Volkshaus

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Eines der ältesten europäischen Volkshäuser, das Folkets Hus Kopenhagen, heute Arbeitermuseum (2007)

Als Volkshaus (auch Arbeiterheim oder Volksheim, skandinavisch: folkets hus, französisch: maison du peuple, russisch: narodny dom) wurden Gebäude bezeichnet, die als ökonomische, politische und kulturelle Zentren der Arbeiterbewegung etwa ab den 1890er Jahren in kontinentaleuropäischen Städten errichtet oder eingerichtet wurden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volkshaus „Vooruit“ in Gent (2006)
Volkshaus Jena (2010)
Volkshaus Leipzig, (AK 1913)

Mit der Gründung von Gewerkschaften und Arbeiterparteien am Ende des 19. Jahrhunderts entstand oft das Problem, dass es an entsprechenden Versammlungsräumen mangelte, da die meist bürgerlich orientierten Gaststättenbesitzer nicht oder nur zu hohen Kosten bereit waren, hierzu Säle zu vermieten. Um hiervon unabhängig zu sein, entstanden in vielen Städten Eigeninitiativen von Arbeitervereinen und Gewerkschaften, eigene Häuser zu errichten oder vorhandene Gebäude zu erwerben und umzubauen. Zudem gab es auch einige sozial engagierte Industrielle, die den Bau solcher Häuser betrieben oder förderten. Ein derartiges Gebäude umfasste typischerweise Büros der Gewerkschaft und einer Arbeiterpartei, einen oder mehrere Festsäle und Räumlichkeiten, die Zwecken der Volksbildung dienten. Gelegentlich beinhalteten sie auch ein Verkaufslokal einer Konsumgenossenschaft. Vorreiter der Bewegung waren die skandinavischen Länder, gefolgt von Russland, Belgien, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Österreich-Ungarn. Später entstanden einige solcher Volkshäuser auch im Mittelmeerraum und Südamerika.

Nach 1945 entstanden in westlichen Ländern auch neue Volks- oder Arbeiterheime, allerdings ohne den architektonischen Anspruch der frühen Bauten der Arbeiterbewegung. In den sozialistischen Staaten gab es dagegen zahlreiche Neubauten, zunächst meist im neoklassizistischen Stil der Stalin-Ära. Aus dem Bautyp des Volkshauses entwickelte sich dort der des Kulturhauses, in größeren Städten der des Kulturpalastes.

Liste europäischer Volkshäuser (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volkshaus Gotha nach dem Umbau (AK 1928)
Volkspark Halle (2015)
Volkshaus Düsseldorf (2011)
Tiedthof Hannover (2013)
Paasitorni Helsinki (2007)

Belgien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dänemark[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland entstanden nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 zahlreiche Volkshäuser, meist als Vereinshäuser der SPD und der Gewerkschaften, zum Teil aber auch durch sozial engagierte Unternehmer. Am 2. Mai 1933 wurden in über 160 Städten die Gewerkschaftsbüros von NSDAP-Organisationen besetzt, die freien Gewerkschaften zerschlagen und die Volkshäuser der Deutschen Arbeitsfront übertragen. Nach 1945 erhielten die Gewerkschaften im Westen ihre Gebäude – oft kriegszerstört – wieder zurück. In der DDR blieben sie dagegen in staatlichem oder kommunalem Besitz und die Gesellschaftbauten wurden meistens in sogenannte Kulturhäuser umfunktioniert.

Finnland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1900 Puistotorni Tampere, erbaut durch den Arbeiterverein, erweitert 1912 und 1930, Architekt Bertel Strömer
  • 1908 Paasitorni Helsinki, erneuert 1919, erweitert 1925, Architekt Karl Lindahl

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maison du Peuple Saint-Malo (2013)
  • 1902 Maison du Peuple Nancy
  • 1920 Maison du Peuple Saint-Malo Architekt Edmond Eugène Mantrand
  • 1925 Maison du Peuple La Cité, Rennes, Architekt Emmanuel Le Ray

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemaliges Arbeiterheim Favoriten, Wien (2012)

Norwegen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1907 Folkets Hus Oslo, 1962 ersetzt durch den Neubau der norwegischen Gewerkschaft LO und des Oslo Kongressenter
  • 1926 Folkets Hus Eydehavn
  • 1931 Folkets Hus Sauda, Skulegata 20, Architekt: Gustav Helland

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Russland entstanden ab den 1880er Jahren zahlreiche Volkshäuser (Narodni Dom), allein ca. 20 in Sankt Petersburg. Sie enthielten Bibliotheken, Theater und Gaststätten und dienten vor allem der Erwachsenenbildung sowohl der Arbeiter als auch des Mittelstandes. In der Regel wurden sie von den Kommunen und dem Staat sowie durch Spenden privater Sponsoren finanziell gefördert. Nach der Russischen Revolution 1917 wurde der Name Volkshaus nicht mehr verwendet, sondern durch Kulturhaus oder Kulturpalast ersetzt.

Volkshaus Moskau 1904.

Schweden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Schweden wurden die Einrichtungen hauptsächlich in Gemeinden mit Industrie geschaffen, oft außerhalb des Stadtzentrums, geschaffen. Danach verbreitete sich die Idee vom Süden in den Norden, wobei insgesamt über 692 Folkets Hus entstanden.

  • 1899 Folkets Hus Kristianstad, entstanden durch Umnutzung eines Theatersaalgebäudes
  • 1901 Folkets Hus Stockholm, Barnhusgatan 14. 1951 und 1960 in drei Etappen erneuert
  • 1905–06 Folkets hus Helsingborg, Gustav Adolfs torg, Architekt Harald Berglin
  • 1948 Folkets Hus Malmö, Architekt Hans Westman, heute Konferenzzentrum

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volkshaus Zürich (2014)

Tschechien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volkshaus Prostějov (2007)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus-Dieter Mahn: Volkshäuser. Band 1 und 2, Halle (Saale) 1982; DNB 831147865 (Dissertation A Universität Halle 1982, 189 Seiten - in zwei Bänden).
  • Robert Schediwy: Städtebilder – Reflexionen zum Wandel in Architektur und Urbanistik. Lit, Wien 2004, ISBN 3-8258-7755-8, S. 93 ff.
  • Ernst Seidl (Hrsg.): Lexikon der Bautypen. Funktionen und Formen der Architektur. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-010572-6.
  • Anke Hoffsten: Das Volkshaus der Arbeiterbewegung in Deutschland - Gemeinschaftsbauten zwischen Alltag und Utopie, Wien, Köln, Weimar 2017, Böhlau-Verlag, ISBN 978-3-412-50734-3

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: People's Houses – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sergey Prokofiev Diaries 1907–1914 trans. Anthony Phillips. Faber, London 2006, S. 292.
  2. Kyril FitzLyon, Jenny Hughes: The companion guide to St Petersburg. Boydell & Brewer, 2003, S. 64–65.
  3. Sankt Peterburg: Music Hall. Carthalia – Theatres on Postcards, abgerufen am 4. Dezember 2011.