prammer verheiratet.[1]

Am 13. September 2013 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz von ihrem Pressesprecher Gerhard Marschall bekannt gegeben, dass Barbara Prammer ernsthaft erkrankt sei.[6][7] Die Amtsgeschäfte als Präsidentin des Nationalrates wolle sie jedoch vorerst weiterführen. Gemäß einer Vereinbarung mit dem Zweiten Präsidenten Fritz Neugebauer wollte sich Prammer im Fall von Verhinderungen von diesem vertreten lassen. Am 24. September gab Prammer bekannt, dass es sich um eine Krebserkrankung handelt, sie aber ihre politische Funktionen weiter ausüben werde.[8]

Im 61. Lebensjahr verstarb Barbara Prammer im Kreis ihrer Familie an den Folgen ihrer Krebserkrankung.[9][10][11]

Verabschiedung[Bearbeiten]

Am 9. August 2014 fand vor dem Parlament die Verabschiedung statt, die einem Staatsbegräbnis gleichkam, bei der Barbara Prammer mit einem Zapfenstreich verabschiedet wurde. Zuvor war sie in der Säulenhalle des Parlamentsgebäudes aufgebahrt worden, bei der Tausende Bürger Abschied nahmen. Neben Reden des Zweiten Nationalratspräsidenten Karlheinz Kopf und der amtierenden Bundesratspräsidentin Ana Blatnik kam es auch zu Würdigungen von Barbara Coudenhove-Kalergi, der Unterrichts- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, von Bundeskanzler Werner Faymann und Bundespräsident Heinz Fischer.

Zu den Staatsgästen zählten unter anderem der deutsche Bundestagspräsident Norbert Lammert, sein Amtskollege aus Montenegro, Ranko Krivokapić, der Präsident des kroatischen Sabor, Josip Leko, der Präsident des tschechischen Abgeordnetenhauses, Jan Hamáček, der Präsident der slowenischen Staatsversammlung, Milan Brglez, die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Ulrike Lunacek, der EU-Regionalkommissar Johannes Hahn, die Vizepräsidentin des Nationalrats der Slowakischen Republik Jana Laššáková, die ehemalige ungarische Parlamentspräsidentin Katalin Szili, die Ehrenvorsitzende der Sozialistischen Frauen International, Pia Locatelli, sowie den aus Kamerun stammenden Generalsekretär der Interparlamentarischen Union, Martin Chungong.

Politik[Bearbeiten]

1990 wurde sie zur Landesfrauenvorsitzenden der SPÖ Oberösterreich gewählt und hatte diese Position bis 2005 inne. 1995 wählte sie die Bundes-SPÖ zu einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden. Ab 1991 war sie als Landtagsabgeordnete und Vizepräsidentin des Landtags in der oberösterreichischen Landespolitik tätig. Von 1995 bis 1997 war sie Landesrätin für Wohnbau und Naturschutz.

Im Februar 1997 berief sie der damalige Bundeskanzler Viktor Klima als Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Konsumentenschutz in seine Regierung. In ihren drei Jahren als Ministerin erregte sie durch ungewöhnliche familienpolitische Aussagen Aufmerksamkeit. Zum ungleichen Pensionsantrittsalter von Männern und Frauen sagte sie 2002: „Diese fünf Jahre sind ein Pfand in der Hand der Frauen, und dieses Pfand ist sehr sehr wertvoll und kostbar und das war es in der Vergangenheit schon und das wird es auch in der Zukunft sein. Das heißt, hier haben Frauen noch immer die Möglichkeit ‚Ihr in der Politik, Ihr oder Du liebe Gesellschaft bist uns noch einiges schuldig und dann wenn ihr sozusagen diese Aufgaben erledigt habt, dann reden wir über das gesetzliche Pensionsalter.’“[12] [13] Damit formulierte sie das bis heute gültige Paradigma der österreichischen Sozialpolitik, die noch immer vorhandene ungleiche Situation von Mann und Frau durch Affirmative Action, eine einseitige Bevorzugung der Benachteiligten, zu kompensieren und schneller aufzulösen.

Wirkung[Bearbeiten]

Tatsächlich konnte Prammer in ihrer Amtszeit eines der wichtigeren familienpolitischen Gleichstellungsanliegen erfolgreich umsetzen, nämlich 1999 die Verankerung der „vollen Ausgewogenheit der Beiträge“ in der Ehe in das Familien- und Eherecht. Ihre Vorgängerin Helga Konrad hatte das 1996 mit der Halbe-halbe-Kampagne initiiert, war aber kurz danach wegen des enormen Aufsehens abberufen worden. Prammer konnte dann in dreijähriger Arbeit der Konsensfindung die einvernehmliche Gesetzesnovelle des ABGB erzielen, und damit insgesamt eine Weichenstellung in der Gleichstellungspolitik, und darüber hinaus auch der ganzen Sozialpolitik, was die Vorgänge „in den eigenen vier Wänden“ der Österreicher betrifft.

Barbara Prammer (2011)

Seit der Nationalratswahl vom Oktober 1999 war Barbara Prammer Abgeordnete zum Nationalrat. Als die SPÖ am 4. Februar 2000 mit dem Antritt der Regierung Wolfgang Schüssel in die Opposition ging, wurde sie stellvertretende Klubobfrau der SP-Parlamentsfraktion.

Am 16. Juni 2004 wurde Prammer vom österreichische Nationalrat mit 96 von 157 Stimmen zur Vizepräsidentin gewählt.
2006 wurde sie als erste Frau zur österreichen Nationalratspräsidentin gewählt. Die politischen Beobachter achteten daher besonders auf die Ergebnisse der (geheimen) Abstimmung. Mit 135 von 166 gültigen Abgeordneten-Stimmen erreichte sie prozentuell dieselbe Zustimmung wie ihr Vorgänger Andreas Khol vier Jahre zuvor. In ihrer Antrittsrede sprach sie sich für die Stärkung der Minderheitenrechte im Nationalrat aus.
Im Jahr 2008 wurde Prammer mit 140 von 168 gültigen Stimmen erneut zur Nationalratspräsidentin gewählt, ebenso 2013 mit 147 von 179 gültigen Stimmen.

Karl Müller würdigte Prammer in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Theodor Kramer Gesellschaft, mit besonderem Blick auf die erinnerungspolitischen Ziele dieses Vereins, den Prammer unterstützt hat. Müller nannte sie eine Politikerin, die für eine österreichische Erinnerungs- und Gedächtnispolitik, die diesen Namen verdient, Wegweisendes geleistet (hat). Sie hat das (Wiener) Parlament für die Vertriebenen und Geflüchteten der Jahre seit 1938 geöffnet, indem sie die Überlebenden und ihre Nachkommen wiederholt in das Hohe Haus einlud, und indem sie sich für die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit und von deren Folgen einsetzte. Ihre Reden waren die einer authentischen Frau, die um die Abgründe, die unaufhebbare Schuld sowie Verantwortung, und zugleich um die Großartigkeit Österreichs wusste.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Barbara Prammer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b OÖ Nachrichten: Nach Diagnose im Linzer AKH zieht sich Barbara Prammer vorerst zurück; abgerufen am 11. Nov. 2013
  2. Pressemeldung auf der Website des Parlaments abgerufen am 2. August 2014
  3.  Erika Pichler: Studentenstadt Salzburg?. In: Salzburger Nachrichten. 11. Oktober 2003, ISSN 1015-1303, S. 2 (online, abgerufen am 25. März 2013).
  4.  Genug von der Politik. In: Salzburger Nachrichten. 20. Mai 2005, ISSN 1015-1303, S. L2 (online, abgerufen am 26. März 2013).
  5. Die Grünen Salzburg. Die Grünen Salzburg, abgerufen am 25. März 2012.
  6. Nationalrats-Präsidentin Barbara Prammer „ernsthaft erkrankt“. Österreich vom 13. September 2013; abgerufen am 13. September 2013.
  7. Christian Böhmer: Barbara Prammer ist ernsthaft erkrankt. Kurier vom 13. September 2013; abgerufen am 13. September 2013
  8. Ö1-Mittagsjournal, 24. September 2013
  9. Trauer um Barbara Prammer: „Große Demokratin und Vorbild“. Kurier.at, 2. August 2014, abgerufen 3. August 2014
  10. Conrad Seidl: Nationalratspräsidentin Barbara Prammer: „Tod einer großen Parlamentarierin“. Derstandard.at, 2. August 2014; abgerufen am 3. August 2014
  11. Verstorbene Nationalratspräsidentin Prammer erhält Staatsbegräbnis. Derstandard.at, 3. August 2014; abgerufen am 3. August 2014
  12. Das Pfand in der Hand der Frauen – ein Bumerang? (Version vom 11. April 2013 im Webarchiv Archive.today)
  13. ORF-Report: Prammers „Pfand in der Hand der Frauen“ – Pensionsantrittsalter. ORF, 19. März 2002, abgerufen am 1. Dezember 2011.
  14. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952. Österreichisches Parlament, 23. April 2012, S. 1354, abgerufen am 26. Februar 2013 (PDF; 6,9 MB, Verliehen im Jahr 2000).
  15. Höchste französische Auszeichnung für Barbara Prammer. Ots.at, abgerufen am 3. August 2014.