KZ Herzogenbusch

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Teilansicht des KZ Herzogenbusch (1944/1945)

Das Konzentrationslager Herzogenbusch (niederländisch: Kamp Vught) war eines der fünf deutschen Konzentrationslager in den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg. Nach der Befreiung wurde es von den Alliierten als Internierungslager für evakuierte Deutsche benutzt. Vught ist ein Ort bei ’s-Hertogenbosch.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Konzentrationslager[Bearbeiten]

1942 wurde mit dem Bau des Lagers begonnen. Es wurde nach dem Vorbild von Konzentrationslagern im Deutschen Reich angelegt und war eines der drei westlich des Reiches angelegten offiziellen Konzentrationslager. Die anderen waren das KZ Natzweiler-Struthof im Elsass (Frankreich) und das KZ Breendonk in Belgien. Die Kosten von 15 Millionen Gulden wurden hauptsächlich durch beschlagnahmtes jüdisches Vermögen aufgebracht. Das KZ war einen Kilometer lang und 350 m breit. Die ersten Häftlinge kamen aus dem Durchgangslager Amersfoort und mussten das Lager selbst erbauen.

Am 5. Januar 1943 wurde das KZ eröffnet und stand als einziges außerhalb des Deutschen Reiches unter direkter Aufsicht des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes. Kommandant war SS-Untersturmführer Karl Chmielewski.

Insgesamt wurden etwa 31.000 Männer, Frauen und Kinder in diesem KZ interniert, unter ihnen 12.000 Juden, politische Häftlinge, von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ Bezeichnete, Zeugen Jehovas, Widerstandskämpfer, Homosexuelle, Obdachlose, Sinti und Roma und Kriminelle. Die Häftlinge leisteten Zwangsarbeit an den Befestigungsbauten außerhalb des Lagers sowie in den Werkstätten der Firma Philips. Die Philips-Betriebsleiter zögerten lange mit der Zusammenarbeit und waren erfolgreich bei der Verbesserung der Arbeitsumstände. Die Häftlinge stellten Kleidung und Pelze her.

In das KZ integriert waren jeweils ein:

  • Schutzhaftlager
  • „Jugendauffanglager“, als „Judendurchgangslager (JDL)“ ab Juni 1943
  • „Geisellager“,
  • „Studentenlager“
  • „Polizeiliches Durchgangslager (PDL)“

Am 6. und 7. Juni 1943 wurde bekannt gemacht, dass alle jüdischen Kinder das KZ verlassen müssen, in ein spezielles Kinderlager, aber sie wurden in das Durchgangslager Westerbork gebracht. Von dort wurden sie in das Vernichtungslager Sobibor, gelegen im heutigen Polen, transportiert und alle getötet. Aus diesem Anlass steht im KZ Herzogenbusch ein Denkmal, in das 1269 Namen von jüdischen Kindern und Jugendlichen eingetragen sind, die nach Sobibor deportiert und in den Gaskammern ermordet wurden.

In einer der Frauenbaracken gab es eine Frau, die Inhalte der Gespräche an die Lagerkommandantur meldete und dafür Hafterleichterung bekam. Eines Tages flog diese auf und so entschlossen sich die 89 Frauen der Baracke der Verräterin die Haare abzuschneiden. Am nächsten Tag beschwerte sich die Verräterin bei der Lagerkommandantur über das Vorgehen, woraufhin die Frau, die der Verräterin die Haare abgeschnitten hatte, in Einzelhaft gesteckt wurde. Dagegen wiederum protestierten die restlichen 88 Frauen der Baracke, denn es sei nicht rechtens, diese eine zu bestrafen, wo sie doch gemeinsam die Entscheidung getroffen hätten. Daraufhin beschloss der seit Oktober 1943 befehligende Lagerkommandant SS-Hauptsturmführer Adam Grünewald, die Frauen in eine einzige Zelle (Zelle 115) zusammenzupferrchen. Am 15. Januar 1944 pressten dann SS-Männer, unter ihnen selbiger Lagerkommandant, dessen Adjutant Wicklein und Schutzhaftlagerführer Arnold Strippel im KZ 74 Insassinnen in eine 9,5 m² große Zelle, wobei die letzten schon mit brachialer Gewalt hinein gepresst wurden. Die restlichen 15 Frauen wurden in eine zweite Zelle gesperrt, mit gleicher Grundfläche. Beide Zellen verfügten über keine Ventilation. Bis zum Morgen des 16., als die Zellentür 115 geöffnet wurde, waren zehn erstickt.

Da dieser Vorfall in der niederländischen Öffentlichkeit zu erheblichem Aufruhr führte, wurden Grünewald und Wicklein vor das SS- und Polizeigericht in Den Haag gestellt. Wegen Misshandlung Untergebener wurde Grünewald Anfang März zu dreieinhalb Jahren und Wicklein wegen Begünstigung seines Vorgesetzten in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung von zehn Frauen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Durch Heinrich Himmler wurden die beiden Verurteilten aber begnadigt.[1] Grünewald wurde degradiert und zur Ostfront versetzt. Wicklein wurde, wahrscheinlich zur Bewährung, als Lagerleiter in das KZ-Außenlager Porta Westfalica, eines Außenlagers des KZ Neuengamme, versetzt. Ab Oktober 1944, nachdem einige Neuengammer Außenlager zu Stützpunkten zusammengefasst worden waren, fungierte er als Leiter des Stützpunktes Porta und leitete die Außenlager Barkhausen, Hausberge und Lerbeck/Neesen bis zum April 1945.[2] Nach Kriegsende geriet Wicklein in englische Kriegsgefangenschaft, aus der ihm jedoch im September 1945 die Flucht gelang. Nach 1945 soll Wicklein seinen Wohnsitz in Oberhausen gehabt haben. Sein weiterer Lebensweg ist unbekannt.

Sein Nachfolger in Herzogenbusch Februar 1944 wurde SS-Untersturmführer Hans Hüttig. Im Mai 2009 lebten noch zwei der 74 Frauen aus Zelle 115 und sie sowie ihre Kinder berichten bei Besuchen im ehemaligen KZ, dass sie diese Nacht nicht vergessen können und bis heute darunter leiden. Die Zelle, in der sich damals die Tragödie abspielte, ist heute wieder in Betrieb. Sie ist Teil des sich heute auf dem Gelände des ehemaligen KZ befindlichen Gefängnisses.

Hüttig ließ von Juli bis zur Evakuierung des Lagers im September 1944 weitere 329 Häftlinge ermorden.

Am 5. und 6. September 1944 wurde das Lager vor den heranrückenden alliierten Armeen evakuiert und die Häftlinge wurden in das KZ Sachsenhausen überstellt.

Im KZ Herzogenbusch starben nach Angaben der Gedenkstätte über 750 Häftlinge an Hunger, Krankheiten und Misshandlungen, bei Erhängungen am Galgen oder vor den Erschießungskommandos auf dem Hinrichtungsplatz. Eine Massenvernichtung, wie es sie in den osteuropäischen Konzentrationslagern gegeben hat, fand im KZ Herzogenbusch nicht statt.

Die Deutschen übergaben das Lager am 22. September 1944 an das Rote Kreuz. Allerdings wurde es von der kanadischen 4. Panzerdivision erst am 27. Oktober befreit.

Das Internierungslager[Bearbeiten]

Schon kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers wurde das Kamp von den Alliierten als Internierungslager genutzt. In diesen Gemeinden, die zu den ersten besetzen deutschen Gebieten gehört hatten, stand die alliierte Front von September 1944 bis zum Januar 1945 still. Deshalb wurde die Bevölkerung aus den Gemeinden Gangelt und Selfkant nach Vught evakuiert, da man auch hier deutsche Kollaborateure fürchtete. Diese Maßnahme war wohl einmalig im Verlauf der Befreiung Deutschlands und wurde auch später aufgrund der negativen Erfahrungen nicht mehr wiederholt.

Ab Mitte November wurden 6000 bis 7000 Deutsche in das Lager Vught gebracht. Zur gleichen Zeit wurden dort noch 3000 niederländische Kollaborateure festgehalten. Lagerkommandant war der kanadische Colonel Price, während die Wachmannschaften aus Niederländern rekrutiert wurden und die Oberleitung die britischen Truppen hatten. Lagerleiter auf deutscher Seite wurde Dechant Franzen. Dieses Kompetenzwirrwarr wirkte sich negativ auf die Leitung des Lagers aus.

In den 35 Baracken, die 85 m lang und 12,87 m breit waren, wurden jeweils 140 bis 190 Menschen untergebracht. Die Hygiene war katastrophal, z.B. erhielten die Frauen erst Ende Januar Sanitärtücher. Diphtherie, Ruhr und Typhus brachen aus, die Sterblichkeitsrate stieg. Zur Ernährung erhielten die Evakuierten pro Tag einen halben Liter Suppe und einige Kekse, im Winter sogar noch drastisch weniger. Babynahrung gab es keine. Der niederländische Historiker de Jong, der die Verhältnisse für die niederländische Regierung später beurteilte, verglich die Situation mit dem, „was aus den deutschen Konzentrationslager bekannt geworden war“.[3] Hauptursache war wohl die Inkompetenz der Führung und das Fehlen funktionierender Behörden in den soeben befreiten Niederlanden.

Obwohl die Front schon im Januar 1945 weiterzog, wurde die Bevölkerung bis Ende Mai im Lager festgehalten.

Nationaal Monument Kamp Vught, 2006

Heute befindet sich auf dem Gelände neben dem „Nationaal Monument“ Kamp Vught ein Gefängnis, eine Molukken-Siedlung („Lunetten“) und zwei Kasernen.

Die Gedenkstätte[Bearbeiten]

Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Herzogenbusch befindet sich heute eine Gedenkstätte, in der es feste und wechselnde Ausstellungen zu sehen gibt. Der Eintritt ist kostenlos, es wird allerdings um Spenden zur Erhaltung der Anlage gebeten. Der erste Teil der Gedenkstätte liegt in einem Gebäude und zeigt Alltagsgegenstände, Kleidung, selbst gefertigten Schmuck sowie Briefe der Häftlinge.

Der zweite Teil des Rundgangs liegt außerhalb des Gebäudes. Zu sehen sind eine Miniatur des Lagers aus Naturstein, eine nachgebaute Baracke, welche die Lebensumstände der Häftlinge anschaulich verdeutlicht, das Denkmal für die deportierten Kinder und Jugendlichen sowie das Krematorium mit Sezierraum, Galgenraum und der berüchtigten Zelle 115.

Der dritte Abschnitt des Rundgangs liegt wieder innerhalb der Gedenkstätte. Hier befindet sich eine „Wand der Gedanken“ an die Besucherinnen und Besucher ihre Gedanken auf Zettel schreiben und diese an Haken befestigen können, die ihrerseits wiederum an der Wand fixiert sind. Außerdem befindet sich in diesem Abschnitt der Raum der Besinnung, in dem 750 weiße Täfelchen an den Wänden befestigt sind, auf denen die Namen der im KZ gestorbenen und hingerichteten Häftlinge geschrieben stehen. Die jüngsten Opfer sind nur wenige Monate alt geworden. Zum Schluss des Rundgangs werden kurz einige andere Konzentrationslager vorgestellt, die mit dem KZ Herzogenbusch in Zusammenhang standen. Der Rundgang endet in einem kleinen Museumsladen, in dem DVDs, Bücher, aber auch kindgerechte Literatur erworben werden können.

Bilder, Fotografien[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Jan Postma (niederländischer Kommunist und Widerstandskämpfer der Roten Kapelle) er wurde am 23. Juli 1944 im Kamp Vught erschossen
  • Nico Richter (niederländischer Komponist, der von Januar bis November 1943 im Lager inhaftiert war)
  • Erich Deppner (SS-Sturmbannführer und Chef der Abteilung Gegnerbekämpfung des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Den Haag)
  • Corrie ten Boom, Gründerin einer Untergrundorganisation zur Rettung von Juden, die in Kamp Vught einsaß
  • Chris Lebeau, niederländischer Künstler und Anarchist. Starb im Kamp Vught an Typhus.
  • KZ Westerbork

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. 9 Bände. C. H. Beck, München 2005–2009. ISBN 978-3-406-52960-3 (i. Dr.; Inhaltsregister)
    • 7: Wewelsburg, Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch (Vught), Bergen-Belsen, Mittelbau-Dora, ISBN 978-3-406-52967-2
  • Andreas Pflock: Auf vergessenen Spuren. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006.
  • Paul Vught: „Camp Vught, ein ehemaliges Konzentrationslager in den Niederlanden“ (hauptsächlich über die Internierung)
  • Coenraad J. F. Stuldreher: Deutsche Konzentrationslager in den Niederlanden - Amersfoort, Westerbork, Herzogenbusch in Wolfgang Benz (Red.): „Dachauer Hefte 5 – Die vergessenen Lager“, München 1994, ISBN 3-423-04634-1

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Silke Schäfer: Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. Berlin 2002, S. 174f.
  2. Jan Erik Schulte: Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933-1945 – Zentrale Steuerung und regionale Initiative., Schöningh GmbH & Co KG, 2005, S. 137f.
  3. Klaus Bischofs, Vor 40 Jahren: Die Internierung der Selfkantbevölkerung in Camp Vught, Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1985, S. 203

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kamp Vught – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

51.6658333333335.2566666666667Koordinaten: 51° 39′ 57″ N, 5° 15′ 24″ O