Pierre Teilhard de Chardin

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Pierre Teilhard de Chardin

Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin [maʁi ʒɔzɛf pjɛʁ tejaʁ də ʃaʁdɛ̃] (* 1. Mai 1881 auf Schloss Sarcenat bei Clermont-Ferrand; † 10. April 1955 in New York) war ein französischer Jesuit, Theologe, Philosoph, Anthropologe, Geologe und Paläontologe. Er steht mit für Bestrebungen, Religion und Wissenschaft zu verschmelzen und auszusöhnen. Teilhard und sein Werk haben eine bleibende Wirkung auf Kunst, Kultur und Literatur.

Überblick[Bearbeiten]

Mitte des 20. Jahrhunderts forderte er die in anderen Wissenschaften arbeitenden Kollegen auf, die Evolutionstheorie der Biologie auch in ihren Fachgebieten anzuwenden. Seine evolutive Weltschau ist auch als Versuch zu verstehen, das christliche Weltbild aus seiner jahrhundertealten Erstarrung auf eine moderne, zukunftsweisende Basis zu stellen. Diese soll Glauben und Wissenschaft gleichermaßen umfassen und den Dualismus zwischen Materie und Geist überwinden.[1] Teilhards Ansichten stehen in klarem Kontrast zu biblischem Fundamentalismus und religiösem Kreationismus. Für die katholische Kirche stellte seine evolutionäre Synthese zeitweise eine Bedrohung traditioneller Theologie dar, so dass viele seiner Werke kritisch bewertet oder sogar (wie bei Le Phénomène Humain) die Veröffentlichung vom Vatikan zu seinen Lebzeiten untersagt wurde.[2]

Papst Johannes Paul II. sprach sich positiv über einige Ideen Teilhards aus. 2009 erwähnte Papst Benedikt XVI. Teilhards Idee des Universums als lebenden Gastgebers mit großer Wertschätzung.[3]

Leben[Bearbeiten]

Teilhard de Chardin wurde am 1. Mai 1881 als Sohn von Emmanuel Teilhard de Chardin und Berthe de Dompiere in Orcines in der Auvergne geboren. Sein Vater arbeitete in der Stadtbibliothek des nahegelegenen Clermont-Ferrand und war naturwissenschaftlich interessiert. Seine Mutter war im Gegensatz dazu streng religiös. Dadurch wurde vielleicht schon der Grundstein gelegt für das Thema, welchem er den Rest seines Lebens widmen sollte: die Verbindung des christlichen Weltbildes mit dem der Naturwissenschaften. Teilhard wurde an einer Jesuitenschule erzogen. Am 20. März 1899 trat er in den Jesuitenorden ein und studierte Geologie, Physik und Chemie. Am Jesuitenkolleg in Kairo lehrte er von 1905 bis 1908 Physik und Chemie und unternahm geologische Exkursionen.

In dieser Zeit las er das 1905 erschienene Werk L'évolution créatrice von Henri Bergson, das auf ihn tiefen Einfluss ausübte. Von 1908 bis 1912 studierte er in Ore Place bei Hastings (Sussex) Theologie und wurde am 24. August 1911 zum Priester geweiht. Daran schloss sich ein paläontologisches Studium in Paris an. Der Erste Weltkrieg, in dem er als Sanitäter unter anderem an der Schlacht um Verdun teilnahm, unterbrach seinen wissenschaftlichen Werdegang und hinterließ tiefe Spuren.

1922 wurde Teilhard promoviert und erhielt eine Professur für Geologie am Institut Catholique de Paris. Er arbeitete hauptsächlich als Geologe und Paläontologe und nahm an vielen Forschungsreisen teil, die ihn etwa nach Burma, Äthiopien, Indien, Java und nach China führten. 1929 gehörte er zu den Entdeckern von Funden des Peking-Menschen in einer der Höhlen von Zhoukoudian. Daneben entwickelte er in Büchern und Briefen sein Denken. Wegen seiner unorthodoxen theologischen Auffassungen geriet er in Konflikt mit der Glaubenskongregation. Seinen Lehrstuhl am Institut catholique hatte er schon 1926 verloren, und er verbrachte die folgenden zwanzig Jahre, unermüdlich forschend, größtenteils in China. Sein Interesse wandte sich mehr und mehr der Evolution und dem Werden des Menschen zu. Ab 1939 wurde er als Ausländer in Peking interniert.

Die Veröffentlichung seines 1940 fertiggestellten Hauptwerkes Le Phénomène Humain sollte er nicht mehr erleben, da Rom noch zehn Jahre danach das Imprimatur verweigerte – einer seiner theologischen Gegner war Vladimír Boublík, der ihm Eklektizismus und Titanismus vorwarf – und er selbst nicht als freier Philosoph außerhalb von Kirche und Orden publizieren wollte. Er sollte überhaupt keine theologischen und philosophischen Werke mehr veröffentlichen. Teilhard wurde 1950 zum Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften ernannt. 1951 wurde er – infolge der Enzyklika Humani generis („Über einige falsche Ansichten, die die Grundlage der katholischen Lehre zu untergraben drohen“) – zum zweiten Mal vom Orden aus Frankreich verbannt. Auch diesmal gehorchte er der Ordensdisziplin. Seine letzten Jahre verbrachte er als Research Associate bei der Wenner-Gren-Stiftung für anthropologische Forschung im amerikanischen Bundesstaat New York. Als er am Ostersonntag 1955 starb, folgten nur wenige dem Sarg.

Nach seinem Tod jedoch konnten seine Bücher gedruckt werden, und sie erreichten in kurzer Zeit Millionenauflagen, nachdem schon seine Vorträge und unter der Hand vervielfältigten Manuskripte auf größtes Interesse gestoßen waren. Sein Optimismus riss jeden mit, wobei dieser umso erstaunlicher schien, weil er auch durch das Erleben zweier furchtbarer Weltkriege nicht gelitten hatte.

Der Biologe Adolf Portmann, bei dem Teilhard immer, wenn er in Basel war, einkehrte, schrieb über ihn: „Die Erforschung des Chinamenschen […] hat seinen Ruf als Erforscher einer erloschenen Lebenswelt begründet und den Grund gelegt für das Vertrauen, mit dem viele Menschen seine weittragenden Folgerungen über die Evolution der Menschheit aufgenommen haben.“ Doch stellt Portmann gleichfalls fest, dass bei ihm sehr häufig „der Prophet dem Forscher die Feder aus der Hand genommen hat“.

1952 wurde er Ehrenmitglied der Society of Vertebrate Paleontology.

Vordenker[Bearbeiten]

Das Gedankengebäude Pierre Teilhard de Chardins hat sich langsam herausgebildet. Es taucht nicht – wie oft dargestellt - schlagartig mit Teilhards im Ersten Weltkrieg entstandener Schrift „Das kosmische Leben“ von 1916 auf. Es ist in seiner Genese bis in die frühesten philosophischen und theologischen Schriften aus den Studienjahren von 1905 bis 1912 zurückzuverfolgen. In diesen Ausbildungsjahren entdeckte Teilhard das „Unterhalb“ und die „Innenseite“ der Dinge sowie die kosmische Evolution. Er wagte erste Schritte zu einer Synthese von Glauben und Wissen, von Geist und Materie, von Schöpfung und Evolution, von Gott und Welt. Die Genese seiner neuen, evolutionären Weltsicht war von Beginn an mit dem Thema Zensur und Veröffentlichungsverbot konfrontiert. Denn diese neue Sichtweise implizierte die Umgestaltung einer auf dem Hintergrund eines statischen Weltbildes formulierten zu einer neuen am kosmischen Prozess der Evolution orientierten Philosophie und Theologie. Dieser Prozess des Umdenkens konnte insbesondere vor dem Hintergrund des Modernistenstreites und der Enzyklika „Pascendi“ (1907) von Papst Pius X., die unter anderem die Evolutionstheorie strikt ablehnte, nicht ohne Reibungen und Komplikationen ablaufen.

Teilhard nahm Gedankenelemente anderer Geistesgrößen auf und fügte sie kreativ in sein eigenes, in Entstehung begriffenes, sehr spezifisches Gebäude ein. Insbesondere sind hier sein Mitbruder, Studienkollege und Freund Pierre Rousselot sowie die französischen Philosophen Maurice Blondel und Henri Bergson zu nennen.

Pierre Rousselot[Bearbeiten]

Rousselot hatte 1908 den Artikel „Idéalisme et Thomisme“ verfasst, dessen Veröffentlichung von der Zensur wegen modernistischer, idealistischer und evolutionistischer Tendenzen untersagt wurde. Teilhard nahm in seiner ersten naturphilosophisch-theologischen Schrift „Das kosmische Leben“ folgenden zweiseitigen Gedankengang aus Rousselots Arbeit auf: Alle materiellen Dinge sind einerseits abhängig von der Existenz des menschlichen Bewusstseins. Andererseits repräsentiert die materielle Welt einen hohen Wert aus sich heraus für das Menschsein. In Teilhards Schrift entwickelt und verdichtet sich dieser dialektische Ansatz in der programmatischen Kapitelüberschrift: „Die Vereinigung mit Gott durch die Erde“. Teilhard kehrt sich aber letztlich von der idealistischen Metaphysik Rousselots ab. Nicht die Projektion des menschlichen Geistes auf die Welt gibt dieser den eigentlichen Sinn. Der eigentliche Sinn wohnt der Welt und damit aller Materie von sich aus inne. Teilhard wurde sich durch seinen Freund Rousselot der theologischen Relevanz des Themas „Evolution“ in den Jahren 1908/1909 bewusst. Durch die Zurückweisung dieser Gedanken Rousselots durch die Ordensoberen erkannte Teilhard sehr früh die Gefährdung des neuen evolutionären Weltbildes innerhalb von Philosophie und Theologie.[4]

Maurice Blondel[Bearbeiten]

Vielfach wird die These vertreten, dass Teilhard einige wesentliche Elemente seines Denkgebäudes dem Werk „Action“ von Maurice Blondel aus dem Jahr 1893 entnommen habe. Generell lässt sich sagen, dass in Blondels Werk folgende drei Elemente der Teilhardschen Weltsicht vorliegen: 1.) Die Anerkennung der Evolutionslehre in Philosophie und Theologie 2.) Das Postulat eines „Innen der Dinge“ und 3.) eine Darstellung des Komplexitäts-Bewusstsein-Gesetzes. Sicher ist, dass Teilhard im Jahr 1919 das genannte Werk Blondels gelesen hatte. Wahrscheinlich kam er aber viele Jahre früher über seinen Freund und Studienkollegen Auguste Valensin, der seinerseits Schüler von Blondel gewesen ist, mit dem Denken Blondels in Kontakt. So ist auch zu erklären, dass Teilhard bereits im Jahr 1905 in seiner Arbeit „Über die Willkür in den Gesetzen, Theorien und Prinzipien der Physik“[5] nach einem „Unterhalb der Dinge“ sucht.[6]

Henri Bergson[Bearbeiten]

Vollkommen unumstritten ist der Einfluss Henri Bergsons auf das Denken Teilhards. Teilhard selbst benennt Bergson in seiner autobiografischen Schrift „Das Herz der Materie“ von 1950 als denjenigen, der ihm die Augen für die Evolution geöffnet hat. Wie oben geschildert, durfte Rousselots Werk von 1908 unter anderem wegen seiner zu großen Nähe zur „Evolution créatrice“ von Henri Bergson nicht erscheinen. Seit diesem Zeitpunkt ist wohl Teilhard mit dem Gedankengut von Henri Bergson in Kontakt gekommen. Teilhard postuliert gegen den von Bergson als divergent geschilderten Evolutionsverlauf die „schöpferische Einigung“.[7]

Bei allen genannten Vordenkern stößt man auf das Phänomen, dass Teilhard gewisse Elemente ihres Denkens in sein Denken integriert, aber dabei die Denkrichtung seiner „Lehrer“ und „Mentoren“ gewissermaßen umdreht: Alle drei genannten Denker - Pierre Rousselot, Maurice Blondel und Henri Bergson - kommen vom Menschen her, um letztlich den Sinn der Welt aus dieser Richtung her zu bestimmen. Teilhard dagegen versucht, aus dem Werden des außermenschlichen Kosmos aus sich heraus eine neue Weltdeutung zu schaffen. Auf diese Weise bezieht Teilhard die Materie in die Entstehungsgeschichte des Geistes ein.[8]

Teilhards früheste Schriften[Bearbeiten]

Von der Willkür in der Physik (1905)[Bearbeiten]

In seiner ersten veröffentlichten Schrift „Von der Willkür in der Physik“ (1905)[9] entwickelt der vorevolutionäre Teilhard das Konzept des „Unterhalb der Dinge“ (später: das „Innen der Dinge“). In dieser wissenschaftskritischen Arbeit referiert er zunächst Aussagen der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Pierre Duhem und Joseph Wilbois zur prinzipiellen Relativität physikalischer und naturwissenschaftlicher Aussagen. Um bei der Vielfalt der Naturerscheinungen festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, sucht Teilhard nach einer Wahrheit, die hinter all diesen Erscheinungen liegt. Dabei beschreitet er explizit nicht einen rein philosophischen Weg, sondern er geht den Weg über die Physik (trotz deren prinzipieller Begrenztheiten) und ergänzt sie um eine Methode eines intuitiven Welterfassens. Teilhard nimmt also die Physik – wie später die gesamte Naturwissenschaft – in ihrer wissenschaftlichen Form voll ernst. Die Logik und die wissenschaftliche Erkenntnis sind notwendig. Aus diesen Größen heraus entspringt eine neue, sie umgreifende und sie transzendierende Erkenntnisweise. Diese wird Teilhard später in seinem Hauptwerk „Le Phenomene Humaine“ (1947) als „wissenschaftliche Schau“ qualifizieren.[10]

Die Wunder von Lourdes (1909)[Bearbeiten]

Die erste theologische Veröffentlichung Teilhards „Die Wunder von Lourdes“ (1909)[11] scheinen dem ersten Eindruck nach nichts mit seiner Arbeit von 1905 zu tun zu haben. Diese Arbeit ist jedoch die direkte Fortsetzung der Studie von 1905 „Über die Willkür der Physik“. Sie spannt einen dialektischen Bogen zwischen der kirchlichen Position der Faktizität dieser Wunderheilungen von Lourdes und der Sichtweise der offiziellen Wissenschaft. Teilhard macht sich wegen verhalten evolutionärer Bemerkungen hinsichtlich der Orthodoxie seines Textes gewisse Sorgen. Ein gewisser Einfluss einer Zensur muss bei der Entstehung des Textes angenommen werden.[12]

Zunächst verteidigt Teilhard den kirchlichen Standpunkt der Faktizität der Wunder, er erledigt also diejenige Aufgabe, die ihm eigentlich gestellt ist. Die Wunder von Lourdes sind für ihn im allerersten Ansatz keine nur im Glauben anzunehmenden Geschehnisse. Sie haben in der Weltwirklichkeit stattgefunden und müssen prinzipiell auch „positiv“ erklärbar sein. Teilhard diskutiert als Hintergrund die psychosomatische Genese von Krankheiten wie auch durch Auto- oder Fremdsuggestion erfolgte Krankenheilungen. Nachdem aber in den Lourdes-Fällen die Fachwissenschaft keine naturwissenschaftliche Erklärung geben konnte, interpretierte die Kirche diese Heilungen als Wunder, d.h. als eine Aktion Gottes. Diese Wunder haben also nicht Charakter eines dem Wissen generell verschlossenen Geheimnisses. Es sind Phänomene, die von der derzeitigen Wissenschaft nicht erklärt werden können und denen sich die Kirche deutend annimmt. Generell legt Teilhard größten Wert auf die Aussage, dass die Kirche in ihrem Glauben und ihrer Lehre dieser Wunder nicht bedarf. Sollten diese Wunder eines Tages von einer erweiterten Wissenschaft erklärt werden können, so ist damit der christliche Glaube in keiner Weise betroffen oder gar in seiner Substanz gefährdet.

Zur Erklärung der wunderhaften Krankenheilungen von Lourdes weist Teilhard wie schon 1905 auf den nur näherungsweisen Wahrheitsgehalt rein physikalischer Beschreibungen der Welt hin. Er referiert wieder auf das „Unterhalb der Dinge“, das er als ein strukturell-geistiges Prinzip der Materie versteht. Mit diesem „Unterhalb der Dinge“ bringt er den Begriff des „Wunders“ in Verbindung. Teilhard ist fest überzeugt, dass bei den Wundern von Lourdes die Materie all ihre fundamentalen Eigenschaften behält. Bei diesen Wundern werden weder die Gesetze der Physik noch diejenigen der Chemie oder diejenigen der Biologie durchbrochen. Der wissenschaftliche Fortschritt wird zunehmend die wunderbaren Eigenschaften der Materie – das „Unterhalb der Dinge“ - sichtbar machen, das solche Krankenheilungen erklärbar macht.

In „Die Wunder von Lourdes“ schildert Teilhard erstmals den kosmischen Prozess der Evolution und zwar direkt in seiner materiellen, biologischen und intellektuellen Ausprägung. Dabei akzentuiert er als Zugeständnis an seine Zensoren überdeutlich die Diskontinuitäten dieses Prozesses: Den Übergang der Materie zum Leben und den Übergang vom Leben zum Geist. In diesen abrupten Übergängen sieht er das Wirken Gottes in der Welt überdeutlich werden. Interessanterweise spricht Teilhard in einer zugehörigen Fußnote vom Wirken „natürlicher Kräfte“ während im Haupttext eindeutig von „Gott“ die Rede ist:[13] Gott hat eben seine Materie so geschaffen, dass bei entsprechender Kombination ihrer Grundelemente neue Eigenschaften wie das Leben oder der Geist in Erscheinung treten. An dieser Stelle skizziert Teilhard erstmals die Lösung des Problems von „Schöpfung“ und „Evolution“ im Sinn einer „Creatio continua“. Teilhard versucht also, das Wirken Gottes in der Welt unter dem Blickwinkel evolutionärer Gesichtspunkte zu erweisen. Gott ist damit „in der gesamten Entwicklung verborgen am Werk, ohne damit seine Transzendenz, die im ganzen Lourdes-Artikel unbezweifelbar gewahrt wird, einzubüßen.“[14]

Der für Teilhard später so wichtige Begriff „Geist“ (französisch: „esprit“) lässt sich in dem vorgestellten Text noch nicht finden. Teilhard vertritt 1909 noch, wie er auch in seiner Autobiografie von 1950 klar darlegt, den ihm anerzogenen Dualismus von Geist und Materie. Er bewegt sich geistig noch eindeutig auf der Stufe des „Unterhalb der Materie“, die er genauer als die Stufe der Organisation der Materie spezifiziert, obwohl er bereits Elemente einer kosmischen Evolution in sein Denken aufgenommen hat. Teilhard selbst qualifiziert diese Phase in seiner Autobiografie als den „Kult der Materie, Kult des Lebens und Kult der Energie“[15] Aber das Material für die spätere Synthese liegt zu diesem Zeitpunkt bereit: Die organisierte Materie, der evolutive Bezugsrahmen der kosmischen Entwicklung der Materie über das Leben zum Intellekt und das Wirken Gottes in einer Creatio continua.[16]

Die Evolution (1911)[Bearbeiten]

In dieser „Vorstudie“[17] zu dem Lexikonartikel „Der Mensch vor den Lehren der Kirche“ gibt Teilhard eine systematische und kommentierte Aufstellung zeitgenössischer Positionen zum Thema Evolution. Überwunden sieht er den klassischen Darwinismus mit seiner Fokussierung auf den Kampf ums Dasein und auf die natürliche Selektion und das damit einhergehende „Survival of the fittest“, das Überleben der am besten angepassten Individuen. In dieser Konzeption kann nach Teilhard die Entstehung eines neuen Merkmals nicht erklärt werden. Den gegenteiligen Vorwurf erhebt Teilhard gegenüber dem von August Weismann begründeten Neodarwinismus. Dieser biete zwar durch die Einbeziehung der mendelschen Vererbungslehre in seine Keimbahntheorie einen Mechanismus für die spontan auftretenden Mutationen. Nach Teilhard berücksichtige er jedoch den Einfluss der Umwelt nur ungenügend. Andererseits beklagt Teilhard, dass sich der neolamarckistische Ansatz des Biologen Yves Delage[18] und die damit postulierte Erblichkeit erworbener Eigenschaften nur sehr schwer bis gar nicht nachweisen lasse. Als vierte Theorie favorisiert Teilhard selbst den „vitalistischen Transformismus“ und folgt damit einem um 1910 bei auf Ausgleich bedachten Philosophen und Theologen vorgegebenem Trend. Teilhard glaubt, dass diese vitalistische Konzeption die Beschränkungen und Unvollständigkeiten der drei anderen klassischen Theorien wett mache. Mit dem „Inneren Stoß“, dem „poussée interne“ setzt sich Teilhard in seiner Diktion allerdings deutlich vom Vitalisten par excellence, Henri Bergson und seinem „élan vital“ ab. Seit 1909 war Bergson im Umfeld des Modernismusstreites bei der Amtskirche nahestehenden Kreisen in Ungnade gefallen. „1914 wurde die „Schöpferische Evolution“ Bergsons endgültig auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.“[19] Die Wurzeln des „poussée interne“ lassen sich allerdings bereits in Teilhards Lourdes-Artikel nachweisen, in dem dieser Begriff das Wirken Gottes in der Welt beschreibt.

Im letzten Abschnitt leitet Teilhard direkt zum Hauptthema des bereits erwähnten Lexikonartikels über. Hier entfaltet er erstmals in aller gebotenen Vorsicht das Problem, „wie die Entstehung des Menschen mit Leib und Seele aus der Evolution heraus mit der göttlichen Schöpfertätigkeit zusammengedacht werden kann.“[20] Teilhard ist sich voll bewusst, auf welch gefährlichem geistigen Terrain er sich bewegt. Die Entstehung des Menschen aus dem Tierreich war der Anlass für die Ablehnung der Evolutionstheorie durch das kirchliche Lehramt. Er konnte die Evolutionstheorie nur deswegen positiv vertreten, weil er den Menschen bisher methodisch aus den evolutiven Erklärungen ausgeklammert hatte. Konsequent zu diesem Ansatz behandelt er nun den Menschen als einen Sonderfall. Wegen des Auftretens der Intelligenz beim Menschen muss nach Teilhard ein „göttlicher Akt“ oder ein „Schöpfer der Seele“ anerkannt werden. Er fügt aber gleichzeitig die parenthetische Aussage hinzu: „Der Mensch ist im allgemeinen Plan des Lebens auf der Erde enthalten.“[21] Gott hat es nicht nötig, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Diese Position hatte er schon in ähnlicher Weise in seiner Deutung der Wunder von Lourdes vertreten.

In einer zweiten Linie argumentiert Teilhard wie sein Ordensbruder Robert de Sinety auf dem Boden der Wortoffenbarung. Er ordnet die Aussagen der Offenbarung nach einer absteigenden dogmatischen Verbindlichkeit: Höchste Verbindlichkeit für den Glauben hat die Aussage der „Erschaffung einer Seele für den ersten Menschen“. Eine gewisse Relativierung der Verbindlichkeit führt Teilhard schon für die Aussage einer „unmittelbaren Erzeugung eines speziellen Körpers durch Gott“ ein. Diese Aussage darf nicht ohne Verwegenheit geleugnet werden. Umgekehrt kann die These der „körperlichen Herkunft des Menschen aus der Evolution“ von niemandem abgelehnt werden, da die Kirche sich zu diesem Zeitpunkt (1911) noch nicht endgültig hierzu geäußert hatte. De Sinety polemisiert zwar heftig gegen diese These der Abstammung des menschlichen Körpers von tierischen Vorfahren. Teilhard lässt die biologische Herkunft des Menschen aber als eine Denkmöglichkeit zu, die aufgegriffen werden muss, wenn eindeutige wissenschaftliche Beweise für diese Herkunft aus dem Tierreich erbracht sind. Die dritte Aussage der Wortoffenbarung, die sogenannte Monogenismus-These („Alle Menschen stammen von einem einzigen Paar ab.“) qualifiziert Teilhard als noch weniger verbindlich, eben als eine Behauptung, die dem Glauben nahe ist. Alle anderen Aussagen der Wortoffenbarung insbesondere die Aussage über das „Alter des Menschen“ erklärt Teilhard von der dogmatischen Verbindlichkeit her für frei. Zum Schluss versucht Teilhard eine existentielle Antwort für den Fall zu geben, dass der tierische Ursprung des Menschen wissenschaftlich eindeutig erhärtet würde: Der Glaube als christliche Grunddimension muss prinzipiell keine Angst vor wissenschaftlichen Entdeckungen hegen. Der Kern des Glaubens kann niemals durch die Wissenschaft zerstört werden. Die Tatsache, dass in einer Übergangszeit heftigste Kämpfe der Uminterpretation der innerhalb eines statischen Weltbildes formulierten Glaubenslehren entstehen können, spricht Teilhard nicht ausdrücklich an. Er ist sich aber dieser Konfliktlage wohl bewusst.

Der Mensch vor den Lehren der Kirche und vor der spiritualistischen Philosophie (1912)[Bearbeiten]

Der Lexikonartikel „Der Mensch vor den Lehren der Kirche und vor der spiritualistischen Philosophie“ erschien als 8. Faszikel des zweiten Bandes des „Dictionnare apologétique“ gegen Ende des Jahres 1912.[22] Teilhard beschäftigte sich von 1908 bis 1912 während seines Theologiestudiums in Hastings theoretisch und praktisch mit Fragen der Evolution. In ihm wuchs „Stück für Stück das Bewusstsein einer tiefgehenden, ontologischen, totalen Trift des Universums“.[23] Gleichzeitig war die geistige Atmosphäre durch die Enzyklika „Pascendi“ (1907) von Papst Pius X. über die Irrtümer der Modernisten geprägt, die unter anderem deutlichst Stellung gegen die Evolutionshypothese der Naturwissenschaft bezog. Ein Dekret der römischen Bibelkommission vom 30. Juni 1909 lässt insbesondere bei der speziellen Schöpfung des Menschen und bei der Bildung der ersten Frau aus dem ersten Mann nur den „buchstäblichen und historischen Sinn“ der Genesis-Berichte zu, die „die besondere Intervention des Schöpfers beim Ursprung des Menschen“ hinsichtlich Leib und Seele referieren.[24] Teilhard kannte diese Entscheidung der Bibelkommission. In diesem Klima einer nicht schärfer denkbaren Trennung zwischen kirchlicher Lehre und dagegen polemisierenden Naturwissenschaftlern wie z.B. dem deutschen Biologen Ernst Haeckel verfasste Teilhard den dogmatischen Artikel über den Menschen. „Sein Ringen mit der Evolution gleicht einer Gratwanderung zwischen Wissen und Glauben, bei der jedes falsche Wort im Extremfall den Ausschluss aus dem Orden oder mindestens die Zurückweisung durch die Zensur zur Folge haben konnte.“[25] Teilhards weiter oben erwähnter Ordensbruder de Sinety hielt sich in seinen Darstellungen der Thematik strikt an die Vorgaben des römischen Lehramts. Deswegen war er – und nicht Teilhard - derjenige, der die offiziellen Veröffentlichungen der Kirche zu diesem Thema in den folgenden Jahrzehnten vollkommen dominierte.

Der Artikel „Der Mensch“ ist in der vierten Auflage des Lexikons in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil behandelt der Herausgeber d'Ales die Aussagen der Genesis zum Menschen. Zwei weitere Teile geben wissenschaftliche Darstellungen zur Paläontologie und zur Prähistorie des Menschen. Im vierten Teil leistet Teilhard die theologisch-systematische und dogmatische Bewertung der ersten drei Teile. „Es ist wohl der erste und zugleich letzte Text Teilhards, in dem er sich so explizit als Vertreter der offiziellen katholischen Dogmatik sieht.“[26] Teilhard arbeitet in seinem Part die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und zeitgenössischen Aussagen der Philosophie und der Naturwissenschaften in Hinsicht auf die Natur des Menschen heraus. Dies leistet er in vier Schritten:

  1. Die Lehre der Kirche im Bezug auf das Wesen des Menschen
  2. Die Lehre der Philosophie und der Wissenschaften über den Menschen
  3. Grundsätzliche Einwände seitens der Philosophie und der Wissenschaft gegenüber der katholischen Lehre
  4. Widerlegung der Einwände aus der Philosophie und der Wissenschaft

Die Lehre der Kirche[Bearbeiten]

Der Mensch ist ein personenhaftes Wesen, das aus einem Körper und einer Seele besteht. Teilhard konstatiert anschließend die radikale Unvereinbarkeit dieses Dogmas mit dem Materialismus, dem Determinismus und einem materialistischen Evolutionismus. Eine reine Abstammung des Menschen von nicht-menschlichen Lebewesen ist für einen Christen keine Denkmöglichkeit. Der Mensch repräsentiert eine eigene Kategorie und zumindest die menschliche Seele verdankt ihr Sein einer von allem sichtbaren Werden unabhängigen Quelle. Damit weist Teilhard jeglichen Evolutionismus, der dem Menschen den Transzendenzbezug streitig macht, zurück. Teilhard verteidigt strikt die Glaubensaussage von der unmittelbaren Erschaffung der Seele des ersten Menschen durch Gott, also eine Creatio ex nihilo.[27]

Die Lehre der Philosophie und der Wissenschaft, deren Einwände und ihre Widerlegung[Bearbeiten]

Teilhard referiert zunächst die Fragestellung der philosophischen Anthropologie „Wie ist es vorstellbar, dass der Mensch im Laufe seines Lebens derselbe bleibt, obwohl er sich permanent verändert?“ Er wehrt eine einfache Kontinuität von der Materie zum Geist in der Art eines Übergangs vom einen Ende des Farbspektrum zu dem anderen ab. Teilhard betont mehrmals deutlichst den Dualismus von Geist und Materie. Andererseits stellt er mehrfach die Einheit von Geist und Materie im Menschen heraus. Teilhard skizziert also den Menschen als ein personenhaftes Wesen, das fortdauert in der Zeit und dessen individuelles Ich seit dem ersten Augenblick seiner Existenz über alles Erleben hin dasselbe bleibt.

Einige Naturwissenschaftler wehren sich gegen vitalistische und finalistische Sichtweisen des Menschen. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei das Leben eine Verlängerung des kosmischen Determinismus, der im Menschen nichts anderes am Werke sieht als physikalisch-chemische Vorgänge. Diese reine Reduktion des Menschen auf Physik und Chemie weist Teilhard sehr modern mit dem Hinweis auf die Systemeigenschaft des Lebens zurück, die bei einer Analyse sich sofort in ein Nichts auflöst.

Der zweite Einwand seitens der Naturwissenschaft bezieht sich auf das Verhältnis eines Individuums zur Gesamtpopulation. Ein Individuum scheine nur durch den Vorteil, den es der Art bringe, gerechtfertigt zu sein. Nach Teilhard fällt auch der Mensch in einem ersten Ansatz unter diese Art des vitalen Determinismus. Teilhard betont aber auch hier explizit. Diese Tatsache widerspricht in keiner Weise der Geistigkeit der menschlichen Seele und der Transzendenz des Menschen schlechthin. Wie aber denkt Teilhard den dafür notwendigen Einfluss von außen auf die Evolution? Seinen „Inneren Stoß“ von 1911 entwickelt er zu einem „schöpferischem Impuls“ weiter. Er legt diesen „schöpferischen Impuls“ als das Wirken Gottes in der Welt aus und greift dabei wieder das Konzept einer Creatio continua aus seinem Lourdes-Artikel auf. Teilhards Ziel ist es, Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass das Wirken Gottes in der Welt im Sinne eines schöpferischen Impulses ihrem naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsverständnis nicht widerspricht. Jedenfalls zerstört ein solches Denken nicht regelwidrig die Denkweisen der Naturwissenschaft, sondern beeinflusst nur die Natur selbst, in der Gott durch das „Innen“ (französisch: la dedans) wirke. Hier taucht in Teilhards Denksystem erstmals der Begriff „das Innen“ auf. Nach diesen Ausführungen kann es nach Teilhard prinzipiell keinen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen geben.

Denken[Bearbeiten]

Die Bedeutung Teilhard de Chardins liegt in seinem Versuch, den christlichen Glauben mit der damals neuen evolutionären Sicht von Kosmos und Leben zusammenzudenken. Er stieß dabei bis an die Toleranzgrenzen der kirchlichen Lehre vor, wurde jedoch bahnbrechend für das nachfolgende theologische Denken. Teilhard sieht Leben und Kosmos in einer von Gott bewirkten kreativen Bewegung, die noch nicht an ihr Ziel gelangt ist. Kennzeichen dieser Bewegung ist die ständige Zunahme von Organisiertheit und organischer Einheit. Das Streben in diese Richtung, also der Motor der Evolution, ist für Teilhard die Liebe. Diese Liebe, die das letzte Ziel, die organische Einheit alles Seienden, bereits handelnd und leidend vorwegnimmt, war für Teilhard im Herzen eines Menschen vollkommen verwirklicht: in Jesus Christus. So nennt er Christus mit einem biblischen Hoheitstitel aus der Offenbarung des Johannes (Offb 21,6) das Omega oder den „Punkt Omega“, das heißt Ziel, Richtung und Motor der Evolution. So sieht und beschreibt er die „Einigung“ der Welt durch Gott mittels Jesus im Zuge der Evolution in folgenden Worten:

„Auf welche Weise eint er [Anm.: Gott] sie? Indem er […] die Führung und den Plan dessen übernimmt, was wir heute Evolution nennen. Als Prinzip universeller Lebenskraft hat Christus, indem er als Mensch unter Menschen erstanden ist, seine Stellung eingenommen, und er ist seit je dabei, den allgemeinen Aufstieg des Bewusstseins, in den er sich hineingestellt hat, unter sich zu beugen, zu reinigen, zu leiten, und aufs höchste zu beseelen.“

Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. 1959, Seite 305.

In Sciences et Christ bezieht er Christus noch direkter auf den Omegapunkt:

«Parce que le Christ est oméga, l'Univers est physiquement imprégné, jusque dans sa moelle matérielle, de l'influence de sa surhumaine nature.»

„Weil Christus der Punkt Omega ist, ist das Universum bis in das materielle Mark hinein durchtränkt von dem Einfluss seiner übermenschlichen Natur.“

Teilhard de Chardin: Sciences et Christ, 1965, Seite 88.

Teilhards Schau ist geprägt von großer naturwissenschaftlicher Kenntnis und zugleich von tiefer Frömmigkeit, vor allem von der Herz-Jesu-Verehrung. Bahnbrechend (und zu seiner Zeit anstößig) ist er darin, die Schöpfung nicht als etwas Abgeschlossenes und Fertiges anzusehen, wie es die biblischen Schöpfungserzählungen nahezulegen scheinen, sondern als einen bis ans Ende der Zeit fortdauernden Prozess mit noch ungeahnten Ergebnissen, der in der physikalisch-biologischen Welt, aber auch in der geistigen Welt wirkt. Schöpfung und Evolution ist für ihn dadurch kein Gegensatz mehr. Neu gedacht hat er auch das Verhältnis von „notwendiger“ Entwicklung und menschlicher Freiheit. Theologischer Anknüpfungspunkt ist ihm dabei die Lehre vom Heiligen Geist (Spiritus Creator), dessen Wirken kein bloß vergangenes ist und der mit der geschöpflichen Freiheit zusammenwirkt. Seine Überlegungen zur Evolution des Menschen, insbesondere hinsichtlich dessen geistiger und spiritueller Aspekte, werden oft mit denen des indischen Philosophen Aurobindo verglichen, der den gegenwärtig lebenden Menschen als Übergangswesen zu einer höheren Entwicklungsstufe ansieht.

Teilhards Metaphysik bietet einen panpsychistischen Lösungsvorschlag für das Leib-Seele-Problem: Er geht davon aus, dass allen physischen Dingen geistige Eigenschaften innewohnen. Teilhard behauptet allerdings nicht, dass beispielsweise unbelebte Dinge oder technische Artefakte ein volles Bewusstsein haben und z. B. Schmerzen erleben können. Vielmehr stellt Teilhard die Theorie auf, dass in der Wirklichkeit eine gestufte Form der Geistigkeit anzutreffen ist: Nur dann, wenn eine Entität in physischer Hinsicht ausreichend komplex ist, kann auch die korrespondierende geistige Seite komplexe Züge annehmen. Ein Atom etwa ist nicht ausreichend komplex, um ein Bewusstsein zu haben. Ein Lebewesen wie der Mensch hat jedoch eine ausreichend komplexe Anordnung des Physischen, so dass die korrespondierende geistige Anordnung ein bewusstes Erleben aufweist.

Teilhardismus[Bearbeiten]

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Unter Teilhardismus verstand ein besonders papst- und konzilstreuer Teil von Theologie und Episkopat in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren eine Umdeutung des literarischen Schaffens des Jesuiten Teilhard de Chardin in eine Art von „neuer“ Humanismus-Dogmatik. Diese ging über Sondermeinungen Teilhards selbst hinaus. Auffällig war eine aggressiv-euphorische Deutung derselben durch Modetheologen in der durch die nachkonziliare Kirchenkrise geprägten Epoche. Insbesondere Philosophen wie Jacques Maritain (1966), Jean Guitton (1986), Dietrich von Hildebrand, aber auch Theologen wie Hans Urs von Balthasar (Cordula, 1966) oder einige Naturphilosphen kritisierten ein vorgeblich auf Teilhard gestütztes „neues“ Christentum als naiv. Mit der Ölkrise 1973 kühlte die Teilhard-Begeisterung merklich ab; während des Pontifikats von Papst Johannes Paul II. wurden die selbst teilweise antiquierten Positionen einer Art von Neo-Modernismus vermehrt auch anhand kirchenpolitischer Disziplin-Fragen „stellvertretend“ abgehandelt.

Teilhard de Chardin erfuhr posthum kirchenintern größere Anerkennung, sein Werk und seine Gedankenwelt besitzen nach wie vor eine bedeutende Wirkung, nicht zuletzt in Werken der Kunst und Literatur. Dies schließt kleinere Erwähnungen etwa bei Philip K. Dick wie grundlegende Übernahme von philosophischen Konzepten Teilhards wie bei Julian Mays 1987–1994 entstandener Galactic Milieu Series ein. Er wird unter anderem bei dem Theaterstück Fake von Eric Simonson und in einem 2009 präsentierten Stück der Chicagoer Steppenwolf Theatre Company thematisiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten]

Die beiden Hauptwerke:

  • Der Mensch im Kosmos. Beck, München 1959, (Le Phénomène Humain, 1955), neu: ISBN 978-3-406-45541-4.
  • Die Entstehung des Menschen. Beck, München 1961, (La Place de l'Homme dans la Nature, 1956), neu: ISBN 978-3-406-54742-3.

Die neun Bände der Oltner Werkausgabe:

  • Der göttliche Bereich. Ein Entwurf des inneren Lebens. Walter, Olten 1962, (Le Milieu Divin, 1957).
  • Die Zukunft des Menschen. Walter, Olten 1963, (L'Avenir de l'Homme, 1959).
  • Das Auftreten des Menschen. Walter, Olten 1964, (L'Apparition de l'Homme, 1956).
  • Die menschliche Energie. Walter, Olten 1966, (L'Énergie Humaine, 1962).
  • Die Schau in die Vergangenheit. Walter, Olten 1965, (La Vision du Passé, 1957).
  • Die lebendige Macht der Evolution. Walter, Olten 1967, (L'Activation de l'Énergie, 1963).
  • Wissenschaft und Christus. Walter, Olten 1970, (Science et Christ, 1965).
  • Mein Glaube. Walter, Olten 1972, (Comment je crois, 1969).
  • Das Herz der Materie. Kernstück einer genialen Weltsicht. Walter, Olten 1990, (Le Cœur de la Matière, 1976).

Weitere Ausgaben:

  • Lobgesang des Alls. Die Messe über die Welt – Christus in der Materie – Die geistige Potenz der Materie. Walter, Olten 1961.
  • Mein Universum. Walter, Olten 1965.
  • Vom Glück des Daseins. Walter, Olten 1966.
  • Frühe Schriften. Alber, Freiburg/München 1968.
  • Hymne an das Ewig Weibliche. Mit einem Kommentar von Henri de Lubac, Johannes, Einsiedeln 1969.
  • Mein Weltbild. Eine wissenschaftlich fundierte Weltdeutung vom Ende des Universums und vom Sinn der Schöpfung. Walter, Olten 1973.
  • Das Tor in die Zukunft – Ausgewählte Texte zu Fragen der Zeit. Kösel, München 1984, ISBN 3-466-20250-7.
  • Das Teilhard de Chardin Lesebuch. Herausgegeben von Günther Schiwy, Walter, Olten 1987.
  • Aufstieg zur Einheit – Die Zukunft der menschlichen Evolution. Olten und Freiburg im Breisgau 1974.

Briefbände[Bearbeiten]

  • Geheimnis und Verheissung der Erde. Reisebriefe 1923–1939. Alber, Freiburg im Breisgau/München 1958.
  • Pilger der Zukunft. Neue Reisebriefe 1939–1955. Alber, Freiburg im Breisgau/München 1959.
  • Entwurf und Entfaltung. Briefe aus den Jahren 1914–1919. Alber, Freiburg im Breisgau/München 1963.
  • Briefe aus Ägypten. 1905–1908. Alber, Freiburg im Breisgau/München 1965.
  • Briefwechsel mit Maurice Blondel. Alber, Freiburg im Breisgau/München 1967.
  • Briefe an Leontine Zanta. Herder, Freiburg im Breisgau 1967.
  • Briefe an eine Nichtchristin. Walter, Olten 1971.
  • Briefe an eine Marxistin. Walter, Olten 1971.
  • Briefe an Frauen. Ausgewählt und erläutert von Günther Schiwy. Herder, Freiburg im Breisgau 1988.
  • The Letters of Teilhard de Chardin and Lucile Swan. Editor Th. King and M. W. Gilbert, Georgetown Univ. Press, Washington 1993.

Tagebücher[Bearbeiten]

  • Tagebücher I. Notizen und Entwürfe – 26. August 1915 bis 22. September 1916. Walter Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1974, ISBN 3-530-87372-1.
  • Tagebücher II. Notizen und Entwürfe – 2. Dezember 1916 bis 13. Mai 1918. Olten und Freiburg im Breisgau 1975, ISBN 3-530-87373-X.
  • Tagebücher III. Notizen und Entwürfe – 14. Mai 1918 bis 25. Februar 1920. Olten und Freiburg im Breisgau 1977, ISBN 3-530-87374-8.

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Altner: Schöpfungsglaube und Entwicklungsgedanke in der protestantischen Theologie zwischen Ernst Haeckel und Teilhard de Chardin (Diss. theol.), EVZ, Zürich 1965.
  • George B. Barbour: Unterwegs mit Teilhard de Chardin. Auf den Spuren des Lebens in drei Kontinenten. Mit einem Vorwort von Julian Huxley, Walter, Olten 1967.
  • Madeleine Barthelemy-Madaule: Bergson und Teilhard de Chardin: Die Anfänge einer neuen Welterkenntnis, Olten 1970 (Walter) (Französisches Original Paris 1963)
  • Thomas Becker: Geist und Materie in den ersten Schriften Pierre Teilhard de Chardins. In: Freiburger Theologische Studien. Band 134, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, Basel, Wien 1987, ISBN 3-451-20982-9.
  • Henri Bergson: Schöpferische Entwicklung (1907), Jena 1921 (Diederichs)
  • Maurice Blondel: Die Aktion (1893), Versuch einer Kritik des Lebens und einer Wissenschaft der Praktik, Freiburg im Breisgau 1965 (Alber)
  • Thomas Broch: Das Problem der Freiheit im Werk von Pierre Teilhard de Chardin. Matthias-Grünewald, Mainz 1977.
  • Thomas Broch: Pierre Teilhard de Chardin. Wegbereiter des New Age?. Matthias-Grünewald/Quell, Mainz, Stuttgart 1989.
  • Thomas Broch: Denker der Krise – Vermittler von Hoffnung. Pierre Teilhard de Chardin. Echter (topos plus), Würzburg 2000.
  • Yves Delage, M. Goldsmith: Les théories de l'évolution, Paris 1909
  • Pierre Duhem: La Théorie physique – Son objet et sa structure (1904/105), in: Revue de Philosophie V (1904) und Revue de Philosophie VI (1905)
  • Ludwig Ebersberger: Glaubenskrise und Menschheitskrise. Die neue Aktualität Pierre Teilhards de Chardin. Münster 2001, ISBN 3-8258-4612-1
  • Jean Firges: Pascal und Teilhard de Chardin. Zwei Weltbilder im Widerstreit. Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, 32. Sonnenberg, Annweiler 2011 ISBN 3-933264-65-0
  • Ida Friederike Görres: Sohn der Erde: Der Mensch Teilhard de Chardin. Drei Versuche. Josef Knecht, Frankfurt 1971
  • Adolf Haas: Teilhard de Chardin-Lexikon. Grundbegriffe, Erläuterungen, Texte. 2 Bände, Herder, Freiburg im Breisgau 1984.
  • Johannes Hemleben: Teilhard de Chardin in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt (rm 116), Reinbek 1966.
  • Bernd Kettern: Pierre Teilhard de Chardin. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 11, Bautz, Herzberg 1996, ISBN 3-88309-064-6, Sp. 606–621.
  • Rupert Lay: Die Ketzer – Von Roger Bacon bis Teilhard de Chardin. Georg Müller Verlag, München, Wien o.J., ISBN 3-7844-1888-0.
  • Martin Leiner, Nikolaus Knoepffler, H. James Birx (Hrsg.): Teilhard de Chardin. Naturwissenschaftliche und theologische Perspektiven seines Werks. V&R unipress, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89971-232-2.
  • Henri de Lubac: Der Glaube des Teilhard de Chardin. Herold, Wien/München 1968.
  • Adolf Portmann: Der Pfeil des Humanen. Über P. Teilhard de Chardin. Alber, Freiburg im Breisgau/München 1960.
  • Olivier A. Rabut: Gespräch mit Teilhard de Chardin. Naturwissenschaftliche, philosophische und theologische Diskussion seines Werkes. Herder, Freiburg im Breisgau 1981.
  • Pierre Rousselot: Idéalisme et Thomisme (1908), in: Archives de Philosophie 42 (1979), Seite 103 – 126
  • Günther Schiwy: Teilhard de Chardin. Sein Leben und seine Zeit. 2 Bände, Kösel, München 1981, ISBN 3-466-20211-6 (Band 1), ISBN 3-466-20212-4 (Band 2).
  • Günther Schiwy: Ein Gott im Wandel. Teilhard de Chardin und sein Bild der Evolution. Patmos, Düsseldorf 2001.
  • Günther Schiwy: Eine heimliche Liebe. Lucile Swan und Teilhard de Chardin. Herder, Freiburg im Breisgau 2005.
  • Karl Schmitz-Moormann: Teilhard de Chardin in der Diskussion. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986.
  • Karl Schmitz-Moormann: Pierre Teilhard de Chardin: Evolution – die Schöpfung Gottes. Matthias-Grünewald-Verlag, 1996, ISBN 3-7867-1901-2.
  • Robert de Sinety: Un demi-siècle de darwinisme (1909), in: Revue pratique d'Apologétique 9 (1909), Seite 874 – 875
  • Robert de Sinety: Mimétisme et Darwinisme (1910), in: Revue de Philosophie 17 (1910), Seite 354 – 355
  • Robert de Sinety: Les preuves et les limites du transformisme, in: Etudes 127 (1911), Seite 660 – 697
  • Robert de Sinety: Transformisme (1928), in: Adhémard d'Ales (Herausgeber): Dictionaire apologétique de la foi catholique, Band 4, 4. Auflage, Paris 1928 (Beauchesne), Spalte 1793 – 1848
  • Helmut de Terra: Mein Weg mit Teilhard de Chardin. Forschungen und Erlebnisse, Beck, München 1962.
  • Helmut de Terra (Hrsg.): Perspektiven Teilhard de Chardins. Acht Beiträge von Ernst Benz, Madeleine Barthelemy-Madaule, F. G. Elliot, Lama Anagarika Govinda, Fritz Paepcke, Max Knoll, Adolf Remane, Beck (BSR 43), München 1966.
  • Mathias Trennert-Helwig: Die Urkraft des Kosmos. Dimensionen der Liebe im Werk Pierre Teilhards de Chardin. Herder, Freiburg 1993.
  • Francois-Albert Viallet: Zwischen Alpha und Omega. Das Weltbild Teilhards de Chardin. Glock und Lutz, Nürnberg 1958.
    • 2., verbesserte Auflage 1963, dazu (als 2. Band): Zwischen Ja und Nein. Dialog – Dokumente – Kritik. Nürnberg 1963.
  • Joseph Wilbois: La méthode des Sciences physiques (1899/1900), in: Revue de Métaphysique et der Morale VII (1899), Seite 577 – 615 und VIII (1900), Seite 291 - 322

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Teilhard de Chardin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Leiner, Nikolaus Knoepffler, James Birx, Nikolaus: Teilhard de Chardin. Naturwissenschaftliche und theologische Perspektiven seines Werks. V&R Unipress, 2005, S. 110 ff.
  2. Martin Leiner, Nikolaus Knoepffler, James Birx, Nikolaus: Teilhard de Chardin. Naturwissenschaftliche und theologische Perspektiven seines Werks. V&R Unipress, 2005, Seite 19 und 20.
  3. John L. Allen Jr.: Pope cites Teilhardian vision of the cosmos as a 'living host'. National Catholic Reporter. 28. Juli 2009. Abgerufen am 15. Juli 2012.
  4. Th. Becker, Seite 24 - 31
  5. Französischer Originaltitel: De l'arbitraire dans le lois, théories et principes de la physique
  6. Th. Becker, Seite 32 - 35
  7. Th. Becker, Seite 36 - 46
  8. Th. Becker, Seite 46
  9. Pierre Teilhard de Chardin: De l'arbitraire dans le lois, théories et principes de la physique, erstveröffentlicht im Juni 1905 in „Quodlibeta“, der Hauszeitschrift des Jesuitenkollegs auf der Insel Jersey, wo Teilhard im Jahr 1905 sein philosophisches Studium abschloss.
  10. Th. Becker, Seite 48 – 90
  11. Pierre Teilhard de Chardin: Le Miracles de Lourdes et les enquêtes canoniques, in: Etudes 118, 20. Januar 1909, Seite 161 - 183
  12. Th. Becker, Seite 91 - 117
  13. Vergleiche hierzu: Th. Becker, Seite 113
  14. Th. Becker, Seite 115
  15. Vergleiche Th. Becker, Seite 116 f.
  16. nach Th. Becker, Seite 117
  17. Teilhard de Chardin: L'Evolution, ursprünglich veröffentlicht in: Courrier des Cercles d'Etudes, Paris wahrscheinlich Ende 1911 oder Anfang 1912. Diese Zeitschrift bestand aus kleinen 8 bis 12-seitigen Faszikeln, die in der katholischen Bildungsarbeit verwendet wurden und sich mit populären Fragen wie der Demonstration der Existenz Gottes beschäftigten.
  18. Yves Delage, M. Goldsmith: Les théories de l'evolution, Paris 1909
  19. Th. Becker, Seite 152
  20. Th. Becker, Seite 145
  21. Th. Becker, Seite 167
  22. Teilhard de Chardin: Homme: IV L'home devant les enseignements de l'Eglise et devant la philosophie spiritualiste, in: Adhémard d'Ales (Herausgeber): Dictionnaire apolegétique de la foi catholique, Contenat les preuves de la vérité de la religion et les réponses aux objections tirées des Sciences humaines, Band II
  23. Th. Becker, Seite 132
  24. Th. Becker, Seite 125 f.
  25. Th. Becker, Seite 128
  26. Th. Becker, Seite 187
  27. Th. Becker, Seite 192