Ulrich Wille

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
General Wille (1914–1918)
Ulrich Wille, 1916 gemalt von Ferdinand Hodler
Ulrich Wille in Couleur des Corps Tigurinia Zürich
Ulrich Wille zu Pferd vor seinem Haus in Meilen

Ulrich Wille (* 5. April 1848 als Conrad Ulrich Sigmund Wille in Hamburg; † 31. Januar 1925 in Meilen ZH) war General der Schweizer Armee während des Ersten Weltkriegs.

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft, Familie, Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulrich Willes väterliche Vorfahren namens Vuille stammten aus La Sagne im heutigen Kanton Neuenburg. Der Ururgroßvater Henry Vuille verheiratete sich um 1740 nach Zweibrücken in das Heilige Römische Reich. 1849 übersiedelten die Eltern von Ulrich Wille, François Wille, Journalist und Mitglied des Vorparlaments des Frankfurter Parlaments, und die Schriftstellerin Eliza Wille, als Folge der gescheiterten liberalen Revolution in die Schweiz. Sie erwarben das Gut Mariafeld in Meilen, das bis heute im Besitz der Familie Wille geblieben ist.

Ulrich Wille besuchte die Volksschule in Meilen, nicht jedoch die Kantonsschule in Zürich. Er bereitete sich mit Privatunterricht und in einem Institut in Stäfa auf die Universität vor. Das Jura-Studium absolvierte er an der Universität Zürich (wo ihm 1865 wegen Austragung eines Duells das consilium abeundi erteilt wurde),[1] Halle und Heidelberg, wo er 1869 promovierte. In Zürich schloss er sich 1865 dem Corps Tigurinia und in Halle 1866 dem Corps Borussia an.[2]

Wille war mit der deutschen Gräfin Clara von Bismarck (1851–1946), der Tochter von Friedrich Wilhelm Graf von Bismarck, verheiratet. Sie hatten zwei Töchter und drei Söhne, von denen Ulrich Wille junior ebenfalls Korpskommandant wurde. Eine seiner Töchter war die Pferdesportlerin and Amateur-Fotografin Renée Schwarzenbach-Wille. Sie war die Mutter seiner Enkelin, der Schriftstellerin und Reisejournalistin Annemarie Schwarzenbach, einer Freundin von Erika und Klaus Mann. Wille wohnte im Landgut Mariafeld an der (heutigen) General-Wille-Strasse 165 in Meilen.

Militärische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulrich Willes militärische Karriere begann 1867 bei der Artillerie und brachte ihm nach bestandenen Ausbildungskursen im selben Jahr die Ernennung zum Leutnant. Sogleich meldete sich Wille als Instruktor, konnte jedoch erst nach der Grenzbesetzung von 1870, die er als Leutnant mitmachte, im Sommer 1870 in das Instruktionskorps der Artillerie einsteigen. Rasch machten seine für die Schweiz revolutionären Ansätze in der Ausbildung von sich reden. Wille konnte sich aber dank dem Rückhalt durch den Oberinstruktor der Artillerie, Oberst Hermann Bleuler, und durch den Chef der eidgenössischen Artillerie, Hans Herzog, halten. Wille wurde in schneller Folge befördert: 1874 zum Hauptmann, 1877 zum Major und 1881 zum Oberstleutnant. Er publizierte zahlreiche Schriften über die seiner Meinung nach dringliche Reform der Schweizer Armee, besonders in der von ihm 1880 übernommenen Zeitschrift für die schweizerische Artillerie.

Am 8. September 1883 wurde Ulrich Wille vom Bundesrat zum Oberinstruktor der Kavallerie ernannt, wo er ähnlich wie in der Artillerie sogleich konfliktreich Reformen vorantrieb. Er trat für eine konsequente Modernisierung der Schweizer Armee nach preussischem Vorbild ein. Ziel der Ausbildung der Milizsoldaten sollte dabei die Erziehung des Bürgers zum modernen Soldaten mittels Drill und Disziplin sein. Damit geriet er in Konflikt zu den Anhängern der traditionellen Bürgerarmee, die Willes Methoden für unvereinbar mit einem demokratischen Staatswesen hielten und von einer «Verpreussung» der Armee und von «Soldatenschinderei» sprachen.[3] Trotzdem wurde er 1885 zum Oberst befördert und erreichte durch eine Konfrontation mit dem Waffenchef der Kavallerie, Oberst Gottlieb Zehnder, dass dieser 1891 demissionierte und die Stellen des Waffenchefs mit derjenigen des Oberinstruktors verschmolzen wurden. Die politischen Intrigen und Querelen um seine Person zwangen Wille schliesslich 1896, um seine Entlassung aus dem Instruktionskorps nachzusuchen. Im selben Jahr kandidierte er erfolglos bei den Nationalratswahlen.

Nach seiner Entlassung übernahm er die Leitung der militärwissenschaftlichen Abteilung der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und lehrte über Kriegsgeschichte, Heeresorganisation, Taktik und soldatische Erziehung. Der Bundesrat übertrug Ulrich Wille 1900 das Kommando der 6. Division, 1904 des 3. Armeekorps. Als Truppenführer galt er besonders hinsichtlich seiner Manöverplanungen und grossen Truppenübungen als vorbildlich. Die neue Militärorganisation der Schweizer Armee von 1907 war stark von Willes Vorstellungen geprägt, die er seit 1901 als Redaktor der Allgemeinen Schweizerischen Militär-Zeitung verbreitete.

Die von Ulrich Wille als Kommandant des 3. Armeekorps geleitete grosse Manöverübung (Kaisermanöver) anlässlich des Besuchs von Kaiser Wilhelm II. im Herbst 1912 hatte allen ausländischen Gästen (auch dem französischen Militärattaché) den Eindruck vermittelt, dass die Schweizer Armee den Neutralitätsschutz ernst nahm und versuchen würde, diesen Auftrag zu erfüllen.

General im Ersten Weltkrieg und Landesstreik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Wille nach einem von Wille selber erbetenen Rückzug[4] des von den Fraktionen des Parlaments portierten Theophil Sprecher bei der intrigenbelasteten Generalswahl vom 3. August 1914[5] zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee gewählt. Theophil Sprecher verblieb auf seinem Posten als Generalstab (Schweiz). Vor allem in der Romandie und bei den Sozialdemokraten war die Wahl des neuen Kommandanten umstritten.

Wille war aufgrund seiner offenen Sympathie zu dem angrenzenden Deutschen Kaiserreich, seiner harten Linie in Disziplinfragen und seiner autoritären Staatsvorstellungen eine polarisierende Figur. Im Juli 1915 bezeichnete er im sogenannten "Säbelrasslerbrief" an Bundesrat Arthur Hoffmann den Zeitpunkt für einen Eintritt der Schweiz in den Krieg an der Seite des Deutschen Reichs als für geeignet.[6] 1916 deckte Wille in der Obersten-Affäre, die die Beziehungen zwischen den Sprachgruppen stark belastete, zwei Generalstabsoffiziere, die Nachrichtendienst zugunsten Deutschlands und Österreich-Ungarns betrieben hatten.

In der zweiten Kriegshälfte verbreitete Wille zunehmend Revolutionsgerüchte. Aufgrund seiner wiederholten Forderungen an den Bundesrat nach einem Militäraufgebot gegen die Arbeiterschaft wird ihm von einem Teil der Forschung eine erhebliche Verantwortung für den Ausbruch des Landesstreiks zugeschrieben. Am 4. November 1918 forderte Wille vom Bundesrat ein Militäraufgebot für die Grossstädte. Zugleich zog er die bisherigen Besatzungstruppen aus Zürich ab, um der Zürcher Kantonsregierung deren Abhängigkeit von der Armeeleitung zu demonstrieren. Am 5. November ersuchte der dadurch erschreckte Zürcher Regierungsrat um Truppenschutz und der Bundesrat ordnete eine militärische Besetzung Zürichs an. Diese Eskalation führte schliesslich zum Beginn des Landesstreiks am 12. November.

Nachleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf einem der grössten Waffenplätze der Schweiz in Bure (Jura) ist eine Kaserne nach Wille benannt.

Willes Nachlass befindet sich teilweise im Bundesarchiv, ein anderer Teil ist im Familienbesitz und der Forschung nicht zugänglich. Im Frühling 1987 schrieb Niklaus Meienberg für die Weltwoche ein kritisches, viel beachtetes Porträt von Wille und dessen Familie. Als Die Welt als Wille & Wahn erschien es im Herbst desselben Jahres in Buchform. Meienberg stützte sich dabei unter anderem auf Fotografien von unveröffentlichten Briefen Willes an seine Frau, die Meienberg ohne Erlaubnis von einem Dekorationsstück in einer Ausstellung angefertigt hatte.[7] Meienberg beschrieb im Buch einerseits, dass der General deutschfreundlich war, was allgemein bekannt war, aber auch, dass er eine antidemokratische Gesinnung hatte, was man in den Worten der NZZ "geahnt hatte". Der damals kritische Historiker und stellvertretende Chefredaktor der NZZ, Alfred Cattani, nannte das Buch ein Pamphlet, pflichtete Meienberg aber bei, dass das Archiv der Familie veröffentlicht gehöre. Bis 2018 ist dies nicht geschehen, weshalb es laut Angabe der NZZ bis heute keine kritische Biografie gäbe.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Rudolf Fuhrer, Paul Meinrad Strässle (Hrsg.): General Ulrich Wille. Vorbild den einen – Feindbild den anderen. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2003, ISBN 3-85823-998-4.
  • Peter Hauser: General Ulrich Wille als Corpsstudent. In: Einst und Jetzt 58 (2013), S. 141–158.
  • Carl Helbling: General Ulrich Wille. Biographie. Fretz & Wasmuth, Zürich 1957.
  • Rudolf Jaun: Preussen vor den Augen. Das schweizerische Offizierskorps im militärischen und gesellschaftlichen Wandel des Fin de siècle. Chronos, Zürich 1999, ISBN 3-905313-11-1.
  • Bruno Lezzi: 1914. General Ulrich Wille und die Kriegsbereitschaft der schweizerischen Armee (= Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktsforschung. Band 13). Biblio Verlag, Osnabrück 1975, ISBN 3-7648-1059-9.
  • Niklaus Meienberg: Die Welt als Wille & Wahn. Elemente zur Naturgeschichte eines Clans. 5. Auflage, Limmat-Verlag, Zürich 1987, ISBN 3-85791-128-X. (über die Familie Wille)
  • Edgar Schumacher (Hrsg.): General Wille. Gesammelte Schriften. Fretz & Wasmuth, Zürich 1941.
  • Edgar Schumacher: General Wille und die Heimat. In: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift 130 (1964) 8, S. 500–503.
  • Edgar Schumacher: General Ulrich Wille. Eine Betrachtung zur Hundertjahrfeier. In: Schweizer Monatshefte 28 (1948/49) 1, S. 1–10.
  • Edgar Schumacher: General Ulrich Wille. Sein Weg zur kriegsgenügenden Miliz. Mit einer Auswahl von Dokumenten aus dem Manuskript des Generals. Atlantis-Verlag, Zürich 1940.
  • Daniel Sprecher: Die Generalswahl vom 3. August 1914. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 52 (2002) 2, S. 163–193 (Volltext).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ulrich Wille – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Matrikeledition Universität Zürich; abgerufen 21. April 2017
  2. Kösener Corpslisten 1960, 144, 100; 96, 288.
  3. Der Soldatenerzieher. In: Coopzeitung. Nr. 40/1999.
  4. Daniel Sprecher: Intrigen, Verzögerungen und ein abendlicher Canossagang, NZZ, 2. August 2017
  5. Daniel Sprecher: Sprachgrenze: Das Erstarken der Romands In: Neue Zürcher Zeitung vom 12. August 2016
  6. https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=szg-006:1960:10::786
  7. Thomas Feitknecht: «Man muss die Augen offen halten.» (Memento vom 12. September 2012 im Webarchiv archive.is) In: Tages-Anzeiger vom 15. Dezember 2005.
  8. Der General und sein schärfster Kritiker, Neue Zürcher Zeitung vom 19.Februar 2018, Seite 13