Orhan Pamuk

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Orhan Pamuk (2009)

Orhan Pamuk (* 7. Juni 1952 in Istanbul, Türkei) ist ein türkischer Schriftsteller.

Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes und ist Träger des Literatur-Nobelpreises 2006. In seiner Erzählkunst vermittelt er zwischen dem modernen europäischen Roman und der mystischen Tradition des Orients. Sein Werk ist mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht worden.

Auch sein im Wesentlichen menschenrechtlich begründetes politisches Engagement, mit dem er einerseits die türkische Regierung unter anderem zu historischer Aufklärung und Verantwortungsbereitschaft anhält und andererseits politisch und religiös begründeten Widerständen gegen einen EU-Beitritt der Türkei entgegentritt, zeigt ihn in einer beide Seiten fordernden Mittlerposition.

Biografische Aspekte[Bearbeiten]

Orhan Pamuk ist in einem von der Großfamilie bewohnten fünfstöckigen Haus im Viertel Nişantaşı im Istanbuler Stadtteil Şişli nördlich des Bosporus aufgewachsen. In Cevdet Bey ve Oğulları (dt.: Cevdet und seine Söhne) und dem Kara Kitap (dt.: Das Schwarze Buch) schildert er den Istanbuler Alltag und Familienverhältnisse, die den seinen ähneln. Sein Großvater war als Ingenieur und Industrieller beim Eisenbahnbau zu Reichtum gekommen. Die ganze Familie war auf die prowestliche Linie Atatürks eingeschworen, auch hinsichtlich der kulturellen Interessen:

„Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem viele Romane gelesen wurden. Mein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek und erzählte von den großen Schriftstellern wie Thomas Mann, Kafka, Dostojewski[1] oder Tolstoi so, wie andere Väter zu Hause vielleicht von Generälen oder von Heiligen sprachen. Schon als Kind waren für mich all diese Romane und Autoren eins mit dem Begriff Europa.“[2]

Anders als es der Familientradition entsprach, lagen Pamuks Interessen nicht beim Ingenieurberuf. Er begann als Siebenjähriger zu malen und wollte von da an Maler werden. Nach der Grundschule besuchte er das englischsprachige Robert College und anschließend – wie schon der Großvater und der Vater – die Istanbuler Technische Universität, wo er ein Architekturstudium aufnahm. Nach einem Fachwechsel erwarb er 1977 einen universitären Abschluss als Journalist. Unterdessen hatte er mit 23 Jahren die Entscheidung getroffen, sich nur noch dem Schriftstellerdasein zu widmen. In politisch instabiler Lage mit einer gewalttätig aufgeheizten Links-Rechts-Polarisierung und verkappter Militärherrschaft (siehe: Geschichte der Republik Türkei) fielen für ihn die Würfel:

„Der einzige Grund für diesen Wandel lag wohl darin, dass ich damals überzeugt war, Schreiben sei die Möglichkeit, mit Worten die Stimme zu erheben, Malerei hingegen bedeute Stummheit, und ich war geistig nicht so weit, diese Stummheit in Würde auszuhalten.“

Vor seiner Erstpublikation Cevdet Bey ve Oğulları (1982 erschienen) verbrachte Pamuk acht Jahre in Schreibklausur ohne eigenen Verdienst bei seiner Mutter im Sommerhaus auf einer der Prinzeninseln im Marmarameer, deren Stille seinem Arbeitsprozess besonders förderlich war und ist. Bis auf einen dreijährigen USA-Aufenthalt 1985–1988 an der Columbia University in New York, wo seine Frau promovierte und er selber Kara Kitap erarbeitete, hat Pamuk Istanbul nicht für längere Zeit verlassen: „Istanbuls Schicksal ist mein Schicksal. Ich fühle mich dieser Stadt verbunden, weil sie mich zu dem gemacht hat, der ich bin.“

Lesereisen, Preisverleihungen und Vor-Ort-Recherchen für seine Romane sind es hauptsächlich, die Pamuk gelegentlich aus seiner Heimatstadt hinausführen. Auf diese Weise hat er z. B. Anschauungsmaterial für seinen Roman Kar (dt. Titel: Schnee) gewonnen, wie er in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 23. Oktober 2005 in der Frankfurter Paulskirche verdeutlichte. Ka, die Zentralfigur dieses vielschichtigen politischen Romans, ein türkischer Dichter, der als Asylant in Frankfurt lebt und den es auf Heimatbesuch in die nahe der östlichen Grenzen der Türkei gelegene Stadt Kars verschlägt, wird jeweils in örtlichem Umfeld inszeniert:

„Um mir den Weg vorstellen zu können, den Ka morgens von seiner Wohnung bis zur Stadtbücherei zurücklegt, in der er jeden Tag stundenlang sitzt, gingen wir vom Hauptbahnhof aus durch die Kaiserstraße, an den Sexshops vorbei, dann durch die Münchener Straße mit ihren türkischen Lebensmittelgeschäften, Dönerbuden und Friseurläden, bis hin zur Hauptwache, und wir kamen dabei an der Paulskirche vorbei, in der wir uns heute befinden. Wir gingen auch in den Kaufhof, wo Ka den Mantel kauft, den er dann viele Jahre stolz und glücklich trägt. Zwei Tage lang streiften wir in den von Türken bewohnten ärmlichen alten Vierteln herum, besuchten Moscheen und Vereine, gingen in türkische Lokale und Cafés.
Gleichermaßen ging ich in der im Nordosten der Türkei gelegenen Stadt Kars vor, in der mein Roman spielen sollte. Da ich nur sehr wenig über diese kleine Stadt wusste, fuhr ich oft dorthin, lernte Leute kennen, knüpfte Freundschaften und machte mich Straße für Straße, Laden für Laden allmählich mit dem Städtchen vertraut. Ich ging in die entlegensten, vergessensten Viertel dieser entlegensten, vergessensten Stadt der ganzen Türkei und sprach mit Arbeitslosen, die ohne jede Hoffnung auf Anstellung in den Teehäusern herumsaßen, sprach mit Gymnasiasten, mit den Polizisten in Zivil und in Uniform, die mir unentwegt folgten, und mit Chefredakteuren, deren Blätter nicht über eine Auflage von 250 Exemplaren hinauskamen.“[2]

Literarische Bewertung[Bearbeiten]

Orhan Pamuk

Pamuks Werke reflektieren das Identitätsproblem der seit osmanischen Zeiten zwischen Orient und Okzident hin- und hergerissenen türkischen Gesellschaft. Eine wichtige Rolle spielt dabei die in Vergessenheit geratene mystische Tradition, der sich auch Pamuk erst mit 35 Jahren zuwandte. Seither ist für seine Bücher „ein dichtes und vielfältiges Gewebe aus schwarzem Humor, blitzendem Scharfsinn, sinnlicher, stark visuell geprägter Darstellung, kriminalistischer Kombinationsgabe und romantischen Sehnsüchten im Bewusstsein der schnöden Wirklichkeit“ (Friedenspreis-Laudatio Sartorius) ebenso charakteristisch wie der Bezug zur reichen Erzähltradition der islamischen Sufi-Dichtung.

„Orhan Pamuk stellt unter Beweis, dass er tausendundeinen Faden in der Hand behalten kann und auch gewagteste Konstruktionen tragfähig bleiben. Ein Element seiner Gebäude, ein Kunstgriff orientalischer Erzähler ist das Einlassen von Geschichten in die fortströmende Handlung, die das Geschehen überhöhen und wie Parabeln, wie ausgedehnte Sinnsprüche funktionieren. (…)
Der Roman Rot ist mein Name ist gespickt mit solchen die Wirklichkeit transzendierenden Parabeln. Sie entfalten ein raffiniertes Gespinst aus Glauben und Aberglauben, Märchen und Abermärchen, transportieren aber auch stets Weisheit und Moral. Hier wird eine Ethik, »eine moralische Vision« entfaltet, die sich aber nur dem ganz entschlüsselt, der die frühislamischen Texte von Ibn Arabi oder al-Halladj oder Sufi-Dichtern wie Yunus Emre, Rumi und Nezāmi kennt.“

Pamuk, so heißt es in der Begründung der Friedenspreis-Verleihung, gehe wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nach. Er sei einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründe. Der Dichter bestätigt in seiner Dankesrede:

„Die wundersamen Mechanismen der Romankunst dienen dazu, der ganzen Menschheit unsere eigene Geschichte als die Geschichte eines anderen zu unterbreiten. Natürlich kann ein Roman auch beides zugleich. Er eröffnet uns die Möglichkeit, sowohl unser Leben als das eines Anderen zu erzählen, als auch das Leben von anderen Menschen als das unsere zu schildern. Dazu ist es gar nicht unbedingt nötig, in anderen Städten und Straßen herumzuwandern, wie ich es in Kars tat. Um sich zu verfremden oder andere zu beschreiben wie sich selbst, greifen die meisten Romanschriftsteller ganz einfach auf ihre Phantasie zurück. (…)
Leser bedienen sich nun, genau wie der Autor, ihrer Phantasie und versuchen sich in eine andere Person hineinzuversetzen. Das ist dann jeweils der Moment, in dem sich in uns Toleranz und Bescheidenheit, Liebe, Mitleid und Freude zu regen beginnen: Gute Literatur appelliert nämlich nicht so sehr an unsere Urteilskraft als vielmehr an unser Einfühlungsvermögen.“[2]

Einzelne Werke[Bearbeiten]

Cevdet und seine Söhne[Bearbeiten]

Hauptartikel: Cevdet und seine Söhne

Pamuks zwischen 1974 und 78 entstandener Erstling Cevdet und seine Söhne (türk.: Cevdet Bey ve Oğulları) erzählt in drei Teilen entscheidende Entwicklungsphasen aus der Geschichte der Kaufmanns- und Fabrikantenfamilie Işıkçı vor dem Hintergrund der wechselhaften, durch Reformbewegungen nach europäischen Vorbild geprägten, türkischen Historie im 20. Jahrhundert

Die Haupthandlung beginnt 1905 mit der Heirat des Firmengründers Cevdet mit Nigân, der Tochter einer angesehenen Paşafamilie, und endet mit deren Tod 1970. Am Beispiel der Titelfigur, seiner Kinder Osman, Refik, dessen Freunden Ömer und Muhittin, sowie Ayşe und des Enkels Ahmet gestaltet der Autor unterschiedliche Konzeptionen, welche in den späteren Werken variierend aufgegriffene zentrale Themen behandeln: die Suche nach dem Sinn des Lebens, das Schwanken zwischen den Schwerpunkten Familie, Geschäft und Selbstfindung sowie Karriere und Moral, die Diskussionen über Tradition und Fortschritt, die künstlerische Verarbeitung der Realität und das politische Engagement. Dabei repräsentieren Osman und sein Sohn Cemil einerseits und Refik sowie dessen Sohn Ahmet andererseits zwei kontrastierende Entwicklungslinien. Durch die breit angelegte personale Vernetzung und die verschiedenen Handlungsorte Istanbul, Ankara und die ländliche Region um Kemah entsteht ein differenziertes Bild des Wandels der türkischen großbürgerlichen Gesellschaft.

Das stille Haus[Bearbeiten]

Hauptartikel: Das stille Haus

Zwischen 1980 und 1983 schrieb Pamuk seinen zweiten, 1983 publizierten Roman Das Stille Haus (Sessiz ev). Wie in seinem Erstling Cevdet und seine Söhne zeichnet er ein differenziertes Bild der türkischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert in der Spannung zwischen Tradition und Reformbemühungen am Beispiel einer Familie. Eingeschoben in die siebentägige Handlung in Cennethisar bei Gebze am Marmarameer sind die Erinnerungen von fünf Erzählern aus drei Generationen: Dabei legen sie die Hintergründe der Geschichte des Großvaters, des Arztes und radikalen Aufklärers Selâhattin Darvinoğlu, frei, der mit der traditionell-konservativen Fatma aus dem Istanbuler Großbürgertum verheiratet ist. Dieser geht eine eheähnliche Beziehung zu seinem Dienstmädchen aus der armen Bevölkerungsschicht ein. Der nicht legalisierten Verbindung entstammen zwei, später als Diener und Losverkäufer arbeitende Söhne, der zwergwüchsige Recep und der hinkende İsmail, sowie ein Enkel, Hasan. Diese Nachkommen treffen nun im Juli 1980, in einer Zeit links- und rechtsradikaler Kontroversen und Gewalttaten zwei Monate vor dem Militärputsch, mit den drei legalen Enkeln (Faruk, Dozent für Geschichte, Nilgün, Soziologiestudentin, und Metin, Gymnasiast) aufeinander, was zu einem tragischen Ende der Sommerferienwoche führt.

Die weiße Festung[Bearbeiten]

Hauptartikel: Die weiße Festung

Der 1990 bei Insel erschienene Roman Die weiße Festung (Beyaz Kale, 1985) berichtet von den Abenteuern eines jungen Venezianers, der bei einem Seegefecht in die Hände der Türken gerät. Als Sklave eines Hodschas, der am osmanischen Hofe eine Rolle spielt, und dem Ich-Erzähler auf verblüffende Weise ähnlich sieht, verstrickt er sich in eine Herr-und-Knecht-Beziehung, in der sich die beiden Kontrahenten immer ähnlicher werden. So klar die Rollen zwischen dem an westlicher Wissenschaft orientierten Venezianer und dem islamisch-konservativen Hodscha anfangs verteilt sind, so sehr verschwimmen die Konturen mit der Zeit. In einem raffinierten Vexierspiel werden Erwartungen der Leser an das typisch Orientalische aufgenommen, in Frage gestellt und schließlich ad absurdum geführt. Die erhoffte klare Trennung zwischen Ost und West erweist sich zunehmend als Illusion.

Literarisch erinnert Die weiße Festung an Umberto Ecos Der Name der Rose. Vor dem Hintergrund einer spannenden Story entfaltet sich die Welt der Köprülü-Großwesire, mischen sich „aufklärerische“ und „konservative“ Ideen der Zeit mit Geschichtsbildern, politischen Strategien und den ideologischen Machtkämpfen zwischen Sultan, Hof und Moschee. „Natürlich, eine alte Handschrift“, stellt Umberto Eco nicht ohne Ironie seinem Text voran. „Dieses Manuskript fiel mir 1982 in die Hände“, knüpft Orhan Pamuk an, und nennt damit das Erscheinungsjahr vieler Eco-Übersetzungen und vielleicht seiner Erstlektüre der „Rose“ als Funddatum, während Ecos Erzähler „sein“ Manuskript 1968, mitten in der für Eco bedeutsamen Studentenrevolte, gefunden haben will. Wie Ecos „Berichterstatter“ äußert der Erzähler Pamuks zunächst Zweifel an der Echtheit des Dokuments, zudem gibt er an, die Originalgeschichte nicht genau abgedruckt, sondern eher nachlässig nacherzählt zu haben.

Die „Weiße Festung“ ist insofern die Geschichte einer literarischen Entführung. Der Transfer des europäischen Romans in die moderne Türkei bereichert dabei beide Seiten. Verblüfft Eco im „Namen der Rose“ durch das verwirrende Arrangement moderner und mittelalterlicher Ansichten, so konfrontiert Pamuk den westlichen Leser mit unerwarteten Seiten osmanischer und europäischer Geschichte.

Das schwarze Buch[Bearbeiten]

Hauptartikel: Das schwarze Buch (Roman)

Im Grunde eine simple Geschichte: Der junge Anwalt Galip wird von seiner schönen jungen Frau und Cousine Rüya verlassen. Es beginnt eine spannende Suche quer durch die Stadtviertel Istanbuls, durch Moscheen und Katakomben, durch Bars und Bordelle. Es mehrt sich der Verdacht, dass Rüya sich bei Celâl versteckt, ihrem Halbbruder, einem erfolgreichen Kolumnisten, dem großen Vorbild Galips. Celâl aber bleibt unauffindbar. Er ist offensichtlich in allerlei Machenschaften verstrickt, unterhält Verbindungen zur Mafia, zu Geheimorganisationen und Sekten.

Galip sucht verzweifelt nach Zeichen, nach Hinweisen in der Kolumne Celâls etwa, die immer wieder Bezug auf das Leben der Familie nimmt, versteckte Anspielungen und chiffrierte Botschaften enthält. Immer tiefer verstrickt sich Galip in die Kunst der Textauslegung, verfolgt Anweisungen mystischer Koraninterpreten, geht auf die Spurensuche in Celâls Texten und findet literarische Vorlagen, Schicksale, die Galip verarbeitet hat, lernt Menschen kennen, die ebenfalls auf der Suche sind. Es ist eine Suche nach Identität in einer Welt, in der sich Ost und West hoffnungslos vermischen und in der niemand „er selbst sein“ kann.

Orhan Pamuks Buch ist ein Dokument der Zerrissenheit, des Schwankens der Menschen zwischen sinnentleerten Traditionen, Aberglauben und westlichen Vorbildern von der großen Literatur bis zum Filmsternchen. Aber auch bei der Suche nach den wahren Quellen stößt er auf immer neue Mischungen. Auf dem Grunde des Bosporus finden diese Spuren zusammen, Kreuzritter und Sultane, Gangster und Gehenkte, alte Münzen und Alltagsgegenstände bilden den Boden, auf dem Istanbul wächst. In den alten Schächten finden sie sich, mystische Texte, vergessene Kleidungsstücke, die Gebeine Ermordeter, ein Kabinett von Wachsfiguren, die die Menschen Istanbuls verkörpern, bevor die Stadt ihre Identität verlor.

Wie in Llosas Roman Tante Julia und der Kunstschreiber mischt Pamuk die Erzählung mit Beiträgen des Journalisten, wobei die Geschichten beginnen, ihre Grenzen zu überschreiten. Realität und Kolumne verweisen aufeinander, die Figuren aus Celâls Geschichten tauchen in der Realität Galips auf, werden bedrohlich, interpretieren die Darstellung Celâls, sind ebenfalls auf der Suche nach dem verschollenen Autor. Am Ende fallen die Grenzen zwischen den Identitäten. Immer mehr wird Galip zu Celâl, sitzt in einer von Celâls geheimen Wohnungen und setzt die Kolumnenserie fort.

Das neue Leben[Bearbeiten]

Hauptartikel: Das neue Leben (Roman)

„Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.“ Mit diesem Satz beginnt Orhan Pamuks literarisch vielleicht bedeutendster Roman, dessen Titel Das neue Leben (Yeni Hayat) auf Dantes gleichnamiges Werk anspielt. Die Geschichte des geheimnisvollen Buches verweist auf die deutsche Romantik, auf NovalisHeinrich von Ofterdingen und dessen Suche nach der blauen Blume. Es ist eine Geschichte von Liebe und Tod, von einer geheimnisvollen Reise, vom Spiel mit literarischen und mystischen Quellen aus Ost und West. Das Werk ist ein Klassiker in dem Sinne, dass man es, unbeeinflusst von allen geistesgeschichtlichen Spielereien, als geheimnisvollen Abenteuerroman lesen kann, gleichzeitig aber auch ein perfektes Spielzeug für den gebildeten Leser, der den Anspielungen, versteckten Zitaten und irreführenden Hinweisen nachgehen kann.

Rot ist mein Name[Bearbeiten]

In seinem zwischen 1990 und 1998 entstandenen Roman mit dem auf die alte Symbolfarbe (Kap. 31) bezogenen Titel „Rot ist mein Name“ erzählt der Autor die abenteuerliche Lebensgeschichte Karas und Şeküres, die mit dem Buchmalerstreit im Osmanischen Reich des 16. Jhs. und einer sich daraus entwickelnden Kriminalhandlung verwoben ist. Er verlagert damit die aktuelle Thematik anderer Werke, die Spannung zwischen östlicher Tradition und westlichen Einflüssen, in eine historische Zeit mit sagenhaften Wurzeln.

Da die Werbung Karas um seine zwölfjährige Cousine von deren Vater abgelehnt wird, nimmt er eine Stellung als Sekretär des Finanzmeisters in östlichen Provinzen an, erlebt dort die Kriege gegen die Perser und kehrt nach zwölf Jahren als 36-Jähriger 1591 nach Istanbul zurück. Hier soll er den Oheim beim Schreiben eines Buches unterstützen. Er nimmt den Auftrag an, da Şeküre, inzwischen Witwe eines Soldaten, mit ihren zwei Söhnen Şevket und Orhan wieder im Haus ihres Vaters lebt und er hofft, nun seine Jugendliebe heiraten zu können. Der Oheim hat als Gesandter des Sultans Murad III. in Venedig die individuellen Renaissance-Porträts kennengelernt und soll für seinen Herrscher ein illustriertes Buch im neuen „fränkischen“ Stil anfertigen lassen. Da die staatliche Malerwerkstatt des Meisters Osman jedoch dem traditionellen, von den meisten Vertretern des Islams tolerierten Stil verpflichtet ist, arbeiten die besten Illustratoren Velican („Olive“), Hasan Celibi („Schmetterling“) und Musavvir Mustafa („Storch“) zu Hause an diesem geheimen Projekt. Sie erhalten Teilaufträge mit genauen Anweisungen, die ihnen nur einen fragmentarischen Einblick gewähren. Die Künstler geraten durch ihre Arbeiten in einen Gewissenskonflikt zwischen religiöser Anschauung, wonach sie wie die „Franken“ die Verherrlichung des Menschen betreiben und zudem die jahrhundertealte Bildgestaltung verdrängen, und dem Interesse an neuen künstlerischen Möglichkeiten, die sie aber technisch noch nicht beherrschen und nur imitieren. Aus dieser Situation heraus werden der vom Prediger Nusret Hodscha aus Erzurum fanatisierte Ornamentierer Fein und bald darauf der Oheim erschlagen. Mordinstrument der zweiten Tat ist ein 300 Jahre altes mongolisches Tintenfässchen aus Täbris, und die darin enthaltene Farbe Rot vermischt sich symbolträchtig mit dem Blut des Opfers. Dessen das Universum durchstreifende Seele erreicht schließlich einen wundervoll roten Bereich. Auf ihre Frage, ob sie sich nicht zu sehr von den Bildern der Ungläubigen habe berühren lassen, hört sie eine Stimme: „Der Westen wie der Osten, beide sind mein“ (Kap. 37, S. 310).

Die ohne ihren Vater schutzlose und von ihrem Schwager Hasan bedrängte Şeküre heiratet Kara unter der Bedingung, den Tod des Vaters aufzuklären. Dieser vermutet den Mörder unter den Malern der Werkstatt und versucht diesem gemeinsam mit Meister Osman durch Stilanalysen auf die Spur zu kommen, indem sie in der Schatzkammer des Sultans die Vorbilder der Künstler mit einer bei dem toten Fein gefundenen Pferdezeichnung vergleichen. So erreichen sie ihr Ziel und der persische Illustrator Olive muss die Taten gestehen. Im Kampf mit Kara verletzt er diesen schwer und kann entkommen. Doch wird er auf der Flucht vom eifersüchtigen Hasan getötet, der ihn kurioserweise für einen Gefährten seines Rivalen hält. Şeküre pflegt den Verwundeten und entdeckt, da er den Fall gelöst hat und dies fast mit seinem Leben bezahlen musste, ihre Liebe zu ihm. Trotz der Erfüllung seines Jugendtraumes und der Zuwendung seiner Frau sind die 26 Jahre bis zu seinem Tod von Melancholie begleitet, vielleicht eine Reaktion auf das Desinteresse der Nachfolger des Sultans an der Kunst und den Niedergang der Werkstätten: Man malt jetzt weder im östlichen noch im westlichen Stil, sondern überhaupt nicht mehr: „Das Bild wurde aufgegeben“ (Kap. 59, S. 550). Der Roman endet mit dem unerfüllten Wunsch der alt gewordenen Protagonistin, von sich sowohl ein individuelles Jugend-Porträt als auch ein Bildnis der Glückseligkeit – eine Mutter, die ihr Kinder stillt – im Stil der alten, die Zeit anhaltenden Herater Meister zu besitzen.

Der Autor lässt den Roman von Şeküres Sohn Orhan nach den Erzählungen seiner Mutter, die wiederum die persönlichen Mitteilungen der anderen Personen gesammelt hat, gemischt mit eigenen Vorstellungen und Erfindungen, schreiben und eröffnet damit ein breites Spektrum sich überlagernder und, durch die Berichte der ermordeten Opfer, die Grenzen der Realität überschreitender fiktiver Perspektiven. So entsteht eine komplexe polyphone Struktur: Elf Haupt- und Nebenfiguren präsentieren abwechselnd die Handlung, im Allgemeinen in chronologischer Reihenfolge. Durch die jahrhundertealten Märchen- und Sagenstoffe, z. B. von Rüstem aus dem „Königsbuch“ (Schāhnāme) von Firdausi oder vor allem die leitmotivisch eingesetzte Situation, als sich die schöne Şirin durch ein Bild in König Hüsrev verliebt, ebenso durch die Historien der alten Meistermaler und ihrer kostbaren Werke und die von einem Märchenerzähler (Meddah) wie in einem Rollenspiel zur Sprache gebrachten gemalten Figuren (Hund, Pferd, Frau, Satan, Tod usw.) erweitert sich die Kriminalgeschichte zu einem phantasievollen breiten Gemälde.

Schnee[Bearbeiten]

Hauptartikel: Schnee (Orhan Pamuk)

Die Fähigkeit zu verstehen und verständlich zu machen liegt auch Pamuks Roman Kar zugrunde, wie die nachfolgenden zusammengetragenen Äußerungen des Autors unterstreichen:

„Ich wollte einen politischen Roman schreiben und alle Hauptkräfte der Türkei fand ich in Kars: Islamisten, türkische Nationalisten, kurdische Nationalisten, Kirche, Armee, verschiedene ethnische Gruppen und auch islamistische Fundamentalisten. Deshalb habe ich meine Geschichte in genau dieser Stadt angesiedelt.“

Pamuk entwickelt für diesen türkischen Mikrokosmos folgenden Handlungsrahmen: Eine Theatergruppe inszeniert einen kemalistischen Putsch in der durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschotteten Grenzstadt Kars, in welcher junge Musliminnen begonnen haben, wegen des Kopftuchverbotes an der Universität Suizid zu begehen. Ein bekannter Islamist hält sich in der Stadt versteckt, und der Dichter Ka verstrickt sich auf der Suche nach Inspiration und nach der Liebe der schönen Ipek in die Ereignisse.

Seine Erzählhaltung charakterisiert Pamuk wie folgt:

„Mein Buch ist ein vielstimmiger Roman, in dem ich die einzelnen Stimmen nicht kommentiere. Dostojewskij war der Meister dieser Form. Manche meiner Figuren vertreten Ideen, die den meinen zuwiderlaufen. Die Herausforderung besteht darin, auch die Stimmen überzeugend zu machen, die Auffassungen vertreten, die mir persönlich zuwider sind, seien es nun politische Islamisten oder Militärs, die einen Coup rechtfertigen.
Ich will tatsächlich die Islamisten nicht als schlichtweg böse darstellen, wie es oft im Westen geschieht. Zugleich kritisiere ich den Blick der Islamisten auf die Säkularisten, in denen sie nur unwürdige Imitatoren des verachteten Westens sehen. Ich will die Klischees, die beide Parteien pflegen, erschüttern. Das ist für mich die Aufgabe eines politischen Romans.“

Schnee wurde im Jahr 2006 als „Buch für die Stadt“ in Köln ausgewählt.

Istanbul – Erinnerung an eine Stadt[Bearbeiten]

In diesem Werk beschreibt Pamuk die tiefe Melancholie seiner Bewohner, im Türkischen hüzün (deutsch: Trübsinn, Traurigkeit) genannt. Sie sei aus der Istanbuler Alltagskultur nicht wegzudenken.[3]

Dem Literaturnobelpreisträger zufolge ist Hüzün „das Gefühl, mit dem sich im letzten Jahrhundert Istanbul und seine Bewohner auf intensivste Weise infiziert haben“.[4] Es handele sich dabei nicht um Schwermut des Einzelnen, sondern um ein von Millionen Menschen zugleich empfundenes „schwarzes Gefühl“, der Hüzün einer ganzen Stadt.

Dem Besucher der Stadt zeige sich der dunkle Seelenzustand der Menschen an der „mausgrauen Kleidung“ der Menschenmassen auf der Galatabrücke. Große Moscheen und geschichtsträchtige Bauten osmanischer Glanzzeiten stünden in scharfem Kontrast zum allgemeinen Niedergang der Stadt. Der „heruntergekommene Zustand, in dem sich alles und jedes befindet“, lösten jenen Hüzün aus, der die Stadt in Lethargie versinken ließe. Im wochenlangen Nieselregen der dunklen Jahreszeit sei das Schwarz-Weiß-Gefühl mit Händen zu greifen.

Nur eine Annäherung an Europa könne dieser Starre entgegenwirken.

Das Museum der Unschuld[Bearbeiten]

Hauptartikel: Das Museum der Unschuld

In diesem Roman erzählt Pamuk eine Liebesgeschichte, die zwischen 1975 und 1985 in Istanbul spielt. Der reiche Fabrikantensohn Kemal und die gut ausgebildete Sibel planen zu heiraten. Eines Tages trifft Kemal zufällig eine Familienverwandte, Füsun, eine junge Frau, die aus einer niedrigeren Schicht stammt. Sie verlieben sich, aber können nicht zusammenleben. Kemals Liebe für Füsun wächst mit der Zeit und er fängt an Füsuns persönliche Gegenstände zu sammeln, mit denen er am Ende ihrer traurigen Liebesgeschichte ein Museum öffnet.

Das Museum der Unschuld ist der Titel des Buches und gleichzeitig der Name des Museums. Pamuk beschreibt das Museum als „eine bescheidene Sammlung des täglichen Lebens in Istanbul.“[5]

Ich bin ein Baum[Bearbeiten]

Das neue Werk Ich bin ein Baum (türkisch: Ben Bir Ağacım), erschienen im August 2013, enthält ein Kapitel aus dem noch nicht publizierten Roman Kafamda bir tuhaflık'ın (etwa: "Eine Skurriliät in meinem Kopf"), in dem der Protagonist Mevlut Karataş aus seiner Schulzeit erzählt, sowie eine Auswahl von Geschichten aus den Romanen Das schwarze Buch, Mein Name ist Rot (Kp. 10 Ich bin ein Baum: erzählt wird die Geschichte eines zur Illustration eines Buches vorgesehenen Baumes), Schnee und Istanbul. Diese Zusammenstellung kann als Einführung in Pamuks Werk angesehen werden, denn die ausgewählten Texte sind in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben, damit sie möglichst viele (insbesondere jüngere) Menschen, lesen und verstehen können.[6][7]

Politische Positionen[Bearbeiten]

Orhan Pamuk
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Kar soll nach Pamuks eigenem Bekunden sein einziger politischer Roman bleiben, gerade weil er sich auf diesem Feld bereits im Übermaß gefordert sieht:

„Ich habe die großen Ideen gründlich satt. Ich bin ihnen in meinem überpolitisierten Land viel zu sehr ausgesetzt gewesen. Literatur ist meine Reaktion darauf, ein Versuch, das Spiel umzudrehen, einen gewissen Humor, eine gewisse Distanz in die Sache zu bringen. Ich will dem Leser sagen: Nimm diese Dinge nicht so verdammt wichtig. Ist das Leben nicht schön? Ich möchte nicht zu einem Teil der verbissenen politischen Kultur werden, die ich selber so oft kritisiere.“

Eine Scheu vor klarer politischer Stellungnahme ist Pamuk aber so wenig vorzuhalten wie opportunistisches Wegducken. Um die Zensurmöglichkeiten zu unterlaufen, bevorzugt er Live-Auftritte im Fernsehen für seine öffentlichen Stellungnahmen. Die Fatwa gegen Salman Rushdie verurteilte er als erster Autor in der muslimischen Welt und setzte sich für seinen bedeutenden türkisch-kurdischen Schriftstellerkollegen Yaşar Kemal ein, als dieser 1995 in der Türkei unter Anklage gestellt wurde. Pamuk hat die bis vor kurzem von Missachtung und Unterdrückung gekennzeichnete Kurdenpolitik der türkischen Regierung harsch kritisiert und den ihm gleichwohl angetragenen höchsten türkischen Kulturpreis zurückgewiesen.

Die im sogenannten „Krieg gegen den Terrorismus“ an der Seite der USA von der türkischen Führung eingenommene Haltung hat er als „Anbiederung“ disqualifiziert. Seiner Auffassung nach genügt es nicht, den Terror nur zu verdammen und rücksichtslos zu bekämpfen, ohne einer verschämten, aber verbreiteten Kritik an der weltpolitischen Rolle der USA Rechnung zu tragen. Man müsse der diesbezüglichen Empörung durchaus nicht recht geben, wohl aber versuchen, sie zu verstehen.

„Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen. (…) Das Problem ist, die seelische Verfassung der armen, erniedrigten und stets im ‚Unrecht‘ stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt.“

Wiederholt hat Pamuk seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, dass der EU-Beitritt der Türkei ein wichtiges politisches Ziel darstellt, so auch am 23. Oktober 2005 in seiner Frankfurter Dankesrede für den Friedenspreis:

„Nun ist aber Europa für einen Türken ein sehr heikles, zweischneidiges Thema. Das hoffnungsfrohe Warten des Mannes, der an eine Tür klopft und um Einlass bittet, die Neugier und zugleich die Angst, abgewiesen zu werden und die Wut darüber: All das geht mir wie den meisten Türken nie aus dem Sinn, und von da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Scham. Jetzt, wo der seit dem ersten Aufnahmeantrag andauernde Prozess des Wartens und Hoffens und der uneingelösten Versprechen so weit gediehen ist, dass ein Beitritt der Türkei zur Europäischen Union tatsächlich einmal wahr werden könnte, wird leider in Europa von gewissen gesellschaftlichen und politischen Kreisen immer mehr gegen die Türkei Stimmung gemacht. (…)
Es ist das eine, den türkischen Staat wegen seiner Demokratiedefizite oder seiner wirtschaftlichen Lage zu kritisieren, und es ist etwas anderes, die ganze türkische Kultur oder die türkischstämmigen Menschen herabzuwürdigen, die in Deutschland unter weit schwierigeren Bedingungen leben als die Deutschen selbst. Die Türken wiederum reagieren auf diese Verunglimpfungen mit der Empfindlichkeit des Abgewiesenen. In Europa eine Türkenfeindlichkeit zu schüren, führt leider dazu, dass sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt. (…)
In all den Romanen, die ich in meiner Jugend las, wurde Europa nicht über das Christentum definiert, sondern vielmehr über den Individualismus. Europa wurde mir auf attraktive Weise durch Romanhelden vermittelt, die um ihre Freiheit kämpfen und sich verwirklichen wollen. Europa verdient Anerkennung dafür, dass es auch außerhalb des Westens die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefördert hat. Wenn Europa aber vom Geist der Aufklärung, der Gleichheit und der Demokratie beseelt ist, dann muss die Türkei in diesem friedliebenden Europa ihren Platz haben. Genau wie ein Europa, das sich nur auf das Christentum stützte, wäre eine Türkei, die ihre Kraft nur aus der Religion bezöge, eine die Realitäten verkennende, nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit zugewandte Festung.“[2]

Mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen meint Pamuk, der wirtschaftliche Aufschwung in der Türkei habe das Interesse an einem EU-Beitritt abgekühlt. Viele Türken fühlten sich in dem seit Jahren stockenden Beitrittsprozess hingehalten: „Europa hat in der Türkei viele Herzen gebrochen.“[8]

Die Proteste um den Gezi-Park in Istanbul, den er als „Istanbuls letzte Kastanie“ bezeichnet,[9] unterstützte Pamuk in einem am 6. Juni 2013 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Artikel, in dem er sich auch an eine Aktion seiner Familie, 1957 in Nişantaşı, zur Erhaltung einer Kastanie erinnert.

Kontroversen und Bestrafung in der Türkei[Bearbeiten]

Mit seinem politischen Roman Kar löste Pamuk nicht nur ein weltweites positives Echo auf sein schriftstellerisches Schaffen aus, sondern bot den Kritikern des angestrebten türkischen EU-Beitrittes ungewollt Argumente: Eine in sich so zerklüftete und spannungsgeladene Gesellschaft sei in die EU schwer integrierbar. Pamuk verwahrte sich dagegen, den phantasievoll verdichteten Realismus seines Romanes gegen die EU-Beitrittsperspektive auszuspielen und verwies darauf, dass sich die Türkei gegenüber dem von ihm beschriebenen gesellschaftlichen Szenario bereits erheblich gewandelt habe:

„Wir hatten traditionell ein sehr starres System der politischen Repräsentation. Die Möglichkeit des EU-Beitritts hat alles durchgeschüttelt. In jedem Lager – bei den Linken, den Rechten, den Islamisten, den Kemalisten – hat sich das Schubladendenken erledigt. Bei uns regieren jetzt proeuropäische Islamisten. Die haben irgendwann verstanden, dass man mit proeuropäischer Politik Wahlen gewinnen kann, weil die Wähler sich davon eine Verbesserung ihres Lebens versprechen.“

In einem Interview mit dem Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers vom 5. Februar 2005 hatte Pamuk zu den Polarisierungstendenzen in der türkischen Gesellschaft Stellung bezogen und auch direkt darauf hingewiesen, dass es in der Türkei ein massenhaftes Töten von Armeniern gegeben hat, den Völkermord an den Armeniern, der in der Republik Türkei bis heute von staatlicher Seite abgestritten wird, wobei Pamuk das Wort „Völkermord“ vermied:

Magazin: „Aber ich bin noch nicht ganz fertig. Wie können sich die Türken denn wieder versöhnen?“
Pamuk: „Es geht nur um eins: Heute verdient ein Türke durchschnittlich vier Tausend Euro im Jahr, ein Europäer aber neunmal mehr. Diese Erniedrigung muss behoben werden, dann lösen sich die Folgeerscheinungen wie Nationalismus und Fanatismus von alleine. Deshalb brauchen wir den Beitritt. Sehen Sie, unsere Vergangenheit verändert sich mit unserer Gegenwart. Was jetzt passiert, verändert das Gestern. Das eigene Verhältnis zum Land kann mit demjenigen zur eigenen Familie verglichen werden. Man muss damit leben können. Beide sagen: Es sind Gräueltaten geschehen, aber das soll niemand anders wissen.“
Magazin: „Und Sie reden trotzdem davon. Wollen Sie unbedingt Schwierigkeiten bekommen?“
Pamuk: „Ja, jeder sollte das tun. Man hat hier dreißig Tausend Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich.“[10]

Daraufhin betrieben türkische Nationalisten eine Kampagne gegen ihn, in deren Rahmen z. B. Demonstrationen gegen ihn organisiert wurden. Er wurde in der Presse beschimpft und erhielt Morddrohungen. Im Kreis Sütçüler in der Provinz Isparta ordnete ein Landrat an, dass seine Bücher ausgesondert und vernichtet werden sollten. Diese Anordnung konnte jedoch nicht ausgeführt werden, da keine Bücher von Orhan Pamuk auffindbar waren. Auch wurde sie später von vorgesetzter Stelle aufgehoben und der verantwortliche Landrat Mustafa Altınpınar vom Dienst suspendiert.

Von einem Istanbuler Bezirksstaatsanwalt wurde Pamuk wegen Verstoß gegen den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der sogenannten „öffentlichen Herabsetzung des Türkentums“ angeklagt, worauf in der Türkei bis zu fünf Jahre Haft stehen. Der Prozess begann am 16. Dezember 2005, wurde jedoch noch am selben Morgen wegen offener Verfahrensfragen auf Februar 2006 vertagt. Gegen den Prozess protestierten unter anderen Amnesty International und zahlreiche Schriftstellerorganisationen sowie der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert.

Der Fall ähnelt dem Prozess gegen Elif Shafak, die (ebenfalls 2006) angeklagt wurde, weil eine fiktive Romanfigur in dem Buch Der Bastard von Istanbul über den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg spricht.

Das Verfahren wurde am 22. Januar 2006 zunächst eingestellt,[11] nach Einspruch der Kläger wieder aufgenommen. Nach Wiederaufnahme des Verfahrens wurde Pamuk zu einer Schadenersatzzahlung in Höhe von 6000 türkischen Lira an sechs Kläger, die sich durch seine Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern (Anklagevorwurf war Pamuks Äußerung: „Die Türken haben auf diesem Boden dreißig Tausend Kurden und eine Million Armenier getötet.“) beleidigt fühlten, verurteilt.[12][13]

Im Januar 2007 sagte Pamuk eine geplante Deutschlandreise ab. Nach Angaben seines Verlages sieht er sich nach dem Mord an Hrant Dink vermehrt mit Morddrohungen konfrontiert und könne nicht sicher reisen.[14] Am 1. Februar 2007 verließ Pamuk die Türkei jedoch und flog in die USA. Nach Aussagen der Zeitung „Vatan“ werde er lange in den USA bleiben und nur noch als Gast in der Türkei leben.[15] Mehr als zwei Monate später wurde Pamuk in die Wettbewerbsjury der 60. Filmfestspiele von Cannes berufen.

Im Januar 2008 hob die türkische Polizei die vermeintliche ultranationalistische Untergrundorganisation Ergenekon aus, die zahlreiche Mordanschläge geplant haben soll, darunter einen auf Orhan Pamuk. Zu den Festgenommenen gehört unter anderen der Rechtsanwalt Kemal Kerinçsiz, der auch das Strafverfahren gegen Pamuk wegen Verstoßes gegen den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches angestrengt hatte.[16][17]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Für die französische Übersetzung seines Romans Sessiz Ev (dt. Das stille Haus) erhielt er 1991 den ’Prix de la découverte européenne’, für den Roman Beyaz Kale (dt: Die weiße Burg) 1990 den Independent Foreign Fiction Prize. Für den Roman Benim Adım Kırmızı (dt: Rot ist mein Name) wurde er 2003 mit dem hochdotierten IMPAC Dublin Award ausgezeichnet.

Am 12. Oktober 2006 gab die Schwedische Akademie ihren Beschluss bekannt, Pamuk, „der auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden“ habe, den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2006 zuzuerkennen.

Zitate[Bearbeiten]

  • Meine Aufgabe besteht nicht darin, den Europäern die Türken und den Türken die Europäer zu erklären, sondern gute Bücher zu schreiben.[19]
  • Wissen Sie, es gibt Leute, die lieben ihr Vaterland, indem sie foltern. Ich liebe mein Land, indem ich meinen Staat kritisiere.[20]

Werke[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Zum Werk
Interview/ Gespräch
  • Gero von Boehm: Orhan Pamuk. 22. Juli 2008. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1, S. 602–615.

Filme[Bearbeiten]

  • Menschenlandschaften – „Sechs Porträts türkischer Schriftsteller“. Porträt Orhan Pamuks, WDR Dezember 2010, Produktion: Lighthouse Film, (in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum Türkei/Deutschland)0, Regie: Osman Okkan, Kamera: Tom Kaiser, Antonio Uscategui, Schnitt: Daniela Roos, Nils Schomers. Beratung: Galip Iyitanir
  • Orhan Pamuk – Die Entdeckung der Einsamkeit. Dokumentation, 45 Min., Buch und Regie: Florian Leidenberger, Erstsendung: Bayerischer Rundfunk, 17. Juli 2005 (Inhaltsangabe von arte)
  • Testfall für die Meinungsfreiheit – Der Schriftsteller Orhan Pamuk in der Türkei vor Gericht. Reportage, 8 Min., Produktion: NDR, 2. Oktober 2005 (Inhaltsangabe vom NDR (Version vom 30. September 2007 im Internet Archive))

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Orhan Pamuk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Beiträge von Pamuk[Bearbeiten]

  • Orhan Pamuk: „Vor meiner Gerichtsverhandlung“, FAZ, 15. Dezember 2005 (Text, den Pamuk vor seinem Prozess verfasste. Darin sieht er sein ‚Drama‘ im Kontext eines Konfliktes, der sich in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern wie Indien und China zwischen einem politisch-ökonomischen Programm einerseits und damit einhergehenden kulturellen Erwartungen andererseits abspielt. Die neuen wirtschaftlichen Eliten übernehmen westliches Idiom und Verhalten und setzen sich dem Vorwurf aus, eigene Traditionen zu vernachlässigen. Als Gegenreaktion komme es dann zu einem leidenschaftlichen und virulenten Nationalismus.)
  • Orhan Pamuk: „Der Koffer meines Vaters“ Nobelpreisrede, 7. Dezember 200

Interviews[Bearbeiten]

Rezensionen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zu Dostojewskis Einfluss siehe:  Orhan Pamuk: Erst Dostojewski lehrt, wie man Erniedrigung genießt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2.1.2001, S. 44.
  2. a b c d Orhan Pamuk: Eine Schule des Verstehens. Dankesrede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2005. 2005 börsenblatt FRIEDENSPREIS. (PDF, 265 KB)
  3. Hüzün, das Istanbul-Gefühl Süddeutsche Zeitung, 6. Februar 2006
  4. Patrick Batarilo: Hüzün: Die türkische Melancholie. SWR2, 7. Januar 2010, abgerufen am 27. Juni 2013.
  5. http://www.zeit.de/2012/19/Pamuk-Museum
  6. Gençler için Orhan Pamuk. Vatan Gazetesi, 15. August 2013, abgerufen am 16. August 2013. (türkisch)
  7. Orhan Pamuk Gezi Parkı'yla ilgili yazı yazdı. Hürriyet Gazetesi, 6. Juni 2013, abgerufen am 16. August 2013. (türkisch)
  8. Die Menschen und ihre Dinge auf Europe Online Magazine, veröffentlicht und abgerufen am 1. Juni 2012
  9. Orhan Pamuks Erinnerungen an den Taksim-Platz: Istanbuls letzte Kastanie. Süddeutsche Zeitung, 6. Juni 2013, abgerufen am 5. Mai 2014.
  10. Peer Teuwsen: Der meistgehasste Türke. In: Tages-Anzeiger. 5. Februar 2005, archiviert vom Original am 16. Januar 2009, abgerufen am 15. November 2012.
  11. Pamuk Prozess eingestellt
  12. Die Meinungsfreiheit lässt auf sich warten Neue Zürcher Zeitung, abgerufen am 31. August 2011
  13. Doğan Haber Ajansı 28. März 2011, abgerufen am 31. August 2011
  14. Schriftsteller fühlt sich bedroht Nobelpreisträger Pamuk sagt Deutschlandreise ab, 30. Januar 2007
  15. zitiert nach Der Tagesspiegel, 3. Februar 2007, S. 21
  16. Rainer Hermann: Prozess gegen „Ergenekon“-Verschwörer beginnt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Oktober 2008
  17. The Guardian: ’Plot to kill’ Nobel laureate, 28. Januar 2008
  18. http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2005%20Friedenspreis%20Reden.pdf
  19. Stefan Grund: Orhan Pamuk will kein Brückenbauer sein, Die Welt, 3. Mai 2007.
  20. Niels Kadritzke: Die Türken vor Brüssel, Le Monde diplomatique.