Johannes von Miquel

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Johannes von Miquel (1829–1901)
Miquel (rechts) zusammen mit Ludwig Windthorst ca. 1889 im Deutschen Reichstag
Johannes von Miquel Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

Johannes Franz Miquel, ab 1897 von Miquel (* 19. Februar 1828 in Neuenhaus, Grafschaft Bentheim; † 8. September 1901 in Frankfurt am Main), Dr. jur. h.c., war preußischer Staats- und Finanzminister und Reformer.

Familie[Bearbeiten]

Er entstammte einer französischen Familie aus Cahors (Südfrankreich), die nach Düsseldorf einwanderte und deren Stammreihe mit Marc Miquel um 1670 in Cahors beginnt. Sein Vater lebte in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim. Zwar katholisch getauft, wurde er hier jedoch evangelisch-reformiert erzogen. Sein älterer Bruder war der Gymnasiallehrer und Redakteur Franz Wilhelm Miquel. Er war mit Bertha Markheim, einer Schwester von Julius Rodenberg um 1852 verlobt.

Miquel heiratete am 15. September 1865 in Hannover Emma Wedekind (* 14. Juli 1847 in Bissendorf, Landkreis Osnabrück; † 16. Dezember 1915 in Kassel), Tochter des Kaufmanns und Königlich hannoverschen Konsuls in Palermo Karl Wedekind und der Julie Ehmsen. Beide hatten drei Söhne und eine Tochter. Einer seiner Söhne war der Verwaltungsjurist Walther von Miquel, einer seiner Enkel der Widerstandskämpfer Rudolf von Scheliha.

Leben[Bearbeiten]

Johannes von Miquel, 1867.

Miquel studierte von 1846 bis 1849 Rechtswissenschaften in Heidelberg und Göttingen und wurde 1846 Mitglied der Burschenschaft Neckarbund Heidelberg. Er fand zunächst Gefallen an der Ideologie der Kommunisten und pflegte Beziehungen zu Karl Marx, den er durch Wilhelm Pieper kennen gelernt hatte.[1] Er beteiligte sich 1848 an der demokratischen Studentenbewegung und war bis 1852 Mitglied des illegalen Bundes der Kommunisten. Nach dem Studium ließ er sich ab 1854 als Rechtsanwalt in Göttingen nieder und ging zum Liberalismus über. 1855 war er Anwalt am Obergericht und 1857 Vorsitzender des Stadtrats. 1859 war er einer der Mitbegründer des Nationalvereins. 1864 wurde er in die zweite Kammer der Hannoverschen Ständeversammlung gewählt, wo er der Opposition gegen die Regierung angehörte. Nach der Annexion Hannovers durch Preußen 1866 wirkte er aktiv an der Eingliederung in den preußischen Staat mit.

1867 war er einer der maßgeblichen Gründer der Nationalliberalen Partei. 1867 bis 1882 gehörte er als Führer des rechten Flügels der Nationalliberalen dem Preußischen Abgeordnetenhaus an. Er wurde für den Wahlkreis Hannover 7 (Osnabrück) gewählt.

Von 1867 bis 1870 gehörte er dem Reichstag des Norddeutschen Bundes an und vertrat den Wahlkreis Hannover 4 (Osnabrück - Bersenbrück - Iburg)[2] Von 1871 bis 1877 war er Abgeordneter des Wahlkreises Fürstentum Waldeck im Reichstag des deutschen Kaiserreichs.[3] 1887 wurde Miquel erneut in den Reichstag gewählt, diesmal gleichzeitig in zwei Wahlkreisen, Hessen 2 (Friedberg - Büdingen) und Pfalz 6 Kaiserslautern. Er nahm die Wahl in Kaiserslautern an und auch die Reichstagswahl 1890 gewann er in diesem Wahlkreis, musste jedoch am 24. Juni 1890 wegen seiner Ernennung zum Finanzminister sein Reichstagsmandat niederlegen.[4] Außerdem war Miquel von 1882 bis 1890 Mitglied des Preußischen Herrenhauses.

Mit der Zeit rückten seine politischen Ansichten immer weiter nach rechts was sich auch in seinem Interesse für eine aktivere deutsche Kolonialpolitik niederschlug (im Jahre 1882 war Miquel eines der Gründungsmitglieder des Deutschen Kolonialvereins).

Neben seiner parlamentarischen Laufbahn war Miquel auch in der Verwaltung und in der Wirtschaft tätig. Von 1865 bis 1870 war er zunächst Bürgermeister und dann Oberbürgermeister von Osnabrück. 1869 wurde er zudem Direktor der Disconto-Gesellschaft, zog sich jedoch 1873 wegen möglicher Interessenverquickungen mit seinen parlamentarischen Tätigkeiten wieder aus dem aktiven Bankgeschäft zurück.

Oberbürgermeister von Frankfurt[Bearbeiten]

1876 nochmals zum Oberbürgermeister von Osnabrück berufen, wurde er 1880 als Nachfolger von Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein zum Oberbürgermeister von Frankfurt am Main ernannt. Zur Sanierung des defizitären Stadthaushaltes reformierte er das städtische Rechnungswesen und führte eine strenge Kontrolle der Ein- und Ausgaben ein. Anstelle der bisherigen Haupteinnahmequelle der Stadt, des Zuschlages auf die einkommensabhängige Klassensteuer, setzte er auf die Erhebung indirekter Steuern und auf Betriebseinnahmen durch Gebühren. Durch seine geschickte soziale Finanzpolitik machte er aus der altehrwürdigen Kaiserwahlstadt eine aufstrebende Metropole. Zu seinen größten Leistungen zählt die Reform der Armenfürsorge, die bis dahin aus privaten, teils noch aus dem Mittelalter stammende Einrichtungen, und einem völlig unzulänglichen, unter Polizeigesichtspunkten organisierten kommunalen Armenwesen bestand. In seine Amtszeit fielen eine Reihe von wichtigen öffentlichen Bauten, z.B. der Bau der ersten Kläranlage 1882, die Kanalisierung des Mains und der Neubau des Westhafens (1886) sowie des Hauptbahnhofs (1888). Von 1886 bis 1890 war er für den Stadtkreis Frankfurt Mitglied des Nassauischen Kommunallandtags. 1889 gehörte er zu den Gründern der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen, einer von Frankfurter Bürgern gestifteten Einrichtung zur Förderung des Sozialen Wohnungsbaus.

Finanzminister in Preußen[Bearbeiten]

Büste 1899

1890 wurde Miquel als preußischer Finanzminister nach Berlin geholt. Er entwickelte ein revolutionäres Steuersystem (mit den Elementen Einkommensteuer, Vermögensteuer und Gewerbesteuer), das in seinen Grundzügen heute noch gültig ist, das Kommunalabgabengesetz vom 14. Juli 1893. Die wesentliche Neuerung war die Steuerprogression: Der Steuersatz der Einkommensteuer stieg von 0,62 % (für Jahreseinkommen von 900 bis 1050 Mark) bis auf 4 % (für Jahreseinkommen über 100.000 Mark). Diese Reform wurde nach ihm auch „Miquelsche Steuerreform“ genannt.

1897 wurde er Vizepräsident des Staatsministeriums. Mit Verleihung des Schwarzen Adlerordens wurde Miquel am 27. Januar 1897 in Berlin mit Wappenbrief vom 14. April 1897 in den preußischen Adelsstand erhoben.

Am 5. Mai seines Todesjahres 1901 nach dem Scheitern eines Kanalbaugesetzes zum Rücktritt gezwungen, wurde er noch einmal Mitglied des Preußischen Herrenhauses.

Miquel starb am 8. September 1901 in seinem Haus in Frankfurt am Main, wo er seit dem 1. Juli 1890 das Ehrenbürgerrecht besaß. Er erhielt ein Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Gewann D 297). Ein Teil des Frankfurter Alleenrings sowie Straßen in Berlin, in seiner Geburtsstadt Neuenhaus, in Lingen und in Osnabrück sind nach ihm benannt.

Zum 70. Geburtstag von Miquels beauftragte der Kultusminister Robert Bosse den Bildhauer Ferdinand Hartzer mit der Anfertigung einer Marmorbüste, die im Gymnasium Georgianum in Lingen Aufstellung fand. Weitere Exemplare fanden im Kestnermuseum Hannover und im Festsaal des Rathauses Frankfurt/M. Aufstellung.

Für seine Verdienste um Leibesübungen und Sport in Niedersachsen wurde er in die Ehrengalerie des niedersächsischen Sports des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte aufgenommen. Die Universität Berlin verlieh ihm 1877 die Würde eines Dr. iur. h.c.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Durch Pieper kam der Göttinger Advokat Johannes Miquel in brieflichen Verkehr mit Marx und trat in den Bund der Kommunisten ein.“ (Franz Mehring: Karl Marx: Geschichte seines Lebens. Berlin 1964, S. 205)
  2. Fritz Specht / Paul Schwabe: Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1903. Eine Statistik der Reichstagswahlen nebst den Programmen der Parteien und einem Verzeichnis der gewählten Abgeordneten. 2. Aufl. Berlin: Verlag Carl Heymann, 1904, S. 117; vgl. auch: Georg Hirth (Hg.): Deutscher Parlaments-Almanach. 7. Ausgabe vom 6. Mai 1868. Berlin: Verlag Franz Duncker, 1868, S. 183
  3. Fritz Specht / Paul Schwabe: Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1903. Eine Statistik der Reichstagswahlen nebst den Programmen der Parteien und einem Verzeichnis der gewählten Abgeordneten. 2. Aufl. Berlin: Verlag Carl Heymann, 1904, S. 288; vgl. auch: Georg Hirth (Hg.): Deutscher Parlaments-Almanach. 10. Ausgabe vom Februar 1874. Berlin: Verlag Franz Duncker, 1874, S. 220ff
  4. Fritz Specht / Paul Schwabe: Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1903. Eine Statistik der Reichstagswahlen nebst den Programmen der Parteien und einem Verzeichnis der gewählten Abgeordneten. 2. Aufl. Berlin: Verlag Carl Heymann, 1904, S. 198; vgl. auch: Reichstags-Bureau (Hg.): Amtliches Reichstagshandbuch. 8. Legislaturperiode. 1890/1895. Berlin: Verlag Crowitzsch und Sohn, 1890, S. 221

Siehe auch[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Das neue Hannoversche Finanzgesetz vom 24. März 1857. Wigang, Leipzig 1861 (2. verb. Aufl. 1861)
  • Die Ausscheidung des Hannoverschen Domanialguts und das Verfahren der Festsetzungs-Commission auf Grund des Gesetzes vom 24. März 1857. Eine Erwiderung. Wigang, Leipzig 1863
  • Denkschrift betreffend die Reorganisation der Armen- und Wohlthätigkeits-Verwaltung der Stadt Frankfurt am Main. Frankfurt a. M. 1881
  • Johannes von Miquels Reden. Hrsg. von Walther Schultze und Friedrich Thimme. 4 Bde., Waisenhaus, Halle a.d.S. 1911–14

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johannes von Miquel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien