Ulrich Ochsenbein

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Ulrich Ochsenbein

Ulrich Ochsenbein (* vermutlich 11. November 1811[1], getauft 24. November 1811 in Schwarzenegg [Gemeinde Unterlangenegg]; † 3. November 1890 in Port), war ein Schweizer Politiker und General. Er war Anführer des zweiten Freischarenzugs, danach Regierungsrat des Kantons Bern. 1848 wurde er in den Bundesrat gewählt. Er zerstritt sich mit seinen Gesinnungsgenossen der liberal-radikalen Fraktion (der heutigen FDP) und wurde 1854 als erster Bundesrat abgewählt. Danach war er zweimal General in französischen Diensten und versuchte auf Seiten der Konservativen vergeblich einen Wiedereinstieg in die Politik.

Biografie[Bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Als zweites von zehn Kindern eines Land- und Gastwirtes wurde Ulrich Ochsenbein in Schwarzenegg im Kanton Bern in eher ärmliche Verhältnisse geboren. Sein Geburtshaus ist der 1705 im Zentrum Schwarzeneggs als Ständerbau mit geknicktem Viertelwalmdach erbaute ehemalige Gasthof Bären, der neben der Kirche und dem Pfarrhaus eine der bedeutendsten Bauten Schwarzeneggs darstellt (Adresse: Egg 3).

Die Familie Ochsenbein übersiedelte 1818 ins Waadtland nach Marnand. Ulrich besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr französischsprachige Schulen in Granges-près-Marnand und Moudon. 1825 zog die Familie ins Berner Seeland nach Nidau. Dort holte Ochsenbein die deutschsprachige Bildung rasch nach, besuchte das Gymnasium in Biel und studierte daraufhin während vier Jahren Recht an der Akademie in Bern.

Nach Abschluss seines Studiums und dem erfolgreichen Bestehen des Anwaltspatents eröffnete er 1834 zusammen mit seinem Schwager in Nidau eine Anwaltskanzlei. Ochsenbein heiratete Emilie Sury, die Schwester eines Studienfreundes. Er verfolgte neben seiner beruflichen auch eine militärische Karriere. 1843 besuchte er die Generalstabsschule, und 1845 wurde er zum Hauptmann im Generalstab ernannt.

Freischarenzug und Sonderbundskrieg[Bearbeiten]

Die politischen Wirren zwischen Konservativen und Liberalen, die damals die Eidgenossenschaft beherrschten, zogen den jungen Ochsenbein in ihren Bann. Er stieg rasch zu einem der führenden Köpfe der Berner Radikalen auf. Ochsenbein war ein militanter Politiker und an vorderster Front an den erfolglosen Freischarenzügen von 1844 und 1845 beteiligt, die zum Ziel hatten, die konservative «Jesuitenregierung» des Kantons Luzern zu stürzen und durch eine liberale zu ersetzen. Den zweiten Freischarenzug führte Ochsenbein persönlich an, obwohl die Tagsatzung dies verboten hatte. Das Unternehmen scheiterte kläglich (siehe Gefecht bei Malters), und Ochsenbein wurde aus dem Generalstab ausgeschlossen. Dennoch erlangte er in seiner Heimat beträchtliche Popularität und eine Art Volksheldenstatus.

Seit 1845 sass Ochsenbein im Grossen Rat, dem bernischen Kantonsparlament. Nach der Absetzung der bisherigen Regierung, welche den zweiten Freischarenzug stillschweigend toleriert hatte, und dem Inkrafttreten einer neuen Kantonsverfassung wurde er 1846 selbst in den Regierungsrat gewählt. Ochsenbein vertrat seinen Kanton an den Versammlungen der Tagsatzung und präsidierte diese von Dezember 1847 bis Mai 1848. Er aspirierte auf die Oberbefehlshaberschaft des Tagsatzungsheeres im Sonderbundskrieg. Doch seine Rolle bei den Freischarenzügen machte dies unmöglich und so wurde der Genfer Guillaume-Henri Dufour gewählt.

Ochsenbein befehligte stattdessen als Oberst eine Reservedivision. Diese hatte zunächst die Aufgabe, gegen Freiburg einen Scheinangriff durchzuführen. Danach brach seine Division Ende November 1847 bei Schüpfheim den Widerstand der Luzerner Truppen. Im Anschluss an die Niederschlagung des Sonderbund-Aufstands war Ochsenbein massgeblich an der Ausarbeitung und Annahme der Bundesverfassung beteiligt. Im Kanton Bern verteidigte er den Verfassungsvorschlag erfolgreich gegen das ablehnende Votum seines ehemaligen Kampfgefährten Jakob Stämpfli, der die neue Verfassung für zu wenig zentralistisch hielt.

Erfinder der modernen Schweiz[Bearbeiten]

Die von Ochsenbein präsidierte Verfassungsrevisionskommission von 1848 schaffte es innert 51 Tagen, die vom Sonderbundskrieg erschütterte Schweiz in die für lange Zeit einzige lebensfähige Demokratie in Kontinentaleuropa zu verwandeln. Ochsenbein, der zuvor bei der neuen bernischen Verfassung mitgewirkt hatte, gilt als einer der Gründerväter des Schweizer Bundesstaates.

Er setzte sich insbesondere für folgende Neuerungen ein: Der Bund soll für politische Verträge mit dem Ausland und für den amtlichen Verkehr mit auswärtigen Staaten exklusiv zuständig sein, um ein geschlossenes aussenpolitisches Auftreten der Schweiz möglich zu machen. Gründung einer eidgenössischen Hochschule, deren Aufgabe er auf wissenschaftlicher und auf staatspolitischer Ebene sah. Die späteren Artikel 4 bis 6 der Bundesverfassung: Kantonsverfassungen sollen verbindlich auf Rechtsgleichheit, individuelle Freiheitsrechte, republikanische Staatsform mit repräsentativer oder direkter Demokratie, obligatorisches Verfassungsreferendum und Verfassungsinitiative beim Volk verpflichtet werden. Das Zweikammersystem mit Nationalrat und Ständerat nach dem Vorbild Nordamerikas sollte den Weg zum historischen Kompromiss zwischen den Anhängern eines möglichst lockeren Bundes mit weitgehender Wahrung der Kantonssouveränität und den Befürwortern eines zentralistischen Einheitsstaates ebnen. Im Juni 1848 akzeptierte die Tagsatzung das neue Verfassungswerk, und am 12. September wurde die Schweiz zum Bundesstaat.[2]

Der 1848 errichtete Bundesstaat bewährte sich, gemäss dem Historiker Johannes Dierauer, weil er «nicht, wie einst die helvetische Einheitsrepublik, nach einer ungeschichtlichen Doktrin von fremder Seite aufgezwungen, sondern in weisem Anschluss an einheimische historische Überlieferung entworfen und als natürliches Ziel einer stetig aufschwellenden inneren Bewegung ins Leben gerufen» wurde[3]. Das war in grossem Masse das Verdienst Ochsenbeins, der jahrelang sein Ziel Gesamteidgenossenschaft mit einem historischen Kompromiss zwischen einem moderat reformierten Bundesstaat mit möglichster Schonung der Kantonalsouveränität und der Eigentümlichkeit der verschiedenen Stände verfolgte.

Bundesrat[Bearbeiten]

Nach der Wahl in den Nationalrat wurde Ochsenbein am 6. November 1848 zum ersten Nationalratspräsidenten gewählt. Zehn Tage später folgte die Wahl in den Bundesrat. Ochsenbein erhielt im ersten Wahlgang 92 der 132 abgegebenen Stimmen und erzielte somit das beste Ergebnis aller sieben neu gewählten Bundesräte. Er übernahm das Militärdepartement und liess bereits in seinen ersten Amtstagen gesetzliche Grundlagen zur Schaffung der Schweizer Armee ausarbeiten.

Das bereits im Frühjahr 1849 vorgelegte Bundesgesetz über die Militärorganisation, das die Wehrpflicht, Ausbildung und Einteilung der Armee regelte, war relativ unbestritten und trat 1850 in Kraft. Nach seiner Wahl versuchte Ochsenbein zwischen den Berner Reformiert-Konservativen und den Radikalen um Jakob Stämpfli, mit dem er sich in der Zwischenzeit zerstritten hatte, zu lavieren. Er galt aber deswegen bei den Radikalen, der einflussreichsten Strömung im Parlament, bald als unzuverlässig.

Bei den Nationalratswahlen 1851 trat Ochsenbein als Kandidat der Berner Protestantisch-Konservativen an und konnte sein Mandat halten. Weitaus schlechter fiel das Ergebnis bei den Bundesrats-Erneuerungswahlen im selben Jahr aus. Ochsenbein wurde erst bei der Wahl um den siebten und letzten Sitz als Bundesrat bestätigt, mit 80 Stimmen im zweiten Wahlgang. Die Vereinigte Bundesversammlung wählte ihn anschliessend zum Vizepräsidenten des Bundesrates.

Da bei den Berner Grossratswahlen im Frühling 1854 Radikale und Konservative fast gleich stark waren, bildeten sie eine gemeinsame Regierung. Wegen seiner persönlichen Abneigung gegen Stämpfli gefährdete Ochsenbein die Koalition und wurde darum von den Konservativen fallen gelassen. Er trat bei den Nationalratswahlen in zwei Wahlkreisen an, und obwohl er in beiden unterlag, trat er nicht als Bundesrat zurück. Bei den Bundesratswahlen am 6. Dezember 1854 war Ochsenbein gar nicht erst anwesend und ging lieber auf die Jagd. Er war somit der erste nicht wiedergewählte Bundesrat; die Nachfolge trat sein Rivale Stämpfli an.

Weiterer Lebensweg[Bearbeiten]

Brunnen des Landguts Bellevue auf dem Friedhof Nidau[4]
Ulrich Ochsenbeins Grab

Nach seiner Abwahl nahm Ochsenbein das Angebot von Kaiser Napoleon III. an und schloss sich dem französischen Heer an. Dienst in fremden Armeen war bis zur ersten Totalrevision der Schweizerischen Bundesverfassung 1874 zwar nicht verboten, doch beschädigte er damit seinen Ruf, da er während seiner Zeit in der Tagsatzung und als Bundesrat Solddienste für ausländische Mächte stets bekämpft hatte. Im Januar 1855 wurde Ochsenbein durch kaiserliches Dekret zum Brigadegeneral ernannt und erhielt das Kommando über die Fremdenlegion. Die französische Regierung hoffte, mit Ochsenbein als Kommandanten zahlreiche Schweizer für den Krimkrieg verpflichten zu können. Doch er kam nie zum Einsatz und wurde bereits im April 1856 wieder freigestellt.

Ochsenbein kehrte nach Nidau zurück und erwarb dort das Landgut Bellevue. Neben seiner Tätigkeit als Gutsbesitzer verfasste er verschiedene Schriften über die Landwirtschaft. Auch beschäftigte er sich mit der Juragewässerkorrektion im Berner Seeland. Von Januar bis März 1871, während des Deutsch-Französischen Krieges, leistete er erneut Dienst für die französische Armee, diesmal als Divisionsgeneral in Bourg-en-Bresse und Lons-le-Saunier. Am 5. Mai 1871 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion befördert.

Ab 1878 trat Ochsenbein in der Schweiz politisch wieder in Erscheinung. Er schloss sich der konservativen bernischen Volkspartei unter Ulrich Dürrenmatt an und verfolgte einen klar antiliberalen Kurs. Trotz mehrerer Kandidaturen gelang es ihm aber nicht, in ein Amt gewählt zu werden.

Filmdokumentationen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ulrich Ochsenbein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rolf Holenstein: Ochsenbein – Erfinder der modernen Schweiz. Echtzeit Verlag, Basel 2009
  2. Hanspeter Born, Der vergessene Gründervater. Zur Biografie von Rolf Holenstein, Die Weltwoche, Ausgabe 38/09
  3. Johannes Dierauer (1842–1920), Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Friedrich Andreas Perthes AG, Gotha 1913, 6 Bände
  4. Hanspeter Born, Ulrich Ochsenbein – Nidauer Lehrjahre. Zur Biografie von Rolf Holenstein, Bieler Tagblatt, Ausgabe vom 12. Oktober 2009
Vorgänger Amt Nachfolger
Mitglied im Schweizer Bundesrat
1848–1854
Jakob Stämpfli