Brigitte Reimann

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Brigitte Reimann (1966)
Herbert Warnke (links) verleiht den Kunstpreis des FDGB für Literatur an Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann (1961)

Brigitte Reimann (* 21. Juli 1933 in Burg (bei Magdeburg); † 20. Februar 1973 in Ost-Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Brigitte Reimann wurde am 21. Juli 1933 als Tochter des Bankkaufmanns Willi Reimann (1904–1990) und seiner Frau Elisabeth (1905–1992) als ältestes von vier Geschwistern – Ludwig (* 1934), Ulrich (* 1941) und Dorothea (* 1943) – in Burg (bei Magdeburg) geboren. Mit 14 Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung, muss ein halbes Jahr auf einer Isolierstation zubringen und beschließt in dieser Zeit, Schriftstellerin zu werden. Nach dem Abitur 1951 arbeitete sie zunächst als Lehrerin, 1955 begann sie zu schreiben.

Als Schriftstellerin war sie in ihrem Frühwerk dem Bitterfelder Weg verpflichtet, nach dessen Leitlinien Autoren versuchen sollten, durch die Arbeit in Industriebetrieben einen engeren Kontakt zum Volk herzustellen. Auch der vom DDR-Regime propagierten Stilrichtung des Sozialistischen Realismus stand Reimann anfangs positiv gegenüber, und Walter Ulbricht berief die Autorin in die Jugendkommission beim Zentralkomitee der SED.[1] Mit der Zeit veränderte sich jedoch nicht nur ihre politische Haltung, sondern auch der literarische Anspruch Brigitte Reimanns, die insbesondere in ihrem postum veröffentlichten umfangreichen Romanfragment Franziska Linkerhand (1974) verstärkt mit Formen des assoziativen und subjektiven Erzählens experimentierte.

Gedenktafel an Reimanns Wohnhaus in Hoyerswerda

1960 zog sie zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Siegfried Pitschmann (1930–2002) nach Hoyerswerda, wo sie bis 1968 wohnte. Während der Jahre in Hoyerswerda arbeitete sie im Kombinat Schwarze Pumpe. Aus dieser Tätigkeit heraus schrieb sie 1961 den Kurzroman Ankunft im Alltag, der sich mit den Erlebnissen dreier Abiturienten in einer Arbeiterbrigade beschäftigt. Das Buch hatte großen Erfolg und gab der so genannten Ankunftsliteratur den Namen. Reimann war in dieser Zeit (1959–1964) in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann verheiratet, mit dem sie mehrere gemeinsame Werke schuf.[2] Für ihre Erzählung Die Geschwister (1963), die sich mit dem Thema der Flucht in den Westen beschäftigt, erhielt Reimann 1965 den renommierten Heinrich-Mann-Preis. Brigitte Reimann pflegte einen regen diskursiven Austausch mit Autorenkollegen wie Wolfgang Schreyer, Georg Piltz, Christa Wolf, Max Walter Schulz, Reiner Kunze, Günter de Bruyn, Margarete Neumann und Helmut Sakowski.

Ab 1968 wohnte sie in Neubrandenburg, ehelichte hier 1971 den Arzt Rudolf Burgartz (1943-2015) und arbeitete an ihrem Hauptwerk Franziska Linkerhand, obwohl sie in ihren letzten Lebensjahren stark durch eine Krebserkrankung beeinträchtigt war, an der sie im Februar 1973 schließlich im Krankenhaus Berlin-Buch starb.

Im Jahre 1991 wurde das Urnengrab der Autorin aus Burg – hier war sie nach ihrem Tod bestattet worden – auf den Friedhof nach Oranienbaum überführt, wo die Eltern Elisabeth und Willi begraben liegen.

Besondere Aufmerksamkeit erlangten die Tagebücher Brigitte Reimanns, die 1997/1998 in zwei umfangreichen Bänden erschienen. Marcel Reich-Ranicki würdigte sie im Literarischen Quartett des ZDF mit den Worten: »Ich kann mich nicht erinnern, das Buch einer Frau in deutscher Sprache gelesen zu haben, in dem die Sehnsucht nach Liebe mit einer solchen Sinnlichkeit und Intensität gezeigt wurde.« [3]

Der Roman Franziska Linkerhand[Bearbeiten]

Den Roman Franziska Linkerhand hinterließ Brigitte Reimann unvollendet.[4] Einige Literaturwissenschaftler hegten den Verdacht, dass dieses Werk vor der Veröffentlichung 1974 im Auftrag von SED-Funktionären teilweise verändert und einzelne Teile gestrichen worden waren. Dabei wird allerdings verschwiegen, dass im Nachsatz der DDR-Ausgabe auf einige vorsichtige Kürzungen[5] hingewiesen wurde. Im Jahre 1981 wurde der DEFA-Film Unser kurzes Leben nach Motiven des Romans gedreht und aufgeführt. Eine nach dem überlieferten Typoskript herausgegebene vollständige Ausgabe des Buches erschien 1998. Das Nachwort von Withold Bonner beschäftigt sich detailliert mit den Abweichungen zwischen dem Typoskript und der Ausgabe von 1974. Tatsächlich waren etwa 4 % des Gesamttextes gestrichen worden, darunter viele Passagen, die sich kritisch mit der DDR auseinandersetzten.

Hauptartikel: Franziska Linkerhand

Postume Ehrungen[Bearbeiten]

Skulptur Die große Liegende von Thomas Reimann als Hommage im Stadtpark Hoyerswerda

Brigitte Reimann erfuhr postum zahlreiche Ehrungen anlässlich ihres 70. Geburtstags im Jahr 2003. Unter anderem wurde in Hoyerswerda die Stadtbibliothek nach ihr benannt und in Neubrandenburg eine Brigitte-Reimann-Gedenkstätte eingerichtet. Die Stadtbibliothek ihrer Geburtsstadt Burg trägt seit dem 20. Februar 1986 ihren Namen. 2004 wurde Reimanns Leben in der Fernsehproduktion Hunger auf Leben mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt. Am 21. Februar 2013 begann in Burg das Brigitte-Reimann-Jahr, im Zuge dessen auch die Skulptur Die große Liegende für sie geschaffen und am 21. Juli 2013 anlässlich ihres 80. Geburtstags im Hoyerswerdaer Zentralpark eingeweiht wurde.[6][7]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Veröffentlichungen zu Lebzeiten[Bearbeiten]

Postum veröffentlicht[Bearbeiten]

Hörbücher[Bearbeiten]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Hörspiel und Feature[Bearbeiten]

  • 1985: Franziska Linkerhand, Architektin oder Szenen aus einem Frauenleben Eine zweiteilige Folge (55 Min. und 48 Min.), Hörspielbearbeitung: Hans Bräunlich, Regie: Walter Niklaus (Rundfunk der DDR)
  • 2013: Die Unvollendete - Die Schriftstellerin Brigitte Reimann, Feature von Inès Burdow, mit Ludwig und Ulrich Reimann, Irmgard Weinhofen, Wolfgang Schreyer, Martin Schmidt, Juergen Schulz, Regie: Nikolai von Koslowski, 59 Minuten, MDR Figaro

Vertonungen[Bearbeiten]

  • 2009: Linkerhand. Oper nach Motiven des Romans Franziska Linkerhand. Von Andrea Heuser (Libretto) und Moritz Eggert (Musik). UA Hoyerswerda/Görlitz (Regie: Sebastian Ritschel), Mai 2009.

Literatur[Bearbeiten]

  • Margrid Bircken, Heide Hampel (Hrsg.): Brigitte Reimann – Eine Biographie in Bildern. Berlin 2004.
  • Heide Hampel: Reimann, Brigitte. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 334 f. (Digitalisat).
  • Heide Hampel (Hrsg.): Wer schrieb Franziska Linkerhand? – Brigitte Reimann 1933–1973 – Fragen zu Person und Werk. Literaturzentrum Neubrandenburg e. V., Neubrandenburg 1998.
  • Dorothea von Törne: Brigitte Reimann – Einfach wirklich leben. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-7466-1652-2.
  • Sabine Ranzinger: Und trotzdem haben wir immerzu geträumt davon. Siegfried Pitschmann über Leben, Lieben und Arbeiten mit Brigitte Reimann. Hörbuch. 1998.
  • Kunstverein Hoyerswerda: Brigitte Reimann – Spaziergang durch Hoyerswerda. 2003, ISBN 3-9808957-1-8.
  • Matthias Braun: Bücher waren ihr Alltag, Schreiben war ihr Leben. Brigitte Reimann im Spiegel der Stasi-Akten. In: Deutschland-Archiv, Bd. 38, 2005, 4, S. 625–633, ISSN 0012-1428 (online).
  • Barbara Wiesener: Von der bleichen Prinzessin, die ein purpurrotes Pferd über den Himmel entführte – das Utopische im Werk Brigitte Reimanns. Univ. Diss. Dr. phil., Potsdam 2003.
  • Helene und Martin Schmidt: Brigitte Reimann – Begegnungen und Erinnerungen. 2006.
  • Kunstverein Hoyerswerda, Helene und Martin Schmidt: Was ich auf dem Herzen habe – Begegnungen mit Brigitte Reimann – Zeitzeugen berichten. 2008, ISBN 978-3-9808957-2-9.
  • Christina Müller: Der Schritt durch den Rahmen. Bild und Weiblichkeitsmythos im Werk Brigitte Reimanns. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-89528-920-0.
  • Leonore Krenzlin, Bernd-Rainer Barth: Reimann, Brigitte. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Christina Onnasch und Angelika Fischer: Lebenswege der Brigitte Reimann. Edition A. B. Fischer, Berlin 2012, ISBN 978-3-937434-48-3.
  • Kristina Stella (Hrsg.): „Wär’ schön gewesen!“ Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann. 2. Auflage. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-89528-975-0.
  • Kristina Stella: Brigitte Reimann. Kommentierte Bibliografie und Werkverzeichnis. Zwei Bände. Teil A: Primärliteratur (= Bibliographie zur deutschen Literaturgeschichte. Band 22). Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8498-1080-1.[14]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Brigitte Reimann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Angela Drescher in der Neuausgabe 1998 der Franziska Linkerhand, S. 633, 15. Z.v.o.
  2. siehe dazu: Wär schön gewesen. Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann, hg.v. K. Stella, Bielefeld 2013.
  3. Sendung des ZDF vom 24. April 1998
  4. Inhaltsangabe bei Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (zum)
  5. Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand Verlag Neues Berlin 1974, 7. Auflage 1981, o.pag. (S. 584)
  6. Volksstimme Burg
  7. Brigitte-Reimann-Zeichen in Hoyerswerda enthüllt. In: sz-online.de. 21. Juli 2013, abgerufen am 22. September 2014.
  8. Wiesener, S. 117, 15. Z.v.o.
  9. Wiesener, S. 128, 6. Z.v.u.
  10. Ursendung: 3. August 1960, Radio DDR I; Abdruck in: Die Reihe, Nr. 50; 60 Seiten, Aufbau-Verlag Berlin 1960
  11. Ursendung: 17. November 1960, Berliner Rundfunk; Abdruck in: hörspieljahrbuch 1, Henschel-Verlag Berlin 1960, S. 65-93
  12. Leben, schreiben, streiten, lieben. In: FAZ, 19. Juli 2013, S. 36.
  13. Jochen Hieber: Ausflüge in die Anarchie. Hörbuch des Monats April: Brigitte Reimanns Tagebücher. In: FAZ, 10. April 2000, S. 57.
  14. Christel Berger: Sehnsüchte, Enttäuschungen. (Rezension) In: Neues Deutschland, 15. Januar 2015, S. 16.