Rinderbügen

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Rinderbügen
Stadt Büdingen
Koordinaten: 50° 18′ 54″ N, 9° 11′ 16″ O
Höhe: 231 m ü. NHN
Fläche: 5,56 km²[1]
Einwohner: 1040 (30. Jun. 2014)[2]
Bevölkerungsdichte: 187 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 63654
Vorwahl: 06049
Karte
Übersichtskarte von Rinderbügen

Rinderbügen ist ein Stadtteil von Büdingen im Wetteraukreis. Der Name leitet sich nicht, wie zu vermuten wäre, von der Rinderzucht ab, sondern von der Eisenverarbeitung (Rinne = Rennofen, büche = Bach). Die Übersetzung ist also ganz einfach: Rennschmiede am Bach. Im Volksmund heißt der Ort deshalb immer noch „Rennerwiche“. Auf einem Mosaik im Eingangsbereich des Dorfgemeinschaftshaus ist dieser Name auch dargestellt.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rinderbügen liegt 5,5 km nordöstlich von Büdingen. Zur Gemarkung zählt auch der 1 km südlich vom Dorf gelegene Rinderbügener Hof.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rinderbügen wurde erstmals urkundlich am 1. Oktober 1390 als Rynderbiegen erwähnt.[3]

1517 fiel Rinderbügen an den Graf Johann von Ysenburg-Büdingen. Von dieser Linie erbte es 1601 Graf Wolfgang Ernst I., der es bei der Teilung von 1628 mit der Herrschaft Büdingen seinem zweiten Sohn Phillip Ernst abtrat. Bei der Teilung von 1687 fiel Rinderbügen der Linie Ysenburg-Büdingen zu und 1816 kam es unter die Oberhoheit von Hessen-Darmstadt.[4]

Am 31. Dezember 1971 wurde Rinderbügen in die Stadt Büdingen eingegliedert.[5][6]

Hexenprozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zeit der Hexenverfolgungen spielt sich 1597 ein besonders dramatisches Kapitel Rinderbügener Geschichte ab. Im Februar werden vier Frauen aus dem Ort Rinderbügen beschuldigt, zum Hexensabbat auf dem Hexentanzplatz (Kesslertanz) gewesen zu sein. Die Namen dieser Frauen lauten:[7]

  • Margreth, Hans Fausten Frau,
  • Anna, Hanß Datten Frau,
  • Anna, Fritz Dietrichs Frau,
  • Crein, Lips Hoffmanns Frau.
Kirche in Rinderbügen
Kirche in Rinderbügen

Die vier Frauen werden der fortgesetzten Hexerei an Menschen, Vieh und Wetter beschuldigt. Am 8. Mai 1597 werden sie verhaftet und in Birstein in den „Turm“ gelegt.

Am 4. Mai 1597 beruft der Graf die Mitglieder des Gerichtes, darunter den Hofprediger Anton Praetorius. Die juristische Fakultät der Universität Marburg entscheidet in einem juristischen Gutachten, dass die Verhängung der Folter rechtmäßig ist. Als die Folter beginnt, erhängen sich nachts zwei Angeklagte in der Zelle.

Am 5. Juli berichtet der Ehemann der Angeklagten Katharina Hoffmann, dass seine Frau schwanger sei und bittet um Milde. Nach Beratungen des Gerichts wird die Hochschwangere nach Bezahlung einer größeren Geldsumme am 23. Juli morgens um 6 Uhr vor dem Frühstück entlassen.

Anna, Fritz Dietrichs Frau, Mutter von 9 Kindern, die vor 20 Jahren nach Rinderbügen zugewandert ist, wird am 1. Juli gefoltert. Die gequälte Frau bleibt standhaft und beteuert nach wie vor ihre Unschuld. Nach einigen Tagen wird Frau Anna Dietrich nochmals „peinlich befragt“.

Als die nochmalige Folterung in der Öffentlichkeit bekannt wird, bildet sich unter Anführung des Hofpredigers eine Demonstration. Die Leute protestieren gegen die Todesfälle der Frauen in der Untersuchungshaft und fordern die Einhaltung der Menschenrechte auch für die Angeklagten. Nach tumultartigen Szenen im Gericht wird die Folter abgebrochen.

Der Schreiber der gräflichen Kanzlei hielt diesen ungewöhnlichen Vorfall fest: „Weil der Pfarrer alhie heftig dawieder gewesen, als man die Weiber peinigte, also ist es diesmal deßhalben unterlassen worden.“ Aus den Akten wird deutlich, dass der Pfarrer derart gegen die Folter wetterte, dass der Prozess beendet und die noch lebende Gefangene freigelassen wurde.

Bergbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An dem Abhang zwischen dem Dorf und dem Hof Rinderbügen trat Kohle zu Tage und bestand, einen halben Meter stark, fast nur aus junger, minderwertiger Braunkohle (Lignit). Sie erstreckte sich durch das ganze Plateau südöstlich von Rinderbügen bis in den Büdinger Wald hinein. Nachdem der Abbau über 200 Jahre durch technische Schwierigkeiten nicht möglich war, konnte nach dem Krieg 1870/71 die „Zeche Hedwig“ eröffnet werden. Von einem oberhalb von Rinderbügen heute noch erhaltenen Zechenhaus führte eine Drahtseilbahnan zur Landstraße nach Büdingen, von wo der Weitertransport mit Pferdewagen erfolgte.[8] Unter der Ortsmitte selbst wurde bei einer Bohrung 1936 ein 15 cm starker Braunkohleflöz festgestellt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hartmut Hegeler: Anton Praetorius, Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter. Unna 2002, ISBN 3-9808969-4-3
  • Hartmut Hegeler: Hexenbuhle. Unna 2004
  • Walter Nieß: Hexenprozesse in der Grafschaft Büdingen. Protokolle Ursachen Hintergründe. Büdingen 1982

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rinderbügener Hof
Rinderbügener Hof
Rinderbügener Hof
  • Gesamtanlage Rinderbügener Hof
  • Evangelische Kirche (Sankt Laurentius und Katharina)
  • Zechenhaus
  • Alte Schule
  • Backhaus

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fremdensitzung (MGV)
  • Kinderfasching (BVR)
  • Maifeuer und Maifeier (Ski-Club)
  • Vatertagsgrillfest an Christi Himmelfahrt (MGV)
  • Tag der Feuerwehr mit Sommernachtsfest (Freiwillige Feuerwehr)
  • Oktoberfest (BVR)
  • Adventssingen (MGV)
  • Würstchenwürfeln (Jugendfeuerwehr)
  • diverse Tagesausflüge, bzw. Skifreizeiten verschiedener Vereine

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Männergesangverein „Eintracht“ Rinderbügen 1888
  • Freiwillige Feuerwehr Rinderbügen
  • Ski-Club Rinderbügen
  • Ballspiel Verein Rinderbügen 1966
  • Landfrauenverein Rinderbügen
  • Natur- und Vogelschutzgruppe Rinderbügen
  • Lebendiges Rinderbügen

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehrenbürger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Söhne und Töchter des Ortes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Niess (* 4. Februar 1895, † 21. August 1965), Gewerbeoberlehrer und Ehrenbürger der Stadt Büdingen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ruppel, Hans Georg (Bearb.): Historisches Ortsverzeichnis für das Gebiet des ehem. Großherzogtums und Volksstaats Hessen mit Nachweis der Kreis- und Gerichtszugehörigkeit von 1820 bis zu den Veränderungen im Zuge der kommunalen Gebietsreform, Reihe Darmstädter Archivschriften (2), 1976, S. 175

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistik im Internetauftritt der Stadt Büdingen (pdf; 21,5 KB), abgerufen im Januar 2016.
  2. Einwohnerzahlen im Internetauftritt der Stadt Büdingen, abgerufen im Juni 2016.
  3. Heinrich Reimer, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Bd. 1-4. Leipzig 1891 – 1897, Bd. 4, S. 539.
  4. Heinrich Wagner: Provinz Oberhessen. Kreis Büdingen, A. Bergstræsser, 1890, S. 254
  5. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 353.
  6. Grenzänderungs- und Eingliederungsvertrag vom 26. November 1971
  7. Hexenprozesse: Wirken von Pfarrer Praetorius
  8. Carl Hartmann, Bruno Kerl, Friedrich Wimmer, G. Köhler (Hrsg.): Berg- und hüttenmännische Zeitung, Verlag B.G.H. Schmidt, 1879, Ausg. 38, S. 90

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das zu Lebzeiten gewährte Ehrenbürgerrecht erlischt mit dem Tod der geehrten Person. Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Büdingen hat als Rechtsnachfolger der ehemals selbstständigen Gemeinde Rinderbügen am 20. April 2007 die Ehrenbürgerschaft Hitlers ausdrücklich aberkannt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rinderbügen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien