Bernt Engelmann

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Bernt Engelmann (* 20. Januar 1921 in Berlin; † 14. April 1994 in München), ein Urenkel Leopold Ullsteins, war ein deutscher Schriftsteller und Journalist.

Engelmann 1987 (rechts), zusammen mit Hermann Kant

Leben[Bearbeiten]

Engelmann schloss sich gegen Ende der Diktatur des Nationalsozialismus einer Widerstandsgruppe an, wurde zweimal von der Gestapo verhaftet und 1944/45 wegen „Judenbegünstigung“ in den Konzentrationslagern Flossenbürg und Dachau inhaftiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er ein Journalismus-Studium. Während dieser Zeit schrieb er für Gewerkschaftszeitungen. Danach war er als Reporter und Redakteur zunächst beim Spiegel, später beim NDR-Magazin Panorama tätig. In der Zeit von 1966 bis 1967 publizierte er, gemeinsam mit Gert von Paczensky, die Zeitschrift Deutsches Panorama.

Ab 1962 arbeitete Engelmann als freier Schriftsteller. Er verfasste hauptsächlich Sachbücher. In seinen „Anti-Geschichtsbüchern“ verwendete er ein Geschichtsbild „von unten“; nicht die Herrschenden standen im Fokus seiner Geschichte(n), sondern die Beherrschten. Daneben schrieb Engelmann auch zwei Romane mit realem Hintergrund: In Großes Bundesverdienstkreuz beschäftigte er sich mit dem wirtschaftlichen Aufstieg des Industriellen Fritz Ries und dessen Einfluss auf ranghohe Politiker. In seinem Buch Hotel Bilderberg beschrieb er die Entstehung der westlichen Nachkriegseliten am Beispiel der Bilderberg-Konferenz, organisiert von Bernhard zur Lippe-Biesterfeld (der „Prinz der Niederlande“). Insgesamt verfasste er rund 50 Bücher mit einer Gesamtauflage von über 15 Millionen Exemplaren weltweit.

Das SPD-Mitglied Engelmann war von 1977 bis November 1983[1] Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS). 50 Schriftsteller, darunter Heinrich Böll, Günter Grass, Sarah Kirsch und Siegfried Lenz unterzeichneten Ende 1983 eine Erklärung, in der sie seinen Rücktritt forderten. Anlass war ein Telegramm, das Engelmann als Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller gemeinsam mit dem westdeutschen P.E.N.-Club an den polnischen General Wojciech Jaruzelski geschickt hatte. Darin hatte er gegen die Auflösung des polnischen Schriftstellerverbandes protestiert und „die umgehende Zulassung“ eines Verbandes gefordert, „der die Interessen der Autoren“ vertritt. Diese Forderung wurde später von Günter Grass als die Aufforderung gegeißelt, „einen Verband von Quislingen“ (Kollaborateuren) „ins Leben zu rufen“. Außerdem wurde Engelmann vorgeworfen, zu nachgiebig gegenüber der polnischen Diktatur gewesen zu sein.[2] Nach Hubertus Knabe war der Kernsatz: „Bernt Engelmann hat von uns kein Mandat, als Vorsitzender des VS Kollegen Zensuren zu erteilen und Denkverbote auszuteilen.“[3] Von 1972 bis 1984 gehörte Engelmann dem Präsidium des westdeutschen PEN-Zentrums an, daneben war er langjähriges Mitglied der IG Metall. Er setzte sich für die soziale Absicherung freier Journalisten und Schriftsteller ein. Mit auf seine Initiative geht die Künstlersozialversicherung zurück.

Bernt Engelmann (2. von rechts)

1984 wurde er mit dem Heinrich-Heine-Preis des Ministeriums für Kultur der DDR ausgezeichnet. Wegen seiner Kontakte als VS-Funktionär zum Schriftstellerverband der DDR war er z. T. umstritten.

Als der von Engelmann vertretene Presseausschuß Demokratische Initiative 1978 in einer Broschüre auf die Tatsache verwies, Franz Josef Strauß sei während des Dritten Reiches Nationalsozialistischer Führungsoffizier gewesen,[4] reagierte Strauß mit der Äußerung, er führe „gegen Ratten und Schmeißfliegen“ keine Prozesse, die insbesondere vor der Bundestagswahl 1980 für politische Kontroversen sorgte.[5] Edmund Stoiber wiederholte den Vergleich 1980 als „ausschließlich“ gegen Engelmann gerichtet und seine „seit Jahrzehnte[n] geführten ‚Verleumdungs- und Denunziationskampagnen‘ gegen die CSU und ihren Vorsitzenden“.[6] Gert Heidenreich verfasste 1981 eine Dokumentation unter dem Titel Die ungeliebten Dichter. Die Ratten-und-Schmeißfliegen-Affäre, zu der Engelmann das Nachwort beisteuerte.[7]

Anfang der 90 Jahre stand er in der Kritik, da er aus der DDR vom Ministerium für Staatssicherheit zugespieltes Material für seine Bücher verwendet hatte.[8][2][9] In der Diskussion wurde die Herkunft des Materials kritisiert und teilweise seine Richtigkeit in Frage gestellt. Die Welt berichtete am 19. Juni 2004 mit Dokumentenzitaten, dass er seit 1982 beim Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter „Albers“ auf einem Statistikbogen der Rosenholz-Dateien registriert gewesen sei, und nach Günter Bohnsack von DDR-Drehbuchautor Karl Egel angeworben sein soll.[10][11]

Engelmanns Grab befindet sich auf dem Friedhof in Rottach-Egern, wo er auch zuletzt lebte.

Werkauswahl[Bearbeiten]

  • 1963 Meine Freunde die Millionäre. Ein Beitrag zur Soziologie der Wohlstandsgesellschaft nach eigenen Erlebnissen. Schneekluth, Darmstadt
  • 1965 Deutschland-Report, Exlibris
  • 1965 Das eigene Nest – ein Panorama bundesdeutscher Gegenwart, Schneekluth Verlag
  • 1966 Meine Freunde die Manager. Ein Beitrag zur Erklärung des deutschen Wunders
  • 1967 66 Zeitgenossen. Berühmt, bestaunt, bewundert
  • 1967 Schützenpanzer HS 30 – Starfighter F-104 G, oder wie man unseren Staat zugrunde richtet, Kurt Desch
  • 1968 Die Macht am Rhein, Fortsetzung zu Meine Freunde die Millionäre
  • 1970 Deutschland ohne Juden. Eine Bilanz
  • 1971 Die vergoldeten Bräute. Wie Herrscherhäuser und Finanzimperien entstehen
  • 1971 O wie oben. Wie man es schafft, ganz O zu sein
  • 1972 Das Reich zerfiel, die Reichen blieben. Deutschlands Geld- und Machtelite (Mit Rangliste der 500 großen alten Vermögen), Hoffmann& Campe
  • 1972 Meine Freunde, die Geldgiganten. Die Macht am Rhein: Der alte Reichtum / Die neuen Reichen, Schneekluth Verlag
  • 1973 Ihr da oben – wir da unten (mit Günter Wallraff), Kiepenheur&Witsch
  • 1973 Schwarzes Kassenbuch. Die heimlichen Wahlhelfer der CDU/CSU
  • 1974 Großes Bundesverdienstkreuz (Tatsachenroman), AutorenEdition
  • 1974 Wir Untertanen. Ein Deutsches Anti-Geschichtsbuch, Bertelsmann
  • 1975 Einig gegen Recht und Freiheit – Deutsches Anti-Geschichtsbuch 2. Teil, Bertelsmann
  • 1976 Schwarzbuch: Strauß, Kohl und Co., Kiepenheuer & Witsch
  • 1977 Hotel Bilderberg. Ein Tatsachenroman, AutorenEdition
  • 1977 Trotz alledem. Deutsche Radikale 1777–1977, Bertelsmann
  • 1978 Hrsg.: VS vertraulich. IV. Schriftstellerkongreß Dortmund und die Folgen, Goldmann
  • 1978 Trotz alledem. Horen der Freundschaft, Bertelsmann
  • 1979 Preußen: Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Goldmann, ISBN 3-442-11300-8
  • 1979 Eingang nur für Herrschaften. Karrieren über die Hintertreppe, Goldmann
  • 1980 Franz Josef Strauß. Das neue Schwarzbuch, TB Kiepenheuer, ISBN 3-462-01390-4
  • 1980 Wie wir wurden, was wir sind. Von der bedingungslosen Kapitulation zur unbedingten Wiederbewaffnung, Bertelsmann; 1982 TB Goldmann, ISBN 3-442-06388-4
  • 1980 Die andere Bundesrepublik. Geschichte und Perspektiven. Hrsg. Karl Rupp, Guttandin & Hoppe, ISBN 3-922140-08-4
  • 1980 Die Laufmasche. Tatsachenroman, AutorenEdition; 1982 TB rororo, ISBN 3-499-14882-X
  • 1981 Wir sind wieder wer. Auf dem Weg ins Wirtschaftswunderland. Bertelsmann, ISBN 3-570-00158-X
  • 1981 Was lange gärt, wird endlich Wut. Der Fall Hansen, Konkret Literatur Verlag, ISBN 3-922144-15-2
  • 1982 Im Gleichschritt marsch. Wie wir die Nazizeit erlebten, Kiepenheuer & Witsch; 1984 TB Goldmann, ISBN 3-442-06727-8
  • 1982 Hrsg.: Es geht, es geht …Zeitgenössische Schriftsteller und ihr Beitrag zum Frieden – Grenzen und Möglichkeiten. , Goldmann, ISBN 3-442-06561-5
  • 1982 Weissbuch Frieden, TB Kiepenheuer & Witsch, ISBN 3-462-01514-1
  • 1983 Auf gut deutsch. Ein Bernt-Engelmann-Lesebuch, hrsg. Lothar Menne, Goldmann, ISBN 3-442-06539-9
  • 1983 Bis alles in Scherben fällt. Wie wir die Nazizeit erlebten 1939–1945, Kiepenheuer & Witsch; 1985 TB Goldmann, ISBN 3-442-06786-3
  • 1984 Du deutsch? Geschichte der Ausländer in unserem Land, Bertelsmann; 1987, TB Goldmann, ISBN 3-442-08657-4
  • 1984 Vorwärts und nicht vergessen. Vom verfolgten Geheimbund zur Kanzlerpartei. Wege und Irrwege der deutschen Sozialdemokratie (Vorwort von Willy Brandt), Bertelsmann
  • 1985 Über den Haß hinaus. Texte zum 8. Mai 1945, Weltkreis Verlag, ISBN 3-88142-336-2
  • 1986 Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum, Bertelsmann, ISBN 3-570-01716-8
  • 1986 Schwarzbuch. Das Kohl&Co-Komplott, Steidl, ISBN 3-88243-066-4
  • 1986 Das ABC des großen Geldes. Macht und Reichtum in der Bundesrepublik – und was man in Bonn dafür kaufen kann, Verlag der Nation, ISBN 3-373-00162-5
  • 1987 Wir hab'n ja den Kopf noch fest auf dem Hals. Die Deutschen zwischen Stunde Null und Wirtschaftswunder, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 3-462-01688-1
  • 1988 Richter zwischen Recht und Macht. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Strafjustiz von 1779–1918, Pahl-Rugenstein, ISBN 3-7609-1228-1
  • 1989 Rechtsverfall, Justizterror und das schwere Erbe. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Strafjustiz 1919 bis heute, Pahl-Rugenstein, ISBN 3-7609-1229-X
  • 1990 Deutsche Geschichte in Geschichten. Hrsg. von Klaus Ziermann, Verlag der Nation, ISBN 3-373-00390-3
  • 1994 Berlin. Eine Stadt wie keine andere, Steidl, ISBN 3-88243-309-4
  • 1994 Die Beamten. Unser Staat im Staate, Steidl, ISBN 3-88243-236-5
  • 1994 Schwarzbuch Helmut Kohl oder: wie man einen Staat ruiniert (PDF; 1,2 MB), Steidl, ISBN 3-88243-278-0

Literatur[Bearbeiten]

  • Hubertus Knabe: Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien. Propyläen Verlag, Berlin/München 2001, ISBN 3-549-07137-X, S. 306-318.
  • Engelmann, Bernt“. In: Bruno Jahn (Hrsg.): Die deutschsprachige Presse. Ein biographisch-bibliographisches Handbuch. Band 1 (A–L). K. G. Saur, München 2005, S. 251.
  • Georg H. Schlatter Binswanger: „Engelmann, Bernt“. In: Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon. Band 7 (Dürrenmatt–Ernestus), K. G. Saur, München/Zürich 2005, Sp. 501.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bernt Engelmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Peter Schütt: Dumm und gutgläubig. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1992, S. 179–186 (10. Februar 1992, online).
  2. a b  Lärm um nichts. In: Der Spiegel. Nr. 48, 1983, S. 231 (28. November 1983, online).
  3. Hubertus Knabe: Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien. Propyläen Verlag, Berlin/München 2001. S. 317.
  4.  Das deutsche Wort. In: Der Spiegel. Nr. 9, 1980, S. 29–33 (online).
  5. „Ich kann eiskalt austeilen“. Nina Grunenberg, Theo Sommer und Diether Stolze im Gespräch mit Franz Josef Strauß. In: Die Zeit vom 29. Februar 1980.
  6. Helmut Peitsch: Nachkriegsliteratur 1945–1989. V&R unipress, Göttingen 2009, ISBN 978-3-89971-730-3, S. 290.
  7. Gert Heidenreich: Die ungeliebten Dichter. Die Ratten- und-Schmeißfliegen-Affäre. Hrsg. in Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Schriftsteller (VS) und dem Presseausschuss Demokratische Initiative (PDI). Mit einem Nachwort von Bernt Engelmann. Eichborn, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-8218-1003-3.
  8.  Schlimmste Schreier. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1992, S. 178–179 (10. Februar 1992, online).
  9.  Der SPIEGEL berichtete… In: Der Spiegel. Nr. 7, 1994, S. 210 (14. Februar 1994, online).
  10. Dirk Banse/Michael Behrendt: Stasi führte Bernt Engelmann als IM "Albers", Die Welt vom 19. Juni 2004; Otto Köhler: Neues vom Rosenholz - Altes vom Hakenkreuz, der Freitag vom 23. Juli 2004.
  11. Jochen Schröder: "Daran kann auch die SPD nicht vorbeigehen", merkur-online vom 18. Februar 2005, abgerufen am 24. Dezember 2013.