Arctic Sea

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Arctic Sea
MV Arctic sea.svg
p1
Schiffsdaten
Flagge MaltaMalta (Handels- und Dienstflagge zur See) Malta
andere Schiffsnamen
  • Okhotskoe (1991–1996)
  • Zim Venezuela (1996–1998)
  • Alrai (1998)
  • Torm Senegal (1998–2000)
  • Jogaila (2000–2005)
  • Shelley Express (seit 2011)
Schiffstyp Mehrzweck-Trockenfrachtschiff
Rufzeichen 9HDN8
Heimathafen Valletta
Eigner Arctic Sea Ltd.
Bauwerft Sedef-Werft, Gebze/Istanbul
Indienststellung 1991
Schiffsmaße und Besatzung
Länge
97,80 m (Lüa)
Breite 17,34 m
Tiefgang max. 6,01 m
Vermessung 3988 BRZ
1618 NRZ[1]
Maschine
Maschine 1× Dieselmotor
Maschinen-
leistungVorlage:Infobox Schiff/Wartung/Leistungsformat
3.360 kW (4.568 PS)
Geschwindigkeit max. 13,2 kn (24 km/h)
Propeller Verstellpropeller
Transportkapazitäten
Tragfähigkeit 4706 tdw
Container 224 TEU
Sonstiges
Klassifizierungen

Russian Maritime Register of Shipping

Registrier-
nummern

IMO 8912792

Die Arctic Sea ist ein kleines unter der Flagge Maltas fahrendes Frachtschiff. Bekannt wurde sie durch bis heute unvollständig geklärte Ereignisse im Sommer 2009, in deren Verlauf das Schiff in der Ostsee von maskierten Männern geentert wurde, anschließend verschwand und auf Höhe der Kapverden von der russischen Marine aufgebracht und befreit wurde.

Das Schiff[Bearbeiten]

Gebaut wurde es 1991 als Okhotskoe auf der Sedef-Werft in Gebze/Istanbul. Als Eigner ist das Unternehmen Arctic Sea Ltd. auf Malta eingetragen. Das Schiffsmanagement erfolgt durch die Solchart Management AB in Helsinki, Finnland, das ISM-Management liegt in den Händen von Solchart Arkhangelsk in Archangelsk, Russland.[2] Die Arctic Sea wird hauptsächlich für den Transport von Holz aus Finnland eingesetzt.

Als Antrieb dient ein Dieselmotor mit einer Leistung von 3360 kW, der auf einen Verstellpropeller wirkt. Das Schiff ist mit zwei bordeigenen Kränen ausgerüstet, die jeweils 25 t heben können. Neben Stück- und Massengütern kann das Schiff auch 224 Standardcontainer laden.

Die Arctic Sea wurde im März 2010 für 1,8 Millionen Euro an das kanadische Unternehmen Great Lakes Feeder Lines[3] verkauft und transportierte Güter zwischen den USA und Kanada. Ende Oktober 2011 erwarb das Unternehmen Amber Express Cargo, das von PMAC Marine aus Sharjah in den Vereinigten Emiraten vertreten wird, das Schiff und benannte es im November 2011 in Shelley Express um.

Die Vorfälle im Sommer 2009[Bearbeiten]

Am 22. Juli 2009 gegen 00:30 UTC lief das Schiff aus dem finnischen Hafen Jakobstad/Pietarsaari aus. Es war nach offiziellen Angaben mit 6700 m³ Schnittholz des schwedisch-finnischen Forstunternehmens Stora Enso im Wert von rund 1,3 Mio. Euro [4] für Bejaia in Algerien beladen. In Bejaia sollte das Schiff am 2. August um 12:00 UTC ankommen, was aber nicht geschah. Die Umstände des Verschwindens führten zu Spekulationen über die Richtigkeit der Angaben zur Ladung.[5]

Vor der Fahrt Richtung Bejaia lag das Schiff ab dem 24. Juni für Überholungsarbeiten in Kaliningrad und verließ den Hafen in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli mit Ziel Jakobstad/Pietarsaari, wo es am 20. Juli gegen 11:00 UTC ankam.

Am 31. Juli wurde bekannt, dass das Schiff am frühen Morgen des 24. Juli zwischen Öland und Gotland von acht maskierten Männern (z. T. wurde auch von zehn oder bis zu zwölf Personen berichtet),[6][7] die sich als Drogenfahnder der schwedischen Polizei ausgaben, mit Hilfe eines Schlauchbootes gestoppt und geentert worden sei. Die aus 15 Personen bestehende russische Besatzung soll gefangengenommen und das Schiff anschließend durchsucht worden sein. Verschiedenen Pressemitteilungen zufolge verließen die Männer nach gut zwölf Stunden das Schiff wieder, das daraufhin seine Reise fortsetzte.[8]

Am 28. Juli meldete sich das Schiff für die Durchfahrt durch den Ärmelkanal über Funk bei den britischen Behörden in Dover. Zuletzt wurde am 29. Juli um 19:06 UTC das AIS-Signal des Schiffes von einer Landstation empfangen, als die Arctic Sea nördlich der französischen Küste auf der Höhe von Brest mit 7,7 kn Richtung WSW fuhr.[7] Als geplante Ankunftszeit für Bejaia wurde jetzt der 4. August 2009 um 23:00 UTC gesendet. Seitdem fehlte nach offiziellen Angaben von dem Schiff jede Spur; widersprüchliche Meldungen über angebliche Sichtungen des Schiffes sorgten in den nächsten Tagen für weitere Verwirrung.[9] Die russische Marine stellte vier Kriegsschiffe der Schwarzmeerflotte, und zwar drei Landungsschiffe der Ropucha-Klasse und eine Fregatte der Kriwak-Klasse, zur Suche nach der Arctic Sea ab, die zusätzlich von zwei Atom-U-Booten unterstützt wurden.

Route der Arctic Sea

Am 15. August wurde gemeldet, die Reederei habe eine Lösegeldforderung für das Schiff erhalten.[10] Am 17. August gab der russische Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow bekannt, dass das Schiff 480 km von den Kapverden entfernt von der russischen Marine aufgebracht worden sei, die Besatzung habe gerettet werden können, und die Piraten seien ohne Gegenwehr festgenommen worden.[11][12] Nach der gelungenen Befreiungsaktion räumte der russische NATO-Botschafter Dmitri Rogosin ein, dass den Behörden der Aufenthaltsort der Arctic Sea seit Tagen bekannt gewesen sei. Man habe die Öffentlichkeit aber bewusst irregeführt, um die Militäraktion zur Befreiung der Besatzung nicht zu gefährden.[13] An der Befreiungsaktion wirkten Vertreter aus zwanzig Nationen mit.[12]

In den Tagen danach wurden in den Medien weitere Unstimmigkeiten in der offiziellen Version gemeldet. Analysen aus mehreren Staaten kamen zum Schluss, dass das Schiff zu tief im Wasser lag, um eine Holzladung zu tragen. Es wurde der Verdacht geäußert, dass die Holzlieferung Tarnung für eine Waffenlieferung sei. Die Mutmaßungen gingen soweit, dass von Marschflugkörpern vom Typ AS-15 Kent und Luftabwehrraketen vom Typ S-300 gesprochen wurde.[14] Als mögliche Empfänger wurden Iran oder die Palästinenserorganisation Hamas genannt.

Die Piraten wurden nach Russland (Militärflugplatz Tschkalowski) gebracht und angeklagt. Mindestens einer der Angeklagten wurde inzwischen verurteilt.[15] Der Großteil der Besatzung wurde zum Verhör durch Geheimdienste ausgeflogen und zwei Wochen lang fast ohne Kontakte nach außen festgehalten. Der Kapitän und die restliche Besatzung blieben auf der Arctic Sea, die von der russischen Marine in den Schwarzmeerhafen Noworossijsk geschleppt werden sollte.

Es besteht der Verdacht, dass die Besatzung zumindest teilweise mit den Piraten kooperierte. Die mutmaßlichen Piraten selbst geben sich als Naturschützer aus dem Baltikum aus. Sie seien von der Arctic Sea aus Seenot gerettet worden, während der Reise habe sich keine Gelegenheit geboten, von Bord des Schiffes zu gehen. Mehrfach wurde der israelische Geheimdienst als Auftraggeber der Entführung genannt.[16][17] Andere Quellen sehen den Russischen Geheimdienst FSB als Initiator.[18] Die mutmaßlichen Piraten sind überwiegend Russen.[12][19][20]

Rund drei Wochen, nachdem bekannt geworden war, dass die Arctic Sea von der russischen Marine nach Noworossijsk geschleppt werden solle, wurde über den Abschluss der Ermittlungen des Untersuchungsausschusses bei der russischen Staatsanwaltschaft mit dem Ergebnis berichtet, dass sich lediglich Schnittholz an Bord befunden habe. Das Schiff soll nun an die maltesischen Behörden bzw. den Schiffseigner übergeben werden und dafür den kanarischen Hafen Las Palmas anlaufen.[21][22][23] Nach neueren Berichten wurde der Antrag des Schiffs auf Aufenthalt im Hafen wegen angeblicher Waffen an Bord[24] bzw. fehlendem Handelsschiffsstatus abgelehnt.[25]

Am 31. Oktober tauchte das Schiff in Valletta auf Malta wieder auf.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Technische Daten, Russian Maritime Register of Shipping
  2. Schiffssicherheitsdatenseite Equasis, abgerufen 13. August 2009
  3. Great Lakes Feeder Lines
  4. Meldung in der internationalen Ausgabe von Helsingin Sanomat, abgerufen am 14. August 2009
  5. Gerüchte über radioaktive Fracht, ORF.at, 17. August 2009
  6. Where are you, Arctic Sea?, Helsingin Sanomat (engl.)
  7. a b Reeder vermutet Entführung der „Arctic Sea“, Spiegel Online, 13. August 2009
  8. Frachter auf Ostsee von Piraten überfallen. In: Spiegel Online, 31. Juli 2009
  9. Russlands Marine jagt Geisterschiff.Vorlage:Webarchiv/Wartung/Nummerierte_Parameter In: Financial Times Deutschland, 17. August 2009 (aufgerufen 18. August 2009)
  10. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatLösegeld-Forderung für „Arctic Sea". In: tagesschau.de. 15. August 2009, abgerufen am 15. August 2009.
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatRussia 'finds missing cargo ship'. In: BBC News. 17. August 2009, abgerufen am 17. August 2009.
  12. a b c Waffenschmuggel-Verdacht: Geheimdienst lässt Seeleute der "Arctic Sea" frei. In: Spiegel Online vom 30. August 2009
  13. „Arctic Sea“: Öffentlichkeit wurde gezielt irregeführt. In: Die Presse, 18. August 2009 (aufgerufen am 18. August 2009).
  14. Netanjahu in Moskau. In: FAZ, 11. September 2009
  15. Lagerhaft für Kaperer der "Arctic Sea" (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung Tagesschau, 7. Mai 2010 (abgerufen am 5. Oktober 2010)
  16. Siehe spanische Zeitung Artikel El caso del 'Arctic Sea' se enturbia in El País, 4. September 2009:
    Hace dos días, Yediot Ajronot, el periódico de mayor difusión en Israel, daba en portada la noticia de que "piratas enviados por Mosad se apoderaron en alta mar del Arctic Sea"
  17. russiaprofile.org
  18. Die Raketenschmuggler auf der „Arctic Sea“. In: Salzburger Nachrichten, 4. September 2009
  19. Die Arctic Sea hatte nicht nur Holz an Bord. In: Basler Zeitung Online, 26. August 2009
  20. Arctic Sea – Wie eine Geschichte von Gogol. In: Basler Zeitung Online, 29. August 2009
  21. Verwirrspiel um “Arctic Sea“: Frachter darf Kanaren anlaufen. Meldung der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti, 15. September 2009, abgerufen am 23. September 2009
  22. Arctic Sea dümpelt noch immer vor den Kanaren, 17. September 2009, abgerufen am 23. September 2009
  23. Nach Irrfahrt der Arctic Sea: Keine Fremdware an Bord, Meldung der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti, 19. September 2009, abgerufen am 23. September 2009
  24. Arctic Sea darf den Hafen von Las Palmas nicht anlaufen, Meldung der Spanienmagazins Comprendes, 21. September 2009, abgerufen am 23. September 2009
  25. Not a ship News Solchart Web Site vom 24. September 2009, abgerufen 29. September 2009 (englisch)