Reinhard Höppner

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Reinhard Höppner 2008

Reinhard Höppner (* 2. Dezember 1948 in Haldensleben; † 9. Juni 2014 in Magdeburg) war ein deutscher Mathematiker, Politiker (SPD) und Autor. Von 1994 bis 2002 war er Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt.

Leben und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als jüngstes von drei Kindern des evangelischen Pfarrers Franz Höppner wuchs Reinhard Höppner in Magdeburgerforth und Prösen auf. Er nahm als Schüler an den Internationalen Mathematik-Olympiaden 1966 und 1967 teil und erhielt dort eine Silber- bzw. Goldmedaille. Nach dem Abitur 1967 an der EOS in Elsterwerda studierte er Mathematik an der TU Dresden und schloss das Studium 1971 als Diplom-Mathematiker ab. 1976 promovierte er extern an derselben Universität mit einer Doktorarbeit zum Thema „Fixpunktaussagen für erweiterte Submarkoffsche Operatoren“ zum Dr. rer. nat.[1] Der Zugang zu einer wissenschaftlichen Karriere blieb ihm aufgrund seiner Aktivitäten in der Evangelischen Studentengemeinde Dresden verwehrt.[2]

Von 1971 bis 1989 war Höppner Lektor und Fachgebietsleiter für Mathematikliteratur im Akademie-Verlag Berlin. Seit 1980 war er ehrenamtlich in führenden Positionen im Bereich der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und ab 1994 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag sowie von 1990 bis 2006 als Politiker in verschiedenen Ämtern tätig. Seit 2006 widmete er sich vorwiegend seinem ehrenamtlichen Engagement und seinen publizistischen Tätigkeiten.

Reinhard Höppner war verheiratet mit Renate Höppner, der evangelischen Pfarrerin in der Kreuzgemeinde in Magdeburg, und Vater dreier Kinder. Er starb in der Nacht zum 9. Juni 2014 nach langer schwerer Krankheit[3] und erfuhr am 14. Juni 2014 im Magdeburger Dom in einem Gedenkgottesdienst eine Würdigung unter Beteiligung kirchlicher und politischer Persönlichkeiten.

Politische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 1989 trat Höppner in die neu gegründete SDP der DDR ein und wurde mit der Vereinigung der ost- und westdeutschen Sozialdemokraten Mitglied der SPD. Höppner war viermal Spitzenkandidat seiner Partei in Sachsen-Anhalt und acht Jahre – von 1994 bis 2002 – Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt.[4] Von 1990 bis 2002 war er Mitglied im Parteivorstand der SPD. Er war außerdem Mitglied des Vorstandes des Forums Ostdeutschland der Sozialdemokratie.[5]

Volkskammer 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 1990 wurde Höppner Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Entgegen einer informellen Absprache zwischen den Koalitionsparteien wurde Höppner jedoch nicht zum Präsidenten der Volkskammer, sondern zum Vizepräsidenten gewählt.[6] In dieser Funktion leitete er besonders die schwierigen Sitzungen, wobei ihm seine parlamentarische Erfahrung als Präses der Synode zugutekam.[7] Unter anderem leitete Höppner die dramatische Sondersitzung der Volkskammer am 22./23. August 1990,[8] auf der der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zum 3. Oktober 1990 beschlossen wurde.[9] Bis zum Ende der DDR war Höppner außerdem stellvertretendes Staatsoberhaupt, nachdem das Präsidium der Volkskammer durch die Abschaffung des Staatsrates zum höchsten Gremium geworden war.

Im September 1990 auf einer Wahlkampfveranstaltung in Leipzig mit Oskar Lafontaine und Anke Fuchs

Land Sachsen-Anhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit den ersten Landtagswahlen 1990 bis zur Wahl 2006 war Höppner Mitglied des Landtages von Sachsen-Anhalt. In der ersten Wahlperiode war er Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion und Oppositionsführer.

Magdeburger Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Magdeburger Modell

Bei den Landtagswahlen 1994 kandidierte Höppner nach 1990 zum zweiten Mal als Spitzenkandidat der SPD. Bei diesen Wahlen konnte die SPD deutliche Gewinne erzielen und erreichte mit 34,0 % der Zweitstimmen nur 0,4 Prozentpunkte weniger als die CDU. Da die FDP mit 3,6 % (−9,9 Prozentpunkte) aus dem Landtag ausgeschieden war, gab es für den bisherigen Ministerpräsidenten Christoph Bergner (CDU) keine regierungsfähige Mehrheit mehr. Stattdessen kam es zu Koalitionsverhandlungen zwischen der SPD und den Grünen über die Bildung einer Minderheitsregierung, die innerhalb weniger Tage erfolgreich abgeschlossen wurden. Am 21. Juli 1994 wurde Reinhard Höppner im dritten Wahlgang zum Ministerpräsidenten gewählt.[10] Dieses als Magdeburger Modell bekannte Modell einer Minderheitsregierung auf Landesebene wurde bundesweit kontrovers diskutiert, da es auf eine Tolerierung durch die PDS angewiesen war.

Bei den Landtagswahlen 1998 konnte die SPD ihren Stimmenanteil ausbauen (35,9 %), während die CDU deutliche Verluste erlitt (22 %). Auch die Grünen mussten Stimmverluste hinnehmen und verfehlten den Einzug in den Landtag. Damit war eine Fortsetzung des Tolerierungsmodells in der bisherigen Konstellation nicht möglich. Nachdem Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU gescheitert waren, wurde die Tolerierung unter einer SPD-Alleinregierung mit Reinhard Höppner als Ministerpräsidenten fortgesetzt.

Bei den regulären Wahlen 2002 verlor die SPD fast 16 Prozentpunkte, während die CDU fast ebenso viel gewann. Höppner trat daraufhin von seinen Ämtern zurück.[11] Er blieb bis zu den Wahlen 2006 Mitglied des Landtages und widmete sich zuletzt vorwiegend seinen publizistischen und kirchlichen Aufgaben.

Kabinette[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehrenamtliches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Höppner war von 1972 bis 1994 Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und von 1980 bis 1994 Präses der Synode der Kirchenprovinz Sachsen. Während der 1980er-Jahre war er wesentlich an der Gestaltung des Konziliaren Prozesses beteiligt[12] und vertrat die Kirche der DDR auch auf der Ökumenischen Versammlung 1989 in Basel, die er auch mit vorbereitete.[13]

Deutscher Evangelischer Kirchentag und Reformationsjubiläum 2017[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchentagspräsident Reinhard Höppner spricht auf dem Abschlussgottesdienst des Kirchentages in Köln 2007

Seit 1994 war Höppner Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages und von 2001 bis 2007 Mitglied im Vorstand des Präsidiums. Höppner war Präsident des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Köln 2007. Im „Leitungskreis Reformationsjubiläum 2017“, den die Evangelische Kirche in Deutschland und der Deutsche Evangelische Kirchentag am 27. Mai 2013 gründeten, übernahm Reinhard Höppner den Vorsitz.[14]

Weiteres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Höppners vielfältigen weiteren Tätigkeiten gehörte seine Mitarbeit im Beirat zur Förderung, Unterstützung und Begleitung des Projektes „Bibel in gerechter Sprache“. Er war Vorstandsmitglied der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt,[15] Mitglied im Stiftungskuratorium des Wittenberg Zentrum für Globale Ethik e.V. (WCGE),[16] stellvertretender Vorsitzender der Martin Niemöller Stiftung[17] und ab 2003 Vorsitzender der „Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V“, Trägerin einer Begegnungsstätte für Dialog und Reflexion im ehemaligen Anwesen des Widerstandskämpfers Adam von Trott zu Solz in Bebra-Imshausen.

Von 1996 an war Höppner Mitglied in der von Marion Gräfin Dönhoff und Richard von Weizsäcker initiierten „Neuen Mittwochsgesellschaft“.[18]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Anerkennung seiner Leistungen bei der Vermittlung von Wissenschaft, Politik, Kultur und Religion erhielt er im Jahre 2009 die Ehrendoktorwürde der Universität Paderborn.[19] Höppner war Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Segeln gegen den Wind. Texte und Reden und ein Gespräch mit Günter Gaus. Radius-Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-87173-081-5.
  • Zukunft gibt es nur gemeinsam. Ein Solidaritätsbeitrag zur Deutschen Einheit. Karl Blessing Verlag, München 2000, ISBN 3-89667-145-6.
  • Acht unbequeme Jahre. Innenansichten des Magdeburger Modells. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2003, ISBN 3-89812-175-5.
  • Wandern über das Wasser. Begegnungen zwischen Bibel und Politik. Radius-Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-87173-257-5.
  • Bleiben, wohin uns Gott gestellt hat. Zeitzeugen berichten über die Kirche in der DDR. Hrsg. von Reinhard Höppner, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, ISBN 3-374-02207-3.
  • Arbeit aus, alles aus? Politik am Ende der Arbeitsgesellschaft. Anderbeck-Verlag, Anderbeck 2005, ISBN 3-937751-27-0.
  • Versucht es doch! 3 % reichen, die Gesellschaft zu verändern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-06515-1.
  • Wunder muss man ausprobieren. Der Weg zur deutschen Einheit. Aufbau-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-351-02680-6.
  • Die SPD und DIE LINKE. Einsichten aus Ost und West. mit Egon Bahr. Vorwärts Buch Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86602-043-6.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Reinhard Höppner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reinhard Höppner im Mathematics Genealogy Project (englisch)
  2. Klaus Härtung: Ein Meister des Konsenses. In: Die Zeit 30/1994
  3. Reinhard Höppner ist tot, Meldung des Tagesspiegel vom 9. Juni 2014.
  4. Reinhard Höppner über Minderheitsregierungen: „Mit Basta ist da nichts“. In: Süddeutsche Zeitung. 15. Juli 2010. (Interview: Lars Langenau)
  5. Forum Ostdeutschland auf www.spd.de
  6. Von hinten umarmt. In: Der Spiegel. Nr. 15, 1990, S. 28–29 (online9. April 1990).
  7. Richard Schröder: „Plötzlich sollte ich für mich selbst werben“. In: Zeit online 18. März 2010
  8. Klaus Taubert: Die Nacht als die DDR unterging. In: Zeitgeschichten auf Spiegel Online
  9. Videoaufzeichnungen der Volkskammersitzungen im Deutschen Rundfunkarchiv führen Themen und Sitzungsleitung auf.
  10. Sven Thomas: Regierungspraxis von Minderheitsregierungen: Das Beispiel des Magdeburger Modells. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-8244-4539-5, S. 23f
  11. CDU-Wahlsieger will "zuerst auf FDP zugehen", Artikel vom 21. April 2002 auf von Holger Kulick Spiegel Online
  12. Hans-Joachim Veen, Peter März, Franz-Josef Schlichting: Kirche und Revolution: das Christentum in Ostmitteleuropa vor und nach 1989. Köln, Böhlau 2009, ISBN 978-3-412-20403-7, S. 38
  13. Katharina Kunter: Erfüllte Hoffnungen und zerbrochene Träume: evangelische Kirchen in Deutschland im Spannungsfeld von Demokratie und Sozialismus (1980–1993). Göttingen, Vandenhoeck&Ruprecht, ISBN 978-3-525-55745-7, S. 58
  14. kirchentag.de
  15. Tobias Thiel: Dankbar und traurig nehmen wir Abschied von Reinhard Höppner. Meldung. Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e. V., abgerufen am 29. November 2015.
  16. http://www.wcge.org/html/de/39.htm Wittenberg Zentrum für Globale Ethik e.V.
  17. http://www.martin-niemoeller-stiftung.de/2/vorstand/a119 Webseite der Martin Niemöller Stiftung
  18. Marion Graefin Dönhoff: Bürger und Staat. In: Die Zeit 14/1998
  19. Ehrendoktorwürde für Ministerpräsident a. D. Dr. Reinhard Höppner. Pressemitteilung. Universität Paderborn, 29. April 2009, abgerufen am 29. November 2015.