Sorbische Sprachen
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
| Sorbisch (serbšćina) | ||
|---|---|---|
|
Gesprochen in |
Deutschland | |
| Sprecher | 40.000-60.000 | |
| Linguistische Klassifikation |
|
|
| Offizieller Status | ||
| Amtssprache von | Brandenburg und Sachsen (regional) [1] | |
| Sprachcodes | ||
| ISO 639-1: |
- |
|
| ISO 639-2: |
wen (Sprachfamilie) |
|
| ISO 639-3: |
hsb (Obersorbisch) |
|
Die Sorbischen Sprachen (historisch auch Wendisch, wendische Sprachen genannt; obersorbisch serbšćina, serbska rěč [rʏtʃ], niedersorbisch serbšćina, serbska rěc [riəts]) gehören zur Gruppe der westslawischen Sprachen. Man unterscheidet zwei Schriftsprachen,
- Obersorbisch (in der Oberlausitz) und
- Niedersorbisch (in der Niederlausitz),
die wiederum in mehrere Dialekte untergliedert sind.
An der Grenze der beiden Sprachgebiete existiert eine Reihe von Übergangsdialekten.
Die Wissenschaft zur Erforschung und Dokumentation der sorbischen Sprachen wird als Sorabistik bezeichnet, deren einziges universitäres Institut an der Universität Leipzig beheimatet ist.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Geschichte des Sorbischen
Die Geschichte des Sorbischen in Deutschland beginnt mit der Völkerwanderung etwa seit dem 6. Jahrhundert.
Seit dem 12. Jahrhundert, mit dem massenhaften Zuzug von bäuerlichen Siedlern aus Flandern, Sachsen, Thüringen und Franken und der vorangegangenen Verwüstung des Landes durch Kriege, begann der allmähliche Rückgang der sorbischen Sprache. Zudem wurde das Sorbische dem Deutschen rechtlich nachgeordnet, u. a. im Sachsenspiegel. Später kamen Sprachverbote hinzu: 1293 wurde das Sorbische in Bernburg (Saale) vor Gericht verboten, 1327 in Altenburg, Zwickau und Leipzig, 1424 in Meißen. Weiterhin gab es in vielen Zünften der Städte des Gebietes die Vorschrift, nur deutschsprachige Mitglieder aufzunehmen.
Das Kerngebiet der Milzener und Lusitzer, zwei der etwa zwanzig sorbischen Stämme, die im Gebiet der heutigen Lausitz lebten, war von deutschsprachiger Neusiedlung und rechtlichen Beschränkungen nur wenig betroffen. Die Sprache hatte daher dort einen guten Halt. Die Sprecherzahl wuchs dort bis in das 17. Jahrhundert auf über 300.000 an.
Das älteste schriftlich überlieferte Sprachdenkmal des Obersorbischen ist der „Burger Eydt Wendisch”, ein Bürgereid der Stadt Bautzen aus dem Jahr 1532.
Im 13. bis 16. Jahrhundert wurden in mehreren Städten und Gemeinden Sprachverbote erlassen. Im 19. Jahrhundert war besonders in Preußen die „Eindeutschungspolitik“ sehr repressiv. Nur in wenigen ländlichen Gebieten, z. B. in der Lausitz, konnte sich die sorbische Sprache erhalten. Dies trifft in besonderem Maße auf den katholischen Teil des Siedlungsgebietes entlang des Klosterwassers in der Oberlausitz zu, wo die Assimilation des Sorbischen und damit der Sprachverlust im Gegensatz zum größeren evangelischen Gebiet nur eingeschränkt erfolgte[2].
Am 13. Oktober 1912 wurde in Hoyerswerda der Verein Domowina zur Erhaltung der sorbischen Sprache und Kultur gegründet.
Schon in der Weimarer Republik, besonders aber im Dritten Reich wurde die sorbische Sprache und Kultur durch Gerichtsurteile, Verbote, Germanisierung und dergl. unterdrückt. Während der Weimarer Republik gab es eine eigens gegründete „Wendenabteilung“ zur Unterdrückung von sorbischer Sprache und Kultur, 1936 verboten die Nationalsozialisten die Domowina. 1937 wurde sie enteignet. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sorbische Patrioten teilweise ausgesiedelt.
Am 10. Mai 1945 wurde die Domowina wieder gegründet. Zu Zeiten der DDR wurde die sorbische Sprache und Kultur stark gefördert, die Sorben erhielten das Recht auf Zweisprachigkeit (Straßenschilder, Ortsschilder, Sprachunterricht, eigene Zeitungen). Diese Rechte wurden in der Verfassung der DDR in Artikel 40 ausdrücklich, im Einigungsvertrag zur Deutschen Einheit (Einheitsvertrag) von 1990 in Artikel 35 indirekt, sowie in den Verfassungen der Bundesländer Brandenburg und Sachsen explizit verankert. Das Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) gewährleistet in § 184 das Recht, „in den Heimatkreisen der sorbischen Bevölkerung vor Gericht sorbisch zu sprechen“.
Heutzutage wird an 25 Grundschulen und mehreren weiterführenden Schulen Sorbisch unterrichtet. Am niedersorbischen Gymnasium in Cottbus und dem Sorbischen Gymnasium Bautzen ist es obligatorisch. An vielen Grundschulen und sorbischen Schulen wird der Unterricht in sorbischer Sprache abgehalten. Es erscheinen die Tageszeitung Serbske Nowiny auf Obersorbisch und die niedersorbische Wochenzeitung Nowy Casnik, außerdem die religiösen Wochenschriften Katolski Posoł und Pomhaj Bóh. Monatlich erscheinen die Kulturzeitschrift Rozhlad, je eine Kinderzeitschrift in ober- und niedersorbischer Sprache (Płomjo bzw. Płomje) sowie die Bildungszeitschrift Serbska šula. Mitteldeutscher Rundfunk und Rundfunk Berlin-Brandenburg senden außerdem monatlich halbstündliche Fernsehmagazine in sorbischer Sprache sowie täglich mehrere Stunden Hörfunkprogramm, den Sorbischen Rundfunk.
- siehe auch: Sorbische Schulpolitik
[Bearbeiten] Sorben in Deutschland
Insgesamt leben in Deutschland heute rund 60.000 Sorben, davon etwa 40.000 in Sachsen und 20.000 in Brandenburg. Somit sind die sorbischen Sprachen nach dem Dänischen und noch vor dem Friesischen zweitgrößte Minderheitensprache Deutschlands. Da die Nationalitätenzugehörigkeit in Deutschland nicht amtlich erfasst wird und das Bekenntnis zur sorbischen Nationalität frei ist, gibt es darüber nur Schätzungen. Die Zahl der aktiven Sprecher dürfte geringer sein. Anders als das Obersorbische gilt das Niedersorbische als akut vom Aussterben bedroht. Nach Hochrechnungen sprechen etwa 7.000 Menschen aktiv Niedersorbisch, welches bereits in 20 bis 30 Jahren aussterben könnte, und etwa 13.000 Obersorbisch. Nach Ansicht von Sprachexperten wird das Obersorbische das 21. Jahrhundert überdauern.
|
Zweisprachige Straßenschilder in Cottbus (Chóśebuz) mit Deutsch und Niedersorbisch. |
Zweisprachiges Ortsschild in Bautzen (Budyšin) mit Deutsch und Obersorbisch. |
[Bearbeiten] Grammatik
Die obersorbische Grammatik kennt sieben Fälle:
| Kasus | nan Vater |
štom Baum |
bom Baum |
wokno Fenster |
||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Obersorb. | Niedersorb. | Obersorb. | Niedersorb. | Obersorb. | Niedersorb. | |
| Nom. | nan | nan | štom | bom | wokno | wokno |
| Gen. | nana | nana | štoma | boma | wokna | wokna |
| Dat. | nanej | nanoju | štomej | bomoju | woknu | woknoju, woknu |
| Akk. | nana | nana | štom | bom | wokno | wokno |
| Instr. | z nanom | z nanom | ze štomom | z bomom | z woknom | z woknom |
| Lok. | wo nanje | wó nanje | na štomje | na bomje | na woknje | na woknje |
| Vok. | nano | - | štomo | - | - | - |
| Kasus | ramjo Schulter |
ramje Schulter, Achsel |
žona Frau |
žeńska1 Frau, Weib |
ruka Hand |
|
|---|---|---|---|---|---|---|
| Obersorb. | Niedersorb. | Obersorb. | Niedersorb. | Obersorb. | Niedersorb. | |
| Nom. | ramjo | ramje | žona | žeńska | ruka | |
| Gen. | ramjenja | ramjenja | žony | žeńskeje | ruki | |
| Dat. | ramjenju | ramjenjeju, ramjenju | žonje | žeńskej | ruce | |
| Akk. | ramjo | ramje | žonu | žeńsku | ruku | |
| Instr. | z ramjenjom | z ramjenim | ze žonu | ze žeńskeju | z ruku | |
| Lok. | wo ramjenju | wó ramjenju | wo žonje | wó žeńskej | w ruce | |
1Die Form žona ist im Niedersorbischen literarisch. Die niedersorbische Deklinationsweise ist adjektivisch wegen der Endung -ska.
Im Niedersorbischen ist der Vokativ nur in einigen erstarrten Formen erhalten.
Bemerkenswert ist, dass es neben Singular und Plural noch den Dual (=Zweizahl) gibt. Singular: ruka („Hand“) Dual: ruce („zwei Hände“) Plural: ruki („mehr als zwei Hände“)
Im Gegensatz zu anderen westslawischen Sprachen (Tschechisch, Slowakisch, Polnisch, Kaschubisch) hat sich in der obersorbischen Schriftsprache und einem Teil der Dialekte bis in die heutige Zeit auch das synthetische Präteritum (Aorist, Imperfekt) erhalten. Auch in der niedersorbischen Schriftsprache war diese Form gebräuchlich, ist aber im Laufe des 20. Jahrhunderts immer seltener geworden und wird heute kaum noch verwendet.
Das Niedersorbische hat dafür aber das Supinum (als Variante des Infinitivs nach Verben der Bewegung) erhalten, z. B. „njok spaś“ (ich will nicht schlafen) gegenüber „źi spat“ (geh schlafen).
Nicht allzu anspruchsvolle geschriebene Texte des Sorbischen können von Muttersprachlern der westslawischen Sprachen im Allgemeinen verstanden werden.
[Bearbeiten] Sprachvergleich
| Deutsch | Tschechisch | Obersorbisch | Niedersorbisch | Polnisch | Polabisch |
|---|---|---|---|---|---|
| Mensch | člověk | čłowjek | cłowjek | człowiek | clawak |
| Abend | večer | wječor | wjacor | wieczór | wicer |
| Bruder | bratr | bratr | bratš | brat | brot |
| Tag | den | dźeń | źeń | dzień | dan |
| Hand | ruka | ruka | ruka | ręka | ręka |
| Herbst | podzim | nazyma | nazyma | jesień | prenja zaima |
| Schnee | sníh | sněh | sněg | śnieg | sneg |
| Sommer | léto | lěćo | lěśe | lato | ljutü |
| Schwester | sestra | sotra | sotša | siostra | sestra |
| Fisch | ryba | ryba | ryba | ryba | raibo |
| Feuer | oheň | woheń | wogeń | ogień | widin |
| Wasser | voda | woda | wóda | woda | wôda |
| Wind | vítr | wětr | wětš | wiatr | wjôter |
| Winter | zima | zyma | zyma | zima | zaima |
[Bearbeiten] Unterschiede zwischen beiden Schriftsprachen
Zwischen den beiden Schriftsprachen Obersorbisch und Niedersorbisch bestehen einige Unterschiede, insbesondere auch beim Alphabet.
[Bearbeiten] Lautliche Unterschiede
[Bearbeiten] Bei den Konsonanten (Mitlauten)
Die beiden Schriftsprachen unterscheiden sich sehr stark bei den Konsonanten.
| Obersorb. | |||||||||||||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| b | c | č | d | dź | f | g | h | ch | j | k | ł | m | n | ń | p | (q) | r | ř | s | š | t | ć | (v) | w | (x) | z | ž |
| Niedersorb. | ||||||||||||||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| b | c | č | ć | d | f | g | h | ch | j | k | ł | m | n | ń | p | (q) | r | ŕ | s | š | ś | t | (v) | w | (x) | z | ž | ź |
| Obersorb. | Niedersorb. | Beispiele | Bedeutung | Bemerkungen |
|---|---|---|---|---|
| h | g | hora – góra | Berg | g > h auch im Tschechischen, Slowakischen, Ukrainischen, Weißrussischen und westlichen slowenischen Dialekten. |
| Taube | ||||
| hordy – gjardy | stolz | |||
| Burg | ||||
| kniha – knigły | Buch | |||
| hody – gódy | Weihnachten | |||
| č | c | čas – cas | Zeit | č > c wie in polnischen und litauischen Dialekten sowie im Polabischen |
| čorny – carny | schwarz | |||
| čert – cart | Teufel | |||
| česć – cesć | Ehre | |||
| ličba – licba | Zahl | |||
| pčołka – pcołka | Biene | |||
| š | s | štyri – styri | vier | š > s im Niedersorbischen |
| štwórć – stwjerś | Viertel | |||
| štwórtka – stwórtka | Vier | |||
| štwórtk – stwórtk | Donnerstag | |||
| ć | ś | ćeńki – śańki | dünn, zart | ć > ś im Niedersorbischen außer hinter Zischlauten |
| bić – biś | schlagen | |||
| hić – hyś | gehen | |||
| puć – puś | Weg | |||
| ćah – śěg | Zug | |||
| ćahnyć – śěgnuś | ziehen | |||
| ćahać – śěgaś | ||||
| ćim – śim | desto | |||
| ćichi – śichy | still, ruhig | |||
| aber: hósć – gósć | Gast | |||
| dź | ź | dźeń – źeń | Tag | dź > ź im Niedersorbischen außer hinter Zischlauten |
| dźesać – źaseś | zehn | |||
| hdźe – źo | wo | |||
| wo (rel.) | ||||
| dźowka – źowka | Tochter | |||
| dźiwy – źiwy | wild | |||
| dźěło – źěło | Arbeit | |||
| dźak – źěk | Dank | |||
| hózdź – gózdź | Nagel | |||
| kr, pr, tr | kš, pš, tš | krasny – kšasny | prächtig | r > š hinter stimmlosen Konsonanten vor a, o, u im Niedersorbischen |
| prawy – pšawy | recht, richtig | |||
| prosba – pšosba | Bitte | |||
| prec – pšec | weg | |||
| bratr – bratš | Bruder | |||
| sotra – sotša | Schwester | |||
| wutroba – wutšoba | Herz | |||
| trawa – tšawa | Gras | |||
| jutry – jatšy | Ostern | |||
| wótry – wótšy | scharf | |||
| ń | j, ' | dóńć – dojś | hingehen | ń im Obersorbischen ähnlich wie im Kaschubischen statt j im Niedersorbischen |
| nadeńć – nadejś | (an)treffen, vorfinden | |||
| přeńć – pśejś | hinübergehen | |||
| přińć – pśiś | kommen | |||
| rozeńć – rozejś | auseinandergehen | |||
| woteńć – wótejś | weggehen | |||
| wuńć – wujś | (hin)ausgehen | |||
| njeńdu – njejdu | sie gehen nicht |
[Bearbeiten] Bei den Vokalen
Sowohl das Nieder- als auch das Obersorbische verfügen über acht Vokale.
| vorne | zentral | hinten | |
|---|---|---|---|
| oral | oral | ||
| geschlossen | i [i] | y [ɨ] | u [u] |
| ó [ʊ] | |||
| mittel | e [ɛ] | o [ɔ] | |
| offen | a [a] |
| vorne | zentral | hinten | |
|---|---|---|---|
| oral | oral | ||
| geschlossen | i [i] | y [ɨ] | u [u] |
| mittel | e [ɛ] | ó [ɨ,ɛ,ʊ]1 | o [ɔ] |
| offen | a [a] |
- 1 Die ersten beiden Varianten sind schriftsprachlich. Im Dialekt kommt auch noch [ɔ] sowie die dritte Variante vor.
| Diphthong beider Varitäten |
|---|
| ě [iə] |
| Obersorb. | Niedersorb. | Beispiele | Bedeutung | Bemerkungen |
|---|---|---|---|---|
| 'a | ě, e | mjaso – měso | Fleisch | aus Ursl. ę |
| dźak – źěk | Dank | |||
| časty – cesty | häufig | |||
| hladać – glědaś | sehen, schauen, blicken | |||
| dźesać – źaseś | zehn | |||
| rjad – rěd | Reihe | |||
| rjany – rědny | schön | |||
| swjatki – swětki | Pfingsten | |||
| 'e | 'a | mjeza – mjaza | Rain | 'e>'a auch im Polnischen, Weißrussischen und Bulgarischen mit anderen Regeln |
| čert – cart | Teufel | |||
| jedyn – jaden | ein | |||
| dźesać – źaseś | zehn | |||
| njesć – njasć | tragen | |||
| pjec – pjac | backen; braten | |||
| wjeselo – wjasele | Freude | |||
| wjes – wjas | Dorf | |||
| wječor – wjacor | Abend | |||
| e | o | hdźe – źo | wo | e>o im Niedersorbischen |
| -će – -śo, -ćo | (Endung der 3.Person Plural) | |||
| ćeta – śota | Tante | |||
| wčera – cora | gestern | |||
| i | y | hić – hyś | gehen | niedersorbische Verdumpfung von i zu y hinter ž, š, h und c (aus č), analog im Polnischen; in den Ostslawischen Sprachen zeigt sich diese phonetische Tendenz ebenfalls. |
| wužiwar – wužywaŕ | Benutzer, Anwender | |||
| wužiwać – wužywaś | benutzen, anwenden | |||
| žiwy – žywy | lebend(ig) | |||
| činić – cyniś | machen, tun | |||
| šija – šyja | Hals | |||
| šiška – šyška | Zapfen | |||
| o | 'a | pos – pjas | Hund | aus ursprünglichem ь (vgl.: Polnisch: ie in pies) |
| o | e | Nachbar | e>o im Obersorbischen | |
| so – se | sich | |||
| won – wen | hinaus | |||
| y | e, ě | cyły – ceły | ganz, gesamt, völlig | e/ě > y im Obersorbischen nach c, s, d |
| cyłosć – cełosć | Ganzheit, Gesamtheit | |||
| dyrbjeć – derbiś, derbjeś | müssen, sollen | |||
| cypy – cepy | Dreschflegel | |||
| cyn – cen | Zinn | |||
| cyrkej – cerkwja | Kirche | |||
| dyrić – deriś | Schlag/Stoß versetzen | |||
| syć – seś | Netz | |||
| symjo – semje | Samen | |||
| oł | łu | tołsty – tłusty | dick, stark | aus ьl bzw. ъl nach hartem Dental |
| dołhi – dłujki | lang | |||
| dołh – dług | Schuld | |||
| stołp – słup | Säule | |||
| or | ar (jar nach g/k) | hordy – gjardy | stolz | aus ursprünglichem ъr |
| horbaty – gjarbaty | bucklig | |||
| horb – gjarba | Buckel | |||
| hordło – gjardło | Kropf; Kehle | |||
| hornc – gjarnc | Topf | |||
| or | ar | čorny – carny | schwarz | aus ursprünglichem ьr vor harten Konsonanten, sonst einheitlich er (in: smjerć – smjerś „Tod“) |
- 1 Die Variante žona wie im Obersorbischen ist literarisch.
[Bearbeiten] Unterschiedliche Silbenzahl
Bei einigen Wörtern unterscheidet sich die Anzahl der Silben, weil das Obersorbische hier verkürzt hat, ähnlich wie Tschechisch.
| Obersorb. | Niedersorb. | Bedeutung |
|---|---|---|
| stać | stojaś | stehen |
| přećel | pśijaśel | Freund |
| horcy | górucy | heiß |
| kobła | kobyła | Stute |
| kelko | keliko, kelko (arch.)1 | wieviel |
| korto | kóryto | Trog |
| kotry | kótary | welcher |
- 1 Die übliche Form ist (kak) wjele.
[Bearbeiten] Unterschiede in der Deklination
- Obersorb. 7 Fälle – Niedersorb. 6 Fälle
- Unterschiede bei der Kasusrektion
| Obersorb. | Niedersorb. | Bedeutung |
|---|---|---|
| mam dweju bratrow, dwaj konjej | mam dweju bratšowu, kónjowu | „ich habe zwei Brüder/Pferde“ |
| mam třoch bratrow, tři konje | mam tśoch bratšow, tśich kónjow/kóni | „ich habe drei Brüder/Pferde“ |
| mam bratrow, konje | mam bratšy/bratšow, kónje | „ich habe Brüder/Pferde“ |
[Bearbeiten] Unterschiedliches Genus
| Obersorb. | Niedersorb. | Bedeutung | Kommentare |
|---|---|---|---|
| huso (n) | gus (f) | Gans |
|
| swinjo (n) | swinja (f) | Schwein | |
| jězor (m) | jazoro (n), jazor (m) | See | |
| karp (m) | karpa (f) | Karpfen |
[Bearbeiten] Unterschiede in der Konjugation
| Obersorb. | Niedersorb. | Kommentare |
|---|---|---|
| Bewahrung von Aorist, Imperfekt | In der Schriftsprache | |
| a-, i-, e-Konjugation | o-, a-, i-, j-Konjugation1 | |
| Verben wie pisać nach der a-Konjugation (1. und 2. Person Singular Präsens Indikativ Aktiv: pisam, pisaš) | Verben wie pisaś nach der o-Konjugation (1. und 2. Person Singular Präsens Indikativ Aktiv: pišom, pišoš) | Die niedersorbische o-Konjugation entspricht der e-Konjugation des Obersorbischen, mit Ausnahme der Verlagerung einiger Verben wie pisać. |
- 1Die perfektiven Verben der a- und i-Konjugationen bilden ihre Präsensformen heute meistens nach der o-Konjugation.
[Bearbeiten] Unterschiede im Wortschatz
| Obersorb. | Niedersorb. | Bedeutung | Kommentar |
|---|---|---|---|
| swoboda | lichota | Freiheit | |
| swobodny | lichy | frei | |
| chěža | wjaža | Haus | |
| prajić | groniś | sagen, sprechen | groniś ähnelt Polabischem gornt[1] |
| patoržica | gwězdka | Weihnachtsabend, Heiligabend | |
| zo | až | dass | |
| sewjer | pódpołnoc | Norden | Obersorb. = Tschech. sever, Niedersorb. vgl. Poln. północ |
| juh | pódpołdnjo | Süden | Obersorb. = Tschech. jih, Niedersorb. vgl. Poln. południe |
| wuchod | pódzajtšo | Osten | |
| zapad | pódwjacor | Westen | |
| wopica | nałpa | Affe | Obersorb. = Tschech. opice, Niedersorb. = Poln. małpa |
| běrna | kulka1 | Kartoffel | |
| dyrbjeć | musaś3, dejaś | müssen, sollen | Niedersorb. = Tschech. muset, Poln. musieć |
| hač4 | ako5 | als (bei Steigerung) | |
| jara | wjelgin | sehr | |
| całta | guska | Brötchen | Obersorb. = Alttschech.[2] Niedersorb. = Tschech. houska |
| haj | jo | ja | Obersorb. = Slowak. hej Niedersorb. = Tschech. jo (dort neben ano) |
| holca | źowćo | Mädchen | Niedersorb. = Poln. dziewczę, dziewczyna, Tschech. děvče, holka |
| štom | bom6 | Baum | Niedersorb. aus dem Deutschen: „Baum“/Obersorb. ebenfalls aus dem Deutschen: „Stamm“ |
| porst | palc | Finger | Obersorb. = Tschech. prst Niedersorb. = Poln. palc |
- 1 Bedeutet auch: Kugel; Kloß.
- 3 Bedeutet nur: müssen.
- 4 Bedeutet auch: bis (vor allem vor do); ob
- 5 Bedeutet auch: als (bei Attributen); der, die, das (Relativpronomen), wie
- 6 Nach Starosta hat štom die Bedeutung Baum nur im Dialekt, sonst bedeutet es Baumstamm.
- = steht hier für entspricht.
[Bearbeiten] Gemeinsamkeiten
[Bearbeiten] Lautliche Gemeinsamkeiten
[Bearbeiten] Konsonantische Parallelen
| Ursl. | Sorb. | Beispiele | Bedeutung | Vergleichbarkeit | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|
| str | tr/tř – tš/tś |
sotra – sotša |
Schwester | Polnisch: siostra, Tschechisch: sestra |
Verlust des s; sehr viele Ausnahmen |
| tradać – tšadaś |
darben, schmachten |
Tschechisch: strádat | |||
| truhać – tšugaś |
hobeln, raspeln |
Polnisch: strugać Tschechisch: struhadlo „Hobel, Raspel“ |
|||
| truk – tšuk |
Schote | Polnisch: strąk | |||
| třěcha – tśěcha (stśěcha) |
Dach | Tschechisch: střecha Polnisch: strzecha „Strohdach“ |
|||
| truna – tšuna |
Saite | Tschechisch, Polnisch: struna | |||
| trup – tšup |
Grind, Schorf | Tschechisch, Polnisch: strup |
[Bearbeiten] Vokalische Parallelen
| Veränderung | Obersorb. | Niedersorb. | Bedeutung | Kommentare |
|---|---|---|---|---|
| e > o | wječor | wjacor | Abend | vgl. Rus.: вечер, Tschech.: večer |
| čłon | cłonk | Glied, Mitglied | vgl. Rus.: член | |
| daloko | weit, fern | vgl. Pl.: daleko, Rus.: далеко, Kr.: daleko | ||
| wjesoły | wjasoły | froh, fröhlich, heiter | vg.: Rus.: весёлый, Kr.: veseo, vesela | |
| pjećory | pěśory | fünffach | vgl.: Rus.: пятеро, Kr.: petero | |
| pčoła | pcoła | Biene | vgl.: Rus.: пчела, Kr.: pčela | |
| sotra | sotša | Schwester | vgl.: Rus.: сестра, Kr.: sestra | |
| i > y1 | zyma | zyma | Winter | vgl. Tschech.: zima |
| nazyma | nazyma | Herbst | ||
| kazyć | kazyś | verderben | vgl.: Pl.: kazić, Tschech.: kaziti, Slvk.: kazit' | |
| ǫ > u2 | ruka | Arm, Hand | vgl.: Pl.: ręka, Kaschub.: rąka | |
| wutroba | wutšoba | Herz | vgl.: Pl.: wątroba „Leber“ | |
| mudry | klug | vlg.: Pl.: mądry | ||
| huso | gus | Gans | vgl.: Pl.: gęś | |
| pucher | puchoŕ | Blase; Harnblase | vlg.: Pl.: pęcherz | |
| pupk | Nabel | vgl.: Pl.: pępek | ||
| huba | guba | Mund | vgl.: Pl.: gęba | |
| el > ło3 | žłob | Rinne; Trog | vgl.: Slvk.: žleb (žl’ab), Slov.: žleb, Kr.: žlijeb | |
| mloko | Milch | vgl.: Tschech.: mleko, Kr.: mlijeko | ||
| er > re/rě/rje4 | drjewo | Holz | vgl.: Kr.: drvo, Pl.: drzewo, Tsch.: dřevo, Slvk.: drevo | |
| ol > ło5 | złoto | Gold | vgl.: Pl.: złoto; Tschech./Slvk.: zlato, Blg.: злато | |
| słód | słod | Geschmack; Süße; Malz | vgl.: Pl.: słód; Tschech./Slvk.: slad, Kr.: slâd | |
| hłowa | głowa | Kopf | vgl.: Pl.: głowa; Tschech./Slvk.: hlava, Kr.: gláva | |
| słoma | Stroh | vgl.: Pl.: słoma; Tschech.: sláma, Kr.: slama | ||
| młody | jung | vgl.: Pl.: młody; Tschech.: mladý, Kr.: mlad | ||
| or > ro6 | hród | grod | Burg; Schloss | vgl.: Pl.: gród; Tschech.: hrad, Kr./Slov.: grâd |
| mróz | mroz | Frost | vgl.: Pl.: mróz; Tschech./Slvk.: mráz, Kr.: mraz | |
- 1 Im Niedersorbischen fand diese Veränderung auch hinter h, ž, š, c (aus č) statt.
- 2 Die gleiche Veränderung fand im Ostslawischen, im Tschechischen, im Slowakischen, im Kroatischen, im Bosnischen und Serbischen statt. Das Slowenische hat den Nasalvokal zu o verändert.
- 3 Zwischen Konsonanten. Im Polnischen entstand hier ebenfalls ło, teilweise aber auch łó; Tschechisch, Slowakisch und Slowenisch haben hier le; Kroatisch und Serbisch haben le und lije; Bulgarisch hat hier ле [le] oder ля [lja]; die Ostslawischen Sprachen haben hier оло [olo].
- 4 Im Niedersorbischen hat sich diese Lautung teilweise zu r(j)a weiterverändert; z. B. brjaza „Birke“.
- 5 Die gleiche Entwicklung hat auch das Polnischen durchlaufen. Im Russischen unterlag die ursprüngliche Lautgruppe ol nicht der Metathese und wird entsprechend dem Gesetz des Polnoglasie durch оло [olo] repräsentiert.
- 6 Die Entwicklung im Polnischen ist ähnlich, während im Russischen hier mangels der Tendenz zur westslawischen Metathese und durch Polnoglasie оро [oro] entstanden ist.
[Bearbeiten] Grammatische Gemeinsamkeiten
- Bewahrung des Duals
- Betonung auf der ersten Silbe
- Weitgehende Verallgemeinerung des Genitiv Plural der Substantive auf -ow
[Bearbeiten] Literatur
- Filip Rezak: Deutsch-sorbisches enzyklopädisches Wörterbuch der Oberlausitzer sorbischen Sprache. Fotomechanischer Neudruck der Ausgabe Bautzen 1920, 1. Auflage. Mit einem Vorwort von Konstantin K. Trofimowic. Domowina-Verlag, Bautzen 1987, 1150 S., ISBN 3-7420-0183-3.
- Bjarnat Rachel: Sorbisch-deutsches und deutsch-sorbisches Ortsnamenverzeichnis der zweisprachigen Kreise. I. Teil: Bezirk Dresden. VEB Domowina, Bautzen 1959, 135 Seiten.
- Lehrplan für Sorbisch an der Oberschule mit Sorbischunterricht. Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, Ministerium für Volksbildung. Teil 4/6: Klassen 4–6, Berlin 1972, 93 S.
- Begegnungssprache Sorbisch. Domowina-Verlag, Bautzen 1999.
- Tobias Geis, Till Vogt: Sorbisch Wort für Wort. Reise Know-How Verlag Peter Rump, Bielefeld 2007, 190 S., ISBN 978-3-89416-381-5.
- Madlena Norberg: Sind die sorbische/wendische Sprache und Identität noch zu retten? In: Sammelband zur sorbischen/wendischen Kultur und Identität (Potsdamer Beiträge zur Sorabistik ; 8) - Potsdam : Univ.-Verl., 2008. ISBN 978-3-940793-35-5
[Bearbeiten] Quellen
- Słownik Hornjoserbsko-němski, Bautzen 1990, ISBN 3-7420-0419-0.
- Słownik Němsko-hornjoserbski, Bautzen 1986.
- Jana Šołćina, Edward Wornar: Obersorbisch im Selbststudium, Hornjoserbšćina za samostudij. Bautzen 2000, ISBN 3-7420-1779-9.
- Иржи Мудра, Ян Петр: Учебник верхне-лужицкого языка. Bautzen 1983, Seite 159.
- Manfred Starosta: Dolnoserbsko-nimski słownik. Bautzen 1999, ISBN 3-7420-1096-4.
- Erwin Hannusch: Niedersorbisch praktisch und verständlich. Bautzen 1998, ISBN 3-7420-1667-9.
- Herbert Bräuer: Slavische Sprachwissenschaft. Band I, Berlin 1961, Seite 59, 80, 136.
- Фасмер: Этимологический словарь русского языка. Band III, Beispiele über str>tr/tš, Seiten 770–784.
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ GVG § 184 Satz 2; VwVfGBbg § 23 Abs. 5; SächsSorbG § 9
- ↑ Tschernik, Ernst: Die Entwicklung der Sorbischen Bevölkerung, Akademie Verlag, Berlin 1954
[Bearbeiten] Weblinks
- Sorbisches Institut: Lehrbuch des Obersorbischen
- www.niedersorbisch.de (Deutsch-Niedersorbisches Wörterbuch)
- Niedersorbisches Glossar (Orts- und Straßennamen, Berufs- und Ämterbezeichnungen)
- Obersorbisches Onlinewörterbuch
- Obersorbisches Rechtschreibwörterbuch
- Institut für Sorabistik
- Tastaturlayouts für Linux und Microsoft Windows 2000/XP sowie Windows 95, 98, ME
Ostslawisch: Altnowgoroder Dialekt † | Altostslawisch † | Karpato-Russinisch | Russisch | Ruthenisch † | Ukrainisch | Weißrussisch | Westpolessisch
Westslawisch: Kaschubisch | Knaanisch † | Niedersorbisch | Obersorbisch | Polabisch † | Pomoranisch † | Polnisch | Slowakisch | Slowinzisch † | Tschechisch
Südslawisch: Ägäis-Mazedonisch | Altkirchenslawisch † | Banater Bulgarisch | Bosnisch | Bulgarisch | Burgenlandkroatisch | Kroatisch | Mazedonisch | Moliseslawisch | Montenegrinisch | Resianisch | Serbisch | Serbokroatisch | Slowenisch
Andere: Goworka † | Jugoslawo-Russinisch | Kirchenslawisch | Russenorsk † | Slawenoserbisch † | Slovio | Urslawisch †

