Waldensberg

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Waldensberg
Koordinaten: 50° 18′ 15″ N, 9° 13′ 30″ O
Höhe: 377 m ü. NHN
Fläche: 10,18 km²[1]
Einwohner: 436 (31. Dez. 2011)
Bevölkerungsdichte: 43 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. März 1971
Postleitzahl: 63607
Vorwahl: 06053
Karte
Lage von Waldensberg in Wächtersbach
Waldensberg von oben
Waldensberg von oben

Die ehemals selbständige Gemeinde Waldensberg ist heute mit Wittgenborn und Leisenwald einer der drei Ortsteile der Stadt Wächtersbach, in hessischen Main-Kinzig-Kreises, die am Rande der Hochebene der Spielberger Platte liegen. Hinzu kommen die Talgemeinden Aufenau, Hesseldorf, Neudorf und Weilers.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf liegt am südlichen Rand des Vogelsberges und am nordöstlichen Rand des Büdinger Waldes 9,2 km nordwestlich von Wächtersbach, gemeinsam mit zwei anderen Stadtteilen Wächtersbachs Wittgenborn und Leisenwald auf der Spielberger Platte. Durch den Ort verläuft die Landesstraße 3194.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründung des Dorfes durch Waldenser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertreibung und Ankunft der Waldenser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Waldensberg geht auf Waldenser zurück, eine protestantische Glaubensrichtung, die in Frankreich, insbesondere unter König Ludwig XIV. stark verfolgt wurde. Ende des 17. Jahrhunderts erreichte die Verfolgung auch das damals französische Piemont und die dort siedelnden Waldenser. Wenige Jahre nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685, die die Verfolgung der Hugenotten in ganz Frankreich einleitete, erfolgte ein Akt von Viktor Amadeus II., dem Herzog von Savoyen, vom 1. Juli 1698. Dieser zwang die in den Ortschaften Mentoulles, Fenestrelle und Usseaux, im Chisone-Tal, lebenden Protestanten zum Exodus. 69 Familien, bestehend aus 348 Personen erreichten, über Genf und Basel kommend, als Zwischenetappe Nauheim und Ginsheim bei Darmstadt. Durch Vermittlung des Holländers Pieter Valkenier wurde Kontakt zu Graf Ferdinand Maximilian I. von Ysenburg-Wächtersbach aufgenommen. Er lud die Glaubensflüchtlinge in seine Grafschaft ein. Am 21. August 1699 wurde ein Siedlungsvertrag unterzeichnet, der in zwei Sprachen abgefasst war. In 29 Punkten wurden Rechte und Pflichten der neuen Siedler festgelegt. Dazu gehörten: 10 Jahre Steuerfreiheit, „freies Holz und Steine aus dem Büdinger Wald, Beholzungs- und Weiderecht daselbst, Schlacht- und Braurecht,...“ und Anderes mehr[2].

Auf der Spielberger Platte, zwischen den Ortschaften Wittgenborn und Leisenwald war eine Siedlungsfläche für die Flüchtlinge bestimmt worden. Jeder Familie wurde unter anderem „25 Arpent Boden“, entsprechend etwa 8,5 ha zugesagt[3]. Zu den Formalien der Einbürgerung gehörte auch, wie zu dieser Zeit üblich, dass die neuen Bürger dem Grafen Ferdinand Maximilian I. den Treueeid schwören mussten.

Aufbau und Entwicklung von Waldensberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Überbrückungsquartier fanden die Flüchtlinge zunächst in den Nachbarorten Leisenwald, Spielberg, Wittgenborn und Wolferborn. Der mit dem Grafen ausgehandelte Vertrag wurde nur schleppend umgesetzt, die Gegend war unwirtlich und windig, Wasserquellen fehlten in der Nähe, die ortsnahen, kleinen Teiche waren nur als Viehtränken geeignet, das Trinkwasser dagegen „ … musste aus dem eine Viertelstunde entfernten Bubenborn geholt werden“[4]. Eine Schwierigkeit war auch, dass … die Zugezogenen, die eine fremde Sprache (Nordokzitanisch) sprachen, ... von der einheimischen Bevölkerung nicht immer akzeptiert … wurden. Hinzu kam, dass die Neusiedler eher Handwerker waren, die landwirtschaftliche Tätigkeit daher erst erlernen mussten. Dadurch entmutigt, zogen etwa 200 der ursprünglich angekommenen Flüchtlinge am 14. Juni 1700 nach Württemberg weiter. Dort gründeten sie einen Ort, das heutige Nordhausen[5].

Für die am neuen Ort Verbliebenen entwickelten sich die Dinge nur langsam. Zunächst wurde noch eine sehr hohe Sterblichkeit verzeichnet (1699 waren es 23 von 330 Personen, 1700 noch 10 Personen). 1701 wird der erste Friedhof in Waldensberg erwähnt. Zunächst waren die Siedler in 44 barackenähnlichen Hütten untergebracht. Die Planung fester Behausungen datiert auf 1702. Darin wurde jeder Familie für das Domizil 625 m² zugestanden. 1715 waren 36 Gebäude errichtet. 1739 konnte die Kirche eingeweiht werden. Die Neubürger, die früher Hanf-, Woll- und Leinenkämmer waren, engagierten sich zunächst als Saisonarbeiter in der Wetterau. Eine Wende kam 1710 mit dem Eintreffen des Hugenotten Verjac im Dorf. Er gründete, gemeinsam mit Etienne Névache eine Strumpfwirkerei. Diese Neuerung fand Interesse und Zustimmung bei vielen im Dorf, sodass schon bald die Hälfte der Neubürger in diesem Gewerbe tätig war.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts sprach man in Waldensberg Okzitanisch, eine früher im Süden Frankreichs gesprochene, dem Französisch ähnliche Sprache. Ab 1813 wurde die Amtssprache und der Schulunterricht von der Französischen auf die Deutsche Sprache umgestellt. Dies geschah auch im kirchlichen Bereich. Der letzte französische Geistliche war Pierre Mulot.

Zerstörung des Dorfes am 2. April 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 2. April 1945, als das Ende des Zweiten Weltkrieges längst absehbar war, lieferten sich um Waldensberg amerikanische Einheiten und Einheiten der Waffen-SS, der 6. SS-Gebirgs-Division „Nord“, unter SS-Gruppenführer Karl Brenner schwere Kämpfe, bei denen zwei Drittel des Dorfes zerstört wurden. Am 1. April (Erster Osterfeiertag) hatte die SS-Division den Raum Altenstadt erreicht. Dort wurde sie in schweren Kämpfen in den Erbstädter Wald abgedrängt. Am 2./3. April wurden die Reste der Division nach heftigen Kämpfen im Büdinger Wald südwestlich von Wittgenborn in einer Zangenbewegung von amerikanischen Infanterie- und Panzereinheiten zerschlagen. Die Kämpfe fanden in den Dörfern Leisenwald und Waldensberg, sowie auf dem Weiherhof statt, die stundenlang unter Artillerie-Feuer lagen. Bei den Kämpfen fielen über 400 US-Soldaten, 140 SS-Leute und mehr als ein Dutzend Dorfbewohner.[6][7]

Die wiedererbaute Kirche konnte zum 250. Jubiläum der Gemeinde 1949 eingeweiht werden.

Eingemeindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. März 1971 wurde Waldensberg in die Stadt Wächtersbach eingegliedert.[8]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsbeirat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Waldensberg besteht ein Ortsbezirk nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus fünf Mitgliedern. Der Posten des Ortsvorsteher ist derzeit vakant, Stellvertreter ist Timo Karnelka.[9]

Städtepartnerschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Städtepartnerschaft zwischen der Stadt Wächtersbach und Bobbio Pellice (Italien), entstand vor dem Hintergrund der Herkunft der Waldensberger aus dem Piemont. Die heutige Piemontesische Gemeinde Bobbio Pellice liegt in einem Paralleltal zum Chisone-Tal, der Herkunftsregion der Waldensberger Einwanderer. Auch Bobbio Pellice hat eine waldensische Tradition.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche in Waldensberg

Kulturpflege, Traditionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die französische Tradition des Ortes und seiner Bevölkerung zeigt sich bis heute an vielen Stellen des Dorfes. Es sind nicht nur die drei Straßen mit französischen Namen: „Bonnetstrasse“, „Arnouldstrasse“ und „Rougeweg“, die ins Auge fallen. Französische Namen finden sich auch auf dem Friedhof mit: Joffroy, Talmon, Barandier, Piston, ... Direkt an der Waldensberger Kirche ist ein Denkmal zu sehen, das an die Vertreibung der Waldenser erinnert. Es wurde 2007 beim „Dämmerschoppen“ der GNZ (Gelnhäuser Neuen Zeitung) gewonnen und von Pia Bopp (einer in Waldensberg lebenden Mediengestalterin) entworfen. Ein waldensisches Symbol, mit einer Taube unter dem Kreuz, finden sich auch in der Kirche. Der Waldenserverein Waldensberg e. V. hat sich der Pflege der Erinnerung an die eigene Vergangenheit verpflichtet.

Theatergruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1960 gibt es in Waldensberg eine Laienspielgruppe. Sie übt, auch mit Kindern und Jugendlichen, Theaterstücke und Musicals ein, die gewöhnlich im Dorfgemeinschaftshaus zur Aufführung kommen. Man erinnert sich an eine Reihe von gelungenen Inszenierungen dieser Truppe:

  • 2010 „Heulalia und das große Lachen“, ein Märchen
  • 2011 „Bella Italia“
  • 2012 „Trouble im Alten Hof“ und „Geisterstunde auf Schloss Balmor“
  • 2014 „Ophelia und die Schublade vom verlorenen Glück“
  • 2015 „Lausbub mit Herz“
  • 2018 „Wenn Engel singen“
  • 2019 „Bankraub mit Rollator“ und „Die vier Geister und der verlorene Schlüssel“

Naturdenkmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Waldensberg gab es eine Einklassenschule. Die 1961 erfolgte Einrichtung einer großen Schule in Schlierbach und in den Folgejahren deren Ausbau zu einer überörtlichen, zentralen Grundschule, bot Raum und Ersatz für die Einklassenschulen der Wächtersbacher Ortsteile auf der Spielberger Platte: Waldensberg und Leisenwald. Später kam auch Wittgenborn hinzu. Eine Anbindung ist mit Bussen gewährleistet.

Die kooperative Gesamtschule, die Friedrich-August-Genth-Schule im Schulzentrum Wächtersbach Innenstadt ist die weiterführende Schule für alle Teile der Stadt. Wittgenborn ist, wie alle anderen Ortsteile, mit Buslinien an das Schulzentrum der Innenstadt angebunden.

Dorfgemeinschaftshaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Waldensberg verfügt über ein Dorfgemeinschaftshaus. Neben der kommunalen Nutzung kann die Einrichtungen auch für private Veranstaltungen aller Art, Familienfeiern, Präsentationen, Seminare und Ähnliches gebucht werden.

Freiwillige Feuerwehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Freiwillige Feuerwehr Waldensberg hat im Ort einen eigenen Stützpunkt. Gegründet wurde sie im Jahr 1932. 40 Jahre später, 1972 kam eine Jugendfeuerwehr hinzu. Mehrmalig im Jahr finden gemeinsame Übungen mit den Feuerwehren Wächtersbach, Aufenau, Wittgenborn und Leisenwald statt[11].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Collet, Jacques, „Châtillon, Wächtersbach et le protestantisme“
  • Decker, Klaus Peter. „Arme Vertriebene oder unerwünschte Fremde? Zur Gründung von Waldensberg 1699“, in „300 Jahre Waldensberg 1699-1999“
  • Ackermann, Jürgen, „Die Gründung Waldenbergs“, 10. Oktobre 1984.
  • Haag Hansjörg, „Zur Geschichte Waldensberg und der Waldenser...“ in „250 Jahre Evangelische Kirche in Waldensberg“, 1989
  • Grefe August, „800 Jahre Waldenser, 275 Jahre Waldensberg“ in „Festschrift zum 800jährigen Waldenserjubiläum und 275jâhrigen Bestehen von Waldensberg“, 1974
  • Kiefner Theo, „Die Waldenser auf ihrem Weg aus dem Val Cluson durch die Schweiz nach Deutschland. 1532-1755“, Vandenhoeck & Ruprecht, 1985.
  • Dölemeyer Barbara, „Die Hugenotten.“ W. Kohlhammer 2006.
  • Martin Schäfer, Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, Hrsg. Kreisverwaltung Gelnhausen, 1950, S. 220-223

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Waldensberg, Main-Kinzig-Kreis. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 4. November 2019). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. Martin Schäfer, Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, Hrsg. Kreisverwaltung Gelnhausen, 1950, S. 221
  3. Collet, Jacques, „Châtillon, Wächtersbach et le protestantisme“
  4. Martin Schäfer (nach A. Heilmann und H. Gärtner) Gründung des Dorfes Waldensberg durch die Waldenser. In: Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, 3. erweiterte Auflage, Kreisverwaltung Gelnhausen (Hrsg.), 1950, S. 221
  5. Jacques Collet Châtillon, Wächtersbach et le protestantisme
  6. Michael Keller: Das Ende, das der Anfang war. Anmerkungen zur öffentlichen und privaten Erinnerung an das Kriegsende wie an SS-Staat, 2. Weltkrieg und den Wandel in der Wetterauer Gesellschaft zwischen 1939 und 1949 in: Andreas Wiedemann: Zwischen Kriegsende und Währungsreform Politik und Alltag in den Landkreisen Friedberg und Büdingen 1945–1949, Verlag der Bindernagelschen Buchhandlung, Friedberg 1994 als Sonderausgabe der Wetterauer Geschichtsblätter 43/1994 Teil II, Seite XXII f., ISBN 3-87076-079-6.
  7. Heinrich Kreß OSTERN 1945 – Waldensberg sank in Schutt und Asche Zwischen Vogelsberg und Spessart, Heimat-Jahrbuch des Kreises Gelnhausen 1964. Der Landrat des Landkreises Gelnhausen, Gelnhausen 1963, S. 33–38.
  8. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 362.
  9. Ortsbeirat Hesseldorf. In: Webauftritt. Stadt Wächtersbach, abgerufen im August 2020.
  10. Eintrag im Verzeichnis Monumentaler Eichen. Abgerufen am 10. Januar 2017
  11. Feuerwehr Wittgenborn