Finanzinnovation

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Unter Finanzinnovation wird im Finanzwesen die Entwicklung ganz neuer Finanzierungsinstrumente, die Weiterentwicklung bestehender Finanzierungsinstrumente und die Veränderung bestehender Verfahrenstechniken zusammengefasst.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innovationen sind allgemein neue Produkte, neue Verfahren und neue Konzepte oder Modifikationen an bestehenden Produkten, Verfahren und Konzepten. Zu den Finanzinnovationen gehören alle Geldmarkt-, Kapitalmarkt-, Finanzierungs- und Zahlungsverkehrsinstrumente sowie geänderte Prozesse, die potenziell die Strukturen des monetären Sektors von Volkswirtschaften in relevanter Weise verändern können.[1] Die meisten Finanzinnovationen betreffen das Bankwesen, dessen Bankprodukte und dessen Verfahrenstechniken. Nicht nur die Markteinführung ganz neuer Bankprodukte stellt eine Finanzinnovation dar, sondern auch die geringfügige Veränderung bestehender Produkte ist als Finanzinnovation einzustufen. Eine Finanzinnovation ist erst vollendet, wenn ihre Markteinführung erfolgt ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im Mittelalter war die Erfindung des Wechsels die bedeutendste Finanzinnovation. Der aus dem „instrumentum ex causa cambii“ („causa cambii“ ist die Wechselklausel) in Italien im 12. Jahrhundert hervorgegangene Wechsel machte durch seine Verwendung als Zahlungsmittel das Bargeld überflüssig, als Kredit­mittel ermöglichte er den Warenkredit. Erste Nachweise für den Lombardkredit finden sich bereits um das Jahr 1400, als Kaufleute Kredite an Feudalherren und Adelige gegen Pfandüberlassung vergaben. Bereits im Jahre 1677 gab es in London 38 registrierte „Blackwell Hall“-Factors,[2] die das Factoring betrieben. Als 1771 der schwedische Ökonom John Hartman Eberhardt den Begriff Delkredere definierte,[3] wurde das Factoring-Verfahren seit langem praktiziert. In den USA begann die Textilindustrie 1890 mit ersten organisierten Factoring-Transaktionen. Eine frühe Form des Reiseschecks waren die 1874 ausgegebenen Circular Notes des Reiseunternehmers Thomas Cook.[4] Das Leasing entstand mit Inkrafttreten des Mineral Leasing Act im Februar 1920, als der Staat öffentliche Grundstücke zur Kohleausbeutung mietete.[5]

Die meisten heutigen Finanzinnovationen stammen aus den USA. Hier bildete sich das im Februar 1932 durch den Glass-Steagall Act gesetzlich kodifizierte Trennbankensystem (Spezialbanken­system) heraus, das eine Segmentierung des Bankenmarktes in „Commercial banking“, „Investment Banking“ und den Sektor der Einlageninstitute zur Folge hatte. Der ab 1950 verstärkt aufgekommene Rembourskredit dient als grenzüberschreitende Finanzierung von Warengeschäften und bezieht beim Wechselrembours die alte italienische Erfindung ein. Die Forfaitierung geht auf einen Devisen­mangel der Sowjetunion zurück. Während des Besuchs von Richard Nixon in Moskau im Mai 1972 wurden amerikanische Weizenlieferungen für die Sowjetunion vereinbart. In der Folge kaufte die Sowjetunion auch in Europa Weizen wegen einer langandauernden Trockenperiode auf.[6] Wegen des Devisenmangels zahlte Russland nicht sofort, sondern durch mittelfristige Wechsel der staatlichen sowjetischen Außenhandelsbank unter Wechselbürgschaft des sowjetischen Staates nach Diskontierung bei westeuropäischen Banken. In der Diskontierung des Wechsels lag der Forderungsankauf, die Wechselbürgschaft führte zu einer unechten Forfaitierung. Commercial Papers (CPs) entwickelten sich rasant ab etwa 1956,[7] Certificates of Deposit (CDs) gelangten erstmals 1961 in nennenswertem Umfang auf den Markt;[8] Hoechst brachte die ersten CDs in Europa im Mai 1970 heraus. Seit 1974 gibt es ein Rating für Strukturierte Finanzierungen, seit November 1978 gibt es den Automatic Transfer Service (ATS), der dem US-Bankkunden den automatischen Übertrag vom Sparkonto zum Girokonto und umgekehrt ermöglicht.[9]

Finanzinnovationen auf Wertpapier­basis verbreiterten die Produktpalette für Geldanlagen institutioneller und privater Anleger erheblich. Convertible bonds entstanden zur Zeit des Eisenbahnbaus in den USA. Von den 567 zwischen 1930 und 1940 begebenen Industrieanleihen waren 26 % Wandelanleihen.[10] Nullkuponanleihen kamen in den USA erstmals im April 1981 auf den Markt; die den Nullkuponanleihen ähnelnden Stripped bonds[11] tauchten in den USA ab September 1982 auf. Forward Rate Agreements (FRAs) wurden erstmals 1975 am Chicago Board of Trade gehandelt. Europäische Erfindungen waren die 1964 in Großbritannien aufgekommenen Doppelwährungsanleihen, die Floating Rate Notes (FRNs) wurden erstmals 1969 emittiert oder die seit 1986 bestehenden Euronote facilities.

Der höchste Innovationsgrad besteht an den Derivate- und Terminmärkten, die seit 1972 eine rasante Entwicklung erlebt haben. Das financial engineering suchte dabei nach innovativen Lösungen unter Verwendung bereits bekannter, traditioneller Produktelemente. Die ersten bekannten Cross Currency Swaps wurden 1981 zwischen IBM und der Weltbank geschlossen, Zinsswaps gab es erstmals 1982. Die logische Fortentwicklung beider Swaps war der Integrierte Swap, einer Kombination von Währungs- und Zinsswap.[12] Finanzinnovationen auf den Terminmärkten waren die Financial Futures, unter denen man verschiedene Gruppen von Terminkontrakten zusammenfasst: Currency Futures wurden erstmals im Mai 1972 an der Chicago Mercantile Exchange gehandelt, wo 1975 auch die Interest Rate Futures angeboten wurden. Die Stock Index Futures wurden 1982 erstmals an der Kansas City Commodity Exchange eingeführt.

Auch Prozessinnovationen brachten Fortschritte und Komfort für Bankkunden. Seit 1957 wurde in Deutschland zunehmend die Barzahlung mit der Lohntüte durch das Girokonto verdrängt, das die unbare Lohn- und Gehaltszahlung ermöglichte. Das Postscheckamt Hamburg führte 1961 den Dauerauftrag ein. Geldautomaten kamen im Mai 1968 auf den Markt, der kartengarantierte Eurocheque wurde im Mai 1969 eingeführt. Debitkarten und Kreditkarten wären ohne die Infrastrukturinnovationen von Geldautomat, Point-of-Sale (1972) und den Durchzugleser nicht erfolgreich geworden.[13] Die Mellon National Bank bot 1969 das erste Cash Management-System an, auf dem deutschen Markt folgte die Commerzbank 1983 mit COBRA. Electronic Banking wurde durch die Kreissparkasse Köln 1987 zunächst für mittelständische Unternehmen eingeführt. Das weltweite Zahlungsverkehrssystem SWIFT wurde erstmals im Mai 1977 zur Übertragung von Zahlungsdaten eingesetzt.

Der Anteil der jungen Produkte, die erst in den letzten 5 Jahren entwickelt wurden, stieg im Produktspektrum der Großbanken zwischen 1970 und 1980 von 5 % auf 25 %.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man unterscheidet Total- oder Partialinnovationen. Von Totalinnovation wird gesprochen, wenn ein neues Finanzprodukt entsteht oder alle Leistungselemente oder Bestandteile eines bestehenden Finanzprodukts neu sind oder verändert werden. Eine Partialinnovation liegt entsprechend vor, wenn mindestens eins oder wenige Elemente eines bestehenden Produktes verändert werden.[14] Ferner wird zwischen Produkt- und Verfahrens- (Prozess-) Innovationen unterschieden. Produktinnovationen betreffen die Finanzprodukte selbst, Prozessinnovationen sind übergeordnete Techniken, die sich mit der Abwicklung oder Überwachung des Bankgeschäfts befassen.

Bankrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Standardisierung der Vielzahl der Produkte im OTC-Handel erfolgt über die International Swaps and Derivatives Association (ISDA), die einheitliche Normen für die einzelnen Produkte festlegt. Bankenaufsichtsrechtlich müssen Kreditinstitute neue Bankprodukte zunächst einem bankinternen „Neu-Produkt-Prozess“ (NPP) unterziehen, der diese Produkte auf ihre Produktrisiken untersucht. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um eine Total- oder Partialinnovation handelt. Ein Produktrisiko liegt vor, wenn eine Finanzinnovation für die Bank, den relevanten Bankmarkt oder den Bankkunden unerwartete finanzielle Gefahren beinhaltet, die nicht aus Marktisiken resultieren. Erst wenn dieser Prozess und eine begrenzte Testphase positiv abgeschlossen sind und die Bankaufsicht keine Bedenken äußert, sind die Produkte marktreif. Entscheidet eine Bank über den Vertrieb neuer Produkte, so kann es bei Finanzinnovationen sinnvoll sein, auf die Markteinführung zu verzichten, wenn aufgrund der Hebelwirkung oder der Unüberschaubarkeit der Marktrisiken ein Risikopotenzial entsteht, das existenzbedrohend ist.[15]

Nach MaRisk (BA) AT 8.1 vom Dezember 2012 ist für die „Aufnahme von Geschäftsaktivitäten in neuen Produkten oder auf neuen Märkten (einschließlich neuer Vertriebswege) vorab ein Konzept auszuarbeiten. Grundlage des Konzeptes muss das Ergebnis der Analyse des Risikogehalts dieser neuen Geschäftsaktivitäten sowie deren Auswirkungen auf das Gesamtrisikoprofil sein.“[16] Bei Handelsgeschäften ist vor dem laufenden Handel in neuen Produkten oder auf neuen Märkten grundsätzlich eine Testphase durchzuführen. Nach AT 8.2 haben die Institute vor wesentlichen Veränderungen in der Aufbau- und Ablauforganisation sowie in den IT-Systemen die Auswirkungen der geplanten Veränderungen auf die Kontrollverfahren und die Kontrollintensität zu analysieren. Damit erfassen die MaRisk im Bankwesen sowohl Finanzinnovationen, deren relevante Märkte als auch Prozessinnovationen.

Finanzinnovationen können als immaterielle Dienstleistung patentrechtlich nicht geschützt werden (nach § 1 Abs. 1 PatentG ist nur eine industriell-gewerbliche Anwendbarkeit schutzfähig) und dürfen deshalb von Konkurrenten ohne Rechtsfolgen nachgemacht werden.[17] Diese fehlende Schwelle erleichtert die Verbreitung von Finanzinnovationen.

Bedeutung und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der größte Teil der Finanzinnovationen hat den Märkten und insbesondere den Bankkunden zweifellos Nutzen und Komfort verschafft. Einige Innovationen indes haben Wirtschaftskrisen ausgelöst oder verstärkt oder den Kunden eher Nachteile gebracht. Insbesondere die Collateralized Bond Obligation und verwandte Innovationen wie die Collateralized Debt Obligation werden wegen ihrer mangelnden Transparenz und dem Versagen der Ratingagenturen für die Finanzkrise ab 2007 verantwortlich gemacht.[18] Beratungsfehler trugen ab 2007 mit dazu bei, dass die Swapvariante des Spread Ladder Swap für große Verluste bei deutschen Kommunen führte. Anders als der reine Zinsswap[19] ist seine deutlich komplexere Spread Ladder Swap-Unterart auf eine ausreichende Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Swapsätzen ausgerichtet und deshalb rein spekulativer Art, was den Kommunen verboten ist. Das Cross-Border-Leasing ist für deutsche Kommunen seit Oktober 2008, Fremdwährungskredite sind seit 2011 zum Problem geworden, weil die Aufwertung des Schweizer Franken zu Kursverlusten bei Kommunen führt.

Finanzverwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Finanzverwaltung versteht unter Finanzinnovation seit dem Rundschreiben des Bundesfinanzministeriums vom Januar 1994[20] zielgerichtet gestaltete Geldanlagen, die darauf abzielen, steuerpflichtige Einnahmen in steuerfreie Kursgewinne umzuwandeln.

Ein (börsengehandeltes) Wertpapier gilt dann als Finanzinnovation, wenn mindestens eine der folgenden Voraussetzungen erfüllt ist:

Auch Garantiezertifikate gelten als Finanzinnovation.

In Deutschland wirkte sich der Besitz dieser Bankprodukte steuerrechtlich seit 2005 so aus, dass alle laufenden Erträge der Einkommensteuer unterlagen und die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs bei Verkauf voll einkommensteuerpflichtig war. Rechtsgrundlage war § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 a) bis d) EStG in der Fassung bis 31. Dezember 2008. Ebenso wird nach einem Depotübertrag bei Verkauf nach der Pauschalbemessungsmethode 30 % des gesamten Verkaufserlöses einbehalten (§ 43a EStG).

Ab dem 1. Januar 2009 unterliegen die Finanzinnovationen der Abgeltungsteuer. Kapitalerträge aus Finanzinnovationen werden seitdem mit 25 % Abgeltungssteuer (zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer) versteuert. Für die Berechnung wird der tatsächliche Gewinn, die so genannte Marktrendite, zugrunde gelegt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Blank: Finanzinnovationen und Geldpolitik. Duncker & Humblot, Berlin 1991 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche). S. 15–16.
  2. The Bureau of National Affairs, The History of Factoring, 2011, S. 10
  3. The Bureau of National Affairs, The History of Factoring, 2011, S. 3 (PDF; 253 kB)
  4. Der Spiegel Geschichte 4/2009 vom 28. Juli 2009, Die Entfesselung des Geldes, S. 71
  5. United States Office of Technology Assessment, 1989, S. 48
  6. DER SPIEGEL 44/1972 vom 23. Oktober 1972, Korn für Moskau, S. 26
  7. Thomas Blank: Finanzinnovationen und Geldpolitik. Duncker & Humblot, Berlin 1991. S. 24.
  8. Thomas Blank: Finanzinnovationen und Geldpolitik. Duncker & Humblot, Berlin 1991. S. 21.
  9. Thomas Blank: Finanzinnovationen und Geldpolitik. Duncker & Humblot, Berlin 1991. S. 25.
  10. Andreas Bohn, Bewertung von Wandelanleihen, 2013, S. 109
  11. Investmentbanken kaufen umlaufende Staatsanleihen auf, trennen („strippen“) die Zinskupons vom Wertpapier-Mantel, verbriefen beide separat und verkaufen beide als abgezinste Wertpapiere: Erhard Glogowski,Manfred Münch, Neue Finanzdienstleistungen, 2013, S. 208
  12. Thomas Blank: Finanzinnovationen und Geldpolitik. Duncker & Humblot, Berlin 1991. S. 64.
  13. Thomas Lammer (Hrsg.), Handbuch E-Money, E-Payment & M-Payment, 2006, S. 26
  14. Thomas Blank: Finanzinnovationen und Geldpolitik. Duncker & Humblot, Berlin 1991. S. 25, Fußnote 1.
  15. Wolfgang Artopoeus, Innovative Handelsgeschäfte und Bankenaufsicht, in: Sparkasse 4/96, S. 150
  16. Rundschreiben 10/2012 (BA) - Mindestanforderungen an das Risikomanagement – MaRisk vom 14. Dezember 2012, Geschäftszeichen BA 54-FR 2210-2012/0002
  17. Hans-Jacob Krümmel: Allfinanz: Strukturwandel an den Märkten für Finanzdienstleistung. In: Kredit und Kapital, Heft 11, 1991, S. 35
  18. Hans-Werner Sinn: Der Kasino-Kapitalismus. Econ-Verlag, 2009, S. 308
  19. der das Zinsänderungsrisiko von Grundgeschäften vermindern oder ausschalten kann
  20. BMF-Rundschreiben vom 20. Januar 1994, Az: IV B 4 –S 1980- 5/94, FR 1994, 206


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