Henry van de Velde

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Henry Clement van de Velde (im belgischen Niederländisch auch Henry Clemens Van de Velde; * 3. April 1863 in Antwerpen; † 25. Oktober 1957 in Zürich) war ein belgisch-flämischer Architekt und Designer.

Henry van de Velde, 1904, Fotografie von Nicola Perscheid

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als sechstes von acht Kindern wurde Henry in eine Apothekerfamilie hineingeboren. Sein Vater, der wohlhabende Brüsseler Guillaume Charles van de Velde, organisierte nebenher Festivals für berühmte internationale Komponisten.

Henry van de Velde besuchte in Antwerpen das humanistische Gymnasium und befreundete sich zu Beginn des Schuljahres 1878/1879 im Oktober in der vierten Lateinklasse mit dem späteren Dichter Max Elskamp. Ihr Briefverkehr befindet sich im Archiv der Universität Bibliothek von Antwerpen.

Von 1880 bis 1882 studierte er an der Kunstakademie Antwerpen und anschließend Malerei im Privatatelier von Charles Verlat. Als van de Velde an der Antwerpener Kunstausstellung das Bild Bar aux Folies Bergère von Édouard Manet gesehen hatte, entschloss er sich in Paris weiter zu studieren. Hier schloss er sich der impressionistischen Malergruppe L’Art Indépendant an und Augustin Feyen-Perrin riet ihm sich bei Émile Auguste Carolus-Duran weiter zu bilden. Dieser nahm ihn 1884/1885 als einen seiner Schüler an.

Als van de Velde wieder nach Belgien zurückkehrte, suchte er die Einsamkeit und lebte vier Jahre im Gasthaus von Wechelderzande, einem kleinen Ort nahe Antwerpen. In der dortigen Künstlerkolonie befreundete er sich mit Adriaan Joseph Heymans, Florent Crabeels und Jacques Rosseels (1828–1912). Neben seinem künstlerischen Schaffen las van de Velde u. a. die Werke von Friedrich Nietzsche und Émile Zola. Im Sommer 1887 besuchte ihn die schon an Krebs erkrankte Mutter und van de Velde pflegte und porträtierte sie. Im Winter 1887/1888 kehrten sie zusammen nach Antwerpen zurück.

Van de Velde gründete 1887 zusammen mit Max Elskamp, Georges Serigier, George Morren und dem Advokaten Charles Dumercy die „Association pour l'art indépendant“. Die Vereinigung war in der Folge drei Jahre aktiv.

Ab 1888 wurde van de Velde Mitglied der Künstlervereinigung Les Vingt, der u. a. auch Auguste Rodin, James Ensor und Paul Signac angehörten.[1] In den Wintermonaten war er zusammen mit anderen Künstlern, Schriftstellern, Dichtern und Politikern oft zu Gast bei Edmond Picard. Trotz des unschätzbaren Dienstes, den die Vereinigung den neuen belgischen und ausländischen Kunstströmungen in der Malerei, der Skulptur, der Musik und in der Literatur geleistet hatte, löste sie sich nach zehn Jahren 1893 auf. Mit dem Vereinsvermögen von 50 000 Goldfranken wurde vom ‘Vingt’ Sekretär, der Kunstkritiker und Rechtsanwalt Octave Maus (1856–1919) der alljährliche stattfindende Salon unter neuen Namen ‘La Libre Esthétique’ ein Jahr später eröffnet. Octave Maus wählte sich selber zum alleinigen Verwaltungsdelegierten. Wegen des Ersten Weltkrieges musste der Salon 1914 schliessen.

Wegen einer sich anbahnenden Neurasthenie verbrachte van de Velde den Sommer 1889 bei seinem Bruder in der Blankenbergher Villa und lernte in dieser Zeit Charles van Lerberghe, mit dem er sich befreundete, sowie Émile Vandervelde und den Advokaten Max Hallet kennen.

Später zog van de Velde zu seiner älteren Schwester Jeanne und ihrem Mann nach Kalmthout ins Haus ‘Vogelenzang’. In dieser Zeit hatte er u. a. Kontakt zu Auguste Vermeylen und gestaltete für die neu gegründete Literatur-Zeitschrift Van Nu en Straks die Titelschrift.

Da van de Velde mit seinen malerischen Ergebnissen nicht zufrieden war, versuchte er durch die Kunststickerei das zu verwirklichen, was er in der Malerei glaubte nicht erreichen zu können.„Ein Gefühl von Unruhe und mangelnder Befriedigung beherrschte uns um 1890 so allgemein“, schrieb Henry van de Velde in seinen Kunstgewerblichen Laienpredigten (in deutscher Sprache 1902 erschienen). Die daraus bei ihm resultierende künstlerische Sinnkrise ließ ihn um 1893/1894 seine Laufbahn als Maler abbrechen und sich der Architektur und angewandten Kunst zuwenden.

So hielt sich van de Velde von Mitte Oktober 1892 bis Frühling 1893 bei seiner Tante, einer erfahrenen Stickerin, in Knokke-Heist auf, um bei ihr die Applikationstechnik der Tapisserie zu erlernen. Daraus entstand die Tapisserie Engelswache.

Harry Graf Kessler, Ludwig von Hofmann, Edward Gordon Craig und Henry van de Velde
Harry Graf Kessler, Ludwig von Hofmann, Edward Gordon Craig und Henry van de Velde

An Ostern 1893 besuchten ihn Théo van Rysselberghe mit seiner Frau Maria van Rysselberghe (1866–1959), Émile Verhaeren, Alfred William Finch und Maria Sèthe, die er im Mai 1894 in Uccle heiratete. Ihre Hochzeitreise führte sie zu Johanna van Gogh-Bonger, der Schwägerin von Vincent van Gogh, die in ihrem Haus in Bussum in Holland alle Bilder und Zeichnungen aufbewahrte, die ihr Mann Théo van Gogh von seinem Bruder hatte.

Nachdem van de Velde Julius Meyer-Graefe von der 1895 neu gegründeten Zeitschrift „Pan“ kennen lernte, schrieb van de Velde über die Jahre verschiedene Artikel für die Zeitschrift. Als 1895 Siegfried Bing seine Galerie in Paris unter dem neuen Namen Hôtel de l'Art Nouveau (oder Maison de l'Art nouveau) mit neuen Ausstellungsräumen umwandeln wollte, konnte van de Velde ein großes Eßzimmer, ein Rauchzimmer in Kongo-Holz, ein kleines Kabinett in Zitronenholz und einen rotundenartigen größeren Raum mit Möbeln und Wandfüllungen, die aufeinander abgestimmt sein sollten, gestalten. Die von anderen Künstlern geschaffenen Möbel, Beleuchtungskörper, Tapeten, Stoffe und Teppiche sollten Teile eines lebendigen Ganzen bilden.

Wenige Wochen nach der Eröffnung der skandalumwitterten Ausstellung besuchte eine Delegation aus Dresden, an deren Spitze der Generaldirektor der Dresdner Museen, Geheimrat Woldemar von Seidlitz stand, die Galerie. Die in Paris für Bing entworfenen und geschaffenen vier Zimmer sollten 1897 in Dresden an der Internationalen Kunstausstellung im Städtischen Ausstellungspalast wieder aufgestellt werden. Zusätzlich sollte ein großer ‘Ruheraum’ für die Besucher geschaffen werden. Für seinen Künstlerfreund Constantin Meunier wurden zwei große Säle für eine Gesamtschau seines Schaffens zur Verfügung gestellt. In Dresden angekommen bezogen sie mit ihren Frauen das Hotel Bellevue. Nach der dreiwöchigen Ausstellung war van de Velde auch in Deutschland bekannt. Auf der Rückreise besuchten sie van de Veldes Freund und ersten deutschen Auftraggeber Curt Hermann in Berlin.

Hermann und Eberhard von Bodenhausen ermöglichten es durch ihr Kapital, das van de Velde mit der so ermöglichten Gründung seiner ‘Société van de Velde’ über ein großes, im Brüsseler Vorort Ixelles gelegenes Haus verfügte. Die eigenen Werkstätten für die Herstellung von Möbeln, Beleuchtungskörpern und anderen Einrichtungsgegenständen und auch für Schmuck waren bald voll ausgelastet. Die neuen Werkstätten und seine Beziehungen zu den verschiedenen ‘Kunsthäusern’ in Paris, Berlin und Den Haag, ermöglichte es van de Velde seine eigenen Produkte auszustellen und zu verkauften sowie Aufträge einiger belgischer Intellektueller und Kunstfreunde anzunehmen, die als überzeugte Freunde der neuen Kunstströmung Möbel, Schmuckstücke und Bucheinbände bei ihm bestellten. Auch in Deutschland wuchs die Zahl der Auftraggeber. Unter ihnen befand sich der junge, aus einer angesehenen Chemnitzer Industriellenfamilie stammende Herbert Eugen Esche.

Henry van de Velde in Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Sein Mäzen Harry Graf Kessler ließ sich seine Berliner Wohnung in der Köthener Straße von ihm ausstatten, später auch die in der Cranachstraße in Weimar. Van de Velde erhob die Linie zum alleinigen Ausdrucksträger seiner Objekte, exemplarisch gesteigert zur plastischen Form erscheint sie in den berühmt gewordenen Kandelabern von 1898, die für Kessler angefertigt wurden. Kessler beteiligte sich auch an van de Veldes „Werkstätten für angewandte Kunst“ und bewegte ihn 1901 für eine Übersiedlung nach Berlin, indem er ihn in kunstinteressierten Kreisen bekannt machte und sein Programm vorstellen ließ.

Familie van de Velde vor dem Haus Hohe Pappeln

Van de Velde gilt als einer der vielseitigsten Künstler des Jugendstils bzw. Art Nouveau. Von ihm ging eine fundamentale Erneuerung der angewandten Kunst aus. Seine Arbeiten in unterschiedlichen Materialien überwanden das gegenständliche Decorum des späten 19. Jahrhunderts.

Im Jahr 1900 nahm Karl Ernst Osthaus, Gründer des Folkwang-Museums, Kontakt mit van de Velde auf und stellte ihm seine Idee eines Museums vor, das der Kunst in der Industrieregion des Ruhrgebiets einen höheren Stellenwert verschaffen sollte. Van de Velde begleitete das Museumsprojekt, gestaltete die Innenausstattung im Jugendstil und beriet Osthaus, der vorher vor allem an deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts aus der Umgebung der Düsseldorfer Malerschule interessiert war, auch bei Ankäufen von belgischen und französischen Kunstwerken. Ende 2013 wurden verschiedene von ihm entworfene Objekte aus dem Familienbesitz Osthaus in München versteigert, so eine silberne, mit Ceylon-Mondsteinen und Diamantrosen besetzte Gürtelschnalle, ein Schrank aus dem Musikzimmer sowie ein Havana-Sessel aus 1897.[2]

Harry Graf Kessler und Elisabeth Förster-Nietzsche setzte sich am Weimarer Hof dafür ein, van de Velde nach Weimar zu holen. Er hatte dabei auch den Auftrag des Großherzogs Wilhelm Ernst, sich besonders um die Produktkultur der Kunsthandwerksbetriebe und Industrie im Land zu kümmern, die bald erfolgreich nach seinen Entwürfen arbeiteten.

In Weimar zog van de Velde mit seiner Familie in ein Haus in der Cranachstraße im Wohnviertel Silberblick; es lag nur wenige hundert Meter von Elisabeth Förster-Nietzsches Villa entfernt. Zusammen mit Maria richtete er mit den wenigen beweglichen Möbeln, die sie aus Haus Bloemenwerf kommen ließen, die Wohnung ein. Sein Mitarbeiter und guter Freund der Familie, der schwedische Zeichner Hugo Westberg hatte van de Velde von Berlin nach Weimar mitgenommen. Westenberg hatte zusammen mit dem Großherzoglichen Hofkunsttischlermeisters Hermann Scheidemantel alle von van de Veldes in den Weimarer Jahre entworfenen Möbel ausgeführt. Nachdem die ursprüngliche Mietwohnung für die inzwischen 7-köpfige Familie zu klein geworden war, ließ van de Velde 1906/07 an der Belvederer Allee 58 das Jugendstil-Landhaus Haus Hohe Pappeln nach eigenen Entwürfen errichten.

Für die Räumlichkeiten seines am 15. Oktober 1902 gegründeten Kunstgewerbliche Seminar und seiner Privatateliers entschied er sich für das Prellerhaus.

Die Grossherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar wurde 1908 auf die Initiative von Van de Velde gegründet und von Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar finanziert. Bis zu ihrer Schließung im Jahr 1915 war van de Vele deren Direktor. Die Kunstgewerbeschule wurde nach 1919 Keimzelle der Bauhaus-Schule.

Im Dezember 1996 wurde der Kunstgewerbeschulbau (Van-de-Velde-Bau) zusammen mit dem Kunstschulgebäude in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Das Kunstschulgebäude (auch „Ateliergebäude“ genannt) wurde nach den Plänen von van de Velde in zwei Bauphasen 1904/05 und 1911 gegenüber dem Kunstgewerbeschulbau von 1905/06 errichtet.

1902, Münchner Kunstpalast, Van de Velde Zimmer

Van de Velde war sowohl Mitglied des 1903 gegründeten Deutschen Künstlerbundes[3] als auch des vier Jahre später gegründeten Deutschen Werkbundes, einer Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen.

Gemeinsam mit Anna Muthesius und Paul Schultze-Naumburg entwarf er auch künstlerisch inspirierte Modelle weiblicher Reformkleidung. 1902 wurde anlässlich der Industrie- und Gewerbeausstellung Düsseldorf im Ausstellungspalast ein „Van de Velde Zimmer“ eingerichtet. Von 1908 bis 1909 gestaltete er den Innenraum von Schloss Lauterbach ebenfalls im Jugendstil um. Bauaufträge des Großherzogs blieben aus. Van de Velde arbeitete als Architekt erfolgreich für private Auftraggeber. In Weimar nicht mehr realisiert wurden ein geplantes monumentales Nietzsche-Denkmal, ein Sommertheater für die Berliner Schauspielerin Louise Dumont und ein Restaurant am Ausflugsziel Webicht.

Von 1914 bis 1916 leitete van de Velde auf Wunsch seines Freundes Harry Graf Kessler während dessen Einberufung zum Wehrdienst im Ersten Weltkrieg die von Kessler gegründete Cranach-Presse in Weimar. Die Kunstgewerbeschule wurde kriegsbedingt 1915 geschlossen.

Als feindlicher Ausländer während des Ersten Weltkriegs nicht mehr gelitten, verließ van de Velde 1917 Weimar. Er hatte teilweise als Angehöriger einer „kriegsgegnerischen Nation“ politischen Druck zu ertragen. So musste er sich angeblich zeitweise dreimal täglich bei der Polizei in Weimar melden, obwohl er einen deutschen Pass besaß.

Bildnis als Holzschnitt aus dem Jahre 1917 von Ernst Ludwig Kirchner

Im Sommer 1918 kaufte van de Velde in Uttwil das ehemalige Hotel Schloss, wohin ihm seine Familie im November 1918 nachfolgte. Ihre Zwillinge gingen in die öffentliche Sekundarschule nach Dozwil. Dabei mögen finanzielle Gründe mitgespielt haben. Da van de Velde belgischer Staatsbürger war, wurde sein Guthaben auf deutschen Banken von der jungen Weimarer Republik gesperrt, so dass er sich seiner Existenzgrundlage beraubt sah. Zu den Freunden und Gästen gehörte u. a. René Schickele der auch nach Uttwil zog. Ein paar Monate lang blühte van de Veldes Traum von der Einheit von Kunst und Leben. Es kamen so viele Literaten, Musiker, Künstler und andere „Geistige“ nach Uttwil wie nie zuvor – und danach nie wieder.[4][5]

Auf van de Veles Initiative hin und mit seiner finanzieller Unterstützung verbrachte Ernst Ludwig Kirchner ab Mitte September 1917 zehn Monate im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen im Thurgau. Dort lernte Nele im Frühling 1918 Kirchner kennen und befreundete sich mit ihm und wurde seine Schülerin.

1920 bis 1926 entwarf er als Architekt für das Mäzenaten-Ehepaar Kröller-Müller ein Privatmuseum in Otterlo in den Niederlanden, das jedoch erst 1938 als Provisorium fertiggestellt wurde. 1925 erhielt er eine Professur für Architektur an der Universität Gent und wurde ein Jahr später Direktor des neu gegründeten Institut Supérieur des Arts Décoratifs (ISAD) in Brüssel. Der Neustart in Belgien war nicht einfach. Van de Velde wurde noch Jahre nach dem Ersten Weltkrieg als Germanophiler angegriffen und ihm eine angebliche deutsche Staatsangehörigkeit vorgeworfen. 1936 wurde er emeritiert, beteiligte sich aber noch an zwei Weltausstellungen, der Weltfachausstellung Paris 1937 und der 1939 New York World’s Fair. 1939 wurde van de Velde zum Mitglied der belgischen Königlichen Kommission der Monumente und Landschaften berufen. Wegen seiner Tätigkeit als Conseiller esthétique de la reconstruction, als Berater für Wiederaufbau unter der deutschen Militärverwaltung, wurde der 83-Jährige nach dem Zweiten Weltkrieg in Belgien erneut angefeindet. Er musste sich unter dem Vorwurf der Kollaboration einem entsprechenden Verfahren unterwerfen, das nach kurzer Zeit eingestellt wurde.

Auf Einladung von Maja Sacher siedelte sich van de Velde mit seiner ältesten Tochter Nele van de Velde im Herbst 1947 in der Schweiz an. Die ersten Jahre wohnten sie im Haus von der Kinderpsychiaterin Marie Meierhofer «im Holderbach», Oberägeri. Der Architekt Alfred Roth baute ihnen in der Nähe ein einfaches Bungalow-Holzhaus das sie 1957 bezogen und zeitlebens mietfrei darin leben konnten.

Kurze Zeit darauf verstarb Henry van de Velde. Van de Veldes Nachlass blieb in Brüssel zurück, wurde ihm aber teilweise von Freunden zum Verfassen seiner «Lebensreise» ins Exil gebracht. Nele wohnte mit ihrem Foxterrier «Chipa» bis zu ihrem Tod weiterhin im Haus in Oberägeri.[6][7]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maria und die Kinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marias Vorfahren waren Schotten. Der Großvater arbeitete als Astronom am Hof eines Prinzen von Hessen. Er wurde zunächst Deutscher, später Holländer. Ihre Mutter stammte aus dem Rheinland und versammelte in ihrem Haus junge Virtuosen und Künstler aus dem Kreis der Künstlervereinigung Les Vingt. Maria wuchs die ersten drei Jahre in Paris auf, bevor die Familie 1870 nach Uccle in Brüssel an den Dieweg zog. Ihr Vater war Industrieller und eine ihrer Schwestern heiratete Paul Du Bois.

Als leidenschaftliche Klavierspielerin erhielt sie Unterricht beim Maler Théo van Rysselberghe, über den sie 1893 van de Velde kennenlernte. Um das Arts and Crafts Movement kennenzulernen, reiste sie noch im gleichen Jahr nach London. Hier studierte sie u. a. die Stoffornamentik von William Morris.

Die Villa Bloemenwerf war Henry van de Veldes erstes Werk
Villa Bloemenwerf

Nach der Hochzeit im Jahre 1894 lebte das Paar im Haus der Eltern von Maria. Im Auftrag seiner Schwiegermutter entwarf er mit Maria für ihre Schwester Irma, die eine begabte Geigerin und Schülerin von Eugène Ysayes war, die Möbel für ihren Salon. Das Hauptstück war ein Violinenschrank für ihre drei Instrumente.

Als van de Veldes erstgeborene Tochter kurz nach der Geburt im Frühling 1895 verstarb, erwarb seine Schwiegermutter gegenüber ihrem Haus eine Landparzelle, auf der er und seine Frau ein eigenes Haus bauten. Nach van de Veldes eigenem Credo ‘daß jeder, der ein Heim nach seinem Geschmack, seinem Willen und seinem Herzen errichten wolle, die Pläne eines solchen Hauses selbst ausführen könne’ genügte es ihm nicht, die Pläne des Hauses zu entwerfen, sondern er entwarf alles, was zur Einrichtung und zur Ausschmückung gehörte, außer der sanitären Anlage, der Heizung und anderen industriellen Bestandteilen – zu denen die englischen Messingbetten gehörten –, die wie die Pläne von Bloemenwerf das Prinzip des „Vernunftgemäßen“ verkörperten. Ihr Haus Bloemenwerf benannten sie nach einem bescheidenen Landhaus, das sie auf ihrer Hochzeitsreise zwischen Utrecht und Amsterdam entdeckt hatten. Sie konnten im Frühjahr 1896 in das Haus einziehen.

1896 kam ihr Sohn zur Welt, der ein paar Tage nach seiner Geburt verstarb. Die nachfolgenden Töchter Cornélie Jenny (Nele) (1897–1965), Hélène Johanna Rosina (Puppie, Lene, Helen) (1899–1935) und Anne Sophie Alma (1901–1944) kamen in Bloemenwerf zur Welt. Im Jahr 1904 wurden in Weimar die Zwillinge Thylbert (Thyl) († 1980) und Thylberthe (Thylla) († 1955) geboren. Nele, Helen und Anne besuchten ab 1907 die Freie Schulgemeinde Wickersdorf.

Während der Ehemann und Vater viel reiste, führte die Familie in der Weimarer Zeit „ein ruhiges Leben in der Residenz“. Maria unterstützte ihren finanziell unbekümmerten Mann mit vielen Aktivitäten. Sie nahm Untermieter auf, organisierte den Verkauf des Hauses und einiger Gemälde aus ihrer privaten Sammlung. Die älteren drei Töchter brachte sie während des Ersten Weltkriegs bei Freunden unter.[8][9]

Helen heiratete 1923 den Hamburger Bankier(ssohn) Joachim von Schinckel, mit dem sie auf Gut Schwechow bei Schwerin zog. Mit Joachim hatte sie zwei Kinder. In Hamburg-Blankenese baute Henry für das Ehepaar Helen und Joachim 1928 eine Villa. Nach langer Krankheit verstarb Helen im Jahre 1935.

Anne Sophie ging nach dem Besuch der Wickersdorf-Schule in Jena zur Schule und lebte 1919/20 mit ihrem Bruder in einem Internat in St. Gallen, danach mit ihren Eltern in den Niederlanden. Nach Abschluss eines Chemiestudiums heiratete die Laborantin und begeisterte Ruderin im Jahre 1927 den Agraringenieur Joachimus von Houweninge, mit dem sie nach Java zog, wo ihr Mann eine Plantage leitete. Die dreifache Mutter starb 1944 in einem Internierungslager in Surabaya an Unterernährung. Ihre Kinder und ihr Mann überlebten und kehrten nach Europa zurück.

Grab von Henry van de Velde und Maria van de Velde-Sèthe in Tervuren

Thyl verschrieb sich früh der Landwirtschaft und züchtete schon als Junge Kaninchen. Über die Erlöse konnte er frei verfügen, stiftete aber die „Karnickelkasse“ der notleidenden Familie im Ersten Weltkrieg. 1929 heiratete er Leentje, die Tochter des flämischen Schriftstellers Herman Teirlinck. In zweiter Ehe heiratete Thyl Rachel van de Berghe. Nach dem Tod des Vaters wurden von ihm und Nele die Memoiren unter Mitwirkung des Kunsthistorikers Hans Curjel aufgearbeitet. Bis zu seinem Tod im Jahr 1980 betreute er den künstlerischen Nachlass des Vaters.

Thylla wurde die künstlerische Begabung ihrer Eltern ebenfalls in die Wiege gelegt. Mit 26 Jahren ging sie an die von ihrem Vater neu gegründete Designhochschule La Cambre in Brüssel und heiratete im selben Jahr, zwei Wochen nach der Eheschließung ihres Zwillingsbruders, Pierre Janlet, Kunstliebhaber und späterer Museumsdirektor. 1941 heiratete Thylla den jüngsten Sohn der Familie von Anton und Helene Kröller-Müller, Bob Kröller. Die Familie Kröller-Müller war seit den 1920er Jahren ein wichtiger Auftraggeber von van de Velde. 1955 erkrankte Thylla schwer und verstarb im selben Jahr in der Schweiz.

Maria van de Velde verstarb 1943 an den Folgen einer Krebserkrankung. Henry van de Velde starb 1957 in Zürich und fand in der von ihm gestalteten Grabstätte auf dem Gemeindefriedhof von Tervuren neben seiner Frau seine letzte Ruhestätte.[10]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2013: Leidenschaft, Funktion und Schönheit – Henry van de Velde und sein Beitrag zur Europäischen Moderne, Klassik Stiftung Weimar in Kooperation mit den Musées royaux d’Art et d’Histoire, Brüssel.[11]
  • 2013: Der Architekt Henry van de Velde, Bauhaus-Universität Weimar.[12]
  • 2014: Henry van de Velde – Interieurs, Museum für Gestaltung Zürich.[13]

Galerie einer Auswahl seiner Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauten (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der sogenannte „Bücherturm“ der Universität Gent (rechts im Bild)
Gut Nettehammer, Luftaufnahme (2016)

Varia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zum Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ im Jahr 2019 brachte die Uhrenwerk Weimar GmbH eine Henry van de Velde-Uhr als Sonder-Edition heraus.[16] Ein deutsch-belgisches Konsortium hatte 2017 die Markenrechte für die Bezeichnung „Uhrenwerk Weimar“ zur Produktion von Uhren erworben[17][18]; einer von zwei Geschäftsführern der Uhrenwerk Weimar GmbH ist Thomas Kemmerich.[19]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henry van de Velde: Zum neuen Stil. Aus seinen Schriften ausgewählt und eingeleitet von Hans Curjel. München : Piper, 1955
  • Henry van de Velde: Geschichte meines Lebens Hrsg. und aus dem Manuskript übertragen Hans Curjel. München : Piper, 1962 (PDF)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Van de Velde: „… für den neuen Stil kämpfen …“. Henry van de Veldes Beitrag zum Start in die Moderne vor 100 Jahren. Hrsg. von Birgit Schulte im Auftrag der Henry van de Velde-Gesellschaft Hagen. Mit Beiträgen von Manfred Osthaus, Ulrike Büttner, Steven Jacobs, Alexandre Kostka, Rainer Stamm, Birgit Schulte, Doreen Helms, Priska Schmückle von Minckwitz, Tilo Richter, Sabine A. Teubner-Treese. Neuer Folkwang Verlag im Karl Ernst Osthaus-Museum, Hagen 2003, ISBN 3-926242-53-1.
  • Birgit Schulte (Hrsg.): Henry van de Velde in Hagen. Mit Beiträgen von Birgit Schulte, Michael Fehr, Karl Ernst Osthaus, Julius Posener und Sebastian Müller. Neuer Folkwang Verlag im Karl Ernst Osthaus-Museum, Hagen 1992, ISBN 3-926242-11-6.
  • Thomas Föhl: Henry van de Velde. Architekt und Designer des Jugendstils. Weimarer Verlagsgesellschaft, Weimar 2010, ISBN 978-3-939964-02-5.
  • Thomas Föhl, Antje Neumann: Henry van de Velde. Raumkunst und Kunsthandwerk. Ein Werkverzeichnis in sechs Bänden. Band 1: Metallkunst. Henschel, Leipzig 2009, ISBN 978-3-86502-221-9.
  • Thomas Föhl, Antje Neumann: Henry van de Velde. Raumkunst und Kunsthandwerk. Ein Werkverzeichnis in sechs Bänden. Band 2: Textilien. Henschel, Leipzig 2014, ISBN 978-3-86502-230-1.
  • Thomas Föhl, Antje Neumann: Henry van de Velde. Raumkunst und Kunsthandwerk. Ein Werkverzeichnis in sechs Bänden. Band 3: Keramik. Henschel, Leipzig 2016, ISBN 978-3-86502-231-8.
  • Thomas Föhl, Sabine Walter (Hrsg.): Leidenschaft, Funktion und Schönheit. Henry van de Velde und sein Beitrag zur europäischen Moderne. Katalog zu der Ausstellung im Neuen Museum Weimar 2013 (3. April bis 23. Juni), aus Anlass des 150. Geburtstags des Künstlers. Klassik-Stiftung Weimar, Weimarer Verlagsgesellschaft, Weimar 2013. ISBN 978-3-86539-685-3.
  • Albert Vigoleis Thelen: Eine Begegnung mit Henry van de Velde, geschrieben in Amsterdam zum 90. Geburtstag des Baumeisters. In: Muschelhaufen, Jahresschrift für Literatur und Grafik (ISSN 0085-3593), Jahrgang 2000, Nr. 39/40.
  • Katharina Metz, Priska Schmückle von Minckwitz, Tilo Richter: Henry van de Veldes Villa Esche in Chemnitz. Ein Gesamtkunstwerk zwischen Jugendstil und Sachlichkeit. Birkhäuser, Basel / Boston / Berlin 2003, ISBN 3-7643-6991-4.
  • Nicolaus Schubert: Uttwil, das Dorf der Dichter und Maler. Sechs Lebensbilder. Ges. Frohsinn, Uttwil 1986 (2. Auflage 1991), S. 13–29 (mit Abbildungen, betrifft vor allem seinen Schweizer Aufenthalt in Uttwil am Bodensee)
  • Christina Threuter: Stoffwechsel. Moderne Architektur als Bild. In: From Outer Space, Moderne Architekturtheorie außerhalb der Disziplin, 10. Jahrgang, Heft 2 (vom September 2006). (online) (zu van de Veldes Theorie und Praxis hinsichtlich weiblicher Reformkleidung)
  • Katharina Hohmann, Heike Hanada (Hrsg.): Hotel van de Velde. (ortsbezogenes Ausstellungsprojekt im ehemaligen Palais Dürckheim, mit Beiträgen über die Familie Dürckheim und ihre Beziehung zu Henry van de Velde (Thomas Föhl) und zur Geschichte des Palais Dürckheim (Katrin Greiser)) Max Stein Verlag, Weimar 2007, ISBN 978-3-939615-02-6.
  • A. M. Hammacher: Die Welt Henry van de Veldes. Mercator, Antwerpen / DuMont Schauberg, Köln 1967.
  • Antje Neumann, Brigitte Reuter: Henry van de Velde in Polen. Die Innenarchitektur im Sanatorium Trebschen / Trzebiechów. Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam 2007, ISBN 978-3-936168-26-6.
  • Rouven Lotz: Der Hagener Hohenhof. Das Landhaus für Karl Ernst Osthaus von Henry van de Velde. ardenkuverlag, Hagen 2009, ISBN 978-3-932070-89-1.
  • Ursula Muscheler: Möbel, Kunst und feine Nerven. Henry van de Velde und der Kultus der Schönheit. Berenberg Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-937834-50-4.
  • Camilla Blechen: Ein Weltmann erträgt die Provinz. Weimar präsentiert Höhepunkte und Schwachstellen im Werk des Alleskönners Henry van de Velde. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. April 2013, S. 29.
  • Luise Schendel: 150 Jahre Schaffenskraft. Heute hätte der belgische Ausnahmekünstler Henry van de Velde Geburtstag gefeiert. In: Thüringische Landeszeitung vom 3. April 2013.
  • Carsten Ruhl / Rixt Hoekstra / Chris Dähne (Hg.): The Death and Life of the Total Work of Art – Henry van de Velde and the Legacy of a Modern Concept", JOVIS Verlag Berlin 2015, ISBN 978-3-86859-261-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Henry Van de Velde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. s. Velde, Henri Clemens van de in: Harald Olbrich (Hrsg.): Lexikon der Kunst. Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie. Band VII: Stae–Z, E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2004. ISBN 3-86502-084-4 (S. 576f)
  2. Der richtige Schmuck für die schwungvolle Taille in FAZ vom 28. Dezember 2013, Seite 36.
  3. s. Van de Velde, H., Professor, Architekt, Weimar, Lassenstr. 29. im DKB-Mitgliederverzeichnis im Katalog 3. Deutsche Künstlerbund-Ausstellung, Weimar 1906. S. 58 online (abgerufen am 23. Mai 2016)
  4. Urs Oskar Keller: Ein Weltmann in der Provinz. St. Galler Tagblatt, 14. Oktober 2013, abgerufen am 21. März 2020.
  5. Gemeinde Uttwil: Ein Ort der Künste. Abgerufen am 21. März 2020.
  6. Alfred Roth: Henry Van de Velde zum 90. Geburtstag In: Architektur und Kunst, Bd. 40, Heft 4, 1953, S. 47–48.
  7. Einwohnergemeinde Oberägeri: Van de Velde, Bungalow im Holderbach. Abgerufen am 16. April 2020.
  8. Thomas Föhl: Henry van de Velde: Architekt und Designer des Jugendstils. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2010, S. 334 (Auszug von dieser Buchseite).
  9. Klassik Stiftung Weimar: Die Familie van de Velde (Memento vom 26. August 2018 im Internet Archive)
  10. knerger.de: Das Grab von Henry van de Velde
  11. Thomas Föhl, Sabine Walter (Hrsg.): Leidenschaft, Funktion und Schönheit – Henry van de Velde und sein Beitrag zur Europäischen Moderne (Katalog). Weimar 2013.
  12. Mitteilung zur Ausstellung
  13. Henry van de Velde – Interiors. (Nicht mehr online verfügbar.) In: museum-bellerive.ch. Christian Brändle, Museum für Gestaltung Zürich, Museum Bellerive, archiviert vom Original am 30. September 2016; abgerufen am 30. September 2016.
  14. Villa Leuring (Huis de Zeemeeuw)
  15. Quittenbaum Auktion Los 124A 20
  16. https://uhrenwerk-weimar.de/de/uhren/henry-van-de-velde/, abgerufen am 5. Februar 2020
  17. https://uhrenwerk-weimar.de/de/our-story/, abgerufen am 5. Februar 2020
  18. https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/registerhabm?AKZ=017378861, abgerufen am 5. Februar 2020
  19. https://uhrenwerk-weimar.de/de/impressum/, abgerufen am 5. Februar 2020