Bait Sahur

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31.70029135.216612Koordinaten: 31° 42′ N, 35° 13′ O

Karte: Palästinensische Autonomiegebiete
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Bait Sahur
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Palästinensische Autonomiegebiete

Bait Sahur (arabisch ‏بيت ساحور‎, DMG Bait Sāḥūr, auch Beit Sahour) ist eine palästinensische Stadt, östlich von Betlehem im Westjordanland. Die Bevölkerung von 15.400[1] Einwohnern ist zu 80 Prozent christlich und zu 20 Prozent muslimisch.

Geschichte[Bearbeiten]

Intifada[Bearbeiten]

Bait Sahur ist ein Ausgangspunkt verschiedener politischer Aktivitäten. Die Stadt spielte eine wichtige Rolle in der ersten und zweiten Intifada, als Bewohner Bait Sahurs als Zeichen ihres Protests gewaltfreie Aktionen anwandten.

Während dieser zwei Intifadas rief das in Bait Sahur ansässige Palestinian Center for Rapprochement between Peoples (PCR) unter George Rishmawi zu gewaltfreien Aktionen unter Leitung des International Solidarity Movements auf. Als Zeichen der Versöhnung lud das PCR während der ersten Intifada in der Aktion „Break Bread, Not Bones“ (zu deutsch: Brich Brot, nicht Knochen) Israelis zu einem Sabbat bei palästinensischen Familien ein.

Teil des gewaltlosen Widerstandes war ein Steuerboykott, während der ersten Intifada 1989 unter dem Motto "No taxation without representation"[2][3]. Israels Verteidigungsminister Jitzhak Rabin, der für die Niederschlagung der Intifada verantwortlich war, erwiderte “We will teach them there is a price for refusing the laws of Israel.” (wir werden sie lehren, dass sie einen Preis dafür zahlen müssen, die Gesetze Israels nicht einzuhalten)[4] Die israelische Militärbehörde verhängte einen 42tägige Ausgangssperre über die Stadt, blockierte Nahrungsmittellieferungen, kappte die Telefonleitungen und verhaftete 40 Einwohner der Stadt. Außerdem brach die Armee in Privathäuser ein und stahl/requirierte Gelder[5] Die Militärverwaltung Israels hinderte die Generalkonsuln von Belgien, des Vereinigten KönigreichVereinigten Königreich, Frankreichs, Griechenlands, Italiens, Spaniens und Schwedens bei dem Versuch, Beit Sahour zu betreten und sich ein Bild über die Auswirkung der israelischen Politik zu machen.[6].

Die Militärverwaltung Israels hatte nach der israelischen Gesetzgebung das Recht, eigene Fantasiesteuern zu erfinden. Während der Intifada wurden als Kollektivstrafen die Steuern für "kaputte Fensterscheiben", für "Raketenbeschuss" (durch von Saddam Husseins Irak verursachte Raketentreffer im zweiten Golfkrieg) und für "Steinschäden" (verursacht durch gewaltsame Proteste") erhoben. Auf diese Weise mussten Palästinenser Steuern für Schäden zahlen, für die sie nicht verantwortlich waren[2][7].

Der UN-Sicherheitsrat arbeiteten an der Verabschiedung einer Resolution, die Israel dazu aufforderte, die beschlagnahmten Gelder zurückzuzahlen. Die USA verhinderten mit einem Veto die Verabschiedung dieser Resolution[8].

Jüngere Geschichte[Bearbeiten]

Das Alternative Information Centre befindet sich ebenfalls zu Teilen in der Bait Sahur.

Der Stadtrat von Bait Sahur, Elias Rishmawi, ist Mitbegründer der Alternative Tourism Group (ATG), einer Nichtregierungsorganisation, die Reisen nach Israel und Palästina anbietet.[9] Dabei wird anhand der Olivenernte die Auswirkung der israelischen Okkupation auf die palästinensische Bevölkerung veranschaulicht[10].

Wirtschaft[Bearbeiten]

Bait Sahurs Wirtschaft basiert größtenteils auf dem Tourismus und der darauf bezogenen Industrie, wie beispielsweise Olivenholzschnitzwerk. Daneben spielen Landwirtschaft und Arbeitnahme in Israel eine Rolle. Die Stadt profitierte in größerem Ausmaß vom „Betlehem 2000“-Projekt, das die Renovierung von Touristenattraktionen, Hotels und den angeschlossenen Geschäften vor der Jahrtausendwende vorsah.

Der soziale und wirtschaftliche Sektor wurden im September 2000 durch die Ereignisse der Zweiten Intifada stark in Mitleidenschaft gezogen.

Religion[Bearbeiten]

Kapelle auf den "Hirtenfeldern"

Die Stadt befindet sich der Überlieferung nach auf dem Gebiet, wo laut Neuem Testament jene Hirten lagerten, denen die Geburt Jesu Christi zuerst verkündet wurde. Dies ist zwar historisch nicht belegt, die Nähe zu Betlehem und die heute noch ideale Weidelandschaft mit Höhlen lassen diese Lokalisierung aber logisch erscheinen. Auf dem Gemeindegebiet gibt es daher auf den "Hirtenfeldern" Gedenkstätten, die an die Verkündung der Weihnachtsbotschaft an die Hirten (Lk 2,1-20) erinnern. Die besagten Hirten und der Zusatz "Hirtenfeld" (arabisch ‏حقل الرعاة‎) erscheinen auch im Stadtwappen von Bait Sahur.[11]

Römisch-katholische Hirtenfelder der Franziskaner (Der es-Siar)[Bearbeiten]

Auf dem Gelände befinden sich mehrere Zisternen und Grotten in der Art, wie man sich einen Stall zur Zeit Jesu vorstellen muss. Über dieser Grotte wurde zwischen 1953 und 1954 eine Kapelle in Form eines Zelts errichtet. Sie ist Anziehungspunkt für Touristen, besonders am Heiligen Abend.

Orthodoxe Hirtenfelder mit Kloster (Der er-Ra'wat)[Bearbeiten]

Auf dem Gelände befindet sich eine unterirdische Kirche, die der Gottesmutter Maria (Mutter Jesu) geweiht ist. Dort werden auch angebliche Gräber von drei jener Hirten gezeigt, denen die Weihnachtsbotschaft verkündet worden war. Neben dieser Grotte wurde eine neue Kirche errichtet.

Marienbrunnen (Bir as-Sydah)[Bearbeiten]

Im Stadtzentrum gibt es eine Zisterne, die von Isaak, dem Sohn Abrahams, gegraben worden sein soll und aus der Maria bei der Flucht nach Ägypten getrunken haben soll. Darüber wurde eine Kapelle errichtet.

Partnerstädte[Bearbeiten]

Bait Sahur hat 25 Partnerstädte vor allem in Italien und Frankreich:[12]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Beit Sahour – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Projected Mid -Year Population for Bethlehem Governorate by Locality 2004- 2006
  2. a b Local Government in the West Bank and Gaza (says parenthetically that the property tax “rate and base” were “unchanged since 1963”)
    Baxendale, Sidney J. “Taxation of Income in Israel and the West Bank: A Comparative Study” Journal of Palestine Studies, Vol. 18, No. 3 (Spring, 1989), Seiten 134-141 "it retained the Jordanian tax law"
  3. Gradstein, Linda “Palestinians Claim Tax is Unjust, Many Don’t Pay” [Ft. Lauderdale] Sun-Sentinel 8 October 1989, S. 12A
  4. Sosebee, Stephen J. “The Passing of Yitzhak Rabin, Whose ‘Iron Fist’ Fueled the Intifada” The Washington Report on Middle East Affairs. 31. Oktober 1990. Vol. IX #5, Seite 9
  5. Grace, Anne “The Tax Resistance at Bayt Sahur” Journal of Palestine Studies 1990
    New York Times Lewis, Anthony “It Can Happen There” 29. Oktober 1989, S. E23
    Curtius, Mary “Palestinian Villagers are Defiant After Israeli Troops End Tax Siege” Boston Globe 2. November 1989, S. 2
    Williams, Daniel “Israeli troops withdraw after failing to stop tax revolt” Austin American Statesman. 1. November 1989, S. A6
    “Israel abandons attempt to crush town's tax revolt” The Ottawa Citizen 1. November 1989, S. A10
    “Food to West Bank Town Blocked” The Washington Post 28. Oktober 1989, S. A18
    “Israelis stop bishops from helping besieged town” The Ottawa Citizen 28. Oktober 1989, S. A10
    Sela, Michal “Elias Rashmawi’s ‘Tea Party’” Jerusalem Post 29. September 1989, S. 9
    Williams, Daniel “Anti-Israel Boycott: Tax Man Cometh, but an Arab Town Resists” Los Angeles Times 9. Oktober 1989, S. 10
  6. “Envoys turned back on road to Beit Sahour” The [Toronto] Globe and Mail 7. Oktober 1989, S. A9
    “Israeli Troops Bar Western Envoys” Los Angeles Times 6. Oktober 1989, S. 1
  7. “A Matter of Justice: Tax Resistance in Beit Sahour” Nonviolent Sanctions Albert Einstein Institution, Spring/Summer 1992
  8. “U.S. vetoes UN resolution that Israel return property seized in tax revolt” The [Montreal] Gazette. 8. November 1989, S. A14
  9. Heiligabend auf dem Hirtenfeld in FAZ Magazin vom Dezember 2013, Seiten 80 bis 83
  10. Olive Picking Program 2008 bei Joint Advocacy Initiative
  11. http://www.beitsahourmunicipality.com/new/
  12. Liste der Partnerstädte