Straßenbahn Marseille

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Straßenbahn
Straßenbahn Marseille
Bild
Basisinformationen
Staat Frankreich
Stadt Marseille
Eröffnung 23. Januar 1876
Elektrifizierung 1900
Betreiber RTM
Infrastruktur
Streckenlänge 11,5 km
Ehemals größte
Streckenlänge
178 km
Spurweite 1435 mm (Normalspur)
Stromsystem 750 V DC Oberleitung
Haltestellen 28
Betrieb
Linien 2 (1 im Bau)
Linienlänge 12,6 km
Takt in der HVZ 5 min
Takt in der SVZ 12,5 min
Fahrzeuge 26 Bombardier Flexity Outlook C
Höchstgeschwindigkeit 70 km/h
Netzplan
Netzplan (Stand 2010)

Die Straßenbahn von Marseille (frz. Tramway de Marseille) ist einer der drei Straßenbahnbetriebe in Frankreich, die nicht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig stillgelegt wurden. Heute ist die Straßenbahn Teil der Régie des Transports de Marseille (RTM) und zwei Linien sind in Betrieb; eine dritte befindet sich im Bau.

Geschichte[Bearbeiten]

Straßenbahnen auf der Canebière vor dem Ersten Weltkrieg
Zug der Linie 68 im Jahr 1984
Linienplan der Linie 68 bis 2004

Allgemein[Bearbeiten]

Wie in vielen größeren Städten erhielt auch Marseille im späten 19. Jahrhundert eine Pferdestraßenbahn. Die ersten Linien wurden am 23. Januar 1876, von der "Compagnie générale française de tramways" (CGFT), in Betrieb genommen.[1] Ab 1892 erfolgte die Umstellung auf Dampfbetrieb, ab 1900 die Elektrifizierung. Ab 1905 wurden sukzessive Drehgestellwagen angeschafft und auch die Vororte an das Netz angeschlossen. Im Jahr 1903 wurde die Strecke nach Aix-en-Provence in Betrieb genommen, die Strecke nach Aubagne folgte 1905.[1]

Während der 1920er Jahre wurden viele Fahrzeuge modernisiert. 1939 waren 430 Triebwagen und 350 Beiwagen in Betrieb, darunter 33 Beiwagen, welche im Jahr zuvor von der Pariser Straßenbahn übernommen worden waren.[1] Im Jahr 1948 wurde die 21 km lange Linie nach Aix-en-Provence auf Buskurse umgestellt. Die "Régie autonome des transports de la ville de Marseille" (RATVM) betrieben 1950 noch 20 Straßenbahnlinien. Im Februar 1955 fand die Stilllegung der Linie 41 statt, welche auf der Canebière verkehrte. Schon 1960 waren alle Linien, bis auf die 68, stillgelegt.[1] Insgesamt wurden 71 Linien bedient.

Linie 68[Bearbeiten]

Wie in fast allen französischen Städten galt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Straßenbahn mehr als Hindernis denn als erwünschtes Verkehrsmittel. Von einem ausgedehnten Straßenbahnnetz mit einer maximalen Länge von 178 km, das sich auch ins Umland der Stadt erstreckte, blieb nur ein 3 km langes Teilstück. Es war der Rest der im Dezember 1893 in Betrieb genommenen Linie 68.[1]

Sie überlebte nur deswegen bis ins Jahr 2004, weil sie in einem 600 Meter langen Tunnel verlief und dieser nicht für Busse geeignet war. Dieser Tunnel war ursprünglich eingleisig und wurde 1945 zweigleisig ausgebaut.[1] Bis 1968 verkehrten die Straßenbahnen mit Stangenstromabnehmer, im selben Jahr fanden umfangreiche Modernisierungen statt und seitdem wurden Bügelstromabnehmer eingesetzt.[1]

Im Jahre 2000 wurde dann beschlossen, das Straßenbahnnetz wieder auszubauen, zunächst auf zwei Linien. 2003 wurde das Planziel auf drei Linien erweitert.

Am 8. Januar 2004 wurde die letzte alte Linie vorübergehend eingestellt, um eine grundlegende Erneuerung der Strecke zu ermöglichen.

Die Neue Straßenbahn[Bearbeiten]

Ausfahrt aus dem Tunnel an der Station Eugène Pierre
Fahrzeug der Linie 1 an der Endstation Les Caillols
Straßenbahn der Linie 2 an der Haltestelle Sadi-Carnot (2012)

Im "Plan de déplacements urbains" (PDU) aus dem Jahr 2003 wurde der Bau von drei Straßenbahnlinien festgelegt. Die "Déclaration d'utilité publique", des 468 Millionen Euro teuren Projekt, erfolgte am 29. Juni 2004.[2] Wegen finanziellen Schwierigkeiten musste der Ausbau in Phasen unterteilt werden.

Als erste Etape wurde die Linie T2 (Euroméditerranée Gantès–La Blancarde) und der Abschnitt La Blancarde–Les Caillols der T1, am 3. Juli 2007, eröffnet. Dabei wurde auf 800 Meter der östliche Teil der ehemaligen Linie 68 von La Blancarde nach Saint Pierre weitergenutzt und nach Les Caillols verlängert. Gleichzeitig ging eine 4,7 Kilometer lange Neubaustrecke von La Blancarde nach Euroméditerranée Gantès in Betrieb, völlig neu trassiert auf eigenen Verkehrsflächen. Auf diesem Wege konnte die T2 dann auch ohne den alten Tunnel den Bereich Noailles erreichen und von da an befuhr die T2 auf ganzer Länge diese 8,8 km lange Linie.[2]

Die zweite Phase bestand aus der Inbetriebnahme des 1,5 Kilometer langen Abschnitt Eugène-Pierre–La Blancarde der alten Linie 68, am 8. November 2007. Ab diesem Zeitpunkt verkehrten wieder zwei Straßenbahnlinien in Marseille. Die T1 fuhr von Eugène-Pierre nach Les Caillols und die T2 von Euromediterranée Gantès nach La Blancarde. Der SNCF-Bahnhof La Blancarde wurde damit zu einem Verkehrsknotenpunkt für den örtlichen und auch den regionalen ÖPNV. Denn hier entstand die Umsteigehaltestelle zwischen den beiden Straßenbahnlinien, außerdem kam 2010 auch eine U-Bahn-Station hinzu, des Weiteren gibt es eine Anbindung an die Nahverkehrszüge.[2]

Die dritte Etape war die Inbetriebnahme des Tunnel der Linie T1 von Eugène-Pierre nach Noailles. Dieser Abschnitt konnte wegen Verzögerungen bei der Erneuerung des Tunnels, erst am 27. September 2008 eröffnet werden. Wegen der größeren Breite der neuen Straßenbahnfahrzeuge sollte der Tunnel zunächst erweitert werden. Um die hohen Kosten einer Tunnelerweiterung zu vermeiden, entschloss man sich schließlich stattdessen zu einer eingleisigen Führung im Tunnel, was als Zugfolge bestenfalls einen 4-Minuten-Takt zulässt.[2]

Am 27. März 2010 wurde die T2 in nördlicher Richtung um eine Haltestelle (0,7 km) von Euromediterranée Gantès nach Arenc verlängert.

Die vierte Phase sah ursprünglich die Inbetriebnahme der T3 (La Blancarde–Quatre-Septembre) im Jahr 2010 vor. Dabei hätte die T2 nach Castellane fahren sollen. Nun soll die T3 nach Castellane fahren und die Inbetriebnahme ist für 2014 geplant.[3]

Streckennetz[Bearbeiten]

Im Jahr 2013 sind 11,5 km Straßenbahnstrecke in Betrieb.[4] Folgende Linien verkehren in Marseille:

  • T1: Noailles ↔ Les Caillols über den Bahnhof Blancarde (entspricht bis Saint Pierre der ehemaligen 68)
  • T2: Arenc le Silo ↔ Bahnhof Blancarde über Canebière und Cinq-Avenues (provisorischer Verlauf aus dem nördlichen Teil der avisierten T2 und dem östlichen Teil der avisierten T3)

Die Linie T1 verkehrt montags bis freitags tagsüber alle 5 ½ bis 6 Minuten, die Linie T2 alle 5 Minuten. An Sonntagen verkehrt auf beiden Linien alle 12 bis 13 Minuten eine Bahn. Stündlich können bis zu 4000 Fahrgäste in jede Richtung befördert werden.

Ausbau[Bearbeiten]

Eine neue Strecke von der Haltestelle Cours St. Louis südwärts durch die Innenstadt entlang der Rue de Rome bis zur Station Castellane ist, seit Oktober 2012, im Bau und soll im Oktober 2014 in Betrieb gehen.[3][5] Sie soll von der neuen Linie T3 Arenc le Silo ↔ Castellane bedient werden. Auf der 1,2 km langen neuen Strecke entstehen fünf neue Haltestellen: Cours Saint Louis, Davso, Place de Rome, Dragon und Castellane.[3][4]

Im Endausbau aller Linien soll eine Streckenlänge von 16 km erreicht werden mit einem mittleren Haltestellenabstand von 400 m. Dabei entstehen fünf Umsteigemöglichkeiten zur Métro. Außerdem werden längs der Straßenbahnlinien 2000 Bäume gepflanzt. Eine Verbindung mit der Straßenbahn Aubagne ist angedacht.

Rollmaterial[Bearbeiten]

Straßenbahn für Marseille in Wien bei der Inbetriebnahme am Testgleis der Straßenbahn Wien

Die Fahrzeuge für Marseille vom Typ Flexity Outlook wurden seit 2006 in Wien von Bombardier Transportation produziert. Die Inbetriebnahme der Straßenbahnen erfolgte auf dem Testgleis der Wiener Straßenbahn. Bis Juli 2007 wurden 26 der fünfteiligen Triebzüge zum Preis von jeweils 2,1 Millionen Euro geliefert.[2] Sie waren bei der Lieferung 32,5 Meter lang und 2,4 Meter breit. Die Frontpartie der Triebwagen soll an ein Schiff erinnern, ein Hinweis auf die Bedeutung Marseilles als größter Seehafen Frankreichs. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 70 km/h und in dem 32,5 m langen Fahrzeug finden 204 Fahrgäste Platz, davon 44 Sitzplätze.[2] Im Jahr 2012 wurden alle Wagen durch den Einbau von zwei zusätzlichen Modulen auf 42,5 Meter verlängert, gleichzeitig wurde die Innenausstattung erneuert. Dieser Umbau kostete etwa 23 Millionen Euro.[6]

Außerdem wurden im Mai 2012 sechs weitere Wagen für die im Bau befindliche Strecke in der Rue de Rome bei Bombardier bestellt.[7] Das erste Fahrzeug ist am 2. November 2013 in Marseille eingetroffen.[5] Geplant ist, insgesamt 40 Triebwagen anzuschaffen, 36 sind nach dem Vollausbau des Netzes für den Normalbetrieb notwendig, 4 stehen als Reserve zu Verfügung.

Betriebshof[Bearbeiten]

Der Betriebshof der Straßenbahn befindet sich in der Nähe der Station Saint-Pierre auf einem ehemaligen militärischen Gelände. Auf dem 32.000 m² großen Gelände werden die Straßenbahnfahrzeuge gewartet, abgestellt und gereinigt. Es stehen 14 Abstellgleise, eine Waschanlage und eine Werkstatt zur Verfügung. Außerdem befindet sich hier die Leitstelle.[2]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Straßenbahn Marseille – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g  Jean Tricoire: Le tramway en France. La Vie du Rail, Paris 2007, ISBN 978-2-915034-73-8, S. 71-74.
  2. a b c d e f g  Jean Tricoire: Le tramway en France. La Vie du Rail, Paris 2007, ISBN 978-2-915034-73-8, S. 77-81.
  3. a b c Ligne T3 – MES en 2014 auf marseilletransports.com
  4. a b LE TRAMWAY auf rtm.fr
  5. a b  Ph.-E. Attal: De nouvelles rames de tram à Marseille. In: Rail Passion. Nr. 195, 2014, S. 12.
  6. TRAMWAY DE MARSEILLE: ALLONGEMENT DES 26 RAMES (PDF; 628 kB) auf marseille-provence.com
  7. World rolling stock market May 2012 (en) 23. Mai 2012. Abgerufen am 12. Juli 2013.