Byzantinische Geschichtsschreibung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Byzantinische Geschichtsschreibung werden die historischen Schriften von oströmischen bzw. byzantinischen Autoren bezeichnet. Die betreffenden Geschichtsschreiber haben sich selbst allerdings nie als „Byzantiner“ bezeichnet, was ein Konstrukt der modernen Forschung ist, sondern stets als „Römer“. Ihre Wurzeln hatte die byzantinische Geschichtsschreibung in der Spätantike, sie endete mit dem Fall Konstantinopels 1453.

Charakteristika[Bearbeiten]

Die spätantiken oströmischen Autoren waren sich der auf Herodot und Thukydides zurückgehenden griechischen historiographischen Tradition bewusst, in der sie standen.[1] Mit sehr wenigen Ausnahmen – namentlich Ammianus Marcellinus und Jordanes, die Latein schrieben – bedienten sie sich der altgriechischen Sprache, obwohl diese bereits in einigen Punkten von der zu ihrer Zeit verbreiteten Sprachform abwich. Die meisten dieser Autoren waren stark klassizistisch: Viele bemühten sich, die als klassisch empfundenen Autoren nachzuahmen und im Anschluss an die von Xenophon begonnene Tradition (der direkt an das Werk des Thukydides anschloss), nahtlos an die Werke ihrer Vorgänger anzuknüpfen und sich auch an Stil und Sprache der Klassiker zu orientieren. Diese von Dexippos (3. Jh.) bis Theophylaktos Simokates (7. Jh.) reichende Reihe von griechischen Geschichtsschreibern brach erst mit dem Ende der Antike im Osten infolge der arabischen Expansion ab. Aus dem spätantiken Oströmischen Reich wurde danach das nun vollständig gräzisierte Byzanz.[2]

Flossen die Quellen in der Spätantike bis ins frühe 7. Jahrhundert noch recht reichlich, versiegen sie anschließend bis ins späte 8./frühe 9. Jahrhundert fast völlig. In diesen 150 Jahren rissen viele antike Traditionen ab. In Byzanz traten ab 800 nun zunächst Chroniken an die Stelle umfassender, in klassizistischer Sprache verfasster und die Ereignisse reflektierender (zumeist zeitgeschichtlicher) Darstellungen. Auch die Chroniken hatten allerdings spätantike Wurzeln: Die christlich akzentuierten Chroniken, die bereits seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. entstanden und ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. in größerer Zahl verfasst wurden, erhoben aber keinen besonderen literarischen Anspruch.[3]

Als im späten 9. und vor allem im 10. Jahrhundert in Byzanz wieder stärker die antike Kultur gepflegt wurde (sogenannte makedonische Renaissance), nachdem das Reich zuvor seit dem 7. Jahrhundert alle Energien auf die Abwehr der äußeren Feinde hatte verwenden müssen bzw. es durch den Bilderstreit teilweise innenpolitische Auseinandersetzungen gegeben hatte, erblühte auch wieder die byzantinischen Historiographie. Man begnügte sich nun nicht mehr ausschließlich mit reinen Chroniken (die aber auch in der Folgezeit weiter verfasst wurden). Stattdessen orientierten sich mehrere Geschichtsschreiber ganz bewusst wieder an den klassischen griechischen Autoren wie Thukydides, Polybios, aber auch an in dieser Tradition stehenden spätantiken Historikern wie vor allem Prokop, und nahmen sie sich zum Vorbild. Seit dem 10. Jahrhundert wurden so in Byzanz wieder detaillierte und stärker analysierende Geschichtswerke verfasst. Mehrere Verfasser knüpften zudem an die Werke ihrer Vorgänger an (etwa im 11. Jh. Michael Psellos an Leon Diakonos). Dabei kam diesen mittel- und spätbyzantinischen Geschichtsschreibern zugute, dass in Byzanz auch in den Wirren des 7. Jahrhunderts mehr vom alten antiken Erbe bewahrt worden war als im lateinischen Westen und auch die Schriftlichkeit in Byzanz nicht auf die Geistlichkeit beschränkt war. Geschichtsschreibung war in Byzanz dennoch eine Angelegenheit einer kleinen gebildeten Schicht, die über entsprechende Kenntnisse verfügte.

Ein Charakteristikum vieler byzantinischer Geschichtsschreiber ist wie gesagt das Bemühen, sich weitgehend an den antiken Vorbildern (wie Herodot oder Thukydides etc.) zu orientieren und diese sprachlich auch nachzuahmen (Mimesis), was teils zu Anachronismen und gespreizten Ausdrücken führte. Stilistisch bewegte sich die diesbezügliche byzantinische Historiographie insgesamt auf einem hohen Niveau. Weil sich diese Autoren im Sinne der Mimesis einer „klassizistischen“ Kunstprosa bedienten, wurden in den diversen Texten oft anachronistisch und in Nachahmung der klassischen Ethnographie von „Skythen“ geredet, wenn in Wahrheit diverse Steppenvölker am Nordrand des Schwarzen Meeres bzw. auf dem Balkan gemeint waren; ebenso wurden Passagen antiker Autoren (zu nennen ist unter anderem Thukydides) in das eigene Werk übernommen bzw. waren stark daran angelehnt. Sehr oft wurden auch Zitate klassischer Autoren in den Text eingeflochten. Die klassizistische Lexik bedingte auch, dass bestimmte Termini, die im hochsprachlichen Attisch nicht vorkamen, gewunden umschrieben werden mussten. Diese Werke waren somit aber nur einem relativ kleinen, gebildeten Leserkreis vorbehalten, der derartige Anspielungen auch erkennen konnte und über die entsprechenden Kenntnisse der Hochsprache verfügte. Während die spätantiken Geschichtsschreiber zwar auch einen recht gekünstelten Stil pflegten, hatte sich die Prosa, der sich die mittel- und spätbyzantinischen Historiker in Anlehnung an die klassizistischen Autoren bedienten, auch von der gehobenen zeitgenössischen Umgangssprache weit entfernt. Ansonsten weisen die mittel- und spätbyzantinischen hochsprachlichen Profangeschichte die typischen Merkmale der antiken Klassiker auf (wie Exkurse und Reden) und waren typischerweise zeitgeschichtliche Werke. Daneben verfassten weiterhin auch Geistliche geschichtliche Werke, wobei es sich um Chroniken handelte, die bei der Darstellung der Profangeschichte stärker Elemente der christlichen Historiographie trugen und in einer leichter zu verstehenden Sprache abgefasst waren. In der älteren Forschung wurden die Chroniken oft eher gering geschätzt, da man davon ausging, dass ihre Verfasser weniger gebildet waren. Allerdings wurden Chroniken nicht ausschließlich von Geistlichen verfasst und ihre Verfasser waren teils durchaus gebildet, wie das Beispiel des Georgios Synkellos beweist.

Generell lässt sich die byzantinische Historiographie damit in zwei Teile einteilen: Die in leicht verständlicher Sprache abgefassten Chroniken (bzw. Weltchroniken) sowie die anspruchsvolleren hochsprachlichen Geschichtswerke, wenngleich es durchaus Mischformen gab. In der Byzantinistik werden in der Regel die griechischen Geschichtsschreiber ab Eunapios von Sardes zu den „(früh-)byzantinischen“ Historikern gezählt, wenngleich sich mit den spätantiken Autoren bis zu Theophylaktos auch die althistorische Forschung beschäftigt, so dass es zu Überschneidungen kommt: Genau wie die oströmische Geschichte des 4. bis 7. Jahrhunderts wird auch die damals entstandene Literatur sowohl von Byzantinisten als auch von Althistorikern erforscht.[4]

Teils werden in den geschichtlichen Darstellungen bestimmte Personen glorifiziert bzw. dämonisiert, teils ist die Chronologie oder die Darstellung der Ereignisse (vielleicht auch nur unabsichtlich) fehlerhaft. Eine möglichst wahrheitsgetreue Schilderung wurde aber von mehreren spätantiken und durchaus auch von einigen späteren byzantinischen Geschichtsschreibern wenigstens formal angestrebt und teils auch verwirklicht, besonders wenn sie die Tradition des Thukydides für sich beanspruchten und sorgsam ihre Quellen verarbeiteten. Allerdings war oft der literarische Anspruch für die jeweiligen Autoren bedeutender. Zudem flossen aufgrund der nicht wenigen politischen und theologischen Auseinandersetzungen in Byzanz auch durchaus eigene Standpunkte in die Darstellung mit ein. Das ändert aber nichts daran, dass selbst Autoren, die bisweilen parteiisch waren oder vor allem auf die prosaische Qualität ihres Werkes bedacht waren, wertvolles Material vermitteln konnten.

Überblick[Bearbeiten]

Die Spätantike[Bearbeiten]

Die spätantiken (bzw. „frühbyzantinischen“) Autoren unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den mittel- und spätbyzantinischen Geschichtsschreibern. Sie konnten noch bruchlos an die historiographische Tradition der früheren Epochen anknüpfen; auch die Kreise derer, die diese Werke lasen und schrieben, waren noch größer: Bis ins 6./7. Jahrhundert gab es noch Hunderte poleis, in denen Angehörige der lokalen Oberschichten eine rhetorisch-literarische Ausbildung erhalten konnten. Männer wie Dioskoros, der unter Justinian in der ägyptischen Provinz Gedichte verfasste, waren Träger dieser Elitenkultur. Klassische Bildung (paideia) war ein Zeichen der Standeszugehörigkeit und wurde gepflegt. Neben Christen schrieben in dieser Zeit zudem auch noch heidnische Autoren, zumal es keinen Bruch in der antiken Historiographie gab, der mit dem im 7./8. Jahrhundert erfolgten vergleichbar wäre. Bis etwa 600 rissen kaum antike literarische Traditionen ab, allerdings wurden zugleich neue begründet. So entstanden in der Spätantike eine ganze Anzahl von Kirchengeschichten (siehe dort weitere Hinweise), deren „Vater“ Eusebios von Kaisareia ist.[5] Eusebios verfasste daneben eine bedeutende Chronik und eine Kaiser Konstantin gewidmete Biographie. Die Kirchengeschichte des Eusebios wurde später fortgesetzt von Sokrates Scholastikos, Sozomenos und Theodoret. Die Kirchengeschichtsschreibung im griechischen Osten florierte noch bis ins späte 6. Jahrhundert. So verfassten etwa Philostorgios, (Pseudo-)Gelasios von Kyzikos sowie Euagrios Scholastikos entsprechende Werke.

Daneben sind vor allem die profanen Geschichtswerke (siehe unten) von Bedeutung, von denen nicht wenige jedoch nur fragmentarisch, d. h. in mehr oder minder ausführlichen Auszügen oder knappen Zusammenfassungen, erhalten sind.[6] Allerdings gab es in der Spätantike zwischen den Genres der profanen klassizistischen Geschichtsschreibung, der Kirchengeschichtsschreibung sowie den diversen Chroniken durchaus wechselseitige Beeinflussungen und Überschneidungen.[7]

Zu Beginn des 4. Jahrhunderts schrieb Praxagoras von Athen drei historische Werke, die aber alle verloren gegangen sind. Ende des 4. Jahrhunderts verfasste dann Ammianus Marcellinus das letzte bedeutende lateinische Geschichtswerk der Antike (Res gestae), das sich durchaus mit den klassischen Vorbildern messen konnte.[8] Dass Ammianus, obwohl selbst Grieche und aus Syrien stammend, in lateinischer Sprache schrieb, macht ihn zu einer großen Ausnahme unter den hier behandelten Autoren, die ansonsten ihre Werke in griechischer Sprache verfassten, wenngleich freilich auch die in Latein verfassten Werke bezüglich der Geschichte des Ostteils des römischen Reiches bzw. später von Byzanz nicht ohne Bedeutung sind. Obwohl die ersten 13 Bücher des Werks verloren sind, schildern die erhaltenen Bücher 14 bis 31 die Zeit von 353 bis 378 sehr detailliert, anschaulich und überwiegend zuverlässig. Ammianus, der neben Prokop bedeutendste spätantike Historiker, könnte mit seinem umfangreichen zeitgeschichtlichen Werk auch noch einige ihm nachfolgenden klassizistischen griechischen Geschichtsschreiber mit beeinflusst haben.[9] Ammianus und andere lateinische, oströmische Autoren dieser Zeit, von denen es noch bis ins 6. Jahrhundert einige gab (z. B. Jordanes und Marcellinus Comes), sind aber zweifellos treffender als „spätantik“ denn als „frühbyzantinisch“ zu bezeichnen. Für die lateinischen Autoren, die damals in Westrom schrieben, gilt das ohnehin. Da um 600 die Kenntnis der lateinischen Sprache in der oströmischen Elite erlosch, beeinflussten die zuvor in dieser Sprache abgefassten Geschichtswerke die spätere byzantinische Historiographie allenfalls indirekt.

Im 5. Jahrhundert wurde eine ganzen Reihe von griechischen „klassizistischen Werken“ verfasst, die aber leider nur fragmentarisch erhalten sind, wenngleich selbst diese Fragmente noch sehr bedeutendes Material enthalten. Sprachlich und formal orientierten sich diese Werke stark an Herodot, Thukydides und Polybios; religiöse Fragen wurden in dieser Profangeschichtsschreibung so weitgehend ausgeblendet, dass von vielen Autoren nicht einmal bekannt ist, ob sie Christen waren. Viele von ihnen hatten zuvor Karriere in kaiserlichen Diensten gemacht und gehörten der weltlichen Elite an: Olympiodoros von Theben, zuvor kaiserlicher Diplomat, verfasste im frühen 5. Jahrhundert eine 22 Bücher umfassende Geschichte des Westens, die von mehreren nachfolgenden griechischen Autoren benutzt wurde.[10] Die (teils recht umfangreichen) Fragmente aus der 8 Bücher umfassenden Zeitgeschichte des Priskos, der ebenfalls selbst an römischen Gesandtschaften teilgenommen hatte, bieten sehr wertvolle Einblicke in die diplomatischen Kontakte Ostroms zu den Barbaren.[11] Die erhaltenen Auszüge aus den Historien des Malchos von Philadelphia und des Kandidos liefern wichtige Informationen zum ausgehenden 5. Jahrhundert. Vollständig verloren ist eine Weltchronik des Helikonios von Byzanz.

Um 500 verfasste der Heide Zosimos eine antichristlich gefärbte Neue Geschichte, die aber aufgrund der Herangehensweise des Verfasser oft wenig zuverlässig ist.[12] Dabei stützte er sich vor allem auf Material aus den verlorenen Historien des Eunapios von Sardes (die von 270 bis 404 reichten und in denen bereits gegen das Christentum polemisiert wurde) und auch Olympiodoros (der einen wesentlich neutraleren und zuverlässigeren Bericht lieferte). Zu Beginn des 6. Jahrhunderts schrieb Eustathios von Epiphaneia ein Geschichtswerk, das wohl später noch von mehreren Autoren benutzt wurde (so von Euagrios Scholastikos in seiner Kirchengeschichte). Ebenfalls im 6. Jahrhundert schrieb Hesychios von Milet seine Weltgeschichte sowie ein zeitgeschichtliches Werk.

Für die Zeit Justinians sind die verlorenen Historien des Petros Patrikios (dessen Werk offenbar, vermittelt über eine Zwischenquelle, auch von mittelbyzantinischen Autoren herangezogen wurde, siehe Leoquelle) sowie vor allem das umfassende Werk des Prokopios von Caesarea (Prokop) zu nennen. Prokop gilt als der letzte große antike Historiker und zugleich als einer der bedeutendsten oströmischen Geschichtsschreiber; er übte noch auf einige spätere byzantinische Autoren großen Einfluss aus.[13] Das Hauptwerk Prokops sind seine zeitgeschichtlichen Historien (oder Bella) in 8 Büchern, die zwischen 550/51 und 553/54 veröffentlicht wurden und in denen die oströmischen Feldzüge gegen Perser, Vandalen und Goten im Stil der klassizistischen Profangeschichtsschreibung geschildert werden. Prokop war selbst Augenzeuge eines Teils des Berichteten und orientierte sich formal und sprachlich stark an Herodot, Thukydides und Arrian. Daneben verfasste er auch zwei formal innovative und eigenwillige Werke: eine Schrift über die Bauwerke Justinians, in der der Kaiser gepriesen wurde, und eine (erst lange nach seinem Tod veröffentlichte) gegen Justinian und dessen Herrschaft gerichtete Schmähschrift (die Anekdota, häufig als „Geheimgeschichte“ bezeichnet). Obwohl die verschiedenen Darstellungen widersprüchlich wirken, mag Prokop angenommen haben, nur auf diese Weise ein umfassendes Bild seiner Zeit vermitteln zu können. Seine Historien setzten sich rasch als vorbildlich durch, so dass die Werke anderer Geschichtsschreiber, die ebenfalls Justinian behandelten, fast spurlos verschwanden; darunter auch das Werk über Justinians Perserkriege, das Johannes Lydos verfasst hatte.

An Prokop schloss um 580 Agathias von Myrina an (seine 5 Bücher umfassenden Historien reichen von 552 bis 559 und blieben unvollendet), an diesen wiederum Menander Protektor, dessen Werk bis 582 reichte, aber nur fragmentarisch erhalten ist. Keiner von ihnen konnte jedoch noch einmal das Niveau Prokops erreichen. Zu nennen sind auch die Chroniken des Johannes Malalas (Mitte/Ende 6. Jh.) und des Johannes von Antiochia (frühes 7. Jh.). Verschiedene andere Werke aus dem späteren 6. Jahrhundert sind bis auf kurze Fragmente völlig verloren gegangen, so unter anderem die Historien des Johannes von Epiphaneia und das Werk des Theophanes von Byzanz.

Das Ende der antiken Historiographie und der Neubeginn der byzantinischen Geschichtsschreibung[Bearbeiten]

Als das letzte Geschichtswerk der Antike können die um 630 von Theophylaktos Simokates verfassten Historien angesehen werden.[14] Theophylaktos schloss an das Werk Menanders an. Seine acht Bücher umfassenden Historien, die in einem oft nur schwer verständlichen, übertrieben klassizistischen Stil verfasst wurden, schildern die Zeit bis zum Ende des Kaisers Maurikios (602) und liefern viele wichtige und zuverlässige Informationen, sind aber wohl unvollendet geblieben. Anschließend bricht die antike-historiographischen Tradition ab, was als eine Folge der enormen Umbrüche anzusehen ist, die das Oströmische Reich am Ende der Regierungszeit des Herakleios durchlaufen musste.[15] Unter anderem ging mit Ägypten und Syrien das „Rekrutierungsgebiet“ für viele der bisherigen klassizistischen Geschichtsschreiber verloren, aber ebenso wandelte sich in Byzanz Staat, Gesellschaft und auch Kultur grundlegend. Die alten Eliten, die die antike Kultur getragen und bewahrt hatten, gingen in dieser Zeit unter; damit verschwand auch das Publikum für die spätantik-klassizistische Geschichtsschreibung.

Mit dem Beginn der arabischen Eroberungen und den Abwehrkämpfen auf dem Balkan gegen die Slawen begann die Transformation des antiken oströmischen zum mittelalterlichen byzantinischen Reich, was sich auf Gesellschaft und Kultur dramatisch auswirkte. Es ist kein Zufall, dass die Quellenlage gerade für diese bewegte Zeit sehr problematisch ist.[16] Nur das um 632 verfasste sogenannte Chronicon Paschale sowie das anspruchslose Werk des Johannes von Nikiu sind uns aus der nachfolgenden Zeit (Mitte des 7. bis Ende des 8. Jahrhunderts) überliefert. Es kann aber nicht völlig ausgeschlossen werden, dass auch in dieser Zeit geschichtliche Aufzeichnungen existierten (wie die Chronik des Traianos Patrikios zeigt), die aber nicht erhalten sind und wohl auch kaum umfassend gewesen sein dürften. Erst am Ende des 8. Jahrhunderts wurden wieder Geschichtswerke verfasst, die uns auch erhalten sind, wobei es sich dabei zunächst um Chroniken handelt, die nicht das stilistische Niveau der umfassenderen spätantiken Werke erreichen, die uns aber trotzdem wertvolle Informationen liefern. Sie scheinen sich hauptsächlich syrischer und teils sogar arabischer Werke bedient zu haben, um die Lücke für die Zeit nach ca. 640 zu füllen. Unter diesen ersten Werken der mittelbyzantinischen Geschichtsschreibung sind vor allem die Kurze Geschichte des Nikephoros (für die Jahre 602 bis 769, mit Lücken) und die berühmten Chroniken des Georgios Synkellos (Weltchronik bis 284) und Theophanes (für die Jahre 284 bis 813) zu nennen. Georgios Synkellos hat für sein umfangreiches Werk zahlreiche, heute teils verlorene Quellen herangezogen; die Chronik sollte bis in seine Gegenwart reichen, doch verhinderte dies sein Tod. Theophanes, der schließlich die Chronik des Georgios Synkellos fortsetzte (wobei es möglich ist, dass Theophanes das bereits von Georgios gesammelte Material mehr oder weniger kompilierte),[17] griff ebenfalls teilweise auf heute verlorene Quellen zurück. Dazu zählten die im 8. Jahrhundert verfasste Chronik des erwähnten Traianos Patrikios, die wohl auch Nikephoros benutzt hat, und eine griechische Übersetzung der heute verlorenen Chronik des Theophilos von Edessa, die auch für andere Autoren eine wichtige Quelle war.[18] Theophanes zeichnete jedoch aufgrund seiner Position während des Bilderstreits und seiner Abneigung gegen die Ikonodulen die diesbezüglichen Kaiser in den düstersten Farben.[19] Im späten 9. Jahrhundert kompilierte schließlich Georgios Monachos eine in Byzanz sehr beliebte, bis 842 reichende Weltchronik. Ebenso entstanden mehrere regionale Chroniken (beispielsweise die Chronik von Monemvasia). Im frühen 10. Jahrhundert schrieb Johannes Kaminiates eine Schrift über die Eroberung Thessalonikes durch die Araber im Jahr 904.

Umfassendere, anspruchsvollere Geschichtswerke, die über die Schilderung einer Chronik hinausgingen, entstanden wieder seit dem 10. Jahrhundert im Zuge der makedonischen Renaissance. Ein Zeichen für das neuaufkommende Interesse an der Geschichtsschreibung sind zwei von dem byzantinischen Kaiser Konstantin VII., der selbst eine historische Biographie über Basileios I. verfasste, in Auftrag gegebene Geschichtswerke. Es handelt sich zum einen um eine an Theophanes (chronologisch, aber nicht stilistisch) anschließende Reihe von Kaiserbiographien, die als Theophanes Continuatus bezeichnet werden. In diesen bis 961 reichenden Biographien wurde die makedonische Dynastie sehr positiv geschildert; im Gegensatz dazu ist die nicht um Anknüpfung an Theophanes bemühte sogenannte Logothetenchronik zu nennen (siehe auch Leon Grammatikos), die die Dynastie eher kritisch betrachtete. Zum anderen ist eine vier Bücher umfassende Kaisergeschichte (Basileiai) zu erwähnen, deren Autor letztendlich anonym ist, wenngleich dieser in der Regel als Ioseph Genesios bezeichnet wird.[20] Die Kaisergeschichte berichtet über die Zeit von 813 bis Ende des 9. Jahrhunderts und ist ein deutliches Zeichen für die neue, intensive Beschäftigung mit antiken Werken in Byzanz.

Leon Diakonos verfasste um 992 ein Geschichtswerk über die Zeit von 959 bis 976 in zehn Büchern, das zahlreiche wichtige Informationen enthält.[21] Leon orientierte sich dabei an den antiken Vorbildern und schrieb auch deshalb in der Tradition des Thukydides Zeitgeschichte, in welcher der Anteil an eigenen Beobachtungen sehr hoch ist. Die im 11. Jahrhundert verfasste Chronographia des Michael Psellos, der an Leon anknüpfte, ist von großer Bedeutung für die Rekonstruktion der Ereignisse von 976 bis etwa 1075.[22] Psellos konzentrierte sich vor allem auf die (sehr lebendige) Schilderung der Ereignisse am Hofe und bemühte sich um eine rhetorische Stilisierung, ließ aber ebenso stark seinen eigenen Standpunkt in die Darstellung einfließen. Ebenfalls im 11. Jahrhundert entstand das Geschichtswerk des Johannes Skylitzes (zu erwähnen ist hier auch die Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes), der die Zeit von 811 bis 1057 behandelte und Kritik an mehreren seiner Vorgänger übte.[23] Michael Attaleiates schilderte die Zeit von 1034 bis 1079/80, und um 1100 kompilierte ein ansonsten unbekannter Georgios Kedrenos älteres Material in seiner bis 1057 reichenden Chronik.

Vom 12. Jahrhundert bis zum Ende von Byzanz[Bearbeiten]

Im 12. Jahrhundert entstanden schließlich eine Vielzahl bedeutender Geschichtswerke. Johannes Zonaras schrieb eine umfassende Weltchronik, die bis 1118 reichte und in der er auch auf heute verlorene Quellen zurückgriff. Seine Schilderung gilt insgesamt als recht ausgewogen sowie als sprachlich gut zugänglich. Anna Komnena, die Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I., verfasste wiederum mit der Alexias in starker Anlehnung an die klassischen Vorbilder eine 15 Bücher umfassende Fortsetzung des Geschichtswerks ihres Mannes, Nikephoros Bryennios, in der Alexios I. sehr vorteilhaft dargestellt wurde. Das umfassende Werk schildert die Zeit von 1069 bis 1118 und zählt, trotz einer bisweilen sehr subjektiven Betrachtung, zu den bedeutendsten byzantinischen Geschichtswerken.[24] Zu nennen ist auch das Werk des Johannes Kinnamos, der die Zeit von 1118 bis 1176 beschrieb und sich dabei ebenfalls an den antiken Klassikern orientierte.

Johannes Kinnamos scheint Niketas Choniates als Vorlage gedient zu haben, der die Zeit von 1118 bis 1206 in 21 Büchern schilderte; möglich ist allerdings auch, dass beide eine gemeinsame Vorlage benutzt haben. Die Darstellung des Niketas Choniates wiederum zeichnet eine recht große Objektivität aus und beinhaltet zahlreiche wichtige Informationen; stilistisch ist es stark an den Klassikern orientiert und zählt zu den bedeutendsten byzantinischen Geschichtswerken.[25] An Niketas schloss Georgios Akropolites an, der in seinem Werk die Geschichte von 1203 bis zur Wiedereinnahme Konstantinopels durch die Byzantiner im Jahr 1261 behandelte und wichtige Informationen enthält. Ebenfalls im 13. Jahrhundert schrieben Theodoros Skutariotes (ihm wird oft eine bis 1261 reichende Weltchronik zugeschrieben) und Georgios Pachymeres (schrieb über die Zeit von 1255 bis 1308). Die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204, die auch in westlich-lateinischen Quellen geschildert wird, nahm im 14. Jahrhundert Nikephoros Gregoras zum Ausgangspunkt, um den Zeitraum bis 1359 in 37 Büchern darzustellen; er stellt dabei für die Zeit ab 1312 eine Hauptquelle dar.[26] Sogar Kaiser Johannes VI. verfasste ein Geschichtswerk, das vor allem seine eigene Politik rechtfertigen sollte.

Für die Schlussphase des Reichs im 15. Jahrhundert sind vier Historiker zu nennen. Laonikos Chalkokondyles schilderte in seinem Geschichtswerk die Zeit von 1298 bis 1463 in zehn Büchern. Doukas berichtete, nach einem kurzen Abriss der Weltgeschichte, über die Zeit von 1341 bis 1462, wobei er auf gute Quellen zurückgreifen konnte. Georgios Sphrantzes verfasste eine von 1413 bis 1477 reichende Chronik, während die sogenannte Chronicon maius (aus dem 16. Jh.) nicht von ihm stammt, sondern nur Material aus seiner Chronik enthält. Michael Kritobulos schließlich behandelt die Zeit von 1451 bis 1467 und übernahm bereits die türkische Perspektive.

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

Einige Texte der hier genannten Geschichtsschreiber liegen noch in älteren, nicht-kritischen Editionen aus dem 19. Jahrhundert vor. Die Werke der spätantiken Autoren sind alle in neueren Editionen/Übersetzungen greifbar (z. B. Loeb Classical Library, Sammlung Tusculum, Bibliothek der Griechischen Literatur, Translated Texts for Historians); die Fragmente dieser Historiker wurden von Roger C. Blockley ediert und ins Englische übersetzt.[27] Auch von mehreren der mittel- und spätbyzantinischen Geschichtsschreibern sind in den letzten Jahren neue Editionen bzw. Übersetzungen erschienen (z. B. Johannes von Antiochia, Theophanes, Nikephoros, Leon Diakonos, Anna Komnena, Zonaras [in Teilübersetzung], Johannes Skylitzes) oder sind in Vorbereitung. Zu Details siehe die Angaben in den jeweiligen Artikeln. Eine Auswahl von übersetzten Quellen bietet unter anderem die Reihe Byzantinische Geschichtsschreiber, hrsg. von Endre von Ivánka und Johannes Koder, 19 Bde., Verlag Styria/Fassbaender, Wien u. a. 1955–1995.

Literatur[Bearbeiten]

Allgemein vgl. auch die entsprechenden Artikel im Lexikon des Mittelalters und in The Oxford Dictionary of Byzantium.

  • Herbert Hunger: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner. Bd. 1, München 1978.
  • Johannes Karayannopulos und Günter Weiß: Quellenkunde zur Geschichte von Byzanz (324-1453). 2 Bde., Wiesbaden 1982.
  • Ruth Macrides (Hrsg.): History as Literature in Byzantium. Farnham 2010.
  • Gabriele Marasco (Hrsg.): Greek and Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to Sixth Century A.D. Leiden u.a. 2003.
  • Jan Olof Rosenqvist: Die byzantinische Literatur. Berlin 2007.
  • Warren Treadgold: The Early Byzantine Historians. Basingstoke 2007.
  • Warren Treadgold: The Middle Byzantine Historians. Basingstoke 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Allgemein zur klassischen griechischen Geschichtsschreibung und ihren Anfängen siehe Klaus Meister: Die griechische Geschichtsschreibung. Stuttgart 1990; für einen sehr knappen, allgemeinen Überblick bis in die spätbyzantinische Zeit vgl. Heinz-Günther Nesselrath (Hrsg.): Einleitung in die griechische Philologie. Stuttgart-Leipzig 1997.
  2. Dazu vor allem John Haldon, Byzantium in the seventh century. 2. Aufl. Cambridge 1997, speziell S. 41ff.
  3. Allgemein siehe Hunger, Bd. 1 (1978), S. 243ff.
  4. Allgemein dazu und zu den unten genannten Autoren siehe grundsätzlich Hunger, Bd. 1 (1978), bes. S. 279ff. In vielen Fragen veraltet, als Überblick aber bisweilen immer noch nützlich: Karl Krumbacher: Geschichte der byzantinischen Literatur. 2. Aufl. München 1897.
  5. Vgl. dazu den (allerdings nicht unproblematischen) Überblick bei Treadgold (2007), Kap. 2 und Kap. 5. Siehe auch Timothy D. Barnes: Constantine and Eusebius. Cambridge/Mass. 1981; Hartmut Leppin: Von Constantin dem Großen zu Theodosius II. Das christliche Kaisertum bei den Kirchenhistorikern Socrates, Sozomenus und Theodoret. Göttingen 1996.
  6. Allgemein zur spätantiken Geschichtsschreibung siehe Marasco (2003); David Rohrbacher: The Historians of Late Antiquity. London u.a. 2002; Treadgold (2007). Vgl. auch Růžena Dostálová: Zur frühbyzantinischen Historiographie. In: Klio 69 (1987), S. 163-180.
  7. Vgl. knapp Mischa Meier: Prokop, Agathias, die Pest und das „Ende“ der antiken Historiographie. In: Historische Zeitschrift 278 (2004), S. 281–310, hier S. 287.
  8. Zu Ammianus siehe die grundlegende Studie von Matthews: John F. Matthews: The Roman Empire of Ammianus. Baltimore/London 1989. Vgl. auch Timothy D. Barnes: Ammianus Marcellinus and the Representation of Historical Reality. Ithaca 1998; Gavin Kelly: Ammianus Marcellinus: The Allusive Historian (Cambridge Classical Studies). Cambridge 2008.
  9. Edward A. Thompson: Olympiodorus of Thebes. In: The Classical Quarterly 38, 1944, S. 43–52, hier S. 52.
  10. John F. Matthews: Olympiodorus of Thebes and the history of the West (AD 407–425). In: Journal of Roman Studies 60 (1970), S. 79–97.
  11. Barry Baldwin: Priscus of Panium. In: Byzantion 50 (1980), S. 18–61.
  12. John H. W. G. Liebeschuetz: Pagan historiography and the decline of the Empire. In: Marasco (2003), S. 177ff.
  13. Averil Cameron: Procopius and the Sixth Century. Berkeley 1985.
  14. Michael Whitby: The emperor Maurice and his Historian. Theophylact Simocatta on Persian and Balkan Warfare. Oxford 1988.
  15. Dazu speziell Mischa Meier: Prokop, Agathias, die Pest und das „Ende“ der antiken Historiographie. In: Historische Zeitschrift 278 (2004), S. 281–310.
  16. Vgl. dazu auch James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century. Oxford 2010 (eine umfassende Betrachtung des Quellenmaterials für diese Zeit).
  17. The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern history AD 284–813. Übersetzt und kommentiert von Cyril Mango und Roger Scott, Oxford 1997 (mit umfassender Einleitung und gutem Kommentar).
  18. Vgl. nun Robert G. Hoyland (Hrsg.): Theophilus of Edessa's Chronicle and the Circulation of Historical Knowledge in Late Antiquity and Early Islam (Translated Texts for Historians 57). Liverpool 2011.
  19. Grundsätzlich zur byzantinischen Geschichtsschreibung bis ins 9. Jahrhundert siehe auch Friedhelm Winkelmann, Wolfram Brandes (Hrsg.): Quellen zur Geschichte des frühen Byzanz (4.-9. Jahrhundert). Bestand und Probleme. Berlin 1990.
  20. Vgl. Ioseph Genesios: Byzanz am Vorabend neuer Größe. Byzantinische Geschichtsschreiber 18. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Anni Lesmüller-Werner. Wien 1989, S. 13ff.
  21. The History of Leo the Deacon: Byzantine military expansion in the tenth century. Introd., transl., and annotations by Alice-Mary Talbot and Denis F. Sullivan. Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington/DC 2005 (zu Autor und Werk: ebd., S. 9ff.).
  22. Englische Übersetzung: Fourteen Byzantine Rulers. Trans. by E.R.A. Sewter, rev. ed. New York 1966.
  23. John Skylitzes: A Synopsis of Byzantine History, 811-1057. Translation and Notes. Hrsg. von John Wortley. Cambridge 2010.
  24. Alexias. Übers., eingel. und mit Anm. vers. von Diether Roderich Reinsch. 2. Aufl. de Gruyter, Berlin 2001.
  25. Dt. Übersetzung in der Reihe Byzantinische Geschichtsschreiber in drei Bänden: Die Krone der Komnenen; Abenteurer auf dem Kaiserthron; Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel. Übersetzt von F. Grabler, Graz 1958.
  26. Eine gute und ausführlich kommentierte deutsche Übersetzung bietet: Rhomäische Geschichte / Historia Rhomaike. Übersetzt und erläutert von Jan Louis van Dieten. In Fortsetzung der Arbeit von Jan Louis van Dieten übers. und erl. von Franz Tinnefeld. 6 Bände in 7 Teilen. Stuttgart 1973–2007.
  27. The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire. 2 Bde., Liverpool 1981/83; The History of Menander the Guardsman. Liverpool 1985.