Frank Beyer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Frank Beyer (Begriffsklärung) aufgeführt.
Frank Beyer (1963)

Frank Beyer (geboren am 26. Mai 1932 in Nobitz, Thüringen; gestorben am 1. Oktober 2006 in Berlin) war ein deutscher Filmregisseur, der die meisten seiner Filme für die DEFA in der DDR drehte und dort trotz seiner im Lauf der Jahre zunehmend kritischen Haltung gegenüber der SED mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Nationalpreis der DDR.

Bis heute gilt Beyer als einer der bedeutendsten auch international renommierten Filmschaffenden der DDR.

Nach der deutschen Wiedervereinigung drehte er in den 1990er Jahren noch einige Filme für das Fernsehen in der Bundesrepublik, wo ihm beispielsweise mit dem Filmband in Gold für sein Lebenswerk (1991) und dem Adolf-Grimme-Preis (1999, für den Film Abgehauen) ebenfalls zwei der herausragenden nationalen Film- und Fernsehpreise verliehen wurden.

Viele seiner Filme beschäftigen sich – in der Form oft als Tragikomödie – aus der Perspektive von Protagonisten der „einfachen Durchschnittsbevölkerung“, denen er eine individuelle Identität verleiht, kritisch mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, beziehungsweise mit den Auswirkungen der „großen Politik“ auf den „kleinen Mann“.

Als Klassiker unter Frank Beyers cinematografischen Werken gelten insbesondere die Romanverfilmungen Nackt unter Wölfen (1963), Spur der Steine (1966) und Jakob der Lügner (1974).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frank Beyer wurde als Sohn eines kaufmännischen Angestellten und einer Verkäuferin geboren, wuchs mit einem Bruder Hermann Beyer auf. Er studierte Theaterwissenschaft. 1951 wurde er Dramaturg und Regieassistent am Kreistheater Glauchau/Crimmitschau. Er studierte an der Prager Filmhochschule. Während seiner Studienzeit war er bereits Regieassistent von Kurt Maetzig. Im Jahr 1957 ging er als Regisseur an das DEFA-Spielfilmstudio. Im gleichen Jahr kam sein Debütfilm Zwei Mütter in die Kinos.

Auf dem III. Internationalen Filmfestival in Moskau nach der Aufführung der Verfilmung von Nackt unter Wölfen, von links: Frau Donskoi, Regisseur Frank Beyer, Kameramann Günter Marczinkowsky, Mark Donskoi, Joachim Mückenberger und Professor Hans Rodenberg, Stellvertreter des Ministers für Kultur der DDR (im Vordergrund)
Empfang vor der Kinopremiere von Jakob der Lügner, 1975 in Ost-Berlin: Frank Beyer (Zweiter von rechts) mit dem Politbüromitglied des ZK der SED Werner Lamberz (rechts) sowie den Schauspielern Vlastimil Brodský (Darsteller der Titelfigur des Films, Zweiter von links) und Jana Brejchová (links), damals mit Brodský verheiratet

Beyer drehte mehrere antifaschistische Filme über den Zweiten Weltkrieg. Berühmt wurde sein Film Nackt unter Wölfen (1963), der sich mit dem Widerstand und der Solidarität der Häftlinge im KZ Buchenwald beschäftigte.

1966 kam er erstmals in das Visier der DDR-Zensur. Sein Film Spur der Steine, der den DDR-Alltag kritisch beleuchtete, wurde zwar uraufgeführt, aber drei Tage später verboten. Beyer durfte nach dem Verbot jahrelang keine Kinofilme mehr machen. Sein Vertrag mit der DEFA wurde aufgelöst. Erst nach der Wende wurde der Film mit Manfred Krug in einer Hauptrolle wieder im Kino gezeigt.

1967 wechselte er an das Dresdner Staatstheater, 1969 ging er zum Deutschen Fernsehfunk (DFF). 1974 kehrte er zur DEFA zurück und drehte Jakob der Lügner. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jurek Becker thematisiert die aufkeimende Hoffnung der im Warschauer Ghetto in aussichtsloser Lage eingepferchten Juden infolge erfundener Nachrichten der Hauptperson über die vermeintlich vorrückende Rote Armee. Jakob der Lügner, mit dem tschechischen Schauspieler Vlastimil Brodský in der Titelrolle, ist der einzige DDR-Film, der jemals für den weltweit bekannten Filmpreis der US-amerikanischen Filmindustrie, den Oscar, nominiert wurde (1977 in der Kategorie: bester ausländischer Film[1]).

Beyer und Becker erhielten 1975 den Nationalpreis der DDR II. Klasse für Kunst und Literatur. Jakob der Lügner erschien 1999 als Hollywood-Remake mit Robin Williams in der Hauptrolle. Befragt nach der Qualität des Remakes, soll Beyer nach einer Vorführung am Museum of Modern Art in New York 1999 geantwortet haben: „My film is an old film from East Germany, the other film is a new film from Hollywood.“ (übersetzt: „Mein Film ist ein alter Film aus Ostdeutschland, der andere Film ist ein neuer Film aus Hollywood“)[2] Bei derselben Gelegenheit antwortete er auf die Frage, inwieweit sich die Arbeit als Filmemacher im Sozialismus von der im Kapitalismus unterscheiden würde: „Former we had censorship, now we have sponsorship.“(übersetzt: „Früher hatten wir Zensur, heute haben wir Sponsoring“)[2]

Im Jahr 1976 kam es erneut zu Problemen zwischen Beyer und der SED, weil er eine Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben hatte. Beyer wurde 1980 aus der SED ausgeschlossen. Seine Möglichkeiten als Regisseur in der DDR wurden daraufhin eingeschränkt. Er erhielt allerdings eine Arbeitserlaubnis für Westdeutschland.

Bei seinem 1977 entstandenen Film Das Versteck handelt es sich um eine diffizile Dreiecksgeschichte zwischen einem geschiedenen Ehepaar und dem neuen Freund der Frau. Der Film erfuhr keine wirkliche Auswertung in der DDR, weil Manfred Krug die Hauptrolle spielte. Krug hatte zuvor einen Ausreiseantrag gestellt und war nach der Genehmigung in die Bundesrepublik übergesiedelt.

Für Aufsehen sorgte 1983 der Film Der Aufenthalt nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Kant, der auf der Berlinale gezeigt werden sollte. Polen intervenierte bei der Festivalleitung, da der Film die Geschichte eines jungen deutschen Soldaten zeigte, der in polnischer Kriegsgefangenschaft unschuldig des Mordes angeklagt wurde.

Nach der Wende 1989 produzierte Beyer fast nur noch Filme für das Fernsehen. Bekannt wurden Literaturverfilmungen nach Vorlagen von Carl Zuckmayer, Erich Loest und Manfred Krug (Nikolaikirche, Abgehauen).[3] Zwischen 1996 und 1998 arbeitete Beyer für den WDR an dem Fernsehprojekt Jahrestage, nach dem gleichnamigen Romanzyklus von Uwe Johnson. Die Produktionsfirma Eikon trennte sich jedoch offiziell aus „unüberbrückbaren Differenzen“ kurz vor den Dreharbeiten von Beyer. Der Regisseur wiederum gab bekannt, er sei dazu aufgefordert worden, sich von seiner Hauptdarstellerin Julia Jäger sowie seiner langjährigen Regieassistentin Irene Weigel zu trennen.[4] Nachdem er den Forderungen nicht nachgekommen war, entließ Eikon vier Wochen vor Drehbeginn den künstlerischen Stab,[5] während der WDR von einem freiwilligen Ausscheiden Beyers sprach. Trotz einer von Volker Schlöndorff initiierten Solidaritätserklärung für Beyer, der sich etwa zwei Dutzend namhafte Künstler anschlossen (u. a. István Szabó, Michael Verhoeven, Marcel Ophüls, Peter Lilienthal, Reinhard Hauff oder Manfred Krug[6]), wurde Margarethe von Trotta mit der Regie beauftragt und Suzanne von Borsody für die weibliche Hauptrolle verpflichtet. Für Beyer blieb es die letzte Arbeit an einer Film- oder Fernsehproduktion. 2001 veröffentlichte er unter dem Titel Wenn der Wind sich dreht seine Autobiografie, die er mit der Schilderung an dem gescheiterten Jahrestage-Projekt begann.[7]

Beyer war von 1956 bis 1965 mit der Maskenbildnerin Lydia Albrecht verheiratet (aus dieser Beziehung stammt die Tochter Elke), danach von 1969 bis 1975 mit der Schauspielerin Renate Blume (aus der zweiten Ehe stammt der Sohn Alexander). In dritter Ehe war Beyer ab 1985 mit der Fernseh-Ansagerin Monika Unferferth verheiratet; auch diese Ehe wurde geschieden. Nach der Wende lernte er Karin Kiwus kennen, eine (west)deutsche Lyrikerin. Er lebte mit ihr bis zu seinem Tode am 1. Oktober 2006 zusammen. Sein Grab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin in unmittelbarer Nähe von Adolf Dresen und Arnold Zweig.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verleihung des Heinrich-Greif-Preises im Jahr 1984 durch Horst Pehnert

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1995: Nikolaikirche Leipzig: Frank Beyer verfilmt Erich Loests Roman. (TV, WDR)
  • 1997: Film als Heimat: Der Regisseur Frank Beyer. (englische Fassung: Film as homeland; TV, Deutsche Welle)
  • 1998: Es werden ein paar Filme bleiben: Das war die DEFA. (TV, Inter Nationes)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Frank Beyer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nominierungen und Auszeichnungen. Internet Movie Database, abgerufen am 22. Mai 2015 (englisch).
  2. a b Claus Löser: Immer unverbogen. In: taz, 4. Oktober 2006, S. 13
  3. Frank Beyer. In: Der Spiegel. Nr. 41, 2006, S. 230 (online Nachruf).
  4. Unterm Strich. In: die tageszeitung, 31. August 1998, S. 17.
  5. Absurder Vorwurf. In: Focus, Nr. 37/1998, S. 228–229.
  6. Tagebuch: Abgedrängt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Dezember 1998, S. 42.
  7. Regine Sylvester: Der Uneinsichtige. In: Berliner Zeitung, 4. Oktober 2006, S. 3.