Jiří Gruša

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Jiří Gruša (2009)

Jiří Gruša (zum Teil benutzte er die Pseudonyme Jaroslav Konečný und Josef Balvin; * 10. November 1938 in Pardubice, Tschechoslowakei; † 28. Oktober 2011 in Bad Oeynhausen, Deutschland[1], nach anderen Quellen in Hannover[2]) war ein tschechischer Schriftsteller, Lyriker, Dissident und Diplomat.

Leben[Bearbeiten]

Gruša kam aus einer mittelständischen Familie. Vater Emanuel Gruša und Mutter Blažena Machková waren Beamte. 1957 schloss er in seiner Geburtsstadt das Gymnasium ab und studierte Philosophie und Geschichte an der Karls-Universität Prag, wo er 1962 an der philosophischen Fakultät zum Dr. phil. promovierte.[3]

Als Literat trat Gruša in den 1960er Jahren in Erscheinung. Er publizierte gemeinsam mit weiteren jungen Schriftstellern, darunter Jiří Pištora, Petr Kabeš, Jan Lopatka, Václav Havel, Zbyněk Hejda und Věra Linhartová in der 1963 mitbegründeten Zeitschrift Gesicht (Tvář), der ersten nichtkommunistischen Zeitschrift im Lande. Als er eine kritische Abrechnung mit der stalinistischen Poesie der 50er Jahre veröffentlichte, wurde das Gesicht zwangsweise eingestellt. Anschließend war er Mitbegründer und Mitarbeiter der literarischen Zeitschrift Hefte (Sešity), später arbeitete er als Redakteur der Wochenzeitschrift Zítřek.[3]

1968 beteiligte sich Gruša gemeinsam mit anderen Intellektuellen am Prager Frühling. Im Zuge der landesweiten Repressionen nach dem gescheiterten Aufstand während der sogenannten Normalisierung belegte ihn das tschechoslowakische Regime mit einem Berufsverbot. Er wurde strafrechtlich verfolgt, weil er teilweise seinen Roman Mimner aneb Hra o smrad'ocha (dt. 1986 Mimner oder das Tier der Trauer) in den Sešity veröffentlichte. Der Roman sollte wegen des pornografischen Inhalts verboten werden, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Aufgrund des Berufsverbots musste er bei verschiedenen Bauunternehmen arbeiten. Ferner übersetzte er Theatervorlagen und war neben seiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter eines Theaters ansonsten nur wenig künstlerisch aktiv. Unter anderem erschienen in der ebenfalls von ihm mitbegründeten, illegalen Samisdat-Reihe (Selbstverlag) Edice petlice (dt. Edition hinter Schloss und Riegel) einige seiner Werke.[3]

Gruša gehörte zu einer antiideologischen Generation, die das totalitäre System nicht geschaffen hatte, aber darin leben musste.

In den 1960er Jahren veröffentlichte er drei Gedichtbände und in den 1970er Jahren im Eigenverlag seine erotische Gedichtsammlung Anbetung der Janinca (Modlitba k Janince).

In den nächsten Jahren verbreitete Gruša Bücher, die in Selbstverlagen erschienen. Er unterzeichnete die Charta 77 und wurde 1978 von der Staatsgewalt wegen seines in Toronto erschienenen Romans Fragebogen (Dotazník) wegen Angriffs auf das gesellschaftliche System verfolgt. Nach zwei Monaten wurde er auch wegen ausländischer Intervention entlassen.

Noch im gleichen Jahr wanderte Gruša nach Toronto aus. 1980 erhielt er ein literarisches Stipendium an der MacDowell Colony in den USA, ging nach Deutschland und lebte in Bonn. 1981 wurden ihm die tschechoslowakischen Bürgerrechte aberkannt, zwei Jahre später erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit. Für tschechische Schulen in Österreich verfasste er ein Lesebuch. Nach der samtenen Revolution wurde Gruša zum tschechischen Botschafter in Deutschland ernannt. Von Juni bis November 1997 war er tschechischer Bildungsminister in der Regierung Václav Klaus II von Václav Klaus, von 1998 bis 2004 Botschafter in Österreich. Von 2005 bis 2009 war Jiří Gruša Direktor der Diplomatischen Akademie Wien. Von 2004 bis 2009 bekleidete er die Funktion des Präsidenten des internationalen P.E.N.-Clubs. Jiří Gruša war von 1992 bis zu seinem Tode Vorstandsmitglied der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft. Er war 1994 einer der Erstunterzeichner eines Aufrufs für die Stiftung „Verbrannte und verbannte Dichter/Künstler – für ein Zentrum der verfolgten Künste“, den die Wuppertaler Gesellschaft gemeinsam mit dem PEN Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland („Exil-PEN“) initiiert hatte.

Bis zu seinem Tod 2011 lebte er mit seiner deutschen Frau bei Bonn.[4] Der österreichische Wieser Verlag startet 2014 eine zehnbändige Jiří Gruša-Werkausgabe, die 2018 abgeschlossen sein soll.[5]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Gedichte[Bearbeiten]

  • Torna (Der Tornister). Prag 1962
  • Světlá lhůta (Die helle Frist). Prag 1964
  • Cvičení mučení (Lernen-Leiden). Prag 1969
  • Babylonwald. Gedichte, Stuttgart 1990
  • Wandersteine. Gedichte, Stuttgart 1994

Kinderbücher[Bearbeiten]

  • Kudláskovy příhody (Kudlaseks Abenteuer). Prag 1969

Romane[Bearbeiten]

  • Mimner. Prag 1972
  • Modlitba k Janince (Gebet an Janinka). Prag 1972
  • Der 16. Fragebogen (Dotazník aneb modlitba za jedno městoa přitele). Roman, Reich Verlag, Luzern, Schweiz 1979.
    • als Ullstein Taschenbuch: Ullstein Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1991, ISBN 3-548-22600-0.
  • Dr. Kokes, mistr Panny. Toronto 1983
  • Franz Kafka aus Prag. Frankfurt 1983
  • Janinka. Roman, Köln 1984
  • Mimner oder Das Tier der Trauer. Köln 1986

Novellen[Bearbeiten]

  • Dámský gambit (Damengambit). Prag 1974, Toronto 1978

Anthologien[Bearbeiten]

  • Hodina naděje (Stunde namens Hoffnung). Frankfurt 1978
  • Verfemte Dichter. Anthologie verbotener tschechischer Autoren. Köln 1983

Erzählungen[Bearbeiten]

  • Umělec v hladovení (Ein Hungerkünstler)
  • První hoře (Erstes Leid)
  • Starost hlavy rodiny (Die Sorge des Hausvaters)
  • Obchodník (Der Kaufmann)
  • Z deníku (Auszug aus den Tagebüchern, 1921)
  • Gebrauchsanweisung für Tschechien und Prag. 4. Auflage, Piper, München / Zürich 2011 (Erstausgabe 1999), ISBN 978-3-492-27526-2.
  • * in tschechischer Sprache: Česko - návod k použit́i (übersetzt von Jiří Gruša und Mojmír Jeřábek), Barrister & Principal, Brno 2009, ISBN 978-80-87029-72-5.
  • Das Gesicht – der Schriftsteller – der Fall. Literatur in Mitteleuropa. Dresdner Poetikdozentur. Thelem Universitätsverlag, Dresden 1999.
  • Klub přátel poezie - Mladá Fronta. 1999.

Sonstige Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Slovník českých spisovatelů 1948–1978 (Lexikon der tschechischen Schriftsteller). Initiator und Mitherausgeber, Prag 1980
  • Samisdat. Toronto 1982
  • Prager Frühling – Prager Herbst. Mitherausgeber, Köln 1988
  • Prag – einst Stadt der Tschechen, Deutschen und Juden. Mitautor, München 1993
  • Als ich ein Feuilleton versprach. Handbuch des Dissens und Präsens – Essays, Überlegungen und Interviews der Jahre 1964–2004.
  • Beneš als Österreicher Wieser Verlag, Klagenfurt 2012 ISBN 978-3-990290088
    • Beneš jako Rakušan (Beneš als Österreicher). Barrister & Principal, 2011 (Kritisches Buch zur Person Edvard Beneš. Original in Deutsch,v.s.)

Kurzbeiträge, Vorträge[Bearbeiten]

  • Das europäische Spießbürgertum des Fortschritts. In: Literaturmagazin 22 – Ein Traum von Europa. Rowohlt, 1988
  • Václav Havel. In: Die neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte. 5. Mai 1989
  • Migration und Emigration. Die Tschechen und ihre Literatur nach 1945. In: Zur tschechischen Literatur 1945–1985. Berlin Verlag, 1990
  • Reden über Deutschland. In: Reden über Deutschland 3. C. Bertelsmann Verlag, München 1992
  • Die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen Republik seit Öffnung des eisernen Vorhangs. Regensburg 1993
  • Laudatio auf Eckhard Thiele. In: Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 1994. Frankfurt am Main 1994
  • Wanderghetto. Sonderdruck Universität Jena, 1997
  • Theresienstadt - Terezín, Dokumentation einer deutsch-tschechischen Gedenkveranstaltung. In: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit II. 1998
  • Deutschlandbild in Tschechien - Tschechienbild in Deutschland. In: Zeitschrift zur politischen Bildung. Eichholz Brief 4/98
  • Einführung in Zdenka Fantlovás: „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagte mein Vater. Weidle Verlag, 1999
  • Asymmetrie einer Nachbarschaft. In: 50 Jahre Bundesrepublik – Erinnerungen und Perspektiven. H+L Verlag, Köln 1999

Übersetzungen[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Bernhard M. Baron, Jiri Grusa (1938 – 2011) – Brückenbauer zwischen Böhmen und der Oberpfalz. Dichter, Journalist, Humanist, Diplomat und PEN-Präsident, In: Oberpfälzer Heimatspiegel 2013, hrsg. von Bezirksheimatpfleger Dr. Franz Xaver Scheuerer, Pressath 2012, S. 41 – 47. ISBN 978-3-939247-26-5
  • Wolfgang Greisenegger, Wolfgang Lederhaas: Antworten. Jiří Gruša zum 70. Geburtstag, Wieser, Klagenfurt 2008, ISBN 978-3-85129-819-2.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jiří Gruša – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schriftsteller und Politiker Jiri Grusa gestorben, Der Standard, 28. Oktober 2011
  2. ORF Ö1: Jiri Grusa gestorben (abgerufen am 28. Oktober 2011)
  3. a b c Eintrag "Grusa, Jirí" in Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, abgerufen am 29. Oktober 2011
  4. Dirk Schümer: Die Geburt eines Nationalisten. FAZ, 21. April 2011
  5. http://www.czechlit.cz/de/nachrichten/jiri-grusa-werkausgabe-startet-im-marz-2014/
  6. Klestil würdigt tschechischen Botschafter Jiri Grusa bei Abschiedsbesuch in der Wiener Zeitung vom 16. Februar 2004 abgerufen am 28. Oktober 2011
  7. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF-Datei; 6,59 MB)
  8. http://www.radio.cz/de/artikel/74543
  9. Überreichung der französischen Auszeichnung "Officier de la Légion d’Honneur" an Herrn Direktor Jiri Gruša (27.11.2007) abgerufen am 28. Oktober 2011
  10. Rede von Bundesministerin Claudia Schmied
  11. Laudatio von Miguel Herz-Kestranek, 2000–2010 Vizepräsident P.E.N. Club Österreich