Hamburger Wallanlagen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Stich von Johannes Mejer, der Hamburg und seine Befestigungsanlage im Jahr 1651 zeigt

Die Hamburger Wallanlagen waren Befestigungen, die von 1616 bis 1625 unter der Leitung von Johan van Valckenburgh um Hamburg errichtet wurden. 1697 kam als Erweiterung das sogenannte „Neue Werk“ zum Schutz der östlichen Vorstadt St. Georg hinzu. Nach dem Ende der französischen Besatzung 1814 wurden die Wallanlagen abgetragen und in Grünanlagen umgewandelt. Während der östliche Teil später dem Bau des Hamburger Hauptbahnhofes und der Hamburger Kunsthalle weichen musste, ist der westliche Teil zwischen Dammtor und Millerntor als Park Planten un Blomen erhalten geblieben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Ende des 15. Jahrhunderts (ab 1475)[1] hatte man die im 13. Jahrhundert errichtete Hamburger Stadtmauer teilweise durch einen Wall ergänzt (Alter Wall). Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die gesamte Stadt durch den so genannten Neuen Wall (die Straße Neuer Wall zeigt den Verlauf noch im Westen der Altstadt) umgeben, der über mehrere Rondelle verfügte. Diese Befestigungsanlagen waren aber bereits zum Zeitpunkt ihrer Errichtung veraltet und beschränkten das Wachstum der aufstrebenden Stadt. (→ Plan der alten Befestigung)

Durch den latenten Konflikt mit dem angrenzenden Altona, das damals zum Königreich Dänemark gehörte, wurde eine massivere Befestigung notwendig. Im Jahre 1616 ließ der dänische König Christian IV. den Kriegshafen Glückstadt gründen, um so den Elbverkehr kontrollieren zu können. Als Reaktion beauftragten die Hamburger den niederländischen Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh mit der Errichtung neuer Befestigungsanlagen.

Für den Bau der Wallanlagen musste zehn Jahre lang etwa ein Viertel der Hamburger Einnahmen aufgewendet werden. 1624 war die Anlage im Wesentlichen beendet.[1] Befestigungen aus Mauerwerk hätten ein Vielfaches gekostet, zudem zahlte sich die Investition in die Wallanlagen für die Stadt schnell aus. Während des Dreißigjährigen Krieges gehörte Hamburg zu den wenigen deutschen Städten, die unversehrt blieben. Wegen ihrer massiven Befestigungsanlagen wurde in diesem Krieg kein einziger Angriff auf die Stadt unternommen, so dass sie als sicherer Ort galt.

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wallanlagen Hamburg
(auf einem Plan für 1750)

Bastionen und Ravelins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Befestigungen wurden nach niederländischem Vorbild aus Erde errichtet und mit einem breiten Wassergraben umgeben. Die Hamburger Bevölkerung wurde dazu verpflichtet, sich am Bau zu beteiligen.

Um einen möglichst geschlossenen Ring aus Befestigungsanlagen um die Stadt zu errichten, wurde ein Wall aufgeschüttet, der die Alster fortan in Außen- und Binnenalster trennte. Der Neue Wall (im Osten der Stadt, das heißt nicht die heutige Straße „Neuer Wall“) wurde in die Wallanlagen eingebunden und ausgebaut. Mehrere Rondelle wurden in Bastionen umgewandelt. Die Hamburger Wallanlagen wurden mit insgesamt 22 Bastionen versehen, von denen 21 über einen fünfeckigen Grundriss verfügten, während eine der kleineren Bastionen als Dreieck aus den Wällen herausragte. Sämtliche Bastionen wurden nach im 17. Jahrhundert amtierenden Ratsherren benannt. Von der westlichen Hafeneinfahrt aus waren dies im Uhrzeigersinn:[2]

Johannis heute östlich vor den Landungsbrücken, damals die westliche Begrenzung der Hafeneinfahrt
Albertus heute am Stintfang
Casparus heute nahe dem Bismarckdenkmal
Henricus nahe dem Museum für Hamburgische Geschichte
Eberhardus nahe der Kunsteisbahn Wallanlagen
Joachimus nahe der Laeiszhalle am Johannes-Brahms-Platz
Ulricus nahe der Staatsanwaltschaft Hamburg am Gorch-Fock-Wall
Rudolphus im heutigen Park Planten un Blomen, am U-Bahnhof Stephansplatz sind Teile der Bastion und der Befestigungsgraben gut zu erkennen
Petrus nahe dem Dammtor-Bahnhof
Diedericus am westlichen Anfang der heutigen Lombardsbrücke
David auf dem Wall, der die Außen- und Binnenalster trennt
Fernandus heute die Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle
Vincent beim Altbau der Hamburger Kunsthalle
Hieronymus nahe dem Hamburger Hauptbahnhof
Sebastian Ecke Steinstraße/Steintorwall
Bartholdus nahe den Deichtorhallen mit dem Haus der Photographie am Deichtorplatz
Ericus beim Gebäude des Spiegel-Verlags, Straßen heißen dort Ericus, Ericusspitze, Ericuspromenade, und die Deutsche Bahn hatte bis Mitte 2014 nördlich der Elbbrücken eine Ausweichanschlussstelle Awanst Ericus
Nicolaus heute Brooktorkai/Osakaallee
Gerhardus heute Sandtorkai/Sandtorpark
Ditmarus am heutigen Sandtorkai
Hermannus am heutigen Sandtorkai
Georgius vorgelagert der Insel Kehrwieder, heute die Kehrwiederspitze, damals die östliche Begrenzung der Hafeneinfahrt

Hinzu kamen 11 Ravelins mit dreieckigem Grundriss, welche die Grabenabschnitte zwischen den Bastionen schützen sollten. Die 15 Bastionen im Westen und Osten der Anlage führte man in voller Größe aus, während die Bastionen an der Südseite zum Grasbrook und der Elbe hin in kleinerer Form ausgeführt wurden.

Westlich der Stadt wurde zum Schutz des Hafens und der Bastionen Albertus und Casparus ein so genanntes Hornwerk am Elbufer im heutigen Stadtteil St. Pauli errichtet. Diese vorgeschobene Befestigungsanlage sollte gegnerische Truppen auf Distanz von der eigentlichen Festung halten.[3] Den gleichen Zweck sollte eine im Nordwesten vorgeschobene Schanze, die „Sternschanze“, erfüllen, die Namen des Stadtteils, des Sternschanzenparks und des dortigen S-/U-Bahnhofs zeugen heute von diesem Bauwerk. Die Schanze war mit den Wallanlagen durch einen sog. Laufgraben verbunden (eine Straße in dem Gebiet heißt heute noch so), sie wurde 1682 ergänzt und 1805 demoliert.[4]

Vervollständigt wurden die Wallanlagen durch ein Glacis, eine feindwärts abfallende Erdaufschüttung rund um die Stadt. Die Straßennamen "Glacischaussee" (eine der das Heiligengeistfeld umgebenden Straßen), übergehend in die Straße "Holstenglacis", erinnern daran. Die Befestigungen wurden mit fast 300 Kanonen bestückt.

Unter Berücksichtigung des Stadtwachstums umschlossen die Wallanlagen zusätzlich zu Hamburg (jetzt Altstadt) eine zum Großteil freie Fläche von annähernd gleicher Größe wie die bisherige Stadt. Hier entstand der jetzige Hamburger Stadtteil Neustadt. Die Wälle und Bastionen wurden mit Grassoden bedeckt und mit spitzen Holzpfählen versehen, die den Einsatz von Sturmleitern zur Überwindung der Wälle unmöglich machten.

Stadttore[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durchbrochen war der Wall durch Zugänge in die Stadt, die Stadttore. Das Millerntor und Dammtor durchbrachen den Wall an der West- bzw. Nordseite, das Steintor an der Ostseite der Stadtbefestigung. Sandtor und Brooktor führten zur Elbe hin. Später kamen weitere Durchlässe hinzu (Hafentor, Holstentor beim Sievekingsplatz, Klostertor und Deichtor). Die Torsperre ersetzte am 13. September 1798 den Torschluss und wurde am 31. Dezember 1860 aufgehoben.

Erweiterung: „Neues Werk“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wallanlagen auf einer Karte um 1790

Ein Wall gleicher Bauart, das sogenannte Neue Werk, wurde 1697 zum Schutz der „Vorstadt“ St. Georg gebaut.[1] Das Gelände, parallel zu den (heutigen) Straßen Sechslingspforte und Wallstraße, wurde später für das Allgemeine Krankenhaus St. Georg und die S- und U-Bahngleise am Berliner Tor genutzt. An das Lübecker Tor erinnert heute noch die Straße Lübeckertordamm und an das Berliner Tor der Berlinertordamm. Die Straße Sechslingspforte erinnert an einen Durchgang in Alsternähe, bei der für das Passieren eine Gebühr von sechs Pfennigen beziehungsweise einem halben Groschen oder halben Schilling zu zahlen war.

Aufschwung im Schutz der Befestigung und Umwandlung der Wälle in Grünanlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hamburg und Umgebung um 1800

Hamburg nahm unter dem Schutz der Wallanlagen im 17. und 18. Jahrhundert eine Sonderrolle in der deutschen Wirtschaftsgeschichte ein[5] und entwickelte sich zu einer der bedeutendsten europäischen Handelsstädte. Aufgrund seiner Stadtbefestigung kamen während des Dreißigjährigen Krieges zahlreiche Flüchtlinge in die Stadt, wodurch sich die Bevölkerungszahl stark erhöhte. Mitte des 17. Jahrhunderts war Hamburg aus dem Krieg als wohlhabendste und bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands hervorgegangen.[6][7]

Der starke Bevölkerungsanstieg führte jedoch zunehmend zu beengten Platz- und Wohnverhältnissen innerhalb der Wallanlagen. Eine Erleichterung, auch im Verkehr mit den wachsenden Nachbarorten, bildete die schrittweise Einführung der Torsperre in Hamburg ab 1798, bei der nach Torschluss der Einlass gegen Entrichtung eines Sperrgeldes möglich wurde.

Die lange Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts unterbrochen. Die Wallanlagen waren zu dieser Zeit bereits stark veraltet. Um nicht in kriegerische Ereignisse verwickelt zu werden beschloss man 1804, die Wallanlagen in einen Park umzuwandeln. Die Befestigung stellte für die Franzosen, die 1806 Hamburg einnahmen, auch kein Hindernis mehr dar. Ihrerseits begannen die Franzosen, Hamburg wieder zu einer Festung auszubauen und die Wallanlagen auf Befehl ihres Marschalls Davoust wiederherzustellen. Die Hamburger Bürger wurden dazu zu Zwangsarbeit verpflichtet.

Im Jahre 1814 endete die französische Besatzung, und Hamburg trat im darauf folgenden Jahr dem Deutschen Bund bei. Aufgrund der veränderten politischen Situation und mit Rücksicht auf die Ausdehnung der Stadt wurden die Wallanlagen von 1820 bis 1837 beseitigt und unter Leitung Isaak Altmanns in Grünanlagen umgewandelt. Ebenso waren die alten Stadttore verschwunden und gegen neue Toranlagen ausgetauscht worden, da die Torsperre, wenngleich schon länger als unzeitgemäß empfunden, erst 1860 aufgehoben wurde.

Altmanns Grünanlagen gewannen zu ihrer Zeit in ganz Deutschland vorbildhaften Charakter. Sie erlitten allerdings schon ab den 1840er Jahren (Bau der Hamburg-Bergedorfer Bahn) wieder gravierende Einbußen. Vor allem der Bau des Hamburger Hauptbahnhofes (1898–1906) mit den dazugehörigen Gleisanlagen sowie die Errichtung öffentlicher Gebäude wie der Kunsthalle, der Reichspostverwaltung und der Generalzolldirektion wirkten in der Gründerzeit zerstörerisch auf den östlichen Teil des Grünzuges ein. Nur im Westen der Innenstadt blieb er vorerst unverändert erhalten.

Wallanlagen Hamburg um 1892
(mit Teilen des Stadtgrabens)

Bereits während des Zweiten Weltkrieges, vor allem unmittelbar nach der Kapitulation 1945 wurden die sehr tiefen Gräben der Wallanlagen zur Ablagerung von Trümmerschutt aus den benachbarten Teilen der Innenstadt genutzt. Das Gelände ist infolgedessen erheblich abgeflacht.

Während noch um 1890 weite Teile des Stadtgrabens erhalten waren, verschwand dieser durch die Ablagerung von Trümmerschutt und die dadurch notwendigen Umgestaltungen bis auf ein kleines Stück im Alten Botanischen Garten am Stephansplatz. Auch hinter dem Holzdamm in St. Georg war bis zum Bau der City-S-Bahn ein kleines Stück Stadtgraben vorhanden, der „Philosophenteich“, an den jetzt nur noch der einstmals Philosophenweg bezeichnete Fußweg parallel der Bahnlinie erinnert.

Das heutige Bild der (westlichen) Wallanlagen geht überwiegend auf die Gestaltung für die Internationalen Gartenbauausstellungen 1963 und 1973 zurück.

Wallanlagen heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute sind die ehemaligen Wallanlagen in die Großen Wallanlagen, die Kleinen Wallanlagen und den Alten Botanischen Garten unterteilt. Anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung 1963 wurden diese Parkteile durch Straßenbrücken und einer (zunächst provisorischen) Straßenüberdachung zu einem durchgehenden Park zusammengeführt. Seit 1986 tragen die Wallanlagen zwischen Millerntor und Dammtor offiziell den Namen Planten un Blomen.

Lediglich die Rudolphusbastion am U-Bahnhof Stephansplatz ist teilweise erhalten geblieben.

In Planten un Blomen erinnert eine Gedenktafel der Patriotischen Gesellschaft an die Position der Bastion Rudolphus.

Auf der Bastion Casparus wurde 1906 das Bismarckdenkmal errichtet.

Zahlreiche Straßennamen erinnern an die früheren Wallanlagen, wie zum Beispiel Johannisbollwerk, Holstenwall, Dammtor, Dammtorstraße, Glockengießerwall, Lange Mühren, Kurze Mühren, Klosterwall, Hühnerposten, Millerntor, Klostertor, Deichtorplatz, Alsterglacis, Holstenglacis oder Glacischaussee. Auch nach Johan van Valckenburgh wurde eine Brücke über einen verbliebenen Teil des Wallgrabens im Park Planten un Blomen benannt.

Zwischen dem Bahnhof Dammtor und südlich des Hauptbahnhofes bis zu den Deichtorhallen nutzen die Fernbahngleise heute das Gelände der alten Festungsanlagen. Ebenso wurde die Verbindungsbahn, die den Hauptbahnhof mit dem Bahnhof Altona verband, auf dem Gelände der ehemaligen Wallanlagen errichtet. Der Straßentunnel zur Verkehrsentlastung des Hauptbahnhofs heißt Wallringtunnel.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c C.F. Gaedechens in „Hamburg, Historisch-topographische und baugeschichtliche Mittheilungen“, Verlag O. Meissner, Hamburg 1868
  2. http://www.abendblatt.de/hamburg/article688151/Wallring-Zu-Fuss-durch-die-Geschichte.html vom 25. Juni 2004.
  3. Isabelle Pantel: Die Hamburgische Neutralität im siebenjährigen Krieg. Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte (HAR), LIT-Verlag, Berlin/Münster 2011, ISBN 978-3-643-11542-3, S. 81 ff.
  4. Denkmaltopographie Deutschland, Hamburg Inventar, Eimsbüttel und Hoheluft-West, Christians Verlag, Hamburg 1996.
  5. Percy Ernst Schramm: Hamburg. Ein Sonderfall in der Geschichte Deutschlands. Hamburg 1964, S. 23.
  6. Maja Kolze: Stadt Gottes und „Städte Königin“. Hamburg in Gedichten des 16. Bis 18. Jahrhunderts, 2011, S. 10.
  7. Im Jahr 1650 hatte Hamburg 60.000 Einwohner, 1714 Köln 42.000, 1750 Nürnberg 30.000, 1662 Lübeck 26.597, 1650 Bremen 25.000, 1665 Augsburg 25.000, 1700 München 24.000, 1700 Frankfurt 23.000, 1648 Leipzig 14.000, 1648 Berlin 6.000 und 1663 Düsseldorf 4.085 – vgl. Kategorie:Einwohnerentwicklung (Deutschland) nach Gemeinde; 1650 Wien 47.500 – Andreas Weigl: „Demographischer Wandel und Modernisierung in Wien, 1707 bis 1991“ [1]