Schwarz-rot-grüne Koalition

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Schwarz-rot-grüne Koalition auch Rot-schwarz-grüne-Koalition (mitunter Kenia-Koalition oder Afghanistan-Koalition[1] genannt) ist eine Regierungskoalition, die aus einer konservativen oder christdemokratischen Partei, einer sozialistischen oder sozialdemokratischen Partei sowie einer grünen Partei besteht.

Zum Begriff Kenia-Koalition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck „Kenia-Koalition“ kommt von den Farben der Flagge Kenias, wobei die Farbe schwarz für Konservative, rot für die linksgerichtete und grün für die ökologische Partei steht. Ein politisch-inhaltlicher Bezug des Begriffs zum afrikanischen Staat Kenia besteht nicht.[2] Der Ausdruck „Kenia-Koalition“ lässt in Quellen offen, ob die den Regierungschef stellende Partei schwarz zu sein habe, und Grün der Juniorpartner, oder auch Rot–Schwarz–Grün unter linker Führung unter den Begriff fiele – eine rot–schwarz–grüne Flagge hat beispielsweise Libyen.[3] Die Bezeichnung war in Österreich, wo es diese Koalitionen seit 2003 gibt, völlig unüblich, und wurde erst aus dem Sprachgebrauch der deutschen Politik um 2008 übernommen.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

CDU/CSU
SPD
Bündnis 90/Die Grünen

In Deutschland wird eine Koalition aus einer der beiden Unionsparteien (CDU/CSU), der SPD und Bündnis 90/Die Grünen als schwarz-rot-grüne Koalition bezeichnet.

Schwarz-Rot-Grün auf Bundesebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge der gescheiterten Sondierungsgespräche für die Bildung einer Jamaika-Koalition nach der Bundestagswahl im September 2017 wurde eine Schwarz-Grüne-Minderheitsregierung unter Tolerierung durch die SPD in die Diskussion gebracht. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel sah in einer echten Kenia-Koalition wegen des Gleichgewichts der Lager im Regierungsbündnis eine Chance, Wolfgang Thierse und Gesine Schwan werteten ein solches Bündnis als kreativen Ausweg; doch für die Fraktionsvorsitzende der Grünen Katrin Göring-Eckardt wäre Schwarz-Grün zu instabil, Schwarz-Rot-Grün wegen der Mehrheit von SPD (153 Mandate), CDU (200) und CSU (46) überflüssig, die Kanzlerinnenmehrheit läge bei 355 Stimmen; Union und SPD müssten "gut erklären wofür sie uns brauchen".[4] Auf dem Parteitag am 25. November beschlossen die Grünen ihre Bereitschaft für Verhandlungen zu einer Regierungsbeteiligung der Ökopartei auch an einer Minderheitsregierung.[5]

Im Juni 2018 eskalierte innerhalb der Union der Streit um die Folgen der Flüchtlingskrise in Deutschland. Es wurde über den möglichen Zerfall des Unionsbündnisses, eine Auflösung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und somit der schwarz-roten Koalition diskutiert.[6] Als mögliche Folge wurde eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen ohne Beteiligung der CSU ins Spiel gebracht.[6]

Landesebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Sondierungen in Thüringen (2014)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Landtagswahl in Thüringen 2014 konnte die bestehende schwarz-rote Koalition aus CDU und SPD ihre Mandatsmehrheit mit 46 von 91 Sitzen knapp verteidigen. Eine rot-rot-grüne Koalition aus der Linkspartei, der SPD und den Grünen kam ebenfalls auf 46 Sitze. Hingegen hätte eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen eine sichere Mehrheit von 52 Sitzen, sodass die Grünen zu Sondierungsgesprächen für die Bildung einer von den Medien als „Afghanistan-Koalition“ bezeichneten Regierungskoalition eingeladen wurden.[1] Die Grünen-Spitzenkandidatin Anja Siegesmund zeigte sich zwar skeptisch einer solchen Koalition gegenüber, lehnte Gespräche allerdings nicht ab.[1] Für die Koalition sprachen sich unter anderem der thüringische CDU-Fraktionschef Mike Mohring[1] und der Jenaer Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) aus.[7] Die Sondierungsgespräche scheiterten jedoch, sodass eine rot-rot-grüne Koalition gebildet wurde, welche Bodo Ramelow von der Linkspartei zum Ministerpräsidenten wählte.

Erste Koalition auf Landesebene in Sachsen-Anhalt (seit 2016)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Folge starker Verluste der SPD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2016 verloren die schwarz-rote Koalition um Reiner Haseloff und das Kabinett Haseloff I ihre Mehrheit im Landtag. Als Zweierbündnisse wären lediglich eine Koalition aus CDU und Linkspartei sowie ein Bündnis aus CDU und der aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft aufgestiegenen AfD möglich gewesen.[8] Die CDU hatte jedoch vor der Wahl ein Bündnis mit der AfD ausgeschlossen; der Linken-Spitzenkandidat Wulf Gallert erklärte, seine Partei gehe in die Opposition.[8] Einen Tag nach der Wahl teilten die Spitzen von SPD und Grünen mit, die Einladung zu Sondierungsgesprächen seitens der CDU anzunehmen.[9] Nach den Sondierungen stimmten die Spitzen aller drei Parteien für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.[10]

Der ausgehandelte Koalitionsvertrag wurde am 23. April 2016 von den Landesparteitagen aller drei beteiligten Parteien angenommen. Die Wiederwahl Reiner Haseloffs als Ministerpräsident und die damit verbundene Amtsübernahme der neuen Landesminister im Kabinett Haseloff II erfolgten am 25. April im zweiten Wahlgang.[11]

Schwarz-Rot-Grün auf kommunaler Ebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf kommunaler Ebene gibt es im thüringischen Jena seit 2009 eine schwarz-rot-grüne Koalition.[12] Nach der Kommunalwahl in München 2014 wurde nach dem Verlust der Mehrheit für die bis dato regierende Regenbogenkoalition aus SPD, Grünen und Rosa Liste München über die Bildung einer schwarz-rot-grünen Koalition verhandelt; die Gespräche scheiterten jedoch.[13] Ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen regierte von 2011 bis 2016 im Berliner Bezirk Lichtenberg.[14]

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

SPÖ
ÖVP
Die Grünen – Die Grüne Alternative

In Österreich bezeichnet die Kenia-Koalition eine Koalition aus der konservativen ÖVP, der sozialdemokratischen SPÖ und den Grünen.

Keine solche Koalition war die von 2003 bis 2015 bestehende oberösterreichische Landesregierung. Sie war eine Schwarz-grüne Koalition, die rote Regierungsbeteiligung bestand aufgrund des Proporzsystems.

Rot-Schwarz-Grün auf Bundesebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwarz-Grün auf Bundesebene wurde erstmals ernsthaft nach der Nationalratswahl 2002[15] angedacht, als ÖVP-Kanzler Schüssel einen guten Wahlerfolg einfuhr, und der Koalitionspartner FPÖ von Krisen zerrüttet war. Das Experiment wurde im Besonderen auch aus dem Ausland nahegelegt, da die Koalition mit der Partei Jörg Haiders als politischer Fauxpas Österreichs gesehen wurde. Letztlich entschied sich Schüssel aber dafür, mit dem schwächelnden Partner weiterzuarbeiten (II. Kabinett Schüssel), um seine Regierungsabsichten frei umsetzen zu können. Da bei der Abwahl Schüssels 2006 eine Große Koalition ausverhandelt wurde, war eine grüne Beteiligung nicht mehr im Gespräch.

Bei der Nationalratswahl 2008[16] erreichte die Große Koalition SPÖ-ÖVP (Kanzler Gusenbauer – Vize Molterer) zwar die absolute Mehrheit, allerdings hätte die Koalition unter Einbezug der Grünen eine Zweidrittelmehrheit gehabt. Diese Option Rot–Schwarz–Grün wurde erstmals explizit von Franz Fischler vorgeschlagen. Jörg Haider vom BZÖ gab in einem Interview bekannt, dass er jede Koalition „besser für Österreich“ als die Große Koalition halte. Grünen-Chef Alexander Van der Bellen schloss ein Bündnis mit ÖVP und SPÖ nicht aus,[17] die Parteibasis blieb in weiten Bereichen aber skeptisch.[18] Letztlich wurde die Regierung in der Konstellation Kanzler Faymann – Vizekanzler Pröll als SPÖ-ÖVP-Koalition fortgesetzt.

Rot-Schwarz-Grün in Kärnten 2013 bis 2018[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von März 2013 bis April 2018 war in Kärnten eine Kenia-Koalition unter der Leitung der SPÖ im Amt. Die vorgezogene Landtagswahl 2013 endete mit historischen Verlusten der regierenden FPK. Die vorgezogene Wahl wurde nötig, nachdem sich der Kärntner Landtag nach zahlreichen Korruptionsskandalen[19] einstimmig aufgelöst hatte. Stärkste Partei wurde die SPÖ mit ihrem Spitzenkandidat Peter Kaiser. Die SPÖ hatte rechnerisch die Möglichkeit, eine Koalition mit der ÖVP, den Grünen, dem Team Stronach, aber auch der FPK zu bilden. Sämtliche Koalitionen hätten sowohl im Landtag als auch in der Landesregierung über eine absolute Mehrheit verfügt. Nach der Landtagswahl nahm SPÖ-Chef Kaiser bereits am 5. März Gespräche mit den Parteichefs der Kärntner Parteien auf, wobei er lediglich eine Koalition mit der FPK ausschließen wollte. Gleichzeitig ließ Kaiser von Anfang an eine Präferenz für eine Dreierkoalition mit der ÖVP und den Grünen erkennen, da die drei Parteien über eine verfassungsgebende Mehrheit im Landtag verfügen.[20] Die Grünen sprachen sich bereits nach der Wahl explizit für eine Dreierkoalition mit SPÖ und ÖVP aus.[21] Rund eine Woche nach der Wahl nahm Kaiser schließlich Verhandlungen mit der ÖVP und den Grünen zur Bildung einer Dreierkoalition auf, wobei er zunächst bilaterale Verhandlungen und in der Folge Dreiergespräche führte.[22] Am 26. März 2013 wurde der Öffentlichkeit letztlich das Arbeitsprogramm der Koalition und die Referatseinteilung der Landesregierung vorgestellt.[23] Nach der Landtagswahl 2018, bei der die Grünen aus dem Landtag ausschieden, bildete Kaiser eine Koalition mit der ÖVP.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Nach der Wahl in Thüringen: CDU erwägt Afghanistan-Koalition, SPIEGEL Online vom 15. September 2014, abgerufen: 20. September 2014
  2. Infos über die Kenia-Koalition
  3. Schwarz–rot–grün ist auch die Flagge Afghanistans; eine rot–grüne–schwarze oder schwarz–grün–rote Flagge gibt es bei Staaten nicht.
  4. Union und SPD müssten gut erklären wofür sie uns brauchen, Rhein-Neckar-Zeitung, 25. November 2017
  5. Die Grünen schließen die Beteiligung an einer schwarz-grünen Minderheitsregierung nicht aus, welt.de, 25. November 2017
  6. a b Katharina Schuler: Trennt euch!, Die Zeit, 16. Juni 2018
  7. Jenaer Oberbürgermeister für Schwarz-Rot-Grüne Koalition, Ostthüringer Zeitung vom 16. Oktober 2014, abgerufen: 5. Juli 2015
  8. a b Sachsen-Anhalt soll Schwarz-Rot-Grün werden, T-Online vom 14. März 2016, abgerufen: 15. März 2016
  9. Sondierungen für „Kenia“-Koalition in Magdeburg, FAZ.net vom 15. März 2016, abgerufen am gleichen Tag
  10. Sachsen-Anhalt: SPD stimmt für Koalitionsverhandlungen mit CDU und Grünen, Spiegel Online vom 2. April 2016, abgerufen am gleichen Tag
  11. Kenia kommt nach Sachsen-Anhalt
  12. Schwarz-rot-grüne Koalition in Jena, auf der Website des Kreisverbands Jena von Bündnis 90/Die Grünen
  13. OB Dieter Reiter noch ohne Mehrheit im Stadtrat, FOCUS Online vom 14. Mai 2014, abgerufen: 5. Juli 2015
  14. Birgit Monteiro ist neue Bürgermeisterin in Lichtenberg, Der Tagesspiegel vom 22. Januar 2015, abgerufen: 5. Juli 2015
  15. Österreich nach der Wahl – Grüne bieten sich der konservativen ÖVP als Koalitionspartner an, Markus Salzmann, World Socialist Web Site, wsws.org, 31. Dezember 2002
  16. Österreich nach der Wahl Kenia-Koalition als Ausweg, Michael Frank, sueddeutsche.de, 1. Oktober 2008
  17. Grüne für „Kenia“-Koalition mit SPÖ und ÖVP offen, DiePresse.com, 30. September 2008
  18. „Kenia-Koalition“: Skepsis bei Wiener Grünen, wiev1.orf.at, wahl '08, 30. September 2008
  19. siehe z. B. Bericht der Grünen über die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses zur Klärung von Korruptionsvorwürfen (681 Seiten, pdf, auf peterpilz.at).
  20. Kärntner SPÖ will zügige Koalitionsverhandlungen. Kleine Zeitung Online, 5. März 2013
  21. Grüne für Dreier-Koalition mit Verfassungsmehrheit. Kleine Zeitung Online, 5. März 2013
  22. SPÖ nimmt Verhandlungen mit ÖVP und Grünen auf. Kleine Zeitung Online8. März 2013.
  23. Drei-Parteien-Koalition besiegelt. Kleine Zeitung Online, 26. März 2013