Feministische Kunst

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Agnès Thurnauer: Selbstporträts (2012 und 2013)

Feministische Kunst bezeichnet eine zeitgenössische Kunstbewegung. Der Begriff entstand Ende der 1960er Jahre in den USA (feminist art). In der Feministischen Kunst befassen sich Künstlerinnen explizit mit weiblicher Identität sowie kollektiven Erfahrungen von Frauen und setzen sich mit konventionellen Geschlechterkonstruktionen und Kunstnormen auseinander.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert artikulierten Künstlerinnen feministische Themen und Forderungen in ihren Werken, darunter Hannah Höch, Claude Cahun und Alice Lex-Nerlinger. Der Begriff feministische Kunst entwickelte sich jedoch erst in den späten 1960er Jahren. Er war mit der Zweiten Frauenbewegung verknüpft und wurde oft mit subversiven Überschreitungen gleichgesetzt. Künstlerinnen begannen gegen die Vormachtstellung von Männern in der Kunstwelt zu kämpfen. Sie konzentrierten sich auf Themen wie stereotype Weiblichkeitsbilder, Körperlichkeit, Sexualität, sexuelle Gewalt und stellten Machtverhältnisse und Hierarchien in Frage. Sie trugen jedoch auch grundlegend zur Weiterentwicklung von Kunstformen bei. Sie nutzten als Ausdrucksmittel Photographie, Film und Video, schufen Rauminstallationen, mit denen sie Frauen zugedachte private Räume besetzten und neu definierten, sowie Performances und Aktionen, für die sie ihren eigenen Körper zum Material ihrer Kunst machten.[1] Die 1970er Jahre waren die Hochphase feministischer Kunst, vor allem in den USA, in Großbritannien und in Deutschland. Jeremy Strick, Direktor des Museum of Contemporary Art, Los Angeles (MOCA) nannte die feministische Kunst dieser Zeit „die einflussreichste internationale Kunstbewegung der Nachkriegszeit“.[2]

What is feminist art?, Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art, 25. September 2010

Feministische Kunst ist nicht gleichzusetzen mit Frauenkunst oder "weiblicher Kunst", und nicht jede Kunst von Frauen ist feministisch. Die Kunsthistorikerin Margarethe Jochimsen, Kuratorin der Ausstellung Frauen machen Kunst 1976/77 in Bonn, schrieb im Ausstellungskatalog, feministisch sei Kunst von Frauen,

„wenn Künstlerinnen in ihr Gedanken zur Anschauung bringen, die sich im weitesten Sinne aus der diskriminierenden gesellschaftlichen Situation der Frau, aus dem gesellschaftlichen Diktat so genannter weiblicher Funktionen, Eigenschaften und Verhaltensweisen usw. ableiten lassen, gegen die sich Künstlerinnen in irgendeiner Form wenden.“

Margarethe Jochimsen[3]

Nach Jochimsen sei feministische Kunst ihrem Charakter nach transitorisch. Es gebe sie nur so lange, wie die gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter sowie die Ausgewogenheit von männlichen und weiblichen Qualitäten in Mann und Frau nicht verwirklicht sei.

Die feministische Kunstgeschichte wurde wesentlich von einem Artikel der Kunsthistorikerin Linda Nochlin mit dem Titel Why have there been no great Women Artists? im Jahr 1971 angeregt.[4] Darin diskutiert sie die sozialen und kulturellen Einschränkungen von Künstlerinnen und ihren Ausschluss aus den Kunstinstitutionen. 2007 schrieb sie, dass Frauen in der Kunst mittlerweile nicht mehr die Ausnahme seien, sondern ein selbstverständlicher Teil des Kunstbetriebs[5]. Die Ungleichbehandlung von Künstlerinnen im Ausstellungswesen besteht jedoch fort. [6] Bei Spezialausstellungen, in denen ausschließlich Werke von Künstlerinnen gezeigt werden, handle es sich Monika Kaiser zufolge oft nur um vorübergehende Präsentationen in Museumsräumen. Ein Beispiel hierfür sei die Ausstellung elles@centrepompidou 2009/2010 im Centre Pompidou.[7]

Zu den Kunstinstitutionen, die feministische Kunst ausstellen oder sammeln, zählen einige der Frauenmuseen. Das 2006 eröffnete Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Brooklyn Museum in New York zeigte zahlreiche Ausstellungen, die der Feministischen Kunst von den 1990er Jahren bis in die Gegenwart gewidmet waren sowie dem Einfluss von Künstlerinnen auf internationale Kunstbewegungen. Die Sammlung Verbund in Wien legt einen Schwerpunkt auf die internationale feministische Avantgarde der 1970er Jahre.

Feministische Kunstausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Womanhouse
  • 1972: Womanhouse. Rauminstallation von Judy Chicago und Miriam Schapiro in einer zweigeschossigen Villa in Hollywood (Mariposa Avenue), Kalifornien.[8] Sie gilt als die erste feministische Kunstausstellung. Die Installation und die Performances verschiedener Künstlerinnen stellten Hausarbeit, die typischen Innenräume und Tagträume von Frauen in den Mittelpunkt und parodierten Stereotypen.[9]
  • 1975: Magna Feminismus Kunst und Kreativität. Gruppenausstellung mit 26 Künstlerinnen des Wiener Aktionismus, kuratiert von Valie Export. Galerie nächst St. Stephan, Wien.[10][11]
  • 1975: Kvindeudstillingen XX på Charlottenborg (dt.: Frauenausstellung XX in Charlottenborg) in der Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen. Internationale Ausstellung im Kontext der europäischen Frauenbewegungen, u. a. mit der Performance Art Must Be Beautiful, Artist Must Be Beautiful von Marina Abramović.[12]
  • 1976/'77: Frauen machen Kunst. Galerie Philomene Magers in Bonn, kuratiert von der Kunsthistorikerin Margarethe Jochimsen. Die erste Ausstellung zum Thema Kunst und Feminismus in einer kommerziellen Galerie in Deutschland stellte feministische Kunst nicht-feministischer gegenüber.
  • 1977: Künstlerinnen international 1877–1977. Die von einer Frauengruppe in der NGBK in Berlin kuratierte Ausstellung mit Arbeiten von ca. 190 internationalen Künstlerinnen aus hundert Jahren zeigte erstmals die Stellung von Künstlerinnen in Kunst und Gesellschaft. Zum ersten Mal wurde systematisch die Perspektive von Frauen in der darstellenden Kunst zusammengetragen.
  • 1979: The Dinner Party, erstmals im San Francisco Museum of Modern Art ausgestellt, wird dauerhaft im Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art präsentiert.
  • 1985: Kunst mit Eigen-Sinn. mumok - Museum Moderner Kunst, Wien. Die Ausstellung knüpfte an Magna Feminismus von 1975 an und stellte die Frage nach den Eigenheiten der Kunst von Frauen neu.
  • 1990: Wissenschaft, Künste und alles andere, Museum für Gestaltung Basel. Eine Organisationsgruppe lud weltbekannte feministische Künstlerinnen nach Basel zu Diskussionen, Lesungen, Vorträgen, Konzerten und Ausstellungen.
  • 2007: WACK! Art and the Feminist Revolution. Museum of Contemporary Art, Los Angeles, anschließend im Museum of Modern Art, New York, und weiteren Museen. Die Ausstellung mit 120 Künstlerinnen aus der ganzen Welt war die erste Retrospektive, die den Zusammenhang von Kunst und feministischer Bewegung in den 1960er und 70er Jahren untersuchte und dokumentierte.[13]
  • 2010: Reflections on the Electric Mirror: New Feminist Video. Die Ausstellung im Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art, New York, präsentierte Video-Kunst einer neuen Generation feministischer Künstlerinnen.
  • 2013: Der feine Unterschied. Die Ausstellung im Kunstverein Langenhagen präsentierte feministische Künstlerinnen aus vier Generationen, darunter Valie Export und Franziska Nast.[14]
  • 2015: Feministische Avantgarde der 1970er Jahre. Mit Werken von mehr als 30 Künstlerinnenaus aus der Wiener Sammlung Verbund. Kunsthalle Hamburg
  • 2017: Woman. Feministische Avantgarde aus der Sammlung Verbund, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien[15]
  • 2016/2017: Supercalifragilisticexpialidocious (Diane Arbus, Ana Mendieta, Agnes Thurnauer u.w.)[16], WhiteBox Gallery, New York

Liste feministischer Künstlerinnen (Bildende Kunst)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Liste enthält Künstlerinnen, die sich selbst als feministische Künstlerinnen verstehen oder von denen Werke oder Schaffensphasen der Feministischen Kunst zugerechnet werden.

Mitunter werden auch Niki de Saint-Phalle und Performances von Marina Abramović zur feministischen Kunst gezählt.

Quellen[22][23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gabriele Schor (Hrsg.): Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien. Prestel Verlag, München 2015, ISBN 978-3-7913-5445-3
  • Hilary Robinson (Hrsg.): Feminism Art Theory. An Anthology 1968–2014, Wiley-Blackwell, 2015, ISBN 978-1-118-36060-6
  • Monika Kaiser: Neubesetzungen des Kunst-Raumes. Feministische Kunstausstellungen und ihre Räume 1972–1987, Transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2408-3
  • Barbara Paul: Feministische Interventionen in der Kunst und im Kunstbetrieb, in: Barbara Lange (Hrsg.): Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd.8: Vom Expressionismus bis heute, Prestel 2006, ISBN 978-3-7913-3125-6, S. 480–497
  • Patrizia Gozalbez Canto: Feministische Kunst/Fotografie als subversive Taktik, in: Thomas Ernst et al. (Hrsg.) SUBversionen: Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart, Transcript Verlag, 2007, ISBN 978-3-8394-0677-9, S. 221ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jeanie Forte: Focus in the Body: Pain, Praxis and Pleasure in Feminist Performance. In: Critical theory and performance. Janelle G. Reinelt, Joseph R. Roach, S. 248 ff, abgerufen am 5. April 2010 (englisch).
  2. Blake Gopnik: What Is Feminist Art? In: The Washington Post. The Washington Post, 22. April 2007, S. 1,3, abgerufen am 5. April 2010 (englisch): „Feminist art of the 1970s was “the most influential international movement of any during the postwar period,” declares Jeremy Strick, director of the Museum of Contemporary Art in Los Angeles.“
  3. zitiert von Monika Kaiser, ebd. S. 135
  4. Korsmeyer, Carolyn: Feminist Aesthetics, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2012 Edition), Edward N. Zalta (ed.).
  5. Linda Nochlin: A Life of Learning (PDF; 397 kB) S. 17,2: „Women artists are no longer “exceptions,” brilliant or not, but part of the rule.
  6. Bettina Baumgärtel: Zum Umgang mit Fragen der Geschlechterdifferenz im Museum (pdf). In: Kritische Berichte 3/98
  7. Monika Kaiser: Neubesetzungen des Kunst-Raumes. Feministische Kunstausstellungen und ihre Räume 1972–1987, Transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2408-3, S. 11f.
  8. Monika Kaiser: Das Womanhouse 1972 in Hollywood, in: dies., ebd., S. 30ff.
  9. Meike Rotermund: Metamorphosen in inneren Räumen. Video- und Performancearbeiten der Künstlerin Ulrike Rosenbach, Universitätsverlag Göttingen 2012, ISBN 978-3-86395-051-4, S. 87f.
  10. Monika Kaiser: Magna Feminismus 1975, in: dies., ebd., S. 87ff.
  11. Gruppenausstellung: Magna - Feminismus: Kunst und Kreativität, Artfacts
  12. Monika Kaiser: Kvindeudstillingen XX på Charlottenborg 1975 in Kopenhagen, in: dies., ebd., S. 93ff.
  13. Striking When the Spirit Was Hot. Art-Review von Ken Johnson, New York Times, 15. Februar 2008
  14. Feministische Kunst. Feine Unterschiede, Taz, 4. September 2013
  15. Ausstellung "Woman": Einschnürungen und Ausbrüche, Der Standard, 12. Mai 2017
  16. Supercalifragilisticexpialidocious. MutualArt
  17. Jewish Women's Archive. "Opening of "Too Jewish?" exhibit featuring work of artist Helène Aylon." (Viewed on April 20, 2016).
  18. About Mary Beth Edelson, Stanford University, Digital Collections
  19. Mary Beth Edelson at MoMA
  20. Feminismus und zeitgenössischer Islam: Shirin Neshat, FAZ, 13. Mai 2002
  21. Jewish Women's Archive. "Miriam Schapiro." (Viewed on April 20, 2016)
  22. The WACK! Catalogue. In: MOCA, Museum of Modern Art Los Angeles. Cornelia Butler and Lisa Gabrielle Mark, S. 1,1, archiviert vom Original am 2. April 2015; abgerufen am 7. März 2015 (englisch): „… works by artists such as Chantal Akerman, Lynda Benglis, Theresa Hak Kyung Cha, Valie Export, Mary Heilman, Sanja Ivekovic, Ana Mendieta, and Annette Messager, who came of age during that period — as well as others such as Louise Bourgeois, Judy Chicago, Sheila Levrant de Bretteville, Lucy Lippard, Alice Neel, and Yoko Ono, whose careers were well established.“ i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sites.moca.org
  23. Feministische Avantgarde der 1970er Jahre. Werke aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien. Hamburger Kunsthalle